ein einfacher Rock
aber darin ein Zittern
wie Götterspeise
Kategorie-Archiv für Haiku und Senryū
Herbst im Saimyoji
die Tempelmönche
machen den Tag zur Nacht mit
Ahornblattsternen

Japanisches Rätsel
tausend Balkone
aber auf keinem ein Mensch
nur feuchte Wäsche
Sommer in Kyoto
sie liest im Gehen
ihr nackter Nabel behält
den Weg im Auge
Mittagessen in Hasedera
版画士藏館
hinter dem Vorhang
mischen zwei Frauen kichernd
fischige Süppchen
Bishamondo, Kyoto
vier alte Damen
mit Rhabarberblatthüten
besuchen Buddha

Mount Atago, Kyoto
mein Schweiß von gestern
wabert heute als Nebel
um seine Hüften

Rolltreppe aufwärts
vor meinen Augen
hängen aus lappigen Shorts
schwitzige Schenkel
Japanischer Garten
wie schön wär der Teich
wenn ihn nicht von tief unten
Karpfen verbeulten

Café Cascade, Kyoto
zwei alte Wachteln
sie gurren und nicken als
pickten sie Körnchen

Schmales Bett in Taibei
wie Wein im Karton
ihr Kopf an meinen Füßen
und vice versa

Reisen in Taiwan
suchst du den Tempel
frag fromme alte Frauen
die wissen den Weg

Landeskunde
China Airlines backt
Blauetraubenbrustwarzen
auf süße Törtchen

Cappuccinomaschine
in weißen Milchschaum
faucht brauner Kaffee aus gleich
zwei Nasenlöchern

Taiwan
es dauert nicht lang
dann werden hier Kinder auf
Rollern geboren

„Mir kam der Gedanke, dass in nicht allzu ferner Zeit hiesige Gynäkologen und Hebammen der Welt die Geburt, besser: die Ausfahrt des ersten Rollerkindes werden mitteilen können, durch dessen Nabelschnur eitel Benzin rann, das fix und fertig und betankt und fahrbereit ist und nur noch einmal rasch zur nächsten Waschanlage sausen muß.“ (Tagebuch Taibei 1991)
Einfache Rechnung
der Slip am Türknauf
sagt mir nach Adam Riese
sie hat ihn nicht an
Camping
kaum wälzt sich Zenzi
ins Zelt schon zischt die Luft aus
ihrer Matratze
Wolkenbruch
ein Beitrag zur meteorologischen Forschung
es regnet so sehr
da ist gewiss mehr Wasser
als Luft in der Luft

Gefahrenmeldung
Gürtel verloren
gleich rutscht der Hosenboden
ins Bodenlose

Beruhigend
(Philosophy in the Bedroom)
ein Spannbettlaken
spannt keineswegs es hat noch
nicht einmal Augen

Aus der Tierwelt
das Hündchen zwar klein
die Ohren aber oho
als könnt es fliegen

Meduse
Haarlockenschlangen
fliehen vor ihrem Gesicht
in jede Richtung

Schulfreundin 1965
traf ich sie schlief ich
unweigerlich ein sie war
wie Schäfchenzählen
Verpatzte Mittagsruhe
ein dicker Brummer
Fensterscheiben sind seine
Windmühlenflügel

Nachtlied
kein einziges U
die Allesklebereule
nur noch ein Hauch

Verlustmeldung
das H verloren
jetzt bleiben uns allenfalls
Ose und Öschen

Julimittag
knisternde Rinden
im Gras die Parkplatanen
sind in der Mauser
Selbstauskunft
er sei kein Wüstling
bei Frauen gebe er sich
meist völlig harmlos

Keage, Kyoto
der Wald ist so still
man hört die welken Blätter
im Fallen knistern

Japanische Sonntagskluft
um ihre Knöchel
Teekannentropfenfänger
aus weißer Spitze

Regen in Tokio
schwebende Schirme
und unter jedem baumelt
und strampelt ein Mensch

Trennung unvermeidlich
aus meinem Rucksack
nicht wegzuwaschen der Schweiß
hunderter Wege

Yamato-Yagi
Schülerinnen von
Kuscheltierchen befallen
wandelnde Wildparks

Saimyo-Tempel
ich meditiere
Ameisen nagen derweil
an meinem Sitzfleisch
Japanischer Mädchenausflug
ein Kicherdrachen
knallbunte Schirme über
Wadengewimmel

Chikurin-Tempel
der Mönch am Fenster
blickt in den grünen Garten
und denkt sich sein Teil

Sommerregen
es tropft in den Teich
die Frösche glauben es klopft
und quaken Herein!
Yokawa-Tempel
der arme Pilger
hört sich selber nicht beten
der Bach rauscht zu laut
Unordnung im Jingo-Tempel
Standbilder lagern
in Kisten Kannon verreist
ins Kunstmuseum

Bishamondo
im steilen Bergwald
nach langer Zeit mal wieder
Dreck am Stecken
Lokaltermin im Iwama-Tempel
in Bashos Weiher
plumpst nicht ein Frosch Lyrik
kommt aus der Mode
Matsuo Basho (1644 – 1694): Frosch
der alte Weiher
ein Frosch springt hinein
der Klang des Wassers
Portrait
Frau Vollmondgesicht
verlangt vom Fotografen
ihr Bild auf Schmalfilm

Sommerschauer
der Regen schraffiert
das bunte Ölbild der Stadt
zur Bleistiftzeichnung

Ein ungleiches Paar
ich male mir aus
er turnt als kleiner Vogel
in ihren Ästen

Ein Fußballexperte
flott übersetzt er
was jeder ohnehin sieht
ins Kauderwelsche
Volles Verständnis
ihr Schädel klemmt fest
im Popkopfhörerschraubstock
wie soll sie denken?

Ganz hinten
das Telefon reist
im Gesäßtaschennotsitz
dort wird ihm übel
Modernisierung
vier Fenster in der
Türe zum Bad erlauben
jetzt endlich Durchblick

Buchhandlung
grellbunte Bücher
kreischen sie seien ganz neu
ich höre nicht hin
Trüber Sommer
ein Milchglashimmel
verbirgt schon seit Tagen die
Beine der Engel

gnädige Wolken
ersparen uns Blicke auf
Engel von unten
Vogelnest
die jungen Meisen
quietschen wirklich entsetzlich
kann man die ölen?
Sommerhimmel
Wolkentürme wie
Opernkulissen aber
ach keine Diva

Dauerregen
überall Wasser
verirrte Enten watscheln
vom Fluss zum Bahnhof

Das Foto dokumentiert die Situation am Abend des 22. Mai 2024: Eine erste Ente hat den Lübecker Bahnhofsvorplatz erreicht und lauscht erhobenen Hauptes der Lautsprecherstimme aus der Halle. Kiel? Rostock? Hamburg? Lüneburg? Wie das Tierchern sich entschieden hat, konnte bislang nicht ermittelt werden.
Sommerwolke
von ihrer Wange
das Blätterschattentattoo
plötzlich verschwunden
Verpasste Gelegenheit
ein Hosenbund klafft
leider kein Eis es hinten
hineinzuschnipsen

Bistromamsell
gern hülfe ich ihr
im Teeküchendämmer brav
beim Brötchenschmieren

Ein Wunderkind (1975)
schon mit zwei Jahren
stürzte er sich verwegen
von allen Stühlen

Sportmode
Radlerhosen sind
heute beinah dünner als
trüge man gar nichts

Dieser Vers ist möglicherweise nicht ganz korrekt formuliert. Das sollte aber über die in ihm enthaltene tiefe Wahrheit keinesfalls hinwegtäuschen.
Fortschritt bei der Zahnreinigung
sie bürstet und sagt
jetzt nur noch obeninnen
so weit sind wir schon
Himmelfahrtstag
Radfahrer rasen
als wollten sie Jesus noch
rasch überholen
Mundpflegerin
beim Zahnsteinkratzen
trifft mich ihr schwerer Busen
wie Boxhandschuhe

Haarige Allee
die Linden grünen
nicht nur am Kopf sie grünen
auch an den Beinen
Blitz-Rundreise
Hemdchen und Höschen
Handtücher Socken und Schaum
ein Kurzwaschprogramm

Japan-Rundreise (10 Tage einschließlich Flüge) – „Erlebnisse: Besichtigung des Meiji-Schreins – Besuch der Takeshita-Straße und des Omotesando Boulevards – Besuch des traditionellen Stadtteils Asakusa – Besuch des Nikko Nationalparks mit Toshogu-Schrein (UNESCO-Weltkulturerbe) – Besichtigung des Hasedera-Tempels in Kamakura – Fotostopp im Fuji Hakone Nationalpark mit Fotomotiv des Vulkans Fuji – Übernachtung in einem traditionellen Ryokan – Baden in einem typischen japanischen Onsen (Thermalbad) – Fahrt mit dem Schinkansen – Besichtigung der „Burg des weißen Reihers“ (UNESCO-Weltkulturerbe) – Besuch des Todai-ji-Tempels in Nara (UNESCO-Weltkulturerbe) – Spaziergang zum Kasuga-Schrein – Besichtigung des Fushimi-Inari-Schreins – Stadtbesichtigung in Kyoto mit Besuch des Ryoanji-Tempels mit Gärten (UNESCO-Weltkulturerbe) – Besuch des Nijo-Schlosses – Schlendern durch die Nishiki-Martktstrasse – Besuch des Ninenzaka-Viertels in Kyoto – Einführung in die Zen-Meditation im Kodaji-Tempel“ [Originalprospekt]
Trost am Wäscheschrank
der Himmel bleibt grau
trotzig wähle ich deshalb
ein blaues Höschen

Wolkenbruch
die Regentropfen
spritzen vom Boden zurück
bis (fast) zum Himmel

Frühling im Park
die grünen Bäume
plötzlich mit weißen Blüten
völlig verschimmelt

Morgen am Fluss
die Rehe im Gras
folgen uns mit den Ohren
verstehen die Deutsch?

Trost im Bergtempel
Farbfotos zeigen
wo man wär es nicht diesig
den Fuji sähe

Nachtflug nach Helsinki
die massige Frau
in der kleinen Toilette
ob da noch Luft bleibt?

Enges Bad in Tokyo
statt meines Hemdes
den Duschvorhang in meine
Hose gefummelt
Vermasselt
beinah ein Engel
quöllen aus ihr nicht dauernd
Kaugummiblasen

Shibuya 109
einst bunt und schummrig
heute taghell beleuchtet
nichts zu entdecken
Shibuya 109 ist ein Jugendmodekaufhaus in der Nähe der weltbekannten „Alle-Gehen-Kreuzung“, dessen Läden kürzlich durch eine Modernisierung, vor allem durch helle, grellweiße Beleuchtung, ihren alten Charme verloren haben.
Shinkansen nach Tokyo
sonst immer Nebel
jetzt bei Sonne den Fuji
fast übersehen

Yamato Saidaiji
auf turmhohen Pumps
schnuppert sie frühlingstrunken
an Pflaumenblüten

Hase-Tempel im März
erst Schnee dann Sonne
die Zedernholzsäulen nun
duften sie wieder

Hieizan
Yokawa Chu-do und Konpon Chu-do
kein Bergkamm sondern
ein Drachenschwanz man keucht von
Zacke zu Zacke

Hui und Pfui
trotz Kirschbaumblüte
in Japan riecht fast alles
ein bisschen nach Fisch
Japanischer Bergwald
man warnt vor Bären
wir weichen aus und landen
in Kälte und Schnee

Modedesign
statt eines Kleides
trägt sie ein weißes Laken
noch ist es windstill

Beide
das alte Rollbild
und ich beide bei Sonne
ziemlich zerknittert
Schultor in Kyoto
die Mädchen hüpfen
zum Unterricht die Jungen
schlurfen zur Schlachtbank

Bishamondo, Kyoto
tempeleigener
Kirschbaum an Krücken uralt
und immer noch fromm

Japanische Wintermode
ab und zu bietet
ein winziges Röckchen
den Hosen Paroli

Hotel Ri[an]
die Schlafmütze nachts
vom Kopf gerutscht ich träume
vom hohen Norden

Auf Reisen
nicht nur die Weisheit
sondern sogar den Käse
mit Löffeln gefressen

Koreanische Wintermode
wattierte Mäntel
und Elefantenhosen
wo sind die Menschen?

Touristin in Seoul
links ist sie braun
rechts ist sie blond wie ach
ist ihre Mitte?

Koreanische Schminke
bleiche Gesichter
unter pechschwarzen Kohlen
Klatschmohn im Schnee

dinner for two
zwei fade Köpfe
unter dem Tisch dagegen
vier lustige Knie

Spätwinter
der Frühling noch weit
nur auf dem grünen Rasen
blüht schon der Maulwurf
Scheue Nachbarin
verstohlen trägt sie
den nackten Weihnachtsbaumstrunk
leise nach draußen
Dauerregen
der Park ist patschnass
die Enten schwanken zwischen
Watscheln und Paddeln

Etüde in E
neben dem Feldweg
scheppert die Blechlaterne
da hämmert ein Specht
Umweltbewusst
statt auf dem Rücksitz
liebt man sich heute heimlich
im Lastenfahrrad

Traumtänzerin
kaum hochgewuchtet
gönnt sich die Ballerina
ein kleines Schläfchen

Ballettrechnung
Spagatsprung zu dritt
pro Ballerina macht das
genau zwei Beine

Petruschka
die Ballerina
nach siebzehn Pirouetten
völlig verheddert

Tänzerin
mal Campanile
mal Tour Eiffel die Füße
stets in Bewegung

Ballerina im Frühling
ihr Kopf ist schon da
unten läuft sie sich selber
noch flott hinterher

Lichterscheinung
mein eignes Fenster
vom Vollmond auf die Wand des
Nachbarn gespiegelt

Sonntagsausflug
sein grelles Trikot
ist ihm zu Kopf gestiegen
er radelt Amok

Zu hoch
ein Reiher im Baum
hält der die kleinen Vögel
etwa für Fische?

Liebeserklärung
Ulrike mag ich
wie Linsensuppe beide
sind mir nie über

Im Lehnstuhl
nachher dran Denken
ist häufig viel schöner als
vorher Erleben

Hyaluron
statt sanfter Lippen
ein praller Zwillingsreifen
was meint sie damit?

Immerhin
die Welt im Aufruhr
aber die Schuhe im Schrank
streng parallel
Vor Sonnenaufgang
beim Anblick der Welt
runzelt der Himmel die Stirn
durchaus verständlich

Trüber Morgen
die Straßenlampen
trauen dem Braten noch nicht
und leuchten weiter

Am Deich
was Nacktschnecke scheint
erweist sich am Ende oft
als Gänseköttel
Wintergedanken
leuchteten Krähen
wäre der Stadtpark des Nachts
voller Laternen

Bistrohocker
quirlige Beine
mit Maschendrahtnylons strikt
im Zaum gehalten

Frost in Hannover
der Maschsee friert zu
bald stoßen die Karpfen sich
wieder die Köpfe

Mansardenfenster
ist ihr Freund auswärts
winkt ihre Hand ansonsten
ach ihre Füße

Fensterblick 1978; Haiku 2016; Zeichnung 2024 anlässlich des Hitchcock-Films „Das Fenster zum Hof“
Doppelgängerin
vorn schwankt sie nach links
und hinten schwankt sie nach rechts
als wär sie zu zweit
Winterabend
ein Blesshuhn fliegt auf
im schwarzen Teich eine Naht
aus Flossenstapfen

Hochwasser
ratlose Krähen
vor überschwemmten Wegen
kein Weiterkommen

Weihnachtskrippe
Ochse und Esel
halten sich raus die schwänzen
das Hosianna

Weihnachtslektüre 1960
offen Oremus
heimlich schliefen die Eltern
Decamerone

Oremus: lateinisch „Lasset uns beten“; damals der Name des Gebet- und Gesangbuchs des Bistums Aachen
Decamerone: Novellenzyklus von Giovanni Boccaccio, ca. 1350; erotisch freizügig, in der Vergangenheit immer wieder als anstößig empfunden und bisweilen zensiert oder verboten
Schirmgeometrie
regenschwangerer
Sturm bläst fette Kalotten
zu dürren Kegeln

Sturmtief
Dezemberregen
der Weihnachtsbaum zeigt sich mit
Hut und Gummistiefel

Saturday Night Fever
mein Ofen schmückt sich
mit lippenstiftroter Glut
bevor er ausgeht

Die Empörten
die sind erst am Ziel
wenn alle ähnlich fad sind
wie ihresgleichen
If you‘re the type of person to revel in someone getting cancelled for somewhat they said ten years ago you’re just ensuring that one day you’ll be cancelled for somewhat you said today. You can’t predict what’ll be offensive in the future: You don’t know who the dominant mob will be. (Ricky Gervais)

De Bello Gallico
ein Asterixhaar
mitten auf meiner Wange
trotzt dem Rasierer
Unglaublich:
schon im November
Orangenhautkrater im
Schokolebkuchen!
Adventskranz
über die Jahre
kommt es mir vor als liefen
die Kerzen im Kreis

Dezembernacht
kein Mondschein nur das
Licht der Putzkolonne ganz
oben im Hochhaus

Adventsvergnügen
im Rotlichtviertel
fesseln die Freier Frauen
mit Lichterketten

Auf der Galerie
Opernkritik frei nach Franz Kafka
Romeo stirbt und
Julia weint und ich muss
tatenlos zusehn
Make-up
Fachleute warnen
künstliche Wimpern machen
haarige Augen

Wintergedichte
eine Warnung
kein Wort über Schnee!
sonst schmelzen die Verse dir
unter der Feder

Wellness in Kiel
sie reist zur Ostsee
zu Hause träumt ihr Kater
traurig von Sprotten

Fünfziger Jahre
Spitze und Strapse
unter biederen Röcken
Licht unter Scheffeln

Bettwarentest
Kamelhaardecke
Vorsicht! kaum liegst du drunter
bilden sich Höcker
Abhilfe
draußen stockdunkel
deshalb träum ich mir drinnen
was doppelt Helles

Dankbares Publikum
morgens erzähl ich
Seife und Handtuch Schwänke
aus meinem Leben

Kahle Linde
ein einziges Blatt
wahrscheinlich der Kapitän
harrt aus bis zuletzt
Novembermorgen
ein Fünkchen Sonne
macht mir den grauen Himmel
schon fast wieder blau
Wäscheboutique I
die leeren Teile
geordnet in Reih und Glied
Wildwestfassaden

Geständnis
Erscheinung im Park
die Nachbarin schwebt
an einem knallroten Schirm
durch schrägen Regen

Novembersonntag
die Bäckerin döst
heute kommen die Kunden
nicht aus den Betten
Richtig flirten!
Nachpfeifen geht nicht
besser man legt sich der Frau
schweigend zu Füßen

Putzkolonne
Kohlmeisen picken
im Herbst die fetten Spinnen
von meinem Fenster
Strandgedanken
enthaart tätowiert
mit Kunststoff aufgepolstert
wo bleibt da der Mensch?
Schulschluss
bewegte Mütter
grätschen mit sanftem Seufzen
auf Lastenräder

Spaziergang am See
den Rock voller Wind
ein stampfendes Dickschiff mit
knatterndem Segel
Dame auf Scooter
reglos im Fahrtwind
zartes Madonnenstandbild
auf Trittbrettwolke

Nachtspaziergang 1965
in dunklen Gärten
Möhren gestohlen süße
sandige Küsse

Am Wäscheschrank
das rote Höschen
gestern verbraucht für heute
nur noch ein graues

Neue Kleider
wie reizend nicht mehr
nur nackte Kaiser sondern
auch Kaiserinnen



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