Bärenglöckchen

weiden da Schafe?
sieben Japaner bimmeln
auf steilem Bergpfad

 

Im japanischen Bergwald ist das Mitführen kleiner Glöckchen üblich. Durch das Gebimmel sollen unliebsame Begegnungen mit wilden Bären verhindert werden.

Über das Anlegen einer Strumpfhose

erst ziehharmonisch
über die Füße
es folgt ein langer
verwegener Ritt
beinaufwärts zu den
Waden und Schenkeln
dann endlich spürt man
den Anschlag im Schritt

 

Der Autor hat bei dem Versuch, im kalten Japan warme Kleidung überzustreifen, Erfahrungen gemacht, die er der literarischen Öffentlichkeit keinesfalls vorenthalten möchte. – Einer klugen Leserin ist es übrigens gelungen, diesen Reim allen Ernstes frauenfeindlich zu finden: Glückwunsch!

Atago San

I

schon tausend Stufen
und ach zum Gipfeltempel
noch einmal tausend

II

der Berggeist schmückt mir
den Weg mit einem Teppich
aus Morgensonne

III

Kopfhörer brauche
ich nicht mir genügen die
Lieder der Krähen

IV

der Sturm letztes Jahr
den Waldweg durchweht der Duft
gefällter Zedern

da geht ein Bettler
Himmel und Erde trägt er
als Sommerkleider

Kikaku (1661-1707)

There a beggar goes!
Heaven and Earth he’s wearing
for his summer clothes!

(aus: Anthology of Japanese Literature. From the Earliest Era to the Mid-nineteenth Century. Compiled and edited by Donald Keene. Tokyo: Tuttle 1956. 385. Übersetzung: Harold G. Henderson.)

Lama-Tempel, Beijing

den kleinen Buddha
seh ich komplett vom großen
gerade die Zehen

Der hölzerne Buddha in der Haupthalle des Tempels ist achtzehn Meter hoch; sein oberer Teil ist in der engen Halle nur schwer und nur mit in den Nacken gebeugtem Kopf zu betrachten.

Japanischer Farbholzschnitt

oben Kimonos
unten kämpfende Schenkel
und Kiefernborsten

„Shunga (jap. 春画, Frühlingsbilder) ist der japanische Begriff für Gemälde, Drucke und Bilder jeder Art, die in expliziter Weise sexuelle Handlungen darstellen. Obwohl Shunga auch als Gemälde, Zeichnungen, Kupferstiche oder Fotos existieren, werden darunter üblicherweise entsprechende japanische Farbholzschnitte oder Bücher der Edo- und Meiji-Zeit (17. Jahrhundert bis 1912) verstanden.“ (Wikipedia)

Ikkyūs Zen

Sitzen und Singen?
lieber die schlichte Weisheit
der Sinnesfreuden

Ikkyū Sōjun (1394-1481)

don’t hesitate get laid that’s wisdom
sitting around chanting what crap

(Crow With No Mouth. Ikkyū. Fifteenth Century Zen Master.
Versions by Stephen Berg. Port Townsend: Copper Canyon Press 1989. 54. Klappentext: „Zen master Ikkyū Sōjun was a Japanese monk-poet-calligrapher-musician who celebrated erotic love and attained satori upon hearing a crow call. Appointed headmaster at Daitokuji, the great temple in Kyoto, he lasted nine days before denouncing the rampant hypocrisy among the monks. He invited them to look for him in the sake parlors of the Pleasure Quarters.“)


Schnuppe

Jahreszeiten sind
schnuppe wichtig ist eine
ruhige Seele

[无门]慧开 (1183-1260): 春有百花

春有百花秋有月
夏有凉风冬有雪
若无闲事挂心头
便是人间好时节

[Wumen] Huikai (1183-1260): Spring Has Its Myriad Flowers

Spring has its myriad flowers, autumn its moon;
summer has cool breezes, winter its snows.
If your mind is free of trivial worries,
this then is a good season in human terms.

(A Full Load of Moonlight. Chinese Chan Buddhist Poems. Translated by Mary M. J. Fung and David Lunde. Hongkong: Musical Stone Culture 2014. 82.)