rumms! rattengraue
Gewitterwolken wecken den
dösenden Sommer
what rumbling!
rat-grey thunderclouds rouse
summer from slumber
The Penguin Book of Haiku.
Translated and Edited by Adam L. Kern. 2018. 357.
rumms! rattengraue
Gewitterwolken wecken den
dösenden Sommer
what rumbling!
rat-grey thunderclouds rouse
summer from slumber
The Penguin Book of Haiku.
Translated and Edited by Adam L. Kern. 2018. 357.
Kichern und Stöhnen
vom Schlafzimmer her der Dieb
hat andres zu tun
Kichern und Stöhnen
vom Schlafzimmer her der Dieb
schnalzt mit der Zunge
the house burglar
overhearing sweet nothings
sticks out his tongue
The Penguin Book of Haiku.
Translated and Edited by Adam L. Kern. 2018. 199.
patschnasse Flecken
auf meinem Schoß vermutlich
Nixenschwanztropfen
die ungewohnte
Mansarde trifft meinen Kopf
mit harten Schlägen
Nixen aus Plastik
sind angenehmer im Bett
ihr Schwanz ist nicht nass

mausgraue Brandung
verdammt was sind nun Enten
und was sind Wellen?
im goldnen Rahmen
lächelt Leibniz mit Löckchen
und speckigem Kinn
sämige Tropfen
rinnen über die weiße
Flanke der Tasse
der Rock der Wirtin
scheint ihr zu kurz sie habe
doch selber Beine
sie hält ihn für mint
mir kommt er dagegen vor
wie matchalatte
er schreibt alles mit
selbst ihren Kuss und was sie
sonst noch so anstellt

im Winterregen
wie sie die Stirnen runzeln
hölzerne Buddhas
in winter rain
how they scowl …
the Buddhas
aus: „Issa’s Best: A Translator’s Selection of Master Haiku. (English Edition)“ Issa Kobayashi, David G. Lanoue 2012. (haikuguy.com)
gestern noch waren
sie grün bald sind sie kahl
die blonden Linden
die Kniebandage
unter dem kurzen Rock viel
schärfer als Strapse
wie schrecklich droht mir
wie freundlich lockt mich die Hölle
mit süßem Feuer
breitbeinig torkeln
die Krähen durch buntes Laub
vom Herbst besoffen
die Hasen im Park
mümmeln ganz unbeeindruckt
vom Zeitgeschehen
der Tisch getrocknet
nur meine Hose riecht noch
nach Federweißem
auf spitzen Füßchen
zittern sie stumm vorbei wie
Glockenspielpuppen
im Fegefeuer
fegen wir künftig feurig
auf Teufel komm raus
der Pfropfen bebt der
Schampus scharrt mit den Füßen
und möchte schäumen
ich bin verloren
sie hört meine Sünden am
Klang meiner Stimme
kein Teufel im Dienst
quälen wir halt einander
genüsslich selber
wer blickt noch zum Mond?
jetzt irrlichtert jedem ein
eigener Bildschirm

oben ihr Kirschmund
unten das sanfte Singen
der Seidenstrümpfe

winzige Frösche
Hals über Kopf auf der Flucht
vor meinen Schuhen
knielange Röcke
von schräger Morgensonne
kritisch durchleuchtet
der Buddha sitzt still
draußen hasten die Mönche
durch schrägen Regen
den Buddha mit den
zehntausend Händen spürt sie
am ganzen Leibe
der Bürstenstiel ragt
aus dem Pony die Gattin
als Morgeneinhorn
vom Treppenabsatz
späht sie ihm heimlich unter
den Hosenaufschlag
ein Auge blinzelt
aber das zweite lass ich
fürs erste noch zu
sie hält sie zärtlich
mit links und hackt ihr herzlos
mit rechts den Kopf ab
wenn sie die Gurken
so liebt warum ach schneidet
sie sie in Scheiben?
schneidet sie Gurken
wird mir allein vom Zuschaun
immer ganz anders
seit er verliebt ist
verbackt er täglich Gurken
in Marzipanteig
das Kleid ein Fuji
aus Tüll die Braut der Rauchpilz
über dem Krater
beim Ruf des Kuckucks
sehn ich mich selbst in Kioto
verdammt nach Kioto
Basho:
Even in Kyoto –
hearing the Cuckoo’s cry –
I long for Kyoto.
Aus: The Essential Haiku. Versions of Basho, Buson and Issa.
Edited with Verse Translations by Robert Hass. New York: HaperCollinsPublishers 1994. 11.
Damenfahrrad mit
plattem Reifen im Mondschein
vor seiner Haustür
seit letzten Freitag
raschelt in meinem Zimmer
ein Streifenhörnchen

sie zupft die Laute
während ich lausche ist mir
als zupfte sie mich
er hat ihr Gesäß
aus Versehen gestreift nun
schreibt es ihm Briefe
the hips
he patted by mistake
send him a letter
(aus: Stephen Addiss: The Art of Haiku.
Boston & London: Shambhala 2012. 161.)
wortreiche Hüften
senkt sie auf seinen standhaft
verschwiegenen Schoß
onto his silent lap
she lowers her
eloquent hips
(aus: Stephen Addiss: The Art of Haiku.
Boston & London: Shambhala 2012. 161.)
inzwischen können
die am Ende des Tunnels
mich husten hören
ein steiler Bergpfad
an jeder Biegung rempeln
mich Schmetterlinge
riesige Spinnen
spähen aus grünen Büschen
in meinen Kragen

Seidenspinne (Nephila Pilipes), Länge mit Beinen ca. 15 cm
der Regen glättet
die sanften Wellen im Kies
zu friedlichem Nichts
alpinistische Erkundungen in Hongkong
ein tollkühner Floh
hat sich beinaufwärts gebohrt
bis in die Wolken
sie näht sich Dessous
zeigt sie uns aber höchstens
auf drögen Fotos
so kurz man weiß nicht
wo franst der Saum und wo die
Trägerin selber
Bohnenstange knipst
Litfaßsäule tatsächlich
ein starkes Motiv
unter den Armen
mit zwei zwischen den Beinen
mit einer Stimme

schon ausgetrunken
nur noch am Grund der Schale
ein giftgrüner See
Nachtüberraschung
im bleichen Vollmond plappert
ein roter Krater
nachts träumt sie von mir
aber sie sagt mir nicht was
da träum ich halt selbst
die Augen bei Fuß
die Ohren in Bäumen voll
Vogelgezwitscher
ein paar Schluck Kaffee
schon wird das Marmortischchen
zum Weltenlenkrad

im Ernstfall schwächelt
jedes Parfüm am Ende
duften wir selber
rasende Blechwurst
von Bässen rhythmisch gebläht
und erst der Fahrer
mit goldnen Fingern
fummelt der Vollmond zwischen
den feuchten Gräsern
[As the wind rises,]
Dewdrops come glimmering down,
And pliant pampas
Soon divide themselves to let
The moon nestle there a while.
[The Zen Poems of Ryokan. Selected and Translated with an Introduction, Biographical Sketch, and Notes by Nobuyuki Yuasa. Princeton: Princeton University Press 1981. 136.]
Die Anregung zu diesem Vers geht zwar auf Ryokan und Nobuyuki Yuasa zurück. Aber es handelt sich selbstverständlich nicht um eine angemessene Übersetzung: Insbesondere entspricht das englische Verb „to nestle“ gewiss nicht dem deutschen „fummeln“!
aus schwarzen Trikots
windmühlenflügeln bleiche
Strumpfhosenbeine
rechts und links Krücken
wie soll das arme Kind nun
sein Smartphone halten?
die Blumen im Park
so bunt dass man sich glatt den
Winter zurückwünscht

die schwarzen Socken
ganz blau es fehlt an Frischluft
in meinen Schuhen
mit Haut und Haaren
stürzt sie sich in die Blüte
ich könnte das nicht
zwischen zwei Herren
im Zug an welche Schulter
soll sie sich lehnen?
er lässt an gar nichts
ein gutes Haar er will das
Haar in der Suppe
ein Bild des Jammers
Furchen reichlich aber kein
einziger Spargel
dunstige Zugfahrt
hundert buschige Hügel
mit dunklen Tunneln
ein deutsches Märchen
die Amsel leide
die Sommerzeit schade dem
Klang ihrer Stimme
der ewige Streit
wer Recht hat wer gut ist
nichts als Gequake
Ikkyū Sōjun (1394-1481):
[In the midst of happiness there is trouble in Ikkyū’s school.]
Each frog fighting for respect at the bottom of the well;
Day and night busy thinking about the details of the scriptures;
Right and wrong, self and other, fussing away a whole life.
[樂中有若一休門]
個個蛙爭井底尊
昼夜在心元字腳
是非人我一生喧
Arntzen, Sonja: Ikkyū Sōjun. A Zen Monk and his Poetry. Occasional Paper No. 4. Program in East Asian Studies. Western Washington State College. Washington 1973. 98f.
die Tempelfliegen
verdrehen die Pfötchen wie
Rosenkranzbeter
Kobayashi Issa (1763-1827):
The flies in the temple
imitate the hands
of the people with prayer beads.
The Essential Haiku. Versions of Basho, Buson, and Issa. Edited and with Verse Translations by Robert Hass. New York: HarperCollins 1994. 188.
Chrysanthemenzüchter
werden schließlich zu Sklaven
der Chrysanthemen
Yosa Buson (1716-1783)
when you grow chrysanthemums
you become a servant
of chrysanthemums
Collected Haiku of Yosa Buson. Translated by W.S. Merwin & Takako Lento. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press 2013. 169.
Chrysanthemum growers –
you are the slaves
of chrysanthemums!
The Essential Haiku. Versions of Basho, Buson, and Issa. Edited and with Verse Translations by Robert Hass. New York: HarperCollins 1994. 100.
sie schlägt zwar nur kurz
aber tief innen summt sie
noch lange weiter
die Trommelfelle
wölben sich aufwärts auswärts
und abwärts einwärts
so falsch sie auch singt
ergraute Herren betteln
um Autogramme
ihr böser Schnupfen
und die Rassel des Enkels
ununterscheidbar
(Der Gebrauch von Taschentüchern ist in Japan unüblich.)
im Tempel noch Frost
draußen trifft mich die Zeder
mit einem Schneeball
finster entschlossen
nicht aufzubrechen mache
ich mich auf den Weg
zehntausend Tempel?
Erleuchtung winkt oft auch bei
Kaffee und Kuchen
Bashos Frosch hopst nicht
Regentropfen im Tontopf
sonst tote Hose
Matsuo Basho (1644-1694):
der alte Weiher
ein Frosch springt hinein
der Klang des Wassers
Siehe auch: Erkundungen im Iwama-Tempel am Biwasee
ihr klebt die Lippe
nach jedem Schluck noch lange
am Rand der Tasse
fliegendes Schwarzhaar
auf Zehenspitzen in Pumps
zum wartenden Bus
sie meint den Kuchen
kratzt aber mit der Gabel
an ihrem Smartphone
wer braucht schon Hauben?
die Klosterküche verwöhnt
mit Seetangsuppe
weiden da Schafe?
sieben Japaner bimmeln
auf steilem Bergpfad
Im japanischen Bergwald ist das Mitführen kleiner Glöckchen üblich. Durch das Gebimmel sollen unliebsame Begegnungen mit wilden Bären verhindert werden.
Wind löscht die Kerzen
aber der Buddha lächelt
als ob sie brennten
erst ziehharmonisch
über die Füße
es folgt ein langer
verwegener Ritt
beinaufwärts zu den
Waden und Schenkeln
dann endlich spürt man
den Anschlag im Schritt
Der Autor hat bei dem Versuch, im kalten Japan warme Kleidung überzustreifen, Erfahrungen gemacht, die er der literarischen Öffentlichkeit keinesfalls vorenthalten möchte. – Einer klugen Leserin ist es übrigens gelungen, diesen Reim allen Ernstes frauenfeindlich zu finden: Glückwunsch!
taufrisch und sauber
riechen sie doch verlockend
nach Meeresfrüchten
Es war leider nicht zu klären, ob die Hotelwäscherei etwa neben einer Marinadenfabrik liegt.
von allen Tischen
schniefen Schnupfen einander
geheime Grüße
ganz ohne Weihrauch
müssen hölzerne Buddhas
kläglich ersticken
Schiffe im Nebel
smartphoneblind warnt man einander
durch Naseschniefen
Kioto
aus nur zwei Beinen
flicht sie im Stehen einen
geschnörkelten Zopf
der rote Wegschrein
zermalmt wo soll der Berggeist
in Zukunft wohnen?
I
schon tausend Stufen
und ach zum Gipfeltempel
noch einmal tausend
II
der Berggeist schmückt mir
den Weg mit einem Teppich
aus Morgensonne
III
Kopfhörer brauche
ich nicht mir genügen die
Lieder der Krähen
IV
der Sturm letztes Jahr
den Waldweg durchweht der Duft
gefällter Zedern
Fellohrenschützer
so breit wie der halbe Kopf
Nicht überholen!
maikäferleise
summt eine alte Nonne
wortlose Lieder
Shoren-in
die Kronen wogen
unten knarzen gelassen
mächtige Stämme
strebt sie nach Bildung?
ach was! sie schaut im Spiegel
nach ihren Pickeln
er lächelt zwar nicht
aber er grüßt die Gäste
mit Wintersonne
selbst als der Bus kommt
rührt Yoko sich nicht vom Fleck
sie wartet so gern
I
winziges Mädchen
mit Stubenfliegenbeinen
schleppt großen Ranzen
II
winziges Mädchen
von einem Riesenranzen
schulwärts getrieben
Berge in Wolken
feuchtkalter Wind ich bleibe
zufrieden im Bett
gewaltige Schals
als läge ein Tennisball
auf einem Sofa

die tragen Mäntel
als hätten sie gleich den Schrank
mit angezogen

Stimmen Gelächter
Schinken Brötchen Salami
und weißer Milchschaum
so zart sie auch ist
wenn sie im Gang vorbeiläuft
erdbebt mein Sessel
von fern ist sie schick
von nahem aber schnurkst sie
den Nasenrotz hoch
am Ende gluckert
selbst noch die größte Liebe
durch Abflussröhren
die Schere im Kopf
kann er sich durchaus sparen
er denkt nur Kurzes
künstliche Wimpern
wie Straßenbesen Blicke
wie Kehrmaschinen
die Wiese noch grün
die Maulwurfshügel schon weiß
einhundert Fujis
klammheimlich rückt er
verrutschte Flurfußmatten
auf rechten Winkel
Tamsui, Taibei
den Graukopf gebeugt
die Weihrauchlanze in Glut
stürmt sie den Tempel
statt Wimpern Stacheln
hinter der Brille Augen
wie Tellereisen
stolz schwebt er über
dem Teich insgeheim steht er
auf einer Sandbank
die Mauern sind nicht
nur schwarz sie haben auch noch
die Buckelseuche
in all der Seide
abends die kleine Geisha
nicht mehr gefunden
die weiße Wand die
schwarzen Schatten der Zweige
ein springender Punkt
die Hochsteckfrisur
ein schönes Geheimfach für
Hintergedanken
Männerhände auf
zarten Rücken erst oben
dann weiter unten
Tag für Tag übt sie
mit echtem Schampus nur ja
nicht umzufallen
das Kleid erweist sich
wenn man ganz unten drauftritt
als oben zu kurz
finstre Gesichter
das neue Jahr scheint ihnen
nicht zu gefallen
eine quantitative Untersuchung
101 Frauen
45 Gespräche
1 höllischer Lärm
sie langweilt oben
unten aber erfreut sie
mit Spitzenstrümpfen
sie dösen wortlos
über ihrem Prosecco
goldene Hochzeit
im Nachbargarten
das vergessene Bierglas
schon halb voll Regen
sie tauscht alles um
nur für den Gatten fehlt ihr
der Kassenzettel
dutzende Strümpfe
wenn doch ach wenigstens zwei
zusammenpassten
die Bäume im Park
ganz ohne Kerzen und Kitsch
welch eine Wohltat
I
kein Stern am Himmel
nur noch die sturmverwehten
Hemden der Engel
II
die hellen Fenster
spiegeln sich in den Pfützen
doppelte Freude
mehr und mehr Frauen
tragen wieder statt Jeans die
eigenen Beine
Sprudel ist ihnen
ein Graus sie schlürfen verzückt
reizloses Wasser
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