I
kein Stern am Himmel
nur noch die sturmverwehten
Hemden der Engel
II
die hellen Fenster
spiegeln sich in den Pfützen
doppelte Freude
I
kein Stern am Himmel
nur noch die sturmverwehten
Hemden der Engel
II
die hellen Fenster
spiegeln sich in den Pfützen
doppelte Freude
mehr und mehr Frauen
tragen wieder statt Jeans die
eigenen Beine
Sprudel ist ihnen
ein Graus sie schlürfen verzückt
reizloses Wasser
sie wirken grämlich
ihnen fehlt die korrekte
Untergangsfreude
sie lächelt mir zu
ich (70) stürme ins Bad
mein Haar zu strählen
blond und mit Brille
gluckert sie als ersöffe
in ihr ein Goldfisch
es geht ihnen gut
unglücklich sind sie trotzdem
aus Überzeugung
sie hat schon alles
leider hat sie es nicht in
anderen Farben
seitlich geschoren
nur ganz oben Locken ein
qualmender Schornstein
die lauten Nachbarn
von der Terrasse verscheucht
Herbstregenschauer
nach all der Sonne
der kühle Nieselregen
auf meinen Wangen
wenn sie nicht da ist
tanzen in ihren Schuhen
die Seidenstrümpfe
sie kickt die Pumps weg
und speist in Söckchen er träumt
von langen Nylons
wenn man gut hinhört
hört man ihr dunkles Auge
beim Zwinkern schmatzen
frei nach Arno Schmidt: Tina / oder
über die Unsterblichkeit. 1958.
eingezwängt zwischen
Schwabbelbacke und Kopftuch
ihr weißes Handy
der Mond gespiegelt
in tausend Suppenschälchen
mit Lauch und Nudeln
sie drückt auf den Knopf
schon ist ihr Sommerkleidchen
wie weggeblasen
haarig war gestern
hier rasiert man sogar schon
die Kokosnüsse
manche verreisen
um auswärts ihre Tattoos
Gassi zu führen
immer nur Weihrauch
sie träumt des Nachts von einem
Posten im Fischmarkt
statt eines Fischs ein
Portemonnaie nun streiten sie
lachend ums Geld
sie schwingt die Hüften
in Nylons und knappem Rock
wie soll ich essen?
im Nachbarhochhaus
leuchtet von tausend Fenstern
ein einziges rot
er hat sie versetzt
nun isst sie trotzig lauter
Hörnchen mit Butter
ein kühler Windstoß
Gänsehaut wandert über
die Bäume im Park
am Stehtisch grübelt
über dem Cappuccino
ein brauner Turban
er schwingt die Beine
lässig seitlich im Halbkreis
um seine Mitte
Zeitungsgezeter
lieber hör ich das leise
Murmeln der Haiku
ein kurzes Glitzern
später die ganze Nacht lang
der goldene Mond
statt hoch zur Sonne
schaut sie zur Spitzenwäsche
im Nachbargarten
über dem Stadtpark
zerfetzte Wolken Bäume
mit Sturmfrisuren
zwei alte Damen
bekämpfen einander mit
Goldschmuck und Enkeln
da geht ein Bettler
Himmel und Erde trägt er
als Sommerkleider
Kikaku (1661-1707)
There a beggar goes!
Heaven and Earth he’s wearing
for his summer clothes!
(aus: Anthology of Japanese Literature. From the Earliest Era to the Mid-nineteenth Century. Compiled and edited by Donald Keene. Tokyo: Tuttle 1956. 385. Übersetzung: Harold G. Henderson.)
was wir auch sagen
jeden kleinen Gedanken
durchkreuzen Wespen
ein Originalton
… ohne Light haben
wir Joghurt nicht wir haben
nur Joghurt mit Light …
kaum tanzen Wespen
vor ihrer Nase schon springt
sie auf und tanzt mit
knisternde Spannung
Hemdbrustknopflöcher würgen
röchelnde Knöpfe
die Bäume rascheln
wie Cornflakes die Brise knirscht
zwischen den Zähnen
bei ihr weiß ich nie
ist sie die Wespe oder
der Pflaumenkuchen
an straffer Leine
stürzt sie mit ihm ins Gebüsch
zu seinen Mäusen
die Säume wandern
langsam vom Südpolarkreis
an den Äquator
besser als Eiskrem
kühlt es mich ab ihr Foto
nicht anzusehen
im Schrank nur ein Schlauch
mit ihr drin dagegen die
Hülse der Venus
ich klopfe zärtlich
streichle sogar ihre Tür
und sie ist nicht da
null Ferner Osten
kaufen saufen und knipsen
ganz wie zu Hause
sie zerrt die Hotpants
in sich hinein um lange
Beine zu kriegen
I
in rosa Tüllkram
verkleidet die künftige
Herrin des Hauses?
II
huckepack trägt er
die Braut ist er ihr Retter
oder ihr Esel?

den kleinen Buddha
seh ich komplett vom großen
gerade die Zehen

Der hölzerne Buddha in der Haupthalle des Tempels ist achtzehn Meter hoch; sein oberer Teil ist in der engen Halle nur schwer und nur mit in den Nacken gebeugtem Kopf zu betrachten.
statt warmer Hosen
tragen die Frauen ihren
Zitronenpudding
im Mauergeviert
unter Bananenblättern
blinzelt die Katze

im Herzen wiegen
hundert goldene Buddhas
noch nicht mal ein Gramm
im Nebenzimmer
startet und landet ein Paar
schon seit zwei Stunden
nur ja keine Frau
lieber eine gewiefte
Ventilatorin
Shigain Monzeki Tempel, Sakamoto
wie wäre es still
im Klostergarten rülpste
da nicht ein Karpfen
zwölfmal umkreist sie
die Tempelhalle Buddha
verdreht sich den Hals
Nachmittagssonne
zwischen Socken und Rocksaum
goldene Waden
oben Kimonos
unten kämpfende Schenkel
und Kiefernborsten

„Shunga (jap. 春画, Frühlingsbilder) ist der japanische Begriff für Gemälde, Drucke und Bilder jeder Art, die in expliziter Weise sexuelle Handlungen darstellen. Obwohl Shunga auch als Gemälde, Zeichnungen, Kupferstiche oder Fotos existieren, werden darunter üblicherweise entsprechende japanische Farbholzschnitte oder Bücher der Edo- und Meiji-Zeit (17. Jahrhundert bis 1912) verstanden.“ (Wikipedia)
sie hat fast nichts an
und trotzdem platzt sie krachend
aus allen Nähten
sogar der Goldfisch
nimmt sich ein Seerosenblatt
als Sonnenschirmchen
der Tempelgeist schläft
manchmal zittern die Farne
wenn er sich umdreht

ein Luftzug wölbt die
Gardine prompt träume ich
etwas Gewölbtes
Bashos Froschs Enkel
plumpsen zwar nicht in den Teich
aber sie quaken
Matsuo Basho (1644-1694):
der alte Weiher
ein Frosch springt hinein
der Klang des Wassers

der Goldfischweiher
trägt jetzt ein weißes Pelzchen
aus Wasserspritzern
man sieht sie zwar nicht
aber im Nebenzimmer
hört man sie kichern
nicht hier und nicht da
eigentlich beinah nirgends
fast schon gestorben
Zwiebelmettbrötchen
munden ihm gut er atmet
die deutsche Kultur
die Nasenhaare
gestutzt bald summen Bienchen
in meine Nüstern
Sitzen und Singen?
lieber die schlichte Weisheit
der Sinnesfreuden
Ikkyū Sōjun (1394-1481)
don’t hesitate get laid that’s wisdom
sitting around chanting what crap
(Crow With No Mouth. Ikkyū. Fifteenth Century Zen Master.
Versions by Stephen Berg. Port Townsend: Copper Canyon Press 1989. 54. Klappentext: „Zen master Ikkyū Sōjun was a Japanese monk-poet-calligrapher-musician who celebrated erotic love and attained satori upon hearing a crow call. Appointed headmaster at Daitokuji, the great temple in Kyoto, he lasted nine days before denouncing the rampant hypocrisy among the monks. He invited them to look for him in the sake parlors of the Pleasure Quarters.“)
ob ihr der Fahrtwind
beim Rock hinein- und bei den
Ohren herauspfeift?
… rote Kirschen auf
Sahne ich träume täglich
von Ihrer Torte! …
im Westen Silber
die hohen Kiefern schon schwarz
Holzschnitt mit Amsel
nun ist sie wieder
in Misburg lieber schriebe
ich ihr nach Paris
selbst die Gioconda
würde zum Mauerblümchen
vor diesem Lächeln
nicht eine Wimper
lässt sie zu Hause sie reist
komplett nach Paris
ihr Rocksaum schaukelt
der Ventilator weht uns
Wind um die Beine
erst nur Gepiepse
aber allmählich lernen
die Kleinen singen
wo sonst ihr Mund war
schmollt jetzt in ihrem Gesicht
ein Entenschnabel
unsere Traumfrau
muss uns die Träume vorher
schriftlich gestatten
künstliche Wimpern
in einem bösen Gesicht
Augen mit Krallen
am Ende waren
unsere Herzen schneller
als unsre Füße
ihr Achterbahntraum
ich wäre damals verdammt
gern zugestiegen
da träumt mal endlich
eine von mir und ich? ich
Trottel verschlaf es
die Wipfel wogen
uns weht der lauwarme Wind
wild durch die Köpfe
sie klopft ich fege
schnell noch die toten Fliegen
von der Kommode
ob sie Kakao mag?
seit Tagen feile ich an
der Einkaufsliste
der Alsterwal bläst
der Wind weht feinen Nebel
in meinen Kaffee
ihr rundliches Knie
unter dem Flecken Sonne
ein weißer Kohlkopf
ohne Bedenken
würgt sie auch noch die Börse
in ihre Hose
Jahreszeiten sind
schnuppe wichtig ist eine
ruhige Seele
[无门]慧开 (1183-1260): 春有百花
春有百花秋有月
夏有凉风冬有雪
若无闲事挂心头
便是人间好时节
[Wumen] Huikai (1183-1260): Spring Has Its Myriad Flowers
Spring has its myriad flowers, autumn its moon;
summer has cool breezes, winter its snows.
If your mind is free of trivial worries,
this then is a good season in human terms.
(A Full Load of Moonlight. Chinese Chan Buddhist Poems. Translated by Mary M. J. Fung and David Lunde. Hongkong: Musical Stone Culture 2014. 82.)
sie schwenkt die Hüften
auf Teufel komm raus doch ach
der Teufel bleibt drin
bin längst woanders
und sitze doch noch auf dem
gelbroten Sofa
zwei Tassen Kaffee
zehnmal zehntausend Worte
zweimal zwei Füße
draußen schwirren die
Schwalben wir fliegen drinnen
auf bunten Polstern
zwischen 2 Tüten
Pflaumen und 3 Pfund Gurken
1 Liebesgedicht
die Amseln zwitschern
die bleiben wohl lieber noch
hier auf der Erde
sie spricht in Schwarzweiß
ich aber höre alles
in Haut und Himbeer
er gilt als Genie
dabei kann er noch nicht mal
richtig vergessen
vom höchsten Balkon
sehen wir ganz weit unten
die Macht des Schicksals
„La forza del destino (Die Macht des Schicksals)“ ist eine
1862 uraufgeführte Oper in vier Akten von Giuseppe Verdi.
alle schon fort der
Kellner schielt nach der Uhr wir
reden noch immer
die Tür steht offen
ein Eichhörnchen liest das Buch
auf meinem Schreibtisch
ihr steifes Röckchen
gaukelt uns vor ihr Hintern
sei eine Scheibe
die Beinpinzette
zupft noch die kleinsten Stäubchen
vom Bühnenboden
sie ringt die Arme
um aller Welt zu zeigen
wie groß der Mond ist
sollte man Frauen
die Enkel erwarten nicht
großschwanger nennen?
Pappmachégeisha
Nacht für Nacht steigt sie lächelnd
zu mir herunter

Frl. Suzuki, ehemals Werbebotschafterin für TEEFIX-Tee, ist pensioniert, aber durchaus noch rüstig.
er wiegt sich stets erst
wenn er rasiert ist klar doch
dann ist er leichter
beschwingt vom Rührei
planen wir eine wilde
Spritztour nach China
sie ist so diskret
ihr Mund vor lauter Schweigen
nur noch ein Knopfloch
sie sagt sie bebe
ich sehe ein Cello mit
summenden Saiten
das Karussell rast
eben dreht es mich wieder
am Frühling vorbei
er mimt den Riesen
insgeheim aber steht er
auf einer Sandbank
die Zeitung kaut ihn
uns vor aber ich koste
ihn lieber selber
er weiß fast alles
sein Kopf ist so voll dass er
den Mund nicht zukriegt
A Cup of Tea: Nan-in, a Japanese master during the Meiji era (1868-1912) received a university professor who came to inquire about Zen. Nan-in served tea. He poured his visitor’s cup full, and then kept on pouring. The professor watched the overflow until he no longer could restrain himself. ‚It is overfull. No more will go in!‘ ‘Like this cup,‘ Nan-in said. ‘You are full of your own opinions and speculations. How can I show you Zen unless you first empty your cup?‘ (aus: Reps, Paul (ed.): Zen Flesh, Zen Bones.)
Neuschnee im Frühling
Susi trägt wieder Strapse
aus warmer Wolle
knarzende Dielen
machen aus simplen Bildern
erst richtige Kunst
Hannover – Lübeck
glücklich bewundern
Mutter und Tochter nichts als
Mutter und Tochter
nein keine Haie
Hasenohrspitzen über
dem Bodennebel
warum nur blühen
ausgerechnet zu Ostern
die Osterglocken?
vornübergebeugt
schaufelt sie Schnee mir wird nach
Frühling zumute
statt Blümchendessous
trägt sie nun wieder trotzig
den weißen Schlafrock
sie spricht als stünde
sie vor dem Spiegel im Bad
und übte schön sein
臨水夫人廟, Tainan
ein wenig graut mir
vor dieser Göttin für Milch
und Kindergeschrei

„Lady Linshui is a deity born from the legend of a woman named Chen Jinggu. This was a woman of the early AD700’s who was said to be the daughter (or avatar) of the goddess Guanyin. Chen Jinggu was a prodigy child who could speak shortly after birth and write shortly after learning to walk. She had a very storied life, but to make a long story short, she was a rain shaman who battled snake demons and then became a master of childbearing practices after her death. Legends abound about her life and she is well represented in popular film and fiction.“ (Quelle: https://tainancity.wordpress.com/2010/11/06/lady-linshui-temple/)
Konfuziustempel, Tainan
die sehn gar nicht hin
denen genügen Namen
und Jahreszahlen
Neue Hoffnung für alleinreisende Herren
Frauen mit Smartphone
irren sich leicht in der Tür
man muss nur warten
Silks Place, Tainan
über dem Rührei
leuchtet ihr Lächeln heller
als Morgensonne
ein freundlicher Gott
zaubert sie duftig und frisch
in meinen Aufzug
nur Augenblicke
schwebt der Lift aufwärts leider
bleibt er nicht stecken
ich träum mir heut nacht
die zehn Sekunden mit ihr
zum Schäferstündchen
Tainan
im Fenster Seide
drinnen schlürfen die Damen
Kaldaunensuppe
Tainan
die Götter strahlen
nach all dem Weihrauch endlich
mal was Konkretes

Taiwan
der Weg zum Tempel
muss er denn immer über
Schrottplätze führen?
Tamsui, Taibei
die Räucherstäbchen
als Feuerlanze voran
stürmt sie den Tempel

Kälte und Regen
ach nun schmachten die Beine
wieder im Dunkeln
Qixing Shan, Taibei
rings in den Bäumen
murmeln die Morgenvögel
wie sanfte Quellen

nur Katastrophen
der Rücken das Herz das Bein
und ach die Männer
keine Erleuchtung
höchstens die Überprüfung
der Steckkontakte
die Frau verwirrt mich
sind diese Dinger Finger
oder Gemüse?
wir promovieren
selbst noch den letzten Trottel
zum Besserwisser
ihr Carmenkragen
die Schultern ein weißes Schiff
in schwarzem Wasser
der fliegende Ast
ein aus dem Park verscheuchter
fauchender Drache
smartphoneversunken
ertrotzen sie sich das Recht
im Weg zu stehen
als Vorkommando
purzelbaumende Wölkchen
über den Wipfeln
wir löffeln Eier
was aber tun die Schiffe
hinter dem Nebel?
trockenes Laub weht
über den eisigen Weg
ein Trommelwirbel
täglich Lametta
das ganze Jahr lang glitzert
Philines Goldschopf
kleine Gehirne
verblüffend friedlich zu zweit
in einer Schale
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