Kohlmeisen picken
im Herbst die fetten Spinnen
von meinem Fenster
Kategorie-Archiv für Haiku und Senryū
Strandgedanken
enthaart tätowiert
mit Kunststoff aufgepolstert
wo bleibt da der Mensch?
Schulschluss
bewegte Mütter
grätschen mit sanftem Seufzen
auf Lastenräder

Spaziergang am See
den Rock voller Wind
ein stampfendes Dickschiff mit
knatterndem Segel
Dame auf Scooter
reglos im Fahrtwind
zartes Madonnenstandbild
auf Trittbrettwolke

Nachtspaziergang 1965
in dunklen Gärten
Möhren gestohlen süße
sandige Küsse

Am Wäscheschrank
das rote Höschen
gestern verbraucht für heute
nur noch ein graues

Neue Kleider
wie reizend nicht mehr
nur nackte Kaiser sondern
auch Kaiserinnen

Oktober in Kyoto
dicke Koffer und
dicke Gesichter Menschen
auf Bildungsreise

Waschsalon
ein Damenhöschen
in meinem Korb doch leider
niemand zu Hause
Bergpfad
die schweren Schuhe
ringsum mit Erde verschmiert
schöner als sauber
Smartphoneabhängig
fällt mal der Strom aus
dann sind die ohne Freunde
und ohne Gehirn
Spätsommer in Kyoto
verschwitzte Hose
mein Geldbeutel klebt und schmatzt
wenn ich bezahle
Supermarkt in Kyoto
riesiger Schlapphut
schiebt Einkaufswagen sonst ist
niemand zu sehen

Helsinki Airport
fauchend und raunend
frisst sich ein feuchtes Flugzeug
in fette Wolken
Reiseerfahrung
wo man auch hinkommt
der Mond ist immer schon da
Hase und Igel

Mutter am Spielplatz
sie ist begeistert
ihr Söhnchen brüllt noch lauter
als alle andern
Ein Auserwählter
aus schwarzen Wolken
ein Sonnenpünktchen mitten
auf seine Glatze

Augustnachmittag
am blauen Himmel
allerhand weiße Wölkchen
wie Schaum ohne Bier

Plötzlich Sommer
aus tausend Röcken
hängen jetzt weiße Beine
wie Tropfsteinzapfen

Lebenskünstler
nachträglich träumt er
sich jeden Liebesschiffbruch
zum Schäferstündchen

Gärtner Franke
bei Neumond träumt er
in seinem Gärtchen wüchsen
endlich Bananen
Blick in die Welt
warum ich lache?
der Ernst ist mir seit Jahren
gründlich vergangen

Ehebett
auf beider Nachttisch
vereiteln Hochzeitsfotos
Fluchtphantasien

Friedliche Koexistenz
auf meinem Schreibtisch
wohnt jetzt eine Wollmaus
ich zwinkre ihr zu

Stillleben
noch schlaff auf dem Tisch
ihr neuer Strandbikini
mit Raubtiermuster

Frühstück in Tainan II
er ist noch nicht wach
doch seine Kiefer kauen
schon ganz von selber
Mahlzeit
er schlürft so selig
als säß im Suppenschälchen
die süße Susi

Taiwanesische Landwirtschaft
zum Schutz vor Vögeln
Kürbisse und Bananen
in Spitzenwäsche
Frühstück in Tainan I
Köpfe verschmelzen
über dem Tisch zu einem
und der schlürft Suppe
Brautpaar
sie gibt sich verträumt
aber sie packt den Zukünft’gen
fest am Schlafittchen

Zum Bahnhof, bitte!
去火車站!
im Taxi träufelt
sirupsüßes Gesinge
bis auf die Felgen

Kunstmuseum Tainan
was ist schon ein Bild
gegen die Frau die dasteht
und es bewundert?

Hot Pants
(im Café Donutes, Tainan)
modisch verschlissen
was Saum war ziert als Strumpfband
die Oberschenkel

Empfangsdame
in Pumps und Kostüm
befehligt sie barsch eine
Busladung Rentner
Frau Huang
schicker Ballonrock
ein Teelicht zwischen die Knie
und schon hebt sie ab

Ankunft in Tainan
Wolken und Regen
die Tempelgötter sind jetzt
nur halb so golden

Ikarus
vor meinem Fenster
im fünfundzwanzigsten Stock
flattert ein Falter
Sommertrend
weite Gewänder
drinnen die sanfte Unwucht
von Wackelpudding
Trauriger Mai
Kaminholz gehackt
auf Feuer gefreut aber
kein Winter in Sicht
Revolutionäre
Rundumblick verwirrt
deshalb gucken sie gerne
durch Ofenrohre
(frei nach dem Freiburger Philosophen und Psychologen Robert Heiß (1903-1974))

In letzter Minute
beim Weltuntergang
sind plötzlich alle einig:
so geht’s nicht weiter
Fahrradausflug
sie treten langsam
aber sie fahren pfeilschnell:
Elektrorentner
Maxime für den Schreibtisch
man muss die Dinge
nur lange liegen lassen
dann können sie weg
Kalter April
die Blüten kröchen
gewiss jetzt lieber zurück
in ihre Knospen
Strauß
den Kopf in den Sand?
lieber in die Gewänder
gütiger Engel!

Sicherheitskleidung
die Hose färbt ab
wer Josefine begrapscht
kriegt schwarze Finger

Aus der Welt des Alpinismus
Hans Jürgen Lampe
besteigt die stark vereiste
Osterei-Nordwand

Osterwetter
Großeltern ratlos
Enkel und Eier völlig
vom Nebel verschluckt

Warnung
ihr neues Tutu
nichts als ein Kreissägeblatt
um ihre Hüften!

Märzregen
die Gräser sprießen
Käfer und Mäuse preisen
die neue Skyline

Kühler März
noch trägt man Daunen
aber unter den Mänteln
tobt schon der Frühling

Frau Schmitz
sie braucht ihren Mann
nur anzusehen ein Blick
und er macht Männchen

Ratlos
zwei rosa Knöpfe!
welcher davon ist der Knopf
für Laut und Leise?
Ueno Park, Tokio
Schulmädchenausflug
kichernder Tausendfüßler
mit nackten Beinchen
vier alte Wachteln
mit Krückstockpleueln
und Blumentopfhüten
aus Kinderwagen
grinsen Hätschelschoßhündchen
in Ringelwämschen
die Oma im Schlepptau
be-oht und be-aht lauthals
die ersten Blüten
ein kurzes Röckchen
verknotet die Beine zum Schutz
vor fremden Blicken
der Lotus verwelkt
zwischen den gelben Stengeln
reglos ein Reiher
die Tempelkiefer
zu einem O gewachsen
als Mondbaum verehrt
Haneda
beim Abendessen
zwischen Sushi und Suppe
fernab der Fuji

Mons absconditus
der Fuji ziert sich
sei’s drum ich zeichne ihn mir
ganz einfach selber

Hygiene in Japan
bald tragen die hier
die Masken auch noch am Knie
wenn nicht gar sonstwo
Pendlerin
sie pendelt per Kopf
und träumt an fremden Schultern
bis Yokohama

Kamakura
am Weg zum Gipfel
Kamelienblüten und
flirrende Sonne

Frühling in Shibuya
die Hosen verstummt
jetzt reden endlich wieder
die Beine selber

Werbeplakat für einen pop up store in Tokio
Morgendusche
Seifenschaum schmatzt in
Körperastgabeln das wird
ein sauberer Tag
Mode in Kioto
man verhüllt alles
um kunstvoll anzudeuten
da ist was verhüllt
Japan 2023
im Land des Lächelns
das Lächeln hinter weißen Masken
völlig verschwunden
Schläferin im Bus nach Takao
sie sinkt zur Seite
ihr zartes Ohr! ob es am
Fenster zerknittert?
Japanische Gespenster
wo du auch hingehst
aus Hinterhalten säuseln
Lautsprecherstimmen
Morgentoilette
einsam baumelt ihr
Höschen am Türknauf bis sie
wieder hineinschlüpft

Frühlingssehnsucht in Kioto
die Pflaumen knospen
und zwischen Rock und Strümpfen
erblühen die Knie
Tempelnonne in Takao
sie zeigt mir lächelnd
sonst verbotene Kammern
und flüstert Secret!
Kimono
alles ganz züchtig
wäre da nicht der Riemen
zwischen den Zehen

Winterwald bei Kioto
Wind zaust die Wipfel
Schneebatzen klatschen krachend
ins trockene Laub
Frühling am Kyotaki-Fluss
Felswände kichern
Sonne kitzelt ihnen die
moosigen Ritzen

Japanische Masken
glatte gelbliche
Mundmiederwaren eine
Art Lächelwäsche
Wintereinbruch in Kioto
Schneeflocken landen
mit zärtlichem Zischen auf
Minirockschenkeln
Videoüberwachung
der Aufzug filmt mich
endlich seh ich einmal mein
Zöpfchen von hinten

Garden Hotel, Kioto
längst abgerissen
wo wir vor Jahren schliefen
wehen die Winde
Aus der Wissenschaft:
Forscher entwickeln
gegen den Klimawandel
Dessous aus Asbest
Rendezvous
glühende Lippen
aber vom Rücken abwärts
nur kühler Marmor

Das Omega (deutsch [ˈɔmeɡa], auch [ˈoːmeɡa],[1] von altgriechisch ὦ μέγα [ô méga ‚großes O‘, im Sinn von lang gesprochen, im Gegensatz zu Omikron]; Majuskel Ω, Minuskel ω) ist der 24. und letzte Buchstabe des griechischen Alphabets und hat nach dem milesischen System den Zahlwert 800. Omega wird häufig verwendet, um ein Ende zu verdeutlichen, und ist damit das Gegenteil vom Anfang, dem Alpha (Alpha und Omega oder „Das A und O“). [Wikipedia]
Höllenstrafe
die Qual im Jenseits
immer und ewig Popsongs
hören zu müssen

Tauwetter im Park
der stolze Schneemann
zum Dalmatiner geschrumpft
schwarzweiß gesprenkelt
Tauwetter
am Ende zeigt sich
der schönste Schnee ist auch nur
mit Wasser gekocht

Zeitraffer
tagtäglich hebt und
senkt sich ihr Vorhang mir scheint
er zwinkert mir zu

Filmkritik
die schwache Handlung
humpelt an Popsongkrücken
über den Bildschirm
Dämmerdunkel
Ungeborene
haben es gern behaglich
und muschebubú *

* DIE ZEIT vom 9.2.2012: „Muschebubu bezeichnet eine Stimmung, die noch gemütlicher ist als gemütlich. Im Osten war das Wort sehr verbreitet. Man wusste, welches das richtige Muschebubu-Licht ist – vielleicht das Licht, das wir aus dem Mutterleib kennen. Man sieht die Dinge gerade noch gut genug, um sich ihnen hinzugeben. Es wird gefragt, warum sich die Ostdeutschen so unverklemmt der Liebe hingaben. Ganz einfach: wegen der Muschebubu-Stimmung.“
Nun haben kürzlich Forscherinnen und Forscher am Gynäkologischen Institut der Universität Dresden mit Hilfe modernster bildgebender Verfahren bewiesen, was man lange nur vermutet hat: Embryonen haben es in ihrer Mutter gern gemütlich und bevorzugen lichtmäßig ein sanftes Muschebubu.
Januar
noch in der Gosse
träumen die Weihnachtsbäume
von Ochs und Esel
Macho
ganz unwillkürlich
möchte man ihm Bananen
durchs Gitter reichen
Kunsthandwerk
Jahr für Jahr bastelt
Anna in der Adventszeit
aschblonde Engel

Silvestervergnügen
zum Jahreswechsel
zündet Susanne heimlich
Kanonenschläge

Silvesterspaziergang
Feuerwerksdonner
schreckt die Enten im Röhricht
aus ihren Träumen
Frost am See
das Eis klar wie Glas
oben der Reiher unten
grinsen die Fische
Nach Bethlehem!
Rentiere pilgern
über die sanften Hügel
ihres Pullovers

Im Museum
sind Maler reinlich?
malen sie deshalb dauernd
badende Frauen?
Missgeschick
den gestrigen Strumpf
in der Hose vergessen
jetzt Beule am Bein

Fürsorglich
Frauchen verkleidet
Fido bei Februarfrost
als fesche Assel

Sylvette
vor ein paar Jahren
im Kiez femme fatale heute
hauptamtlich Oma
Zwiegespräch
die Fragemücke
vom Antwortelefanten
grausam zertrampelt
Bange Frage
den Zweiten Advent
den kriegt sie noch hin aber
was wird am Dritten?

Frostschutz
mehr sein als scheinen
ein kurzes Röckchen aber
Angoraschlüpfer
Fromme Freundin 1965
spürte sie Sünde
kreuzte sie ihre Beine
und flüsterte Nich!
Altersbeschwerden
ich seh nicht mehr scharf
macht nichts die scharfen Bilder
die hab ich im Kopf
Magerpost
die Menschen schreiben
immer nur Grüße aber
keine Gedanken
Lektüre
statt edler Helden
lieber Gelächter Feinripp
und Bratkartoffeln
Waldteich
ein Stück vom Ufer
in Wasserlinsensuppe
Enten auf Reede
Naturfrevel
das schmucke Wäldchen
grausam gerodet Landschaft
ohne Geheimnis
Unkorrekt
sie sagt brav Schaumkuss
träumt aber trotzig des Nachts
von Negerküssen
Drohnenflug
die vollschlanke Braut
von ganz hoch oben gefilmt
ein zarter Engel
Trampolin
schwerelos schweben
wenn auch nur für Sekunden
Schniedel und Titte
Mit diesem Beitrag empfiehlt sich der Autor nachdrücklich für den Physik-Nobelpreis (Gravitationsforschung).
Oktobernachmittag
goldgelbe Birken
über uns trommeln Spechte
sanfte Synkopen
Nette Leute
überall Kiesel
kaum noch ein grober Stein mit
Ecken und Kanten
Beim Zahnarzt
ein Wartezimmer
mit Blick auf das Ballett der
Sprechstundenhilfen

Musikfest
die kleine Flöte
von der Länge des Alphorns
schier überwältigt
Herbstnacht
im dunklen Zimmer
beinah über ein Fleckchen
Mondlicht gestolpert
Oktobersonne
die Blätter fallen
sieh da! Frau Nachbarin liest
in ihrem Garten

Entschluss
statt einer Zeitung
lese ich künftig lieber
die Morgenwölkchen

Herbstpflichten
Eichhörnchen eilen
Nüsse zu numerieren
und einzukellern
Rätselhafter Fund
von welchem Schenkel
fiel dieser pechschwarze Straps
auf meine Treppe?

Weißes Kamel
ein Höcker die Braut
und einer die Magd mit der
geknäulten Schleppe
Madame Münchhausen
sie zerrt die Jeans hoch
als ob sie sich selbst in die
Luft hieven wollte
Der Dirigent
mit beiden Armen
wedelt er Wind ins Schilfgras
der Geigenbögen
David Bates leitet Händels „Alcina“
in der Staatsoper Hannover (29.9.2022)

Flamencotänzerinnen
sie raffen Rüschen
und verschränken die Beinchen
wie Stubenfliegen

Im Kastanienschatten
sie hebt ihr Hemdchen
und zeigt der Busenfreundin
lächelnd den ihren

Spanischer Täuberich
was für ein Teufel!
selbst auf dem First der Kirche
jagt er die Täubin
Bäckerin
ein Engelsgesicht
aber vor ihrer Stimme
zittern die Brötchen
Museumsballett
Kunstkenner kreiseln
schweigend um Alte Meister
und umeinander
Calle de Goya, Madrid
plaudert sie oben
linst von unten der Dackel
an ihrem Bein hoch

Alpenflug
selbst aus der Höhe
ist es nicht zu verwechseln
das Matterhorn

Fromme Flamme
Marie war so brav
denke ich heute an sie
dann schlafe ich ein

Herbstgarderobe
unter den Hosen
nichts als weitere Hosen
wo bleibt da der Mensch?

Kunst im Kurpark
die Couch aus Sandstein
hier leidet die Prinzessin
ganz ohne Erbse

Braut im Park
ihr Taftkleid raschelt
als hausten unter dem Rock
zehntausend Mäuse

Unfall beim Frühstück
hastig gegessen
mein Zöpfchen verschluckt und mich
auf links gekrempelt
Vor dem Bildschirm
nichts kann sie trennen
zwischen sich dulden sie nur
die Fernbedienung
Vor der Haustür
zwei kleine Gören
zweimal schüchternes Lächeln
aus Milchzahnlücken
Neues Tattoo
Stacheldraht rund um
Hüften und Schenkel die Frau
ist ausbruchssicher
Felicia
Schmetterlingsbrille
Zitronensaftlächeln ich
suche das Weite

Heißer August
Ventilator dann
weht über meinen Schreibtisch
ein kühles Lüftchen
Bäckereigedanken
die alte Frage
Brötchen mit Sesam? mit Mohn?
oder mit gar nichts?
Bäckerin
Brötchen verkauft sie
aber das Lächeln dazu
gibt sie mir gratis
Strandgymnastik
acht alte Tanten
schwenken die Arme aber
das Meer sieht nicht hin
Hungerkünstlerin
sie äße gern was
wenn sie nur wüsste was ihr
gut zu Gesicht steht
Zaungast
während wir plaudern
sitzt sie nur da und schweigt und
schnorrt gute Laune
Sommerhitze
Krähen am Mittag
die Schnäbel weit offen als
wollten sie singen
Heißer Tag
die Dillblüte träumt
von einem eiskalten Bad
in Gurkenessig

Nicht zu viel putzen!
fast jede Wollmaus
wird binnen zwei drei Wochen
zu deiner Freundin
Jana
Jana erklärt mir
mit Trauerrand und in Moll
dass es ihr gut geht
Ein Album
Familienfotos?
dann lieber im Großmarkt die
Kohlköpfe zählen

Sommerwind
ein harmloser Rock
aber pechschwarze Nylons
und weiße Schenkel

Schnelldichter im Retiropark
binnen Sekunden
tippt er auf der TORPEDO
Gedichte nach Maß

TORPEDO: eine alte Schreibmaschinenmarke
Café Principe, Madrid
Lippenstiftkussmund
auf meinem Fenster ob die
nochmal zurückkommt?

Hotel Goya, 29.6.2022
draußen Sirenen
die Zimmerdecke plötzlich
ein Blaulichthimmel
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