ich höre nicht hin
lieber spalte ich Brennholz
unten im Keller
Autoren-Archiv für Klaus Bayer
Voyeur
seit Jahren späht er
durch jede Ritze als wäre
etwas dahinter

Wintermorgen
als wäre der Park
plötzlich gealtert Bäume
mit weißen Haaren

Goldene Mitte
in meiner Phantasie
erblickte ich ein Knie
darunter eine Wade
die fand ich ziemlich fade
darüber einen Schenkel
der ging mir auf den Senkel
drum blieb ich stur beim Knie
in meiner Phantasie

Weihnachtsbescherung
ein neuer Gürtel
wozu? der alte hält die
Hose noch oben
Lieber die
die guten Bücher
sind meistens fad mich trösten
die bitterbösen

Auf Wasser wandeln
wenn der Teich zufriert
predigt der Entenpastor
vom See Genezareth

Trüber Dezember
dichter als draußen
wabert der Nebel drinnen
im Hirn des Menschen
Weihnachtsbäckerei
Hefeteigbatzen
wie einst die Puttenpopos
über der Krippe
Adventskranz
ein grüner Igel
im Schlaf die roten Beinchen
zum Himmel gestreckt

Advent
die Welt ist hässlich
wäre ich Jesus bliebe
ich schön im Himmel
Neues Bettzeug
warmes Kamelhaar
gemahnt mich an Bauchtanz und
süße Suleikas
Reiseabenteuer
seit vielen Wochen
sämtliche Höhepunkte
im Voraus gebucht
Ein Frauenkenner
Augen geschlossen
hört er am Reißverschlusston
was dabei rauskommt

Kunstausstellung 2024
hundert Gemälde
gottlob kein einziger Akt
die Welt wird besser

Zahnpasta 70+
die Tube scheint leer
wenn man dann aber draufdrückt
kommt doch noch was raus

Heiligabend vor sechzig Jahren
das Beste kam erst
nach der Bescherung endlich
die Eltern im Bett
Blick aus dem Fenster
die Nachbarin? nein!
hinter den Büschen dreht sich
ein buntes Windrad
Vielversprechend
ein Beitrag zur Bildungsforschung
ein kleines Monster
aber das Kind zählt fließend
bis dreiundzwanzig

Kopfarbeit
bisweilen stellt er
sich insgeheim vor er sei
ihr Fahrradsattel

Grauer November
der Schwan ist kein Strauß
er steckt den Kopf stattdessen
ins trübe Wasser
Saisonfarben
Amselschnäbel und
goldgelbe Blätter der Herbst
gibt sich Ton in Ton

Waldweg
der Hund schaut sich um
Frauchen trödelt mal wieder
der Hase ist futsch
Haar in der Suppe
von fern verlockend
aber dann aus der Nähe
total tätowiert
Untröstlich
sie nachts mir erträumt
morgens aber beim Aufbruch
im Bett vergessen

Blickdicht
stockblinde Häuser
Japaner bevorzugen
Vorhangscheuklappen

Kleine Waschmusik
stereo unter
den Armen abwärts aber
leider nur mono

Die Quadratur des Kreises
Morgen für Morgen
ein Käsescheibchenviereck
auf einem Cräcker

Touristin
sie fühlt sich unwohl
im Schminkspiegel rechts und links
fremdes Gelände
Arashiyama
ein bergiger Park
in dem Japaner Affen
Ausländer zeigen

Durchblick
brautschleierdünnes
Toilettenpapier Japan
nimmt Umweltschutz ernst

Schönheitsmaske
ein fetter Glatzkopf
zwängt sein Gesicht komplett ins
Hamburgerbrötchen
Karasuma-dori, Kyoto
ein einfacher Rock
aber darin ein Zittern
wie Götterspeise
Herbst im Saimyoji
die Tempelmönche
machen den Tag zur Nacht mit
Ahornblattsternen

Japanisches Rätsel
tausend Balkone
aber auf keinem ein Mensch
nur feuchte Wäsche
Sommer in Kyoto
sie liest im Gehen
ihr nackter Nabel behält
den Weg im Auge
Mittagessen in Hasedera
版画士藏館
hinter dem Vorhang
mischen zwei Frauen kichernd
fischige Süppchen
Bishamondo, Kyoto
vier alte Damen
mit Rhabarberblatthüten
besuchen Buddha

Mount Atago, Kyoto
mein Schweiß von gestern
wabert heute als Nebel
um seine Hüften

Rolltreppe aufwärts
vor meinen Augen
hängen aus lappigen Shorts
schwitzige Schenkel
Japanischer Garten
wie schön wär der Teich
wenn ihn nicht von tief unten
Karpfen verbeulten

Café Cascade, Kyoto
zwei alte Wachteln
sie gurren und nicken als
pickten sie Körnchen

Schmales Bett in Taibei
wie Wein im Karton
ihr Kopf an meinen Füßen
und vice versa

Reisen in Taiwan
suchst du den Tempel
frag fromme alte Frauen
die wissen den Weg

Landeskunde
China Airlines backt
Blauetraubenbrustwarzen
auf süße Törtchen

Cappuccinomaschine
in weißen Milchschaum
faucht brauner Kaffee aus gleich
zwei Nasenlöchern

Taiwan
es dauert nicht lang
dann werden hier Kinder auf
Rollern geboren

„Mir kam der Gedanke, dass in nicht allzu ferner Zeit hiesige Gynäkologen und Hebammen der Welt die Geburt, besser: die Ausfahrt des ersten Rollerkindes werden mitteilen können, durch dessen Nabelschnur eitel Benzin rann, das fix und fertig und betankt und fahrbereit ist und nur noch einmal rasch zur nächsten Waschanlage sausen muß.“ (Tagebuch Taibei 1991)
Einfache Rechnung
der Slip am Türknauf
sagt mir nach Adam Riese
sie hat ihn nicht an
Camping
kaum wälzt sich Zenzi
ins Zelt schon zischt die Luft aus
ihrer Matratze
Wolkenbruch
ein Beitrag zur meteorologischen Forschung
es regnet so sehr
da ist gewiss mehr Wasser
als Luft in der Luft

Gefahrenmeldung
Gürtel verloren
gleich rutscht der Hosenboden
ins Bodenlose

Beruhigend
(Philosophy in the Bedroom)
ein Spannbettlaken
spannt keineswegs es hat noch
nicht einmal Augen

Aus der Tierwelt
das Hündchen zwar klein
die Ohren aber oho
als könnt es fliegen

Meduse
Haarlockenschlangen
fliehen vor ihrem Gesicht
in jede Richtung

Schulfreundin 1965
traf ich sie schlief ich
unweigerlich ein sie war
wie Schäfchenzählen
Verpatzte Mittagsruhe
ein dicker Brummer
Fensterscheiben sind seine
Windmühlenflügel

Nachtlied
kein einziges U
die Allesklebereule
nur noch ein Hauch

Verlustmeldung
das H verloren
jetzt bleiben uns allenfalls
Ose und Öschen

Julimittag
knisternde Rinden
im Gras die Parkplatanen
sind in der Mauser
Selbstauskunft
er sei kein Wüstling
bei Frauen gebe er sich
meist völlig harmlos

Keage, Kyoto
der Wald ist so still
man hört die welken Blätter
im Fallen knistern

Japanische Sonntagskluft
um ihre Knöchel
Teekannentropfenfänger
aus weißer Spitze

Regen in Tokio
schwebende Schirme
und unter jedem baumelt
und strampelt ein Mensch

Trennung unvermeidlich
aus meinem Rucksack
nicht wegzuwaschen der Schweiß
hunderter Wege

Yamato-Yagi
Schülerinnen von
Kuscheltierchen befallen
wandelnde Wildparks

Saimyo-Tempel
ich meditiere
Ameisen nagen derweil
an meinem Sitzfleisch
Heißer Tag in Takao
Schal vor dem Mund
auf altem Fahrrad bergauf
Greisin mit Schlapphut

Japanischer Mädchenausflug
ein Kicherdrachen
knallbunte Schirme über
Wadengewimmel

Chikurin-Tempel
der Mönch am Fenster
blickt in den grünen Garten
und denkt sich sein Teil

Sommerregen
es tropft in den Teich
die Frösche glauben es klopft
und quaken Herein!
Regenzeit
wo früher Weg war
gluckst jetzt ein munterer Bach
fehlen nur Fische

Yokawa-Tempel
der arme Pilger
hört sich selber nicht beten
der Bach rauscht zu laut
Unordnung im Jingo-Tempel
Standbilder lagern
in Kisten Kannon verreist
ins Kunstmuseum

Spaziergängerin
wie aus Versehen
lupft sie ihr Kleid und lauert
ob ich auch gucke

Nicht Fiktion, sondern realistische Reportage: Der Autor wäre niemals in der Lage, sich etwas Derartiges auszudenken!
Bishamondo
im steilen Bergwald
nach langer Zeit mal wieder
Dreck am Stecken
Lokaltermin im Iwama-Tempel
in Bashos Weiher
plumpst nicht ein Frosch Lyrik
kommt aus der Mode
Matsuo Basho (1644 – 1694): Frosch
der alte Weiher
ein Frosch springt hinein
der Klang des Wassers
Portrait
Frau Vollmondgesicht
verlangt vom Fotografen
ihr Bild auf Schmalfilm

Sommerschauer
der Regen schraffiert
das bunte Ölbild der Stadt
zur Bleistiftzeichnung

Ein ungleiches Paar
ich male mir aus
er turnt als kleiner Vogel
in ihren Ästen

Ein Fußballexperte
flott übersetzt er
was jeder ohnehin sieht
ins Kauderwelsche
Volles Verständnis
ihr Schädel klemmt fest
im Popkopfhörerschraubstock
wie soll sie denken?

Ganz hinten
das Telefon reist
im Gesäßtaschennotsitz
dort wird ihm übel
Modernisierung
vier Fenster in der
Türe zum Bad erlauben
jetzt endlich Durchblick

Buchhandlung
grellbunte Bücher
kreischen sie seien ganz neu
ich höre nicht hin
Trüber Sommer
ein Milchglashimmel
verbirgt schon seit Tagen die
Beine der Engel

gnädige Wolken
ersparen uns Blicke auf
Engel von unten
Vogelnest
die jungen Meisen
quietschen wirklich entsetzlich
kann man die ölen?
Mansarde
sie sind zerstritten
nur ihre Fürze fahren
einig zum Himmel
Sommerhimmel
Wolkentürme wie
Opernkulissen aber
ach keine Diva

Dauerregen
überall Wasser
verirrte Enten watscheln
vom Fluss zum Bahnhof

Das Foto dokumentiert die Situation am Abend des 22. Mai 2024: Eine erste Ente hat den Lübecker Bahnhofsvorplatz erreicht und lauscht erhobenen Hauptes der Lautsprecherstimme aus der Halle. Kiel? Rostock? Hamburg? Lüneburg? Wie das Tierchern sich entschieden hat, konnte bislang nicht ermittelt werden.
Sommerwolke
von ihrer Wange
das Blätterschattentattoo
plötzlich verschwunden
Verpasste Gelegenheit
ein Hosenbund klafft
leider kein Eis es hinten
hineinzuschnipsen

Zwei Seelen
zwar blickt sie finster
aber ihr Hüftschwung verrät
sie kann auch anders

Bistromamsell
gern hülfe ich ihr
im Teeküchendämmer brav
beim Brötchenschmieren

Ein Wunderkind (1975)
schon mit zwei Jahren
stürzte er sich verwegen
von allen Stühlen

Sportmode
Radlerhosen sind
heute beinah dünner als
trüge man gar nichts

Dieser Vers ist möglicherweise nicht ganz korrekt formuliert. Das sollte aber über die in ihm enthaltene tiefe Wahrheit keinesfalls hinwegtäuschen.
Fortschritt bei der Zahnreinigung
sie bürstet und sagt
jetzt nur noch obeninnen
so weit sind wir schon
Himmelfahrtstag
Radfahrer rasen
als wollten sie Jesus noch
rasch überholen
Mundpflegerin
beim Zahnsteinkratzen
trifft mich ihr schwerer Busen
wie Boxhandschuhe

Fähiger Nachbar
der Arzt nebenan
kann nicht nur Menschen der kann
auch Rasenmäher

Haarige Allee
die Linden grünen
nicht nur am Kopf sie grünen
auch an den Beinen
Blitz-Rundreise
Hemdchen und Höschen
Handtücher Socken und Schaum
ein Kurzwaschprogramm

Japan-Rundreise (10 Tage einschließlich Flüge) – „Erlebnisse: Besichtigung des Meiji-Schreins – Besuch der Takeshita-Straße und des Omotesando Boulevards – Besuch des traditionellen Stadtteils Asakusa – Besuch des Nikko Nationalparks mit Toshogu-Schrein (UNESCO-Weltkulturerbe) – Besichtigung des Hasedera-Tempels in Kamakura – Fotostopp im Fuji Hakone Nationalpark mit Fotomotiv des Vulkans Fuji – Übernachtung in einem traditionellen Ryokan – Baden in einem typischen japanischen Onsen (Thermalbad) – Fahrt mit dem Schinkansen – Besichtigung der „Burg des weißen Reihers“ (UNESCO-Weltkulturerbe) – Besuch des Todai-ji-Tempels in Nara (UNESCO-Weltkulturerbe) – Spaziergang zum Kasuga-Schrein – Besichtigung des Fushimi-Inari-Schreins – Stadtbesichtigung in Kyoto mit Besuch des Ryoanji-Tempels mit Gärten (UNESCO-Weltkulturerbe) – Besuch des Nijo-Schlosses – Schlendern durch die Nishiki-Martktstrasse – Besuch des Ninenzaka-Viertels in Kyoto – Einführung in die Zen-Meditation im Kodaji-Tempel“ [Originalprospekt]
Parkspaziergang
der Weg versperrt durch
zehn Meter Leine zwischen
Frauchen und Fido

Frühlingsgeräusche
Der Möwerich kreischt laut und schrill,
die Möwe zu betören.
Das Vieh darf kreischen. Ich bin still
und muss sein Kreischen hören.
Die Lerche tiriliert vor Lust.
Die Frühlingswinde rauschen.
Fern blökt ein Schaf aus woller Brust.
Und ich muss schweigend lauschen.
Dumpf muht die Kuh, vom Grase satt,
im Kreise ihrer Kälber.
Nur abends spät, in meinem Bad,
muh ich dann auch mal selber.

Trost am Wäscheschrank
der Himmel bleibt grau
trotzig wähle ich deshalb
ein blaues Höschen

Wolkenbruch
die Regentropfen
spritzen vom Boden zurück
bis (fast) zum Himmel

Frau Schultze
Frau Schultze isst,
wenn Hüftspeck droht,
tagtäglich nur noch
Knäckebrot.
Legt man das Ohr
an ihren Busen,
hört man es knistern
dort beim Schmusen.
Wie?! – fragt man sich,
Bricht jetzt ihr Herz?!
Nein: Knäcke knuspert
magenwärts.

Anti-Mops
Höchst böse ist der Anti-Christ!
Der Anti-Mops ist gut:
Das ist ein kleiner, dicker Hund,
der niemand etwas tut.
Der schnuppert still an dir herum
und wittert deinen Speck
an Schenkeln, Bauch, Popo und so
und knabbert ihn dir weg.

Frühling im Park
die grünen Bäume
plötzlich mit weißen Blüten
völlig verschimmelt

Morgen am Fluss
die Rehe im Gras
folgen uns mit den Ohren
verstehen die Deutsch?

Herbstnacht auf Sylt
Kein Mondschein
– nur der Leuchtturm leuchtet.
Die Wiesen sind vom Tau befeuchtet.
Die Kühe stehen schwarz und breit
wie Truhen in der Dunkelheit.
Die Reetdachhäuser und die Dünen,
die Gräber langverblichner Hünen,
rings tiefgeduckt nach Sylter Norm
in windbewährter Hügelform.
Nichts hügelt, ach, in meiner Kammer,
kein Tau befeuchtet meinen Jammer!
Welch öder Stundenausverkauf!
Von Niebüll her zieht Nebel auf.

Ferne Muse. Eine Collage.
So lang bist du schon weg!
Wie soll ich für dich reimen?
Muss mir mein Bild von dir
allein zusammenleimen:
2 Gipsfüße aus dem Fußpflegesalon
10 Knoblauchzehenspitzen
2 Dekowaden aus der Damenstrumpfabteilung
2 Rohrknie aus dem Heizungskeller
2 Marmorsäulchen vom Familiengrab
1 rotes Dreieck aus dem Mengenlehrebuch
1 frisches Brötchen vom Bäcker
2 Honigmelonen vom Gemüsemarkt
1 bleicher Torso aus dem Kriminalmuseum
1 Kullernabel aus dem Flipperautomaten
2 Zitronen aus dem Land, wo sie blühn,
2 Walderdbeeren aus dem Obstkörbchen
2 Arme von 2 einarmigen Banditen
10 Finger aus einem Schreibmaschinenkurs
119 836 Haare von einer Füchsin aus Brehms Tierleben
3 957 braune Sommersprossen aus der geplatzten Kaffeekanne
1 Gesicht von einem alten, schwarzweißen Passfoto und
1 grin of the Cheshire Cat (1).
Ich zücke meinen Kleisterstift
und grobes Packpapier
und klebe alles richtig auf:
Dann ist’s, als wärst du hier.

(1) „All right,“ said the [Cheshire] Cat; and this time it vanished quite slowly, beginning with the end of the tail, and ending with the grin, which remained some time after the rest of it had gone. (Lewis Carroll, ‚Alice in Wonderland‘)
(2001)
Karawankenlied
Wenn im Tal der Karawanken
abends all die süßen, schlanken,
frischen, frommen, freien, franken
Maderln an der Liebe kranken,
wenn im Parke auf den Banken
harte Burschen ihre Pranken
ohne Wanken, ohne Schranken
um der zarten Maderln blanken
Hals wie Krakenarme ranken,
bangen wir, die morschen Planken
jener Banken könnten schwanken.
Doch die halten – gottseidanken!

Karawanken: Kalkkette der Südalpen im österreichisch-slowenischen Grenzgebiet
Herbstlicher Abendspaziergang auf Sylt
Heut abend sind das Watt,
das Röhricht und die Heide
so dunkel wie ein Sack,
der siebenfach verschnürt.
Die Kühe stehen schwarz
und reglos auf der Weide.
Der Wind haucht nur ganz sacht,
so dass man ihn kaum spürt.
Die Vöglein schweigen nun.
Ein jähes Rebhuhn flattert,
erschreckt durch meinen Schritt,
mit schnurrem Flügelschlag.
Ein sturmverbogner Strauch.
Ein träumend Entchen schnattert.
Danach bleibt alles still:
So endet dieser Tag.
Der Leuchtturm auf dem Kliff
wirkt seltsam erdentbunden.
Sein Riesenauge blinkt,
sein Armepaar wirft Licht
hell – dunkel – hell
in immergleichen Runden
hinaus aufs nasse Meer.
Mich sieht der Leuchtturm nicht.
Ich wandere allein.
Die Liebste ist so ferne!
In ihrem Heidekraut –
ein andrer Enterich?
Die Wolken teilen sich,
vereinzelt blinken Sterne.
Der Wind frischt langsam auf.
Bald wird es winterlich.
(2000)
Das Watt
Wenn Ebbe herrscht, erscheint das Watt
bedrückend feucht und groß und platt.
Man sieht dort statt markanter Klippen
nur nassen Sand mit feinen Rippen.
Ein Rettungsring, wohl weitgereist;
hier Tang, dort Netzgeflecht;
obwohl das Strandgut Strandgut heißt:
Ich finde Strandgut schlecht.
Auch wenn im Sand der Wattwurm nagt,
auch wenn die Möwe schreit:
Stilistisch hat das Watt versagt:
Es ist nur flach und weit.
(2000)
Trost im Bergtempel
Farbfotos zeigen
wo man wär es nicht diesig
den Fuji sähe

Nachtflug nach Helsinki
die massige Frau
in der kleinen Toilette
ob da noch Luft bleibt?

Enges Bad in Tokyo
statt meines Hemdes
den Duschvorhang in meine
Hose gefummelt
Vermasselt
beinah ein Engel
quöllen aus ihr nicht dauernd
Kaugummiblasen

Shibuya 109
einst bunt und schummrig
heute taghell beleuchtet
nichts zu entdecken
Shibuya 109 ist ein Jugendmodekaufhaus in der Nähe der weltbekannten „Alle-Gehen-Kreuzung“, dessen Läden kürzlich durch eine Modernisierung, vor allem durch helle, grellweiße Beleuchtung, ihren alten Charme verloren haben.
Shinkansen nach Tokyo
sonst immer Nebel
jetzt bei Sonne den Fuji
fast übersehen

Yamato Saidaiji
auf turmhohen Pumps
schnuppert sie frühlingstrunken
an Pflaumenblüten

Hase-Tempel im März
erst Schnee dann Sonne
die Zedernholzsäulen nun
duften sie wieder

Hieizan
Yokawa Chu-do und Konpon Chu-do
kein Bergkamm sondern
ein Drachenschwanz man keucht von
Zacke zu Zacke

Frühling am Kamo
schwarze Blüten aus
Tuch mit Staubgefäßen aus
blassgelbem Nylon

Hui und Pfui
trotz Kirschbaumblüte
in Japan riecht fast alles
ein bisschen nach Fisch
Japanischer Bergwald
man warnt vor Bären
wir weichen aus und landen
in Kälte und Schnee

Modedesign
statt eines Kleides
trägt sie ein weißes Laken
noch ist es windstill

Beide
das alte Rollbild
und ich beide bei Sonne
ziemlich zerknittert
Schultor in Kyoto
die Mädchen hüpfen
zum Unterricht die Jungen
schlurfen zur Schlachtbank

Bishamondo, Kyoto
tempeleigener
Kirschbaum an Krücken uralt
und immer noch fromm

Japanische Wintermode
ab und zu bietet
ein winziges Röckchen
den Hosen Paroli

Hotel Ri[an]
die Schlafmütze nachts
vom Kopf gerutscht ich träume
vom hohen Norden

Auf Reisen
nicht nur die Weisheit
sondern sogar den Käse
mit Löffeln gefressen

Koreanische Wintermode
wattierte Mäntel
und Elefantenhosen
wo sind die Menschen?

Touristin in Seoul
links ist sie braun
rechts ist sie blond wie ach
ist ihre Mitte?

Koreanische Schminke
bleiche Gesichter
unter pechschwarzen Kohlen
Klatschmohn im Schnee

Beate
sie ist ein Leuchtturm
steht reglos und schweigt und lässt
ihr Lächeln kreiseln

dinner for two
zwei fade Köpfe
unter dem Tisch dagegen
vier lustige Knie

Spätwinter
der Frühling noch weit
nur auf dem grünen Rasen
blüht schon der Maulwurf
Scheue Nachbarin
verstohlen trägt sie
den nackten Weihnachtsbaumstrunk
leise nach draußen
Dauerregen
der Park ist patschnass
die Enten schwanken zwischen
Watscheln und Paddeln

Etüde in E
neben dem Feldweg
scheppert die Blechlaterne
da hämmert ein Specht
Umweltbewusst
statt auf dem Rücksitz
liebt man sich heute heimlich
im Lastenfahrrad

Traumtänzerin
kaum hochgewuchtet
gönnt sich die Ballerina
ein kleines Schläfchen

Ballettrechnung
Spagatsprung zu dritt
pro Ballerina macht das
genau zwei Beine

Pas de deux
sie ist das Segel
er Mast und Takelage
sie beide das Boot

Petruschka
die Ballerina
nach siebzehn Pirouetten
völlig verheddert

Tänzerin
mal Campanile
mal Tour Eiffel die Füße
stets in Bewegung

Ballerina im Frühling
ihr Kopf ist schon da
unten läuft sie sich selber
noch flott hinterher

Lichterscheinung
mein eignes Fenster
vom Vollmond auf die Wand des
Nachbarn gespiegelt

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