Hühnergötter

die Löcher leuchten
die groben Steine
wirken dagegen
dunkel und krumm
trotzdem sollte man
sie nicht verachten
was ist ein Loch schon
ohne was drum?

 

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Hui Dsï sprach zu Dschuang Dsï: „Ihr redet von Unnötigem.“ Dschuang Dsï sagte: „Erst muss einer das Unnötige erkennen, ehe man mit ihm vom Nötigen reden kann. Die Erde ist ja weit und groß, und doch braucht der Mensch, um zu stehen, nur soviel Platz, dass er seinen Fuß darauf setzen kann. Wenn aber unmittelbar neben dem Fuß ein Riß entstünde bis hinab zu der Unterwelt, wäre ihm dann der Platz, worauf er steht, noch zu etwas nütze?“ Hui Dsï sagte: „Er wäre ihm nichts mehr nütze.“ Dschuang Dsï sagte: „Daraus ergibt sich klar die Notwendigkeit des Unnötigen.“

(Dschuang Dsi: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland. Aus dem Chinesischen übertragen und erläutert von Richard Wilhelm. München: Diederichs 1991. 281)

惠子謂莊子曰:「子言無用。」莊子曰:「知無用而始可與言用矣。天地非不廣且大也,人之所用容足耳,然則廁足而墊之致黃泉,人尚有用乎?」惠子曰:「無用。」莊子曰:「然則無用之為用也亦明矣。」

Selbstgewählte Einsamkeit

am Ostseeufer
hinter den Dünen
krumme Kiefern und
Krähengeschrei
fernab von allem
ziehen die Stunden
die mir noch bleiben
an mir vorbei

 

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蔔擇幽居地
天臺更莫言
猿啼溪霧冷
嶽色草門連
折葉覆松室
開池引澗泉
已甘休萬事
采蕨度殘年

I chose a secluded place to live
Tientai says it all
gibbons howl and the stream fog is cold
a view of the peak adjoins my rush door
I cut some thatch to roof a pine hut
I made a pool and channeled the spring
glad at last to put everything down
picking ferns I pass the years left

(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 88f., 79)

Teeschale mit sogenannten Windflüchtern

die krummen Kiefern
sind mir die liebsten
flüchten habe ich
keine gesehen
die sind zwar manchmal
zerzaust und verweht
aber sie bleiben
unverzagt stehen

 

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Windflüchter sind Bäume und Sträucher, die ihre Form durch den meist aus nur einer Richtung wehenden Wind erhalten. Die Schale stammt aus der Werkstatt von Friedemann Löber im Dornenhaus in Ahrenshoop.

Nebel und Tod

(Sylt 1999)

wo gestern noch der Leuchtturm stand,
heut morgen eine Nebelwand
ein graues fahles stilles Schweben
schluckt Form und Farbe Klang und Leben

nicht Wald noch Wiese nicht mal Kühe
kein Traktor tuckert durch die Frühe
kein Wind kein Möwenflugverkehr
die Wirklichkeit sie wirkt nicht mehr

so muß der Tod sein kein Objekt
das mich zum Subjekt macht und neckt
nicht mal ein Gott der grausam richtet
nur noch das Nichts das friedlich nichtet

 

nebel

Frühlingsgeräusche

(Sylt 2001)

der Möwerich kreischt laut und schrill
die Möwe zu betören
das Tier darf kreischen ich bin still
und muss sein Kreischen hören

im Buschwerk bellen zwei vor Lust
die Frühlingswinde rauschen
fern blökt ein Schaf aus woller Brust
und ich muss schweigend lauschen

die Frau im Nachbarstrandkorb schnappt
den Straps aus schwarzer Seide
auf ihren Schenkel dass es flappt
und ich vernehms und leide

dumpf muht die Kuh vom Grase satt
im Kreise ihrer Kälber
nur abends spät in meinem Bad
muh ich dann auch mal selber

 

wanne

Sturm

(Sylt / Amrum)

Nacht Sturm treibt schräg Schnee
fern tobt wild Nord See
Feld erst schwarz dann weiß
Baum tanzt rings blinkt Eis
gelb glänzt Licht im Dach
ein Mann sitzt noch wach
schweigt lacht trinkt still Schnaps
träumt von Bein mit Straps

 

Parodie auf ein klassisches chinesisches Gedicht: Solche Gedichte zeichnen sich aus durch einsilbige Wörter und videoclipartige Bilderfolgen sowie dadurch, dass nur ein Teil der syntaktischen Bezüge ausgedrückt und Phrasengrenzen nicht markiert werden.

Syltgedycht

der Kynstler schyldert lyrisch-kyhn
wy fryh auf Sylt dy Dynen glyhn
und Kyhe yhre myden Rycken
nach syßem grynem Fryhstyck bycken

er syht durch dynne Wolkenlycken
dy Sonne rystig höherrycken
und spyrt myt yedem Rynd das bryllt
noch ymmer tyfer: dys yst Sylt


Wremen

Kleiner Preuße heißt
hier der Leuchtturm
schwarzweißgeringelt
schützt er die Küste
sein treues Blinken
leitet den Wattwurm
an seiner Liebsten
bergende Brüste

Lübecker Engel

jenseits der Trave
über den Zinnen
schweben tagtäglich
zwei Engelinnen

rund um die Dächer
von Sankt Marien
sieht man sie luftige
Kreise ziehen

dann landen sie und
kichern und sitzen
sperrangelgrätsch auf
den Kirchturmspitzen

wie auf zwei großen
Kirmesraketen
bis viertel vor sechs
dann fliegen sie beten