Lauter Brunnenfrösche

der ewige Streit
wer Recht hat wer gut ist
nichts als Gequake

Ikkyū Sōjun (1394-1481):

[In the midst of happiness there is trouble in Ikkyū’s school.]
Each frog fighting for respect at the bottom of the well;
Day and night busy thinking about the details of the scriptures;
Right and wrong, self and other, fussing away a whole life.

[樂中有若一休門]
個個蛙爭井底尊
昼夜在心元字腳
是非人我一生喧

Arntzen, Sonja: Ikkyū Sōjun. A Zen Monk and his Poetry. Occasional Paper No. 4. Program in East Asian Studies. Western Washington State College. Washington 1973. 98f.

Nachahmung

die Tempelfliegen
verdrehen die Pfötchen wie
Rosenkranzbeter

Kobayashi Issa (1763-1827):

The flies in the temple
imitate the hands
of the people with prayer beads.

The Essential Haiku. Versions of Basho, Buson, and Issa. Edited and with Verse Translations by Robert Hass. New York: HarperCollins 1994. 188.

Unterwerfung

Chrysanthemenzüchter
werden schließlich zu Sklaven
der Chrysanthemen

Yosa Buson (1716-1783)

when you grow chrysanthemums
you become a servant
of chrysanthemums

Collected Haiku of Yosa Buson. Translated by W.S. Merwin & Takako Lento. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press 2013. 169.

Chrysanthemum growers –
you are the slaves
of chrysanthemums!

The Essential Haiku. Versions of Basho, Buson, and Issa. Edited and with Verse Translations by Robert Hass. New York: HarperCollins 1994. 100.

Bärenglöckchen

weiden da Schafe?
sieben Japaner bimmeln
auf steilem Bergpfad

 

Im japanischen Bergwald ist das Mitführen kleiner Glöckchen üblich. Durch das Gebimmel sollen unliebsame Begegnungen mit wilden Bären verhindert werden.

Über das Anlegen einer Strumpfhose

erst ziehharmonisch
über die Füße
es folgt ein langer
verwegener Ritt
beinaufwärts zu den
Waden und Schenkeln
dann endlich spürt man
den Anschlag im Schritt

 

Der Autor hat bei dem Versuch, im kalten Japan warme Kleidung überzustreifen, Erfahrungen gemacht, die er der literarischen Öffentlichkeit keinesfalls vorenthalten möchte. – Einer klugen Leserin ist es übrigens gelungen, diesen Reim allen Ernstes frauenfeindlich zu finden: Glückwunsch!

Atago San

I

schon tausend Stufen
und ach zum Gipfeltempel
noch einmal tausend

II

der Berggeist schmückt mir
den Weg mit einem Teppich
aus Morgensonne

III

Kopfhörer brauche
ich nicht mir genügen die
Lieder der Krähen

IV

der Sturm letztes Jahr
den Waldweg durchweht der Duft
gefällter Zedern

da geht ein Bettler
Himmel und Erde trägt er
als Sommerkleider

Kikaku (1661-1707)

There a beggar goes!
Heaven and Earth he’s wearing
for his summer clothes!

(aus: Anthology of Japanese Literature. From the Earliest Era to the Mid-nineteenth Century. Compiled and edited by Donald Keene. Tokyo: Tuttle 1956. 385. Übersetzung: Harold G. Henderson.)

Lama-Tempel, Beijing

den kleinen Buddha
seh ich komplett vom großen
gerade die Zehen

Der hölzerne Buddha in der Haupthalle des Tempels ist achtzehn Meter hoch; sein oberer Teil ist in der engen Halle nur schwer und nur mit in den Nacken gebeugtem Kopf zu betrachten.

Japanischer Farbholzschnitt

oben Kimonos
unten kämpfende Schenkel
und Kiefernborsten

„Shunga (jap. 春画, Frühlingsbilder) ist der japanische Begriff für Gemälde, Drucke und Bilder jeder Art, die in expliziter Weise sexuelle Handlungen darstellen. Obwohl Shunga auch als Gemälde, Zeichnungen, Kupferstiche oder Fotos existieren, werden darunter üblicherweise entsprechende japanische Farbholzschnitte oder Bücher der Edo- und Meiji-Zeit (17. Jahrhundert bis 1912) verstanden.“ (Wikipedia)

Ikkyūs Zen

Sitzen und Singen?
lieber die schlichte Weisheit
der Sinnesfreuden

Ikkyū Sōjun (1394-1481)

don’t hesitate get laid that’s wisdom
sitting around chanting what crap

(Crow With No Mouth. Ikkyū. Fifteenth Century Zen Master.
Versions by Stephen Berg. Port Townsend: Copper Canyon Press 1989. 54. Klappentext: „Zen master Ikkyū Sōjun was a Japanese monk-poet-calligrapher-musician who celebrated erotic love and attained satori upon hearing a crow call. Appointed headmaster at Daitokuji, the great temple in Kyoto, he lasted nine days before denouncing the rampant hypocrisy among the monks. He invited them to look for him in the sake parlors of the Pleasure Quarters.“)