am Kinn sind Strapse
nicht halb so schön wie oben
an weißen Schenkeln
Kategorie-Archiv für Haiku und Senryū
Januarmorgen
gelblicher Nebel
heute duftet Hannover
schärfer als Shánghai
Anatolische Satteltasche
Baumschnitt
kein Ast mehr im Weg
jetzt kann er sehen wie sie
den Vorhang zuzieht
Ersatz
seit sie ihm weglief
schwärmt er für Filmstars die ihr
von weitem ähneln
Frost
I
die Buche im Schnee
auf einem Zweig die Krähe
im Kleinen Schwarzen
II
die Krähe freut sich
Schnee bringt ihr Kleines Schwarzes
prächtig zur Geltung
Modernes Theater
was schreien die so?
mag sein die schreien weil sie
nicht sprechen können
Modetrend
hauchdünne bunte
Kleider als Kirchenfenster
für fromme Flöhe
Maschsee
das Eis ist noch dünn
die Möwen heben ein Bein
und machen sich leicht
Neues Schlafmittel
statt Schäfchen zählt er
jetzt Joggerinnen die ihn
sanft überrunden
In den Leineauen
der alte Weiher
ein Wildschwein hechtet hinein
der Klang des Wassers
Eine Kontrafaktur zum berühmten Froschhaiku des Japaners Basho (1644-1694)
der alte Weiher
ein Frosch springt hinein
der Klang des Wassers
die sich anbot, ja geradezu aufdrängte, weil das gestrige Wildschwein, wenn auch wohl unwissentlich, es Bashos Frosch auf frappierende Weise gleichtat.
Silvester im Park
Feuerwerksfreude
ohne Getöse und Rauch
ein Knallerbsenstrauch

Frühlingsmorgen im Park
erschöpft vom Nachtdienst
stürzen zwei Fledermäuse
mir fast ins Gesicht
Christbaummode
Lametta ist out
bald wird man den kahlen Baum
wohl tätowieren
Schönheitsoperation
Biber verhelfen
den alten Erlen am Fluss
zu schlanken Fesseln
Dame im Garten
sie selbst sieht man nicht
man sieht durch grünes Gebüsch
nur ihre Zeitung
Dezemberfee
mit Punsch und Kerzen
macht sie die dunkle Straße
für uns zum Festsaal
Zimmer mit Parkblick
tritt sie ans Fenster
falten alle Karnickel
die frommen Pfötchen
Loblied auf einen Lebkuchen
für A. E.
ein krustiger Klotz
aber wenn man hineinbeißt
betörend klebrig
Herbstspaziergang
deutlich zu sehen
hinter entlaubten Büschen
ist nicht gut munkeln
Nachts auf dem Rad
das Rücklicht am Helm
macht jede keusche Gasse
zum Rotlichtbezirk
Cappuccino zum Mitnehmen
Novemberregen
tropft lustige Löcher in
fröstelnden Milchschaum
Adventsverbrechen
Frührentner fesselt
minderjährige Fichten
mit Lichterketten
Café Biedermeier
jenseits der Tasse
die große Welt ich bleibe
lieber in meiner
Rentnertreff
hier zählt nur eines
wer hat heute die besten
Hiobsbotschaften
Zufrieden zu Hause
Reisen verboten
macht nichts der bittre Grüntee
ist meine Madeleine
Winterkleidung
in all den Hosen
muss ich mich manchmal selber
stundenlang suchen
Geburtsanzeige
dass sie die Kinder
in Gramm auswiegen hat was
von Fleischertheke
Fahrradvergnügen
die Bodenwellen
vor meiner Haustür täglich
ein Achterbahnflug
Feldmaus
lugt keck aus dem Loch
als wäre der Acker nichts als
ihr Mantelkragen
Enttäuschung
im leeren Gasthaus
die wundermilde Wirtin
nirgends zu finden
Novemberallee
vom Sturm entblättert
wiegt sich das Ästeballett
im Dauerkopfstand
Goldener Oktober
im Park mal wieder
das bunte Herbstfest der Post
und der Feuerwehr
Polka Dots and Sunbeams
ein schmuckes Schäfchen
vom Dösen im Herbstgras mit
Kötteln bepunktet
„Polka Dots and Moonbeams“ ist ein Song aus dem Jahr
1940 und ein seither häufig aufgenommener Jazz-Titel.
Gartenwirtschaft
Eichhörnchen
kein Wind und trotzdem
wirbeln mitunter drüben
im Baum die Blätter
Familiensoziologie
die ganze Wohnung
ein Kinderzimmer
überall machen
die Kleinen Faxen
den Großen ist das
inzwischen ganz recht
die sind meist selber
nicht mehr erwachsen
Eine Mutter im Café
sie mag sein Geschrei
schließlich hat sie den Flegel
selber geboren
Grüne Laube
Herbstzeitlosigkeit
hier tickt keine Uhr manchmal
fallen Kastanien

Freundliche Wirtin
Laatzen
pausenlos möchte
ich kleckern damit sie kommt
und meinen Tisch wischt
Windsbraut
erst zaust sie den Baum
als sei sie wunders verliebt
und dann schläft sie ein
Skylla und Charybdis
Vergessen ist schlimm
aber Behalten häufig
noch weitaus schlimmer
Vorsorglicher Hinweis
Radfahrerin
Fahrradfrevel
Herbststrauß
Japanischer Pavillon
auf Reisstrohmatten
dienern Kimonos schweigend
vor grasgrünem Tee
Mein Wespenstich
auch wenn der Hals schmerzt
endlich prangt da mal wieder
ein fetter Knutschfleck
Dorfweiher
der Schwan wie üblich
schneeweiß nur an der Bordwand
klebt Entengrütze
Zimmerpflanzen
(Shanghai 1987)
Chrysanthemen mit
Jauche gedüngt nach jedem
Gießen die Hölle
Am Kiesteich
zwei Badenixen
umringt von Männern die tun
als ob sie läsen
Ganzkörpertattoo
ein Dorf voll Gedöns
wie soll der Bauer da noch
zur Kirche finden?
Verlassene Kapelle
Sommermode
Weihnachten sind die
Damen praktisch dieselben
nur mit Verpackung
Stiller Balkon
ab und zu häckselt
der Ventilator eine
versprengte Wespe
Herr und Gscherr
Kühlergrillgrinsen
manche Besitzer gucken
wie ihre Autos
If we pick up a brush, we feel like writing; if we hold a musical instrument, we wish to play music. Lifting a wine cup makes us crave saké; taking up dice, we should like to play backgammon. The mind invariably reacts in this way to any stimulus. … Phenomenon and essence are fundamentally one. (Essays in Idleness. The Tsurezuregusa of Kenkō. Translated by Donald Keene. [1967] Tokyo, Rutland, Singapore: Tuttle 1981. No. 157, 139.)
Sommernacht
ich Narr ich greife
im weißen Mondlicht nach Schnee
für einen Schneeball
Kokan Shiren (1278-1345): Winter Moon
Opening the window at midnight, the night air cold,
Garden and roof a gleaming white,
I go to the verandah, stretch out my hand to scoop up some snow –
Didn’t I know that moonlight won’t make a ball?
(Zen Poems. Selected and edited by Peter Harris. New York: Alfred A. Knopf 1999. 149. Übersetzung David Pollack.)
Popmusik in der Altstadt
das Brunnenrauschen
vor lauter sound of silence
nicht mehr zu hören
Frage an die Sprachberatung
Irrenhaus geht nicht
wie soll man heute die Welt
korrekt benennen?
Saubere Trennung
Abgesang auf meine Muse
Tattoo V
auf ihrem Schenkel
erzittert bei jedem Schritt
ein wilder Löwe
Sommermorgen
die Krähen rätseln
lauter geknickte Blumen
und Dellen im Gras
Himmel und Erde
Theorie des Haiku
nein Adlerschwingen
verleiht es dir nicht nur ein
Paar Wanderschuhe
Punk
kampfbereit lauert
schneeweiße Laufmaschenhaut
in schwarzen Nylons
Rohkost
die schlaue Schnecke
in meinem Salat tarnt sich
als rote Bohne
Treppenhausprinzessin
Radlerglück
was für ein Zufall
ein Luftloch im Helm genau
wo mir der Kopf juckt
Mein Fahrrad
Frühsommer
nach dem Spaziergang
zerstäubte Lindenblüten
auf meinen Schuhen
Beidhändig im Café
links Cappuccino
rechts kratzt er sich genüsslich
zwischen den Beinen
Cooles Telefonat
er hält das Smartphone
flach vor den Mund ein Spucknapf
für dumme Sprüche
Reklamation
Herrenhäuser Allee
die Linden summen
vor Lust die Bienen kitzeln
sie an den Blüten
Im Straßencafé
grellbunte Tattoos
geistig wohnt er auf ewig
im Kinderzimmer
Wahlspruch
aufs Leben pfeifen
und heiter weitermachen
solange es geht
Ein seltenes Talent
einfach nur ganz still
sitzen und einen alten
Hausschuh betrachten
Charles Bukowski (1920 bis 1994)
the area of pause
you have to have it or the walls will close
in.
you have to give everything up, throw it
away, everything away.
you have to look at what you look at
or think what you think
or do what you do
or
don’t do
without considering personal
advantage
without accepting guidance.
people are worn away with
striving,
they hide in common
habits.
their concerns are herd
concerns.
few have the ability to stare
at an old shoe for
ten minutes
or to think of odd things
like who invented the
doorknob?
they become unalive
because they are unable to
pause
undo themselves
unkink
unsee
unlearn
roll clear.
listen to their untrue
laughter, then
walk
away.
Charles Bukowski: The Pleasures of the Damned. Poems, 1951-1993. New York: HarperCollins 2007. 434f.
Google Bildersuche
die alte Flamme
auf einem neuen Foto
nach all den Jahren
Autokorrektur
der Bauch (schreibt Irma)
verzweige sich in Äste
mit grünen Blättern

Catulla
bildschön und züchtig
ich wünschte sie wäre nur
eines von beiden
Formosissima quae fuere vel sunt,
sed durissima quae fuere vel sunt,
o quam te fieri, Catulla, vellem
formosam minus aut minus pudicam!
Martial, Epigramme VIII 54 (53)
Junges Paar
er trottet ihr nach
als schleppte nicht sie sondern
er ihren Busen
Graffiti
Ikebana
ihr hautenges Kleid
eine bauchige Vase
nur für ihr Lächeln
Radfahrer
er kommt nicht voran
der Mundschutz zurrt ihm die Ohren
zu Bremsfallschirmen
Kiyotaki
Kioto, Oktober 2019
Zedernduft Weihrauch
und Moos der Waldweg braucht kein
Chanel Nummer fünf
Weicher Knorpel
der Mundschützer rutscht
mir vom Ohr als Lendenschurz
säße er fester
Myriam
beim Tee im Garten
spricht sie von Liebeswirren
und Schlüpfergummi
Dürre
beim Joggen im Park
schnuppern Gespenster aus Staub
an meinen Waden
Erlösung
die Wand seufzt selig
nach Wochen ohne Besuch
endlich ein Dübel
Rennrad I
Nachbarschaft
Abend für Abend
treibt sie Gymnastik an der
Gardinenstange

Osterlärm
wer klopft da an Blech?
der Specht besucht die Käfer
in der Laterne
Kleines Schwarzes
Bombus
Ein Einsiedler
die Welt sei zu klein
lieber wandre er heiter
in seinem Gärtchen
Trennung
das Wasserbett leer
Liebeswogen verebben
gurgelnd im Abfluss
Schöne Gärtnerin
im Frühlingskleidchen
sät sie vornübergebeugt
Honigmelonen
Richtigstellung
der Liebestöter
tötet die Liebe nicht ab
er sperrt sie nur ein
Lärm
ich leg mich aufs Ohr
möchte aber am liebsten
auf beiden liegen
Seemannsgarn
Hausbesuch
ein Traum
die Schneiderin bringt
Garderobe zur Probe
danach gibt es Tee
Hotelfenster
Stiller Verehrer
eine WhatsApp-Beziehung
sie schreibt ihm zwar nicht
doch kaum ist sie online
schon träumt er von ihr
Coronavirus
nach Japan reisen?
lieber trinke ich Sencha
bei mir zu Hause
Niedersächsischer Karneval
kein schräger Vogel
nur ein einzelnes Herbstblatt
als Spatz verkleidet
Abgesagte Reise
eine philosophische Einsicht
ich bleib zu Hause
sonst bin ich immer so weg
wenn ich nicht da bin
Ein Schönling in der Oper
Rachmaninoff: Klavierkonzert Nr. 3
ununterbrochen
die Angst der Virtuose
zerhackt den Flügel
„Rachmaninoff… It isn’t fair…
Every time I hear it, I go to pieces…
It shakes me, it quakes me.
It makes me feel goose-pimply all over.
I don’t know where I am or who I am or what I’m doing.
Don’t stop. Don’t stop. Don’t ever stop!“
(Marylin Monroe as The Girl in „The Seven Year Itch“)
Kleine Dirigentin
sie wirft die Arme
als wollte sie dadurch rasch
noch etwas wachsen
Modische Jeans
fransige Löcher
Kettfäden schneiden ins Fleisch
Rollschinkenschenkel
Nicht nötig
Schnupftuch gefällig?
ach was! sein Nasenpiercing
täuscht Schnupfen nur vor
Die armen Frauen!
ich habe heute
weinrote Boxershorts an
und keine sieht es
Winterblues
Warnung
der Knopf im Knopfloch
äußerst gespannt um Himmels
Willen nicht atmen
Eine Frauenseele
tief in ihr gluckert
ein Klapperstorchweiher voll
rosiger Babies
Vollmond
nachts schleicht er ums Haus
und gießt in jedes Fenster
ein Pfützchen Vollmilch
Barista
täglich verwirrt mich
ihr zärtliches Händchen am
Siebträgerhebel
Langer Rock
im Traum enthält er
ausschließlich sie im Leben
trägt sie was drunter
Stadtbahntheater
sie reckt sich zum Griff
lautlos hebt sich der Vorhang
auftritt ihr Nabel
Begegnung im Park
ein rotes Gesicht
ein gelber brustlanger Bart
und Böen von rechts
Weißer Reiher
verschneite Wiesen
der Reiher verbirgt sich
indem er weiß ist
In a snowfall
that obscures the winter grasses
a white heron –
using his own form
to hide himself away.
(Kigen Dogen 1200-1253)
(Zen Poems. Selected and edited by Peter Harris. New York: Alfred A. Knopf 1999. 146. Übersetzung Steve Carter.)
Wasservögel
die Wasservögel
kommen und gehen spurlos
und ohne Führer
Coming, going, the waterfowl
Leaves not a trace,
Nor does it need a guide.
(Kigen Dogen 1200-1253)
(Zen Poems. Selected and edited by Peter Harris. New York: Alfred A. Knopf 1999. 144. Übersetzung Lucien Stryk & Takashi Ikemoto.)
Dezemberhimmel
hoch oben trotten
zeitlupenmatt aschgraue
Hängebauchschweine
Selfie aus Seoul
Pappkulissen und
künstliche Blumen aber
ein echtes Lächeln
Kürbissuppe
der goldgelbe Fleck
auf ihrem Jeanshosenschoß
schöner als sauber
Weihnachtsfrühstück
über der Schrippe
funkelt ihr helles Auge
als Bethlehemstern
Beruhigend
Haarparenthesen
um ihr Gesicht zürnt sie
zürnt sie in Klammern
Leserin
mit einer Zeitung
die Ruhe im Zugabteil
völlig zerknistert
Zugreise
ganz plattes Flachland
irre spitzes Gebirge
und dunkle Tunnel

Alter Mann
als ob er den Tod
in die Knie zwingen wollte
mit seinem Wissen
Missmutig unter dem Kopfhörer
als müsste sie das
Geplärr durch ihre Ohren
hinunterwürgen
Ein Wimpernzyklus
I
ihr feuchtes Auge
ringsum von dito feuchten
Wimpern umgeben
II
mit Wimpernbesen
fegt sie die Luft vor ihren
funkelnden Augen
III
als wär ihr Haar von
wo es mal war in ihre
Wimpern gewandert
IV
mit Wimpern fängt der
Sonnentau Fliegen sie fängt
mit Wimpern Männer
V
im nächsten Leben
wäre ich liebend gerne
ihr Wimpernbürstchen
VI
Wimpern im Pudding
weit weniger hässlich als
Haar in der Suppe
November 2019
Türme verstecken
die Häupter in grauem Dunst
kann ich verstehen
Herbstwiese
die kahlen Bäume
jeder auf einem Teller
aus knallgelbem Laub

WhatsApp II
auf hundert Worte
einen Smiley als Antwort
lausige Zeiten
WhatsApp I
immer derselbe
Smiley und ich Narr glaube
sie lächelt mich an
Freihändig
schnurrend schmiegt sich ihr
Smartphone in ihre sahnig
samtweiche Wange
Aufgewacht
ich hab tatsächlich
von einer geträumt die ich
noch gar nicht kenne
ICE Strelasund
Velgast – Hannover
Herbstabendsonne
die Wiesen kriechen unter
die Nebeldecke
Ostseewunder
trotz steifer Brise
standfest auf ihrer Sandbank
acht Einbeinmöwen
Wustrow
seit Dora dort war
ist dieses dunstige Kaff
mein Eldorado
Schwüler Nachmittag
rumms! rattengraue
Gewitterwolken wecken den
dösenden Sommer
what rumbling!
rat-grey thunderclouds rouse
summer from slumber
The Penguin Book of Haiku.
Translated and Edited by Adam L. Kern. 2018. 357.
Nächtlicher Einbruch
Kichern und Stöhnen
vom Schlafzimmer her der Dieb
hat andres zu tun
Kichern und Stöhnen
vom Schlafzimmer her der Dieb
schnalzt mit der Zunge
the house burglar
overhearing sweet nothings
sticks out his tongue
The Penguin Book of Haiku.
Translated and Edited by Adam L. Kern. 2018. 199.
Feuchtgebiete
patschnasse Flecken
auf meinem Schoß vermutlich
Nixenschwanztropfen
Ostseeferien
die ungewohnte
Mansarde trifft meinen Kopf
mit harten Schlägen
Ostseesouvenirs
Nixen aus Plastik
sind angenehmer im Bett
ihr Schwanz ist nicht nass

November an der Ostsee
mausgraue Brandung
verdammt was sind nun Enten
und was sind Wellen?
Philosophenportrait
im goldnen Rahmen
lächelt Leibniz mit Löckchen
und speckigem Kinn
Cappuccino
sämige Tropfen
rinnen über die weiße
Flanke der Tasse






















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