für A. E.
ein krustiger Klotz
aber wenn man hineinbeißt
betörend klebrig
für A. E.
ein krustiger Klotz
aber wenn man hineinbeißt
betörend klebrig
deutlich zu sehen
hinter entlaubten Büschen
ist nicht gut munkeln
das Rücklicht am Helm
macht jede keusche Gasse
zum Rotlichtbezirk
Novemberregen
tropft lustige Löcher in
fröstelnden Milchschaum
Frührentner fesselt
minderjährige Fichten
mit Lichterketten
jenseits der Tasse
die große Welt ich bleibe
lieber in meiner
hier zählt nur eines
wer hat heute die besten
Hiobsbotschaften
Reisen verboten
macht nichts der bittre Grüntee
ist meine Madeleine
in all den Hosen
muss ich mich manchmal selber
stundenlang suchen
dass sie die Kinder
in Gramm auswiegen hat was
von Fleischertheke
die Bodenwellen
vor meiner Haustür täglich
ein Achterbahnflug
lugt keck aus dem Loch
als wäre der Acker nichts als
ihr Mantelkragen
im leeren Gasthaus
die wundermilde Wirtin
nirgends zu finden
vom Sturm entblättert
wiegt sich das Ästeballett
im Dauerkopfstand
im Park mal wieder
das bunte Herbstfest der Post
und der Feuerwehr
ein schmuckes Schäfchen
vom Dösen im Herbstgras mit
Kötteln bepunktet
„Polka Dots and Moonbeams“ ist ein Song aus dem Jahr
1940 und ein seither häufig aufgenommener Jazz-Titel.
kein Wind und trotzdem
wirbeln mitunter drüben
im Baum die Blätter
die ganze Wohnung
ein Kinderzimmer
überall machen
die Kleinen Faxen
den Großen ist das
inzwischen ganz recht
die sind meist selber
nicht mehr erwachsen
sie mag sein Geschrei
schließlich hat sie den Flegel
selber geboren
Herbstzeitlosigkeit
hier tickt keine Uhr manchmal
fallen Kastanien

Laatzen
pausenlos möchte
ich kleckern damit sie kommt
und meinen Tisch wischt
erst zaust sie den Baum
als sei sie wunders verliebt
und dann schläft sie ein
Vergessen ist schlimm
aber Behalten häufig
noch weitaus schlimmer
auf Reisstrohmatten
dienern Kimonos schweigend
vor grasgrünem Tee
auch wenn der Hals schmerzt
endlich prangt da mal wieder
ein fetter Knutschfleck
der Schwan wie üblich
schneeweiß nur an der Bordwand
klebt Entengrütze
(Shanghai 1987)
Chrysanthemen mit
Jauche gedüngt nach jedem
Gießen die Hölle
zwei Badenixen
umringt von Männern die tun
als ob sie läsen
ein Dorf voll Gedöns
wie soll der Bauer da noch
zur Kirche finden?
Weihnachten sind die
Damen praktisch dieselben
nur mit Verpackung
ab und zu häckselt
der Ventilator eine
versprengte Wespe
Kühlergrillgrinsen
manche Besitzer gucken
wie ihre Autos
If we pick up a brush, we feel like writing; if we hold a musical instrument, we wish to play music. Lifting a wine cup makes us crave saké; taking up dice, we should like to play backgammon. The mind invariably reacts in this way to any stimulus. … Phenomenon and essence are fundamentally one. (Essays in Idleness. The Tsurezuregusa of Kenkō. Translated by Donald Keene. [1967] Tokyo, Rutland, Singapore: Tuttle 1981. No. 157, 139.)
ich Narr ich greife
im weißen Mondlicht nach Schnee
für einen Schneeball
Kokan Shiren (1278-1345): Winter Moon
Opening the window at midnight, the night air cold,
Garden and roof a gleaming white,
I go to the verandah, stretch out my hand to scoop up some snow –
Didn’t I know that moonlight won’t make a ball?
(Zen Poems. Selected and edited by Peter Harris. New York: Alfred A. Knopf 1999. 149. Übersetzung David Pollack.)
das Brunnenrauschen
vor lauter sound of silence
nicht mehr zu hören
Irrenhaus geht nicht
wie soll man heute die Welt
korrekt benennen?
auf ihrem Schenkel
erzittert bei jedem Schritt
ein wilder Löwe
die Krähen rätseln
lauter geknickte Blumen
und Dellen im Gras
nein Adlerschwingen
verleiht es dir nicht nur ein
Paar Wanderschuhe
kampfbereit lauert
schneeweiße Laufmaschenhaut
in schwarzen Nylons
die schlaue Schnecke
in meinem Salat tarnt sich
als rote Bohne
was für ein Zufall
ein Luftloch im Helm genau
wo mir der Kopf juckt
nach dem Spaziergang
zerstäubte Lindenblüten
auf meinen Schuhen
links Cappuccino
rechts kratzt er sich genüsslich
zwischen den Beinen
er hält das Smartphone
flach vor den Mund ein Spucknapf
für dumme Sprüche
die Linden summen
vor Lust die Bienen kitzeln
sie an den Blüten
grellbunte Tattoos
geistig wohnt er auf ewig
im Kinderzimmer
aufs Leben pfeifen
und heiter weitermachen
solange es geht
einfach nur ganz still
sitzen und einen alten
Hausschuh betrachten
Charles Bukowski (1920 bis 1994)
the area of pause
you have to have it or the walls will close
in.
you have to give everything up, throw it
away, everything away.
you have to look at what you look at
or think what you think
or do what you do
or
don’t do
without considering personal
advantage
without accepting guidance.
people are worn away with
striving,
they hide in common
habits.
their concerns are herd
concerns.
few have the ability to stare
at an old shoe for
ten minutes
or to think of odd things
like who invented the
doorknob?
they become unalive
because they are unable to
pause
undo themselves
unkink
unsee
unlearn
roll clear.
listen to their untrue
laughter, then
walk
away.
Charles Bukowski: The Pleasures of the Damned. Poems, 1951-1993. New York: HarperCollins 2007. 434f.
die alte Flamme
auf einem neuen Foto
nach all den Jahren
der Bauch (schreibt Irma)
verzweige sich in Äste
mit grünen Blättern

bildschön und züchtig
ich wünschte sie wäre nur
eines von beiden
Formosissima quae fuere vel sunt,
sed durissima quae fuere vel sunt,
o quam te fieri, Catulla, vellem
formosam minus aut minus pudicam!
Martial, Epigramme VIII 54 (53)
er trottet ihr nach
als schleppte nicht sie sondern
er ihren Busen
ihr hautenges Kleid
eine bauchige Vase
nur für ihr Lächeln
er kommt nicht voran
der Mundschutz zurrt ihm die Ohren
zu Bremsfallschirmen
Kioto, Oktober 2019
Zedernduft Weihrauch
und Moos der Waldweg braucht kein
Chanel Nummer fünf
der Mundschützer rutscht
mir vom Ohr als Lendenschurz
säße er fester
beim Tee im Garten
spricht sie von Liebeswirren
und Schlüpfergummi
beim Joggen im Park
schnuppern Gespenster aus Staub
an meinen Waden
die Wand seufzt selig
nach Wochen ohne Besuch
endlich ein Dübel
Abend für Abend
treibt sie Gymnastik an der
Gardinenstange

wer klopft da an Blech?
der Specht besucht die Käfer
in der Laterne
die Welt sei zu klein
lieber wandre er heiter
in seinem Gärtchen
das Wasserbett leer
Liebeswogen verebben
gurgelnd im Abfluss
im Frühlingskleidchen
sät sie vornübergebeugt
Honigmelonen
der Liebestöter
tötet die Liebe nicht ab
er sperrt sie nur ein
ich leg mich aufs Ohr
möchte aber am liebsten
auf beiden liegen
ein Traum
die Schneiderin bringt
Garderobe zur Probe
danach gibt es Tee
eine WhatsApp-Beziehung
sie schreibt ihm zwar nicht
doch kaum ist sie online
schon träumt er von ihr
nach Japan reisen?
lieber trinke ich Sencha
bei mir zu Hause
kein schräger Vogel
nur ein einzelnes Herbstblatt
als Spatz verkleidet
eine philosophische Einsicht
ich bleib zu Hause
sonst bin ich immer so weg
wenn ich nicht da bin
ununterbrochen
die Angst der Virtuose
zerhackt den Flügel
„Rachmaninoff… It isn’t fair…
Every time I hear it, I go to pieces…
It shakes me, it quakes me.
It makes me feel goose-pimply all over.
I don’t know where I am or who I am or what I’m doing.
Don’t stop. Don’t stop. Don’t ever stop!“
(Marylin Monroe as The Girl in „The Seven Year Itch“)
sie wirft die Arme
als wollte sie dadurch rasch
noch etwas wachsen
fransige Löcher
Kettfäden schneiden ins Fleisch
Rollschinkenschenkel
Schnupftuch gefällig?
ach was! sein Nasenpiercing
täuscht Schnupfen nur vor
ich habe heute
weinrote Boxershorts an
und keine sieht es
der Knopf im Knopfloch
äußerst gespannt um Himmels
Willen nicht atmen
tief in ihr gluckert
ein Klapperstorchweiher voll
rosiger Babies
nachts schleicht er ums Haus
und gießt in jedes Fenster
ein Pfützchen Vollmilch
täglich verwirrt mich
ihr zärtliches Händchen am
Siebträgerhebel
im Traum enthält er
ausschließlich sie im Leben
trägt sie was drunter
sie reckt sich zum Griff
lautlos hebt sich der Vorhang
auftritt ihr Nabel
ein rotes Gesicht
ein gelber brustlanger Bart
und Böen von rechts
verschneite Wiesen
der Reiher verbirgt sich
indem er weiß ist
In a snowfall
that obscures the winter grasses
a white heron –
using his own form
to hide himself away.
(Kigen Dogen 1200-1253)
(Zen Poems. Selected and edited by Peter Harris. New York: Alfred A. Knopf 1999. 146. Übersetzung Steve Carter.)
die Wasservögel
kommen und gehen spurlos
und ohne Führer
Coming, going, the waterfowl
Leaves not a trace,
Nor does it need a guide.
(Kigen Dogen 1200-1253)
(Zen Poems. Selected and edited by Peter Harris. New York: Alfred A. Knopf 1999. 144. Übersetzung Lucien Stryk & Takashi Ikemoto.)
hoch oben trotten
zeitlupenmatt aschgraue
Hängebauchschweine
Pappkulissen und
künstliche Blumen aber
ein echtes Lächeln
der goldgelbe Fleck
auf ihrem Jeanshosenschoß
schöner als sauber
über der Schrippe
funkelt ihr helles Auge
als Bethlehemstern
Haarparenthesen
um ihr Gesicht zürnt sie
zürnt sie in Klammern
mit einer Zeitung
die Ruhe im Zugabteil
völlig zerknistert
ganz plattes Flachland
irre spitzes Gebirge
und dunkle Tunnel

als ob er den Tod
in die Knie zwingen wollte
mit seinem Wissen
als müsste sie das
Geplärr durch ihre Ohren
hinunterwürgen
I
ihr feuchtes Auge
ringsum von dito feuchten
Wimpern umgeben
II
mit Wimpernbesen
fegt sie die Luft vor ihren
funkelnden Augen
III
als wär ihr Haar von
wo es mal war in ihre
Wimpern gewandert
IV
mit Wimpern fängt der
Sonnentau Fliegen sie fängt
mit Wimpern Männer
V
im nächsten Leben
wäre ich liebend gerne
ihr Wimpernbürstchen
VI
Wimpern im Pudding
weit weniger hässlich als
Haar in der Suppe
Türme verstecken
die Häupter in grauem Dunst
kann ich verstehen
die kahlen Bäume
jeder auf einem Teller
aus knallgelbem Laub

auf hundert Worte
einen Smiley als Antwort
lausige Zeiten
immer derselbe
Smiley und ich Narr glaube
sie lächelt mich an
schnurrend schmiegt sich ihr
Smartphone in ihre sahnig
samtweiche Wange
ich hab tatsächlich
von einer geträumt die ich
noch gar nicht kenne
Velgast – Hannover
Herbstabendsonne
die Wiesen kriechen unter
die Nebeldecke
trotz steifer Brise
standfest auf ihrer Sandbank
acht Einbeinmöwen
seit Dora dort war
ist dieses dunstige Kaff
mein Eldorado
rumms! rattengraue
Gewitterwolken wecken den
dösenden Sommer
what rumbling!
rat-grey thunderclouds rouse
summer from slumber
The Penguin Book of Haiku.
Translated and Edited by Adam L. Kern. 2018. 357.
Kichern und Stöhnen
vom Schlafzimmer her der Dieb
hat andres zu tun
Kichern und Stöhnen
vom Schlafzimmer her der Dieb
schnalzt mit der Zunge
the house burglar
overhearing sweet nothings
sticks out his tongue
The Penguin Book of Haiku.
Translated and Edited by Adam L. Kern. 2018. 199.
patschnasse Flecken
auf meinem Schoß vermutlich
Nixenschwanztropfen
die ungewohnte
Mansarde trifft meinen Kopf
mit harten Schlägen
Nixen aus Plastik
sind angenehmer im Bett
ihr Schwanz ist nicht nass

mausgraue Brandung
verdammt was sind nun Enten
und was sind Wellen?
im goldnen Rahmen
lächelt Leibniz mit Löckchen
und speckigem Kinn
sämige Tropfen
rinnen über die weiße
Flanke der Tasse
der Rock der Wirtin
scheint ihr zu kurz sie habe
doch selber Beine
sie hält ihn für mint
mir kommt er dagegen vor
wie matchalatte
er schreibt alles mit
selbst ihren Kuss und was sie
sonst noch so anstellt

im Winterregen
wie sie die Stirnen runzeln
hölzerne Buddhas
in winter rain
how they scowl …
the Buddhas
aus: „Issa’s Best: A Translator’s Selection of Master Haiku. (English Edition)“ Issa Kobayashi, David G. Lanoue 2012. (haikuguy.com)
gestern noch waren
sie grün bald sind sie kahl
die blonden Linden
die Kniebandage
unter dem kurzen Rock viel
schärfer als Strapse
wie schrecklich droht mir
wie freundlich lockt mich die Hölle
mit süßem Feuer
breitbeinig torkeln
die Krähen durch buntes Laub
vom Herbst besoffen
die Hasen im Park
mümmeln ganz unbeeindruckt
vom Zeitgeschehen
der Tisch getrocknet
nur meine Hose riecht noch
nach Federweißem
auf spitzen Füßchen
zittern sie stumm vorbei wie
Glockenspielpuppen
im Fegefeuer
fegen wir künftig feurig
auf Teufel komm raus
der Pfropfen bebt der
Schampus scharrt mit den Füßen
und möchte schäumen
ich bin verloren
sie hört meine Sünden am
Klang meiner Stimme
kein Teufel im Dienst
quälen wir halt einander
genüsslich selber
wer blickt noch zum Mond?
jetzt irrlichtert jedem ein
eigener Bildschirm

oben ihr Kirschmund
unten das sanfte Singen
der Seidenstrümpfe

winzige Frösche
Hals über Kopf auf der Flucht
vor meinen Schuhen
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