Zu fromm

Helene fühlt sich
nun da sie tot ist
von ihren Göttern
grausam betrogen
vor lauter Beten
ist sie im Sterben
blindlings am Himmel
vorbeigeflogen


´Tain´t wise to overdo your prayers, for you might die,
And waking, find you passed it, Paradise, right by.
(Jap. Kyôka, 1683. Übersetzung Gill, Robin D.: Kyôka.
Japan’s Comic Verse. A Mad in Translation Reader.
Paraverse Press 2009. 35.)

Botox

seit ein paar Wochen
sind ihre Lippen
zwei Wiener Würstchen
mit roter Pelle
der große Vorteil
mit diesen Dingern
kriegt sie beim Crashtest
nie eine Delle
wiener

Abend

drinnen streiten zwei
Uhren verbissen
ist es erst sieben?
oder schon acht?
am Himmel funkeln
zwischen den Wolken
die ersten Sterne
bald wird es Nacht


Abend. Die beiden Uhren zanken sich um die richtige Zeit. Plötzlich dämmerte es. Der düstere und trübe Himmel zeigte seine ersten Sterne. (Monika S, 13 Jahre; in: Und sie fliegen über die Berge, weit durch die Welt. Aufsätze von Volksschülern herausgegeben von ihrem Lehrer Ludwig Harig. München: Hanser 1972. 25.)

Was tun?

nirgends ist Frieden
nicht in den Bergen
auch nicht in fernen
südlichen Ländern
mir bleibt nichts übrig
als mich zu Hause
beim Tee im Schlafrock
selber zu ändern


Es kann nicht schaden, daran zu erinnern,
dass schon die Revolutionäre Nikolai
Gawrilowitsch Tschernyschewski (1863)
und Wladimir Iljitsch Lenin (1902) sich
dieser Frage zugewandt haben.

Was Derbes

nach Tannenbäumen
flackernden Kerzen
schmelzenden Liedern
und Festschalmeien
brauch ich was Derbes
mich kommt die Lust an
einfach mal lauthals
Fotze zu schreien

fotze, f. cunnus, vulva, ein
unhübsches, gemiedenes wort,
bei dem die sprachforschung
doch manches zu erwägen hat.
(Deutsches Wörterbuch von
Jacob und Wilhelm Grimm)

Von unten

das Sommerwetter
nicht Fisch und nicht Fleisch
bald Sturm und Regen
bald graue Schwüle
und selbst bei Sonne
spürt man von unten
die feuchten Küsse
der Gartenstühle

 

stuhl4

Von Affen und Menschen

verspricht man Affen
morgens drei Nüsse
und vier am Abend
packt sie die Wut
vier Nüsse morgens
und drei am Abend
finden die Affen
dagegen gut

 

狙公賦芧。曰。「朝三而暮四。」眾狙皆怒。
曰。「然則朝四而暮三。」眾狙皆悅。《莊子》

Ein Affenhüter fütterte seine Tiere mit Nüssen. Er sagte ihnen: „Ich gebe euch morgens drei und abends vier.“ Die Affen waren verärgert. Daraufhin sagte er ihnen: „Ich gebe euch morgens vier und abends drei.“ Die Affen waren äußerst erfreut. (Zhuangzi)

Im Zhuangzi steht die Weisheit des Affenhüters im Vordergrund. Hier geht es mir dagegen um bisweilen erstaunliche Denk- und Entscheidungsprozesse, wie sie etwa in Daniel Kahnemanns Thinking, Fast and Slow (2011) beschrieben sind.

Einsiedler und Kaufmann

ich wohne ärmlich
in schrägem Bambus
sein Tor liegt zwischen
turmhohen Mauern
ich finde Frieden
in meiner Hütte
er muss auf seine
Geschäfte lauern

道人屋冷四簷竹
長者門高百尺墻
屋冷道人心愈靜
門高長者日多忙

A hermit’s hut is empty encircled by bamboo
a merchant’s gate is high with hundred-foot-long walls
in his empty hut a hermit finds peace
behind his high gate a merchant finds none

(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 60f.)

Wind und Wolken

das sogenannte
Interessante
kann mir inzwischen
gestohlen bleiben
weg mit der Zeitung
ich will mir lieber
von Wind und Wolken
selber was schreiben


Cela ne m’intéresse pas tellement de vivre en faisant des choses intéressantes. Je rêve de m’arrêter, de zigzaguer, de faire de chaque journée une petite vie. Je rêve de contempler mon nombril. J’aimerais prendre des trains pour n’importe où … (Georges Wolinski: Lettre ouverte. In: J’étais un sale phallocrate. Paris: Albin Michel 1979. 55)

Bildinschrift

Berge malt man am
besten im Regen
Wälder und Gipfel
dunstig verschwommen
wie Frauenlocken
im trüben Spiegel
und Geister die aus
den Wolken kommen

 
miyouren

Ausschnitt aus einer Gebirgslandschaft von Mi Youren (1074–1151)

 

蔣士銓 (1725-1785): 題畫

不寫晴山寫雨山
似呵明鏡照煙鬟
人間萬象模煳好
風馬雲車便往還

Jiang Shiquan (1725-1785): Auf ein Bild geschrieben

Malt nicht die sonnigen Berge, malt die Berge im Regen – wie Frauenhaar im behauchten Spiegel. Die Dinge dieser Welt sind unscharf am schönsten; die guten Geister
kommen und gehen durch Wolken.

Ins Gebetbuch einer Unbarmherzigen

wirf dieses Buch fort
dein Beten nützt nichts
liege dem Himmel
nicht in den Ohren
der hilft nur einem
fühlenden Herzen
kalte und stolze
gibt er verloren

 

John Wilmot, Earl of Rochester (1647-1680):
Written in a Lady’s Prayer Book

Fling this useless book away,
And presume no more to pray.
Heaven is just , and can bestow
Mercy on none but those that mercy show.
With a proud heart maliciously inclined
Not to increase, but to subdue mankind,
In vain you vex the gods with your petition;
Without repentance and sincere contrition,
You’re in a reprobate condition.

 

François de Malherbe (1555-1628):

Pour mettre au-devant des Heures de Caliste

Tant que vous serez sans amour,

Caliste, priez nuit et jour,

Vous n’aurez point miséricorde.

Ce n’est pas que Dieu ne soit doux:

Mais pensez-vous qu’il vous accorde

Ce qu’on ne peut avoir de vous ?

Dichter und Damen

Dichten ist mühsam
man muss die Verse
tausendmal ändern
bevor sie klingen
wie reife Damen
bevor sie ausgehn
stundenlang Pinsel
und Bürste schwingen

袁枚 (1716-1797): 遣興

愛好由來下筆難
一詩千改始心安
阿婆還似初笄女
頭未梳成不許看

Yuan Mei (1716-1797): Über das Dichten

Etwas Schönes zu schreiben ist immer schwer.
Mit einem Gedicht ist man erst nach tausend Änderungen zufrieden.
Eine alte Frau, selbst wenn sie noch aussieht wie eine Fünfzehnjährige,
mag sich nicht zeigen, solange sie ihr Haar nicht tadellos gekämmt hat.

Ballettbanause

“Water Stains on the Wall”
Cloud Gate Dance Theatre Taibei
Hannover, 4. April 2015

todernster Kampfsport
Tüllpluderhosen
schwarzweißer Marmor
und Tempelglöckchen
ich lobe mir da
ein wenig Humor
beschwingte Musik
und kurze Röckchen
ballett

[…] I start by saying that it left me cold throughout its almost 75 minutes. […] Differences of gender are played down: there is no partnering, no touch (though there are male-female duets), and any distinctions between male and female dance style are subtle. […] “Water Stains on the Wall,” devoid of lightness or humor, keeps celebrating the skill of its own style, like a film actor whose performance tells you he is determined to win the Oscar this time. (Alastair Macaulay, The New York Times, 13.10.2011)

Nicolai Café Stralsund

draußen glänzt Backstein
mit Grünspantürmchen
ich sitze drinnen
lese Benns Worte
allein und schweigend
tröste mich aber
mit grünem Tee und
Preiselbeertorte


nicolaicafe1


Gottfried Benn: Worte

Allein: du mit den Worten
und das ist wirklich allein,
Clairons und Ehrenpforten
sind nicht in diesem Sein.

Du siehst ihnen in die Seele
nach Vor- und Urgesicht,
Jahre um Jahre – quäle
dich ab, du findest nicht.

Und drüben brennen die Leuchten
in sanftem Menschenhort,
von Lippen, rosigen, feuchten
perlt unbedenklich das Wort.

Nur deine Jahre vergilben
in einem anderen Sinn,
bis in die Träume: Silben −
doch schweigend gehst du hin.

Ahnungslos

jetzt tragen deutsche
Schildbürger Schilder
sie seien Charlie
ich kann nur lachen
hätten die Charlie
jemals gelesen
würden sie sich aus
dem Staube machen

 

Das Leben beginnt mit 60. (2013) Heftig umstrittener Cartoon des am 7. 1. 2015 getöteten Charlie Hebdo-Zeichners Georges Wolinski für eine Postkartenaktion der Kommunistischen Partei Frankreichs gegen die Erhöhung des Rentenalters.

Das Leben beginnt mit 60 (2013). Heftig umstrittener Cartoon des am 7. 1. 2015 getöteten Charlie Hebdo-Zeichners Georges Wolinski für eine Postkartenaktion der Kommunistischen Partei Frankreichs gegen die Erhöhung des Rentenalters.

Tigerlily – nach 50 Jahren?

Frage an einen Besucher aus der alten Heimat

hast du dort kürzlich
die kleine Rote
durch meine Straße
spazieren sehen?
die pflegte damals
frühmorgens immer
im Wildkatzenjäckchen
zur Schule zu gehen

 

tigerlily

君自故鄉來
應知故鄉事
來日綺窗前
寒梅著花未
(王維)

Du kommst gerade aus meinem alten Dorf und weißt sicher, wie die Dinge dort stehen: Blühte, als du aufbrachst, die Winterpflaume vor meinem Fenster? Wang Wei (701-761)

Nette Leute

sie geben sich nicht
die kleinste Blöße
machen rein gar nichts
gegen den Strich
reden als wäre
Denken verboten
in lauter Klischees
sie langweilen mich

 

Nette Leute

Lieber Herr Supermarkt!

warum nur plärren
in Ihrem Laden
von früh bis abends
Popmusikfrauen
halb wie verzweifelt
rollige Katzen
halb wie nach Futter
quiekende Sauen?


love

The music – and if possible it should be the same music for everybody – is the most important ingredient. Its function is to prevent thought […]. (George Orwell: Pleasure Spots. 1946.)

Wanderers Nachtlied

Ein überfälliger Beitrag zur Literaturkritik

Goethe besang der
Vögelein Schweigen
Gipfel und Wipfel
und baldige Ruh
durchaus beachtlich
aber mir fehlen
irgendwie noch ein
paar Strapse dazu

wanderer4

Über allen Gipfeln
Ist Ruh‘,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

J. W. Goethe

Am Gartentor

fürchten die dass ich
das Moos zertrete?
ich klopfe aber man
öffnet mir nicht

sieh da! der Frühling
wedelt mir einen
Zweig roter Blüten
über die Mauer
sanft ins Gesicht

 

DSC00154

 

游园不值 叶绍翁

應憐屐齒印蒼苔
小扣柴扉久不開
春色滿園關不住
一枝紅杏出牆來

Ich bedauere, dass meine Schuhe auf dem grünen Moos Spuren hinterlassen. Lange klopfe ich leise an das Tor, aber es öffnet sich nicht. [Bedeutung und Zusammenhang der beiden ersten Zeilen sind nicht ganz klar: Ein Teil der Übersetzungen nimmt an, dass der Gartenbesitzer abwesend ist und deshalb das Tor nicht öffnet; zugleich bedauere der Besucher, dass er auf dem Moos vor dem Garten Spuren hinterlassen hat. Andere Übersetzungen nehmen an, dass der anwesende Gartenbesitzer nicht öffnet, weil er fürchtet, dass der Besucher im Garten Spuren auf dem Moos hinterlassen könnte. Der folgende Text ist dagegen unproblematisch:] Die Schönheit des Frühlings lässt sich nicht einsperren: Ein Zweig mit roten Aprikosenblüten hängt über die Mauer nach außen.
(Ye Shaoweng [Song-Dynastie 960-1279])

Andere Pfeifen

früher waren es
Eltern und Lehrer
die uns bestimmte
Wörter verboten
jetzt tanzen wir nach
anderen Pfeifen
und schweigen folgsam
nach deren Noten


Mir ist die jährliche Verkündung eines „Unwortes des Jahres“ ein Ärgernis – anders als anscheinend den Journalisten, die sich begeistert auf diesen Köder stürzen. Auch wenn sich meine politische Position im einen oder anderen Fall mit der politischen Position der „Unwortexperten“ deckt, sehe ich nicht ein, warum hier pseudoamtlich und pseudowissenschaftlich jeweils ein bestimmtes Wort geächtet werden muss. Ich habe den Eindruck, dass vielen vermeintlichen Demokraten die im Rechtsstaat bislang nun einmal garantierten Spielräume der Meinungsfreiheit viel zu weit erscheinen und dass sie über mancherlei Korrektheitszwänge und Propagandatricks mit Macht Konformität im Rahmen der ihnen genehmen Grenzen erzeugen wollen. Ich komme mir da vor wie in einem ehemals relativ großen und luftigen Raum, dessen Wände durch einen verborgenen Teufelsmechanismus immer weiter aufeinander zu geschoben werden.

Samsara

die Menschen leben
in tausend Sorgen
wer selbst gesund ist
bangt um die Erben
zitternd hüten sie
Reisfeld und Bäume
die Angst verlässt sie
erst wenn sie sterben

 

人生不滿百
常懷千載憂
自身病始可
又為子孫愁
下視禾根土
上看桑樹頭
秤錘落東海
到底始知休

(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 128f., 138)

der Mensch lebt kaum hundert Jahre
hat aber Sorgen für tausend
wenn er selbst gesund ist
ist er um Kinder und Enkel bekümmert
unten blickt er unruhig auf die Reiswurzeln im Feld
oben auf die Kronen der Maulbeerbäume
erst wenn seine Waage ins Meer fällt und den Grund erreicht [ = wenn sein Leben beendet ist und vom Totenrichtergott gewogen wird]
findet er Ruhe

Samsara wird im Buddhismus der endlose leidvolle Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt genannt, in den alle unerleuchteten Wesen verstrickt sind.

„Lesen durch Schreiben“

Drei Versuche zum Fortschritt in der Rechtschreibpädagogik

Fortschritt I

früher mussten die
Kinder beim Schreiben
mit den korrekten
Wörtern beginnen
heute dürfen sie
jedes Geplapper
wie sie es hören
auf Zettel pinnen

Fortschritt II

einst lernten Kinder
schreiben durch Lesen
heute will man sie
so nicht mehr schinden
deshalb dürfen die
Kleinen jetzt selber
das Rad der Schrift noch
einmal erfinden

Fortschritt III

erst dürften Kinder
ruhig Fehler machen
das sei dann später
leicht einzurenken
Pädagogen sind
listige Leute
Volkszahnärzte die
Zucker verschenken

 

Nacht auf dem Westsee

ich bin der Herr der
Nebel und Wellen
mein Boot treibt im Wind
durch blühendes Ried
ich applaudiere
mir fröhlich selber
die Berge hallen
von meinem Lied

 

往來煙波
此生自號西湖長
輕風小槳
盪出蘆花港
得意高歌
夜靜聲偏朗
無人賞
自家拍掌
唱得千山響

(Zheng Yan 正岩 * ca. 1700; aus: 101 Chinese Lyrics. 中華雋詞一○一首. Compiled and Translated by Chu Dagao. Beijing 1987. 226f.)

ich treibe umher in Nebel und Wellen
ernenne mich selbst zum Herrn des westlichen Sees
eine sanfte Brise weht, mein Ruder ist klein
ich fahre aus dem Hafen der Schilfblüten
heiter singe ich laut
ein voller Klang in stiller Nacht
niemand lobt mich
ich klatsche selbst in die Hände
und singe, dass mein Lied in den tausend Bergen widerhallt

Mantra

nichts geht über
ein starkes Mantra
als Zauberformel
in Liebessachen
wenn mich der Schmerz packt
murmle ich immer
Schnucki, das kannst du
mit mir nicht machen!

 

shangxindeaiqinggushi

Chat am Nachmittag

ich antworte ihr
sie antwortet nicht
telefoniert sie?
was mag sie treiben?
ich schreibe nochmal
ist sie jetzt offline ?
ach was! sie kann mir
gestohlen bleiben

 

Setzt sich das […] System parallel mit mehreren verschiedenen sozialen und kommunikativen Umwelten auseinander, so ist anzunehmen, dass die Aufmerksamkeit auf diese verschiedenen Umwelten und die in [ihnen] gegebenen kommunikativen Situationen nach einer individuellen Prioritätenliste verteilt wird […]. (Beisswenger, Michael: Sprachhandlungskoordination in der Chat-Kommunikation. Berlin 2007. S. 147.)