Haiku und Senryū

Haiku sind reimlose japanische Kurzgedichte. Sie beschränken sich auf siebzehn Silben, die sich nach dem Schema 5 – 7 – 5 auf drei Zeilen verteilen. Meine eigenen Versuche mit dieser Gedichtform sind überwiegend eher einer Unterart, dem Senryū, zuzurechnen: Während das Haiku nach Matsuo Basho (1644 – 1694) einen Bezug auf Natur und Jahreszeiten haben muss, ist das Senryū (nach Karai Senryû, 1718-1790) freier: Es kann, oft auch satirisch oder spöttisch, beliebige Bereiche des Alltagslebens zum Thema machen. Ob es um Natur oder Alltag, um Ernst oder Augenzwinkern, um Meditation oder Sinnenlust geht ist dabei allerdings wie zum Beispiel in Herbstnachmittag oder Schmetterlinge nicht immer eindeutig. Häufig wurden und werden in Haiku – wie vielfach in fernöstlicher oder fernöstlich inspirierter Lyrik – Inhalte indirekt, ja verschlüsselt zu Ausdruck gebracht.

Auf einer Seite mit dem Namen „Kleine Reime“ haben Haiku und Senryū natürlich nur eine begrenzte Berechtigung: Sie sind klein, aber eben ohne Reim. Zudem ist mir, da ich des Japanischen nicht mächtig bin, der poetische Reiz japanischsprachiger Haikus nur teilweise zugänglich. Trotzdem reizt mich die Form wegen ihrer im Vergleich zu den Achtzeilern noch einmal gesteigerten Ungeschwätzigkeit und Kürze: Haiku lösen im Leser nur dann etwas aus, wenn er sozusagen selbständig den winzigen Brühwürfel des Gedichts mit heißem Wasser aus dem eigenen Kopf aufgießt und anschließend den Schneebesen seiner Gedanken und Assoziationen in Bewegung setzt. Ich biedere mich den japanischen Gedichtchen nicht an und versuche vielmehr, meine deutschen Haiku und Senryū mit eigenen sprachlichen Mitteln anregend, lesbar und wenn möglich wohlklingend zu gestalten.

Ein kritisch-nachdenkliches Zitat: „Even the reader who has a competent knowledge of the language requires a special study to understand and appreciate them [Japanese comic verse]. He follows these far-eastern waggeries with a halting step, and frequently finds himself in the position of the Scotchman who was heard suddenly to burst into laughter at a joke which had been made half-an-hour before. Nothing testifies more strikingly to the nimbleness of the Japanese apprehension than their delight in these „Taschenspielerkunstchen [sic!] des sprachlichen Ausdrucks“ (linguistic prestidigitations), as Dr. Florenz has aptly called them, whether in conversation or in books. It may be doubted whether such an excessive fondness for mere verbal wit does not amount to a disease, and whether it has not constituted a serious obstacle to the development of higher qualities in their literature.“

(Aston, W.G.: A History of Japanese Literature. Heinemann 1899. Zitiert nach Gill, Robin D.: Kyoka. Japan’s Comic Verse. Paraverse Press 2009. 279f. – Intern zitiert wird ein Vortrag, den Dr. Florenz, Philologieprofessor an der Kaiserlichen Universität Tokio, 1892 vor der Deutschen Asiengesellschaft in Japan gehalten hat.)