Achtmal fünf Silben

Was hat es mit diesen merkwürdig kurzen Versen auf sich? Warum haben die meisten nur acht Zeilen mit jeweils fünf Silben?

Mein Blog ist zunächst entstanden aus einer Jahre zurückliegenden Begegnung mit chinesischen Kurzgedichten der Tang-Zeit (618 bis 907) und aus verschiedenen Bemühungen, solche Gedichte weniger wortreich ins Deutsche zu übertragen, als die meisten westlichen Übersetzer das getan haben. Unter anderem habe ich versucht, deutschen Lesern den Charakter solcher Gedichte durch Parodien zu verdeutlichen: einsilbige Wörter; nur ein Teil der grammatischen Bezüge ausformuliert; Satzgrenzen nicht markiert; film- oder videoclipartige Bilderfolgen usw.*

Als illustratives Beispiel mag das berühmte Gedicht Chun Xiao (Frühlingsdämmerung) von Meng Haoran (689(?)-740) dienen. Auf den chinesischen Text mit phonetischer Umschrift (Pinyin) folgen nach einer Wort-für-Wort-Übersetzung unterschiedliche deutsche und englische Versionen – unter denen meine eigene am Schluss höchstens den Vorzug hat, originalgetreu kurz zu sein.

孟浩然: 春曉
meng haoran: chūn xiǎo
春眠不覺曉
chūn mián bù jué xiǎo
處處聞啼鳥
chù chù wén tí niǎo
夜來風雨聲
yè lái fēng yǔ shēng
花落知多少
huā luò zhī duōshǎo

Meng Haoran: Frühling Dämmerung
Frühling Schlaf nicht bemerken Dämmerung
Ort Ort hören zwitschen Vogel
Nacht kommen Wind Regen Klang
Blume fallen wissen viel wenig
(Wort für Wort)

Im Frühling schlief ich, ahnte nicht den Morgen.
Schon ließen Vögel ihre Lieder schallen.
Es rauschten Wind und Regen in der Nacht.
Sind viele Blüten abgefallen?
(nach Ambros Rust)

Das Frühjahr macht mich schlafen, ungeacht
der Helle und des Vogelsangs rundum.
Es kommt mir in den Sinn der Sturm der Nacht –
ob viel gefallen von der Blütenpracht?
(Volker Klöpsch)

Oversleeping in spring I missed the dawn;
Now everywhere the cries of birds are heard.
Tumult of wind and rain had filled the night –
How many blossoms fell during the storm?
(Bruce M. Wilson)

How suddenly the morning comes in Spring!
On every side you hear the sweet birds sing.
Last night amidst the Storm – Ah, who can tell,
With wind and rain, how many blossoms fell?
(John Turner)

Late! This spring morning as I awake I know.
All round me the birds are crying, crying.
The Storm last night, I sensed its fury.
How many, I wonder, are fallen, poor dear flowers!
(Weng Xianliang)

Springtime sleep: too deep to know dawn.
Everywhere, birds sing.
Entire last night: winds and rains.
Falling flowers: how many?
(Yip Wailim)

ringsum Vogelsang
spät erst aufgewacht
wieviel Blüten blies
Sturm fort in der Nacht?
(K. B.)

Die Beschäftigung mit chinesischer Knappheit hat mich dann auf die Idee gebracht, eine bestimmte Art von kurzen deutschen Gedichtchen zu schreiben, die ich – da ich mich nicht etwa für einen Dichter halte – lieber nur Reime nenne und die ich in lockerer Folge publiziere. Da werden Beobachtungen, Gedanken, Stimmungen: Heiteres, Boshaftes und nicht selten erotische Geistesblitze (oder Geistesverfinsterungen?) möglichst treffend in eine „chinesisch“ knappe Form – eben achtmal fünf Silben – gebracht, damit zunächst ich selbst, dann aber auch hier und da ein Leser oder eine Leserin gelegentlich schmunzeln kann. Hin und wieder habe ich in der Kategorie Fremde Federn – über die eigenen Texte hinaus – auch klassische (meist zen-buddhistische) chinesische, daneben auch ein paar lateinische Gedichte übertragen.

Dass in den Texten die Satzzeichen fehlen ist eine durchaus beabsichtigte kleine Herausforderung: Man muss in manchen Fällen zunächst die Sinneinheiten erkennen, bevor man die Texte flüssig lesen kann; etwa:

ringsum Pagoden.
bei Sonnenaufgang
krähen die Hähne.
wird es auch trüber,
vor meinen Augen
treibende Wolken
kümmern mich nicht;
ich stehe drüber.

Mit Hilfe der Themenwolke kann wer will die – inzwischen denn doch sehr zahlreichen – Reime durchstöbern. Die Texte fallen qualitativ und thematisch sehr unterschiedlich aus. Einige sind, nicht nur wegen der unverblümten Erotik, politisch unkorrekt. Aber ich habe mich bewusst nicht zensiert, sondern mir da einen Ort jener Freiheit geschaffen, die immer auch eine Freiheit des Spiels mit Sprache und Gedanken, des Frei-von-der-Leber-weg-Schreibens, des Übers-Ziel-Schießens und des Misslingens ist. Im übrigen kann die Leserin oder der Leser ja einfach Unliebsames mit einem Mausklick kopfschüttelnd wieder in den Tiefen des Netzes verschwinden lassen.
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* Bayer, Klaus: Übersetzung von klassischen chinesischen Gedichten ins Deutsche. Anmerkungen aus der Sicht eines Germanisten. In: Kubin, Wolfgang (Hrsg.): Die Fahrt zur Roten Wand. Dichtung der Tang-Zeit und ihre Deutung. München: edition global 2007. S. 17-53.