I
angeblich Zwiebeln
tatsächlich aber Knödel
mit Zipfelmütze
II
über den Dörfern
läuten üppige Hüften
und schlanke Taillen
I
angeblich Zwiebeln
tatsächlich aber Knödel
mit Zipfelmütze
II
über den Dörfern
läuten üppige Hüften
und schlanke Taillen
erst haben wir sie
für erfroren gehalten
eiserne Krähen
man kennt das Prinzip
über dem schlaffen Kragen
ein rosiger Kopf
im Unmaß gespielt
sind sogar Bach und Mozart
nichts als Gedudel
Auf NDR-Kultur habe ich kürzlich in nur einer halben Stunde Beethoven, Händel, chinesische Musik, Liszt, Léhar und irgendeinen Tango schlucken müssen. Welche musikalischen Allesfresser können einen solchen Eintopf verdauen?
der braune Koffer
schwebt beinah lautlos durchs Schilf
ein kleines Wildschwein
nur mäßig gespielt
doch die Frisürchen perfekt
wie vor dem Anpfiff
ferne Laterne
auf der Tapete tanzen
zwei Kiefernzweige
immer dieselben
Perlen der Klassik auch nicht
besser als Schlager
durch kleine Löcher
in schwarzer Seide schaut sie
mir auf die Finger
kein Badebetrieb
die Möwen verreist nur noch
zwei Krähen und ich
für I.
kein Pferd weit und breit
aber die Hose besetzt
mit blankem Leder
den Ernst beherrschen
sie noch aber beim Unsinn
müssen sie passen
… dem Ernst des Lebens
die Luft aus den Reifen gelassen.
(Gerhard Henschel: Bildungsroman.)
für I.
nirgends ein Fältchen
alle Zwickel und Winkel
gefüllt mit Figur
sie schreibt mir stets nur
um meine Antwort ohne
Antwort zu lassen
sie flappt mit dem Straps
doch sie verbietet mir strikt
den Knall zu hören
Aufschrei in allen
Blättern der böse Herbststurm
belästigt Bäume
lieber Viskose
in meiner Hand als Seide
auf fernen Dächern
ein Schildkrötenkopf
vorsichtig bohrt sich der Zeh
aus meinem Turnschuh
ihr Zopf zeigt nach rechts
dann wippt er nach links wohin
verdammt biegt sie ab?
ein Stoppelglatzkopf
über dem Nacken wulstet
dreifaltiger Speck
zwischen zerwühlten
Laken gluckert und zittert
ein zartes Bäuchlein
in der Fußgängerzone
im kalten Regen
strumpflos in kurzer Hose
unübersehbar
Forscher vermuten
hinter den frommen Falten
sei keine Jungfrau
die Stewardess ist
untröstlich diesmal muss sie
ohne mich fliegen
sie pfeifen heute
auf Fisch und kreisen müßig
im goldenen Dunst
über den Brötchen
tuckert ein Lastkahn sanft durch
herbstliche Wiesen
nicht mal in ihrer
Straße hält er noch Ausschau
nach ihrem Goldschopf
sie schweigt beharrlich
damit man glaubt sie hätte
etwas zu sagen
was immer er kauft
das Loch in seiner Seele
kann es kaum stopfen
ein Baum ist schon gelb
das Jahr kommt in die Jahre
der erste Goldzahn
ab und zu schimmert
am Boden vor meinem Bett
ein weißer Teppich
er jubelt vor Lust
wenn sie bisweilen beim Tanz
ihm auf den Fuß tritt
kurze Gedichte
liest er erst gar nicht er kann
sich lange leisten
tags trägt sie Beffchen
abends trägt sie den Busen
betörend luftig
sie predigt höllisch
schüttelt aber beim Tanzen
himmlisch die Hüften
tagsüber trotzt sie
dem Teufel abends hat sie
den Teufel im Leib
Restaurantchef im Kreise seiner Kellnerinnen beim Cappuccino
ein Gockel im Korb
von schlanken schwarzen Hennen
eifrig umgackert
er will sie alle
jede von ihnen will ihn
alleine für sich
sie lächeln aber
für ihn würde jede die
Schwestern vergiften
für Mehmet fächeln
sie Frischluft mit riesigen
künstlichen Wimpern
der Wettstreit ist hart
jede möchte am Abend
der erste Preis sein
zwei Enten im Flug
mir scheint die Flügel bräuchten
ein paar Tropfen Öl
die trage sie nicht
dann stelle ich mir halt vor
wie sie sie nicht trägt
eine meteorologische Studie
jeden Strahl Sonne
straft dieser Sommer sofort
mit Blitz und Donner
ihr Kleid verhüllt nichts
immerhin ist sie bereit
es anzulassen
sie knöpft ihr Hemd auf
und gibt dem Kleinen die Brust
ich gehe leer aus
urplötzlich bin ich
der der ich immer dann bin
wenn sie mich anruft
das Kind längst gestillt
aber die bloßen Brüste
draußen vergessen
hinter den Smileys
bleiben sie doch nur Bücher
mit sieben Siegeln
Buddha im Otagi-Nenbutsu-ji, Kyotaki
zweierlei Augen
das eine blickt streng und das
andere milde
The […] principal image was made in the middle of the Kamakura period (1192-1333) […]. The eyes of that statue are not symmetrical, expressing the duality of Buddha’s mercy: strictness on one side and tenderness on the other […]. [aus dem Tempelprospekt]
verdammte Hitze
ich träume vergebens von
kühleren Träumen
zwei Felsen mit Seil
als Gleichnis für Mann und Frau
das könnte passen
Die Felsen sind zwar verbunden, stehen aber unverrückbar im Meer, wie sehr der eine oder der andere auch am Seil ruckelt. Das Seil muss dreimal im Jahr erneuert werden. Die Felsen sind viel kleiner, als sie auf den Bildern der Tourismuswerbung erscheinen. Sie zerbröckeln im Laufe der Jahre in der Brandung. Und die Seevögel scheißen ihnen ohne jeden Respekt auf den Kopf.
der Taktstock hebt sich
alle zücken die Geigen
dann zirpen sie los
auf leisen Strümpfen
huscht sie zum Buddha plötzlich
knarzt eine Diele
ärmellos bringt sie
den Göttern ihr bleiches Fett
als frommes Opfer
wir träumen oben
unten schrilles Gewölk von
tausend Zikaden
Froschplage im Sekisho-Tempel
ein Frosch im Gedicht
ist keine Kunst meisterlich
wären erst zwanzig
Matsuo Basho: Frosch
der alte Weiher
ein Frosch springt hinein
der Klang des Wassers
unter den Kiefern
abends ein sanftes Sägen
die Sutra der Frösche
bisweilen führt sie
zerstreut das Smartphone zum Mund
und liest die Stäbchen
stählerne Krähen
kreischen vom Nebel zerrupft
quer durch mein Fenster
der Tag ist noch weit
vorerst leuchtet der Grüntee
in meinem Schälchen
sie lächelt aber
sie gönnt mir nicht mal den Stuhl
durstig zu sitzen
prächtig gekleidet
schlurfen sie voller Missmut
über den Laufsteg
unter dem kurzen
Nachthemd aus schwarzem Satin
rumpelt ihr Magen
die Post wäre schnell
aber die Leute schreiben
entsetzlich langsam
Laokoon staunt
ein schwarzes Schlangenmonster
kotzt Fertigbeton
im Laub der Buche
Taubengeflatter nur kurz
dann wieder Stille
mein Haar ist noch grau
der Grüntee duftet wie sonst
alles beim alten
er kenne sie nicht
nicht mal die Narbe unten
an ihrem Rücken
endloses Grollen
ein Donner tritt dem nächsten
voll auf die Hacken
sie ist ihr eigner
Hochglanzprospekt man blättert
und wird nicht schlauer
sie füttert ihre
Freunde wie Fische sparsam
mit kleinen Bröckchen
gebückt durch die Tür
um meinen Scheitel ragen
noch tausend Gipfel
sie sammelt Freunde
täglich nimmt sie ein warmes
Karteileichenbad
sie schabt die Schminke
von ihrem Gesicht sieh da
der Sommerfuji
The powder peeled off from her face the summer Fuji
Quelle: Hiroaki Sato: A Brief Survey of Senryû by Women.
http://www.modernhaiku.org/essays/senryuWomen.html
© Foto aus dem Buch: Robert van Koesveld: „Geiko & Maiko of Kyoto“.
http://www.robertvankoesveld.com
Viele Menschen kennen den Fuji nur dekorativ verschneit. Sie wissen nicht, dass der Berg im Sommer häufig schneefrei und – nach dem Geschmack der meisten – weniger ansehnlich ist: aus der Flugzeugperspektive eine enttäuschende Kohlehalde. Vermutlich bezieht sich der vorliegende Vers auf diesen Umstand: Wischt sich die Geisha nach Dienstschluss den schneeweißen Reispuder aus dem Gesicht, kommt der dunklere Sommerfuji zum Vorschein.
rings ritzen Gipfel
die weichen weißen Leiber
treibender Wolken
die reden heute
wie einst die lieben Tanten
im Kindergarten
Bergspitzen locken
ich aber bleibe standhaft
bei Rotwein und Brot
dass sie nicht schreibe
habe nichts zu bedeuten
da hat sie wohl recht
die Gipfel ringsum
machen hungrige Augen
man bringt mein Brathuhn
wie jammerschade
scharf ist an ihr inzwischen
nur noch die Zunge
statt sanfter Brauen
auf ihrer Stirn pechschwarze
Käferantennen
Drehbühnenzauber
auf der sich drehenden Welt
dreht sich ein Windrad
schon wieder Regen
nein in der grünen Linde
summen die Bienen
die Ahornblätter
fallen so laut man hört hier
nicht mal den Regen
Ryokan (1758-1831)
the sound of maple leafs falling
in this mountain village
makes it hard to tell
a rainy day from one that is not.
(Kazuaki Tanahashi: Sky Above, Great Wind.
The Life and Poetry of Zen Master
Ryokan. Boston/ London:
Shambhala 2012. 92.)
früher die Brandung
nun auf dem Berg der laute
Wind in den Kiefern
Ryokan (1758-1831)
Reflection on leaving the household
I came to the mountain
to avoid hearing
the sound of waves.
Lonesome now in another way –
wind in the pine forest.
(Kazuaki Tanahashi: Sky Above, Great Wind.
The Life and Poetry of Zen Master
Ryokan. Boston/ London:
Shambhala 2012. 72.)
Eine bemerkenswert offene, kritische, vielleicht auch selbstironische Reflexion des Einsiedlers Ryokan über das Einsiedlertum: Er ist aus dem Lärm der Wellen am Meer (den Unzuträglichkeiten der profanen Welt) in die Einsiedelei in den Bergen geflohen und leidet nun dort, wenn auch auf andere Weise, unter dem Wind im Kiefernwald (der Einsamkeit und ungenannten weiteren Schwierigkeiten). „leaving the household“ bedeutet ‚Klostermönch oder Einsiedler werden‘.
dem Kakipflücker
klappern die kahlen Klöten
im kalten Herbstwind
Ryokan (1758-1831)
the persimmon picker’s
testicles look frozen
in the autumn wind
(Kazuaki Tanahashi: Sky Above, Great Wind.
The Life and Poetry of Zen Master
Ryokan. Boston/ London:
Shambhala 2012. 180.)
mein Himalaya
Gletscher aus weißem Flieder
über den Tälern
I
furchtlos klebt sie ihr
Jugendbildnis von damals
an die Bürotür
II
sie mag das Alter
ihre vergilbten Fotos
zeigt sie am liebsten
Der Achtzeiler zum selben Thema erscheint
mir im Vergleich zu den Dreizeilern inzwischen
überdeutlich und geradezu geschwätzig:
an ihrer Tür hängt
ihr Jugendbildnis
ein blonder Engel
zum Steinerweichen
glaubt sie denn wirklich
dass wir das alte
Foto nicht mit ihr
selber vergleichen?
Mir ist aber bewusst, dass einige meiner
ohnehin wenigen Leserinnen und Leser das
anders sehen. Deshalb gebe ich ihn hier wieder.
am Himmelfahrtstag
schwappt in den Köpfen häufig
mehr Bier als Verstand
kein rotes Fellchen
nur hier und da im Birnbaum
plötzlich ein Windstoß
I
Husten und Schnupfen
zerknüllte Taschentücher
als Frühlingsblüten
II
lockerer Husten
ich säume die Wege mit
blassgelben Blumen
umsonst geheuchelt
spät erst merkt er die Trauben
sind wirklich sauer
oder, als autobiographische Notiz:
umsonst geheuchelt
jetzt erst weiß ich die Trauben
sind wirklich sauer
De vulpe et uva
Fame coacta vulpes alta in vinea
uvam appetebat summis saliens viribus;
quam tangere ut non potuit, discedens ait:
„Nondum matura est; nolo acerbam sumere.“
Qui, facere quae non possunt, verbis elevant,
adscribere hoc debebunt exemplum sibi.
(Phaedrus, Fabeln 4,3)
[Vom Fuchs und den Trauben
Vom Hunger getrieben sprang ein Fuchs in einem Weinberg
mit aller Kraft nach einer Weintraube.
Als er diese nicht erreichen konnte, sprach er im Weggehen:
„Sie ist noch nicht reif; sauer mag ich sie nicht fressen.“
Wer seine Misserfolge wortreich beschönigt
sollte in diesem Beispiel sich selbst erkennen.]
der Zilpzalp schmiedet
nun schon den ganzen Morgen
dasselbe Eisen
I
stellt man den Ton aus
so wird das Fernsehn plötzlich
durchaus erträglich
II
löscht man danach noch
das Bild herrscht augenblicklich
seliger Frieden
sämtliche Vögel
flattern von meinem rechten
Fenster zum linken
kein schwarzer Ritter
nichts als ein nasser morscher
Baumstumpf mit Krähe
bildungsbeflissen
schieben sie ihre Ahne
im Rollstuhl zum Bier
der Fuß des Höchsten
in einer Spitzensocke
aus buntem Sandstein
Hagel trommelt auf
meine Mütze ich träume
von Sommer im Zelt
heute wär Jesus
vermutlich gemütlich im
Grabe geblieben
sie nimmt sich die Zeit
mir täglich zu sagen dass
sie keine Zeit hat
zahllose Frauen
jubeln ihm zu er aber
darf nicht verweilen
die Trauerweide
wäscht ihre grünen Haare
einfach im Weiher
in ihren Ohren
tobt Sturm in ihren Augen
dümpelt die Flaute
Schnecken und Raupen
fletschen die Zähne endlich
grünen die Blätter
Wilhelm Müller: Das Frühlingsmahl (1824/26)
[…] Er ist es selbst gewesen,
Der gute reiche Wirt
Des Himmels und der Erden,
Der nimmer ärmer wird.
Er hat gedeckt die Tische
In seinem weiten Saal,
Und ruft, was lebet und webet,
Zum großen Frühlingsmahl. […]
ein dumpfes Gesicht
aber am Hals zwei Schwalben
in luftigem Flug
sicherheitshalber
unter der Frühlingshose
noch die aus Wolle
fabelhaft lauter
emsige Nachbarn hinter
gläsernen Wänden
die Maulwurfshügel
lauschen in stummer Andacht
dem Lied der Lerche
mein Baum schimmert grün
ich aber schimmre immer
noch winterlich grau
sie funkelt und glänzt
selbst noch in ihrem Lächeln
blitzen die Messer
ohne Erbarmen
zeigt mir der Frühling den Staub
auf meinem Schreibtisch
Eduard Mörike: Er ist’s
Frühling läßt sein blaues Band
wieder flattern durch die Lüfte;
süße, wohlbekannte Düfte
streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
wollen balde kommen.
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen!
Macho und Glucke
sind das vielleicht zwei Seiten
einer Medaille?
aufgeregt wirft sie
Krücke und Schlapphut ins Gras
sie will aufs Foto
eine Erklärung für Jäger
ein Rock ist ein Rohr
Hosenröcke dagegen
sind doppelläufig
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