immer nur zahme
Träume unter der teuren
Wildseidendecke
die Linden summen
vor Lust die Bienen kitzeln
sie an den Blüten
grellbunte Tattoos
geistig wohnt er auf ewig
im Kinderzimmer
aufs Leben pfeifen
und heiter weitermachen
solange es geht
einfach nur ganz still
sitzen und einen alten
Hausschuh betrachten
Charles Bukowski (1920 bis 1994)
the area of pause
you have to have it or the walls will close
in.
you have to give everything up, throw it
away, everything away.
you have to look at what you look at
or think what you think
or do what you do
or
don’t do
without considering personal
advantage
without accepting guidance.
people are worn away with
striving,
they hide in common
habits.
their concerns are herd
concerns.
few have the ability to stare
at an old shoe for
ten minutes
or to think of odd things
like who invented the
doorknob?
they become unalive
because they are unable to
pause
undo themselves
unkink
unsee
unlearn
roll clear.
listen to their untrue
laughter, then
walk
away.
Charles Bukowski: The Pleasures of the Damned. Poems, 1951-1993. New York: HarperCollins 2007. 434f.
die alte Flamme
auf einem neuen Foto
nach all den Jahren
der Bauch (schreibt Irma)
verzweige sich in Äste
mit grünen Blättern

bildschön und züchtig
ich wünschte sie wäre nur
eines von beiden
Formosissima quae fuere vel sunt,
sed durissima quae fuere vel sunt,
o quam te fieri, Catulla, vellem
formosam minus aut minus pudicam!
Martial, Epigramme VIII 54 (53)
er trottet ihr nach
als schleppte nicht sie sondern
er ihren Busen
ihr hautenges Kleid
eine bauchige Vase
nur für ihr Lächeln
er kommt nicht voran
der Mundschutz zurrt ihm die Ohren
zu Bremsfallschirmen
Kioto, Oktober 2019
Zedernduft Weihrauch
und Moos der Waldweg braucht kein
Chanel Nummer fünf
der Mundschützer rutscht
mir vom Ohr als Lendenschurz
säße er fester
beim Tee im Garten
spricht sie von Liebeswirren
und Schlüpfergummi
beim Joggen im Park
schnuppern Gespenster aus Staub
an meinen Waden
die Wand seufzt selig
nach Wochen ohne Besuch
endlich ein Dübel
Abend für Abend
treibt sie Gymnastik an der
Gardinenstange

wer klopft da an Blech?
der Specht besucht die Käfer
in der Laterne
die Welt sei zu klein
lieber wandre er heiter
in seinem Gärtchen
das Wasserbett leer
Liebeswogen verebben
gurgelnd im Abfluss
im Frühlingskleidchen
sät sie vornübergebeugt
Honigmelonen
der Liebestöter
tötet die Liebe nicht ab
er sperrt sie nur ein
ich leg mich aufs Ohr
möchte aber am liebsten
auf beiden liegen
ein Traum
die Schneiderin bringt
Garderobe zur Probe
danach gibt es Tee
eine WhatsApp-Beziehung
sie schreibt ihm zwar nicht
doch kaum ist sie online
schon träumt er von ihr
nach Japan reisen?
lieber trinke ich Sencha
bei mir zu Hause
kein schräger Vogel
nur ein einzelnes Herbstblatt
als Spatz verkleidet
eine philosophische Einsicht
ich bleib zu Hause
sonst bin ich immer so weg
wenn ich nicht da bin
ununterbrochen
die Angst der Virtuose
zerhackt den Flügel
„Rachmaninoff… It isn’t fair…
Every time I hear it, I go to pieces…
It shakes me, it quakes me.
It makes me feel goose-pimply all over.
I don’t know where I am or who I am or what I’m doing.
Don’t stop. Don’t stop. Don’t ever stop!“
(Marylin Monroe as The Girl in „The Seven Year Itch“)
sie wirft die Arme
als wollte sie dadurch rasch
noch etwas wachsen
fransige Löcher
Kettfäden schneiden ins Fleisch
Rollschinkenschenkel
Schnupftuch gefällig?
ach was! sein Nasenpiercing
täuscht Schnupfen nur vor
ich habe heute
weinrote Boxershorts an
und keine sieht es
der Knopf im Knopfloch
äußerst gespannt um Himmels
Willen nicht atmen
tief in ihr gluckert
ein Klapperstorchweiher voll
rosiger Babies
nachts schleicht er ums Haus
und gießt in jedes Fenster
ein Pfützchen Vollmilch
täglich verwirrt mich
ihr zärtliches Händchen am
Siebträgerhebel
im Traum enthält er
ausschließlich sie im Leben
trägt sie was drunter
sie reckt sich zum Griff
lautlos hebt sich der Vorhang
auftritt ihr Nabel
ein rotes Gesicht
ein gelber brustlanger Bart
und Böen von rechts
verschneite Wiesen
der Reiher verbirgt sich
indem er weiß ist
In a snowfall
that obscures the winter grasses
a white heron –
using his own form
to hide himself away.
(Kigen Dogen 1200-1253)
(Zen Poems. Selected and edited by Peter Harris. New York: Alfred A. Knopf 1999. 146. Übersetzung Steve Carter.)
die Wasservögel
kommen und gehen spurlos
und ohne Führer
Coming, going, the waterfowl
Leaves not a trace,
Nor does it need a guide.
(Kigen Dogen 1200-1253)
(Zen Poems. Selected and edited by Peter Harris. New York: Alfred A. Knopf 1999. 144. Übersetzung Lucien Stryk & Takashi Ikemoto.)
hoch oben trotten
zeitlupenmatt aschgraue
Hängebauchschweine
Pappkulissen und
künstliche Blumen aber
ein echtes Lächeln
der goldgelbe Fleck
auf ihrem Jeanshosenschoß
schöner als sauber
über der Schrippe
funkelt ihr helles Auge
als Bethlehemstern
Haarparenthesen
um ihr Gesicht zürnt sie
zürnt sie in Klammern
Frage und Antwort
i sitz hia
du sitzt do
und du frogst mi
„mogst mi no?“
du sitzt do
i sitz hia
und i geb zua
a bissl scho
Zettel für Zenzi
i hock brav hia
du hockst brav do
wannst aba hia warst
nachha – oho
Loisl seufzt
Zenzi frogt mi
„mogst mi no?“
mögen möcht i
oiwei scho
können könnt i
sowieso
aba die Zenzi
die is net do
Zenzi
Zenzi hot Augerln
braun wia a Reh
wann sie mi oschaut
ist s wunderschee
wann sie sie zusperrt
spür i an Schmerz
von ganz herunten
hinauf bis ins Herz
Berg und Tal
ob i sie mog?
i mechts scho megn
doch dera Liab
hat goar koan Segn
hoch auf der Oim
hüat sie die Ziagn
i grein im Tol
und ko s net kriagn
Dirndl
a Dirndl is grod
als wiara Haus
hinta die Mauern
do kennst di net aus
doch drobm beim Fensta
schauts Madl heraus
Die vier Löcher im Dirndl
zwoa fia die Pratzn
oans fia die Fiaß
und oans
a goanz a scheens
fias Madl selber
mit einer Zeitung
die Ruhe im Zugabteil
völlig zerknistert
ganz plattes Flachland
irre spitzes Gebirge
und dunkle Tunnel

als ob er den Tod
in die Knie zwingen wollte
mit seinem Wissen
als müsste sie das
Geplärr durch ihre Ohren
hinunterwürgen
I
ihr feuchtes Auge
ringsum von dito feuchten
Wimpern umgeben
II
mit Wimpernbesen
fegt sie die Luft vor ihren
funkelnden Augen
III
als wär ihr Haar von
wo es mal war in ihre
Wimpern gewandert
IV
mit Wimpern fängt der
Sonnentau Fliegen sie fängt
mit Wimpern Männer
V
im nächsten Leben
wäre ich liebend gerne
ihr Wimpernbürstchen
VI
Wimpern im Pudding
weit weniger hässlich als
Haar in der Suppe
Türme verstecken
die Häupter in grauem Dunst
kann ich verstehen
die kahlen Bäume
jeder auf einem Teller
aus knallgelbem Laub

auf hundert Worte
einen Smiley als Antwort
lausige Zeiten
immer derselbe
Smiley und ich Narr glaube
sie lächelt mich an
schnurrend schmiegt sich ihr
Smartphone in ihre sahnig
samtweiche Wange
ich hab tatsächlich
von einer geträumt die ich
noch gar nicht kenne
Velgast – Hannover
Herbstabendsonne
die Wiesen kriechen unter
die Nebeldecke
trotz steifer Brise
standfest auf ihrer Sandbank
acht Einbeinmöwen
seit Dora dort war
ist dieses dunstige Kaff
mein Eldorado
rumms! rattengraue
Gewitterwolken wecken den
dösenden Sommer
what rumbling!
rat-grey thunderclouds rouse
summer from slumber
The Penguin Book of Haiku.
Translated and Edited by Adam L. Kern. 2018. 357.
Kichern und Stöhnen
vom Schlafzimmer her der Dieb
hat andres zu tun
Kichern und Stöhnen
vom Schlafzimmer her der Dieb
schnalzt mit der Zunge
the house burglar
overhearing sweet nothings
sticks out his tongue
The Penguin Book of Haiku.
Translated and Edited by Adam L. Kern. 2018. 199.
patschnasse Flecken
auf meinem Schoß vermutlich
Nixenschwanztropfen
die ungewohnte
Mansarde trifft meinen Kopf
mit harten Schlägen
Nixen aus Plastik
sind angenehmer im Bett
ihr Schwanz ist nicht nass

mausgraue Brandung
verdammt was sind nun Enten
und was sind Wellen?
im goldnen Rahmen
lächelt Leibniz mit Löckchen
und speckigem Kinn
sämige Tropfen
rinnen über die weiße
Flanke der Tasse
der Rock der Wirtin
scheint ihr zu kurz sie habe
doch selber Beine
sie hält ihn für mint
mir kommt er dagegen vor
wie matchalatte
er schreibt alles mit
selbst ihren Kuss und was sie
sonst noch so anstellt

im Winterregen
wie sie die Stirnen runzeln
hölzerne Buddhas
in winter rain
how they scowl …
the Buddhas
aus: „Issa’s Best: A Translator’s Selection of Master Haiku. (English Edition)“ Issa Kobayashi, David G. Lanoue 2012. (haikuguy.com)
gestern noch waren
sie grün bald sind sie kahl
die blonden Linden
die Kniebandage
unter dem kurzen Rock viel
schärfer als Strapse
wie schrecklich droht mir
wie freundlich lockt mich die Hölle
mit süßem Feuer
breitbeinig torkeln
die Krähen durch buntes Laub
vom Herbst besoffen
die Hasen im Park
mümmeln ganz unbeeindruckt
vom Zeitgeschehen
der Tisch getrocknet
nur meine Hose riecht noch
nach Federweißem
auf spitzen Füßchen
zittern sie stumm vorbei wie
Glockenspielpuppen
im Fegefeuer
fegen wir künftig feurig
auf Teufel komm raus
der Pfropfen bebt der
Schampus scharrt mit den Füßen
und möchte schäumen
ich bin verloren
sie hört meine Sünden am
Klang meiner Stimme
kein Teufel im Dienst
quälen wir halt einander
genüsslich selber
wer blickt noch zum Mond?
jetzt irrlichtert jedem ein
eigener Bildschirm

oben ihr Kirschmund
unten das sanfte Singen
der Seidenstrümpfe

winzige Frösche
Hals über Kopf auf der Flucht
vor meinen Schuhen
knielange Röcke
von schräger Morgensonne
kritisch durchleuchtet
der Buddha sitzt still
draußen hasten die Mönche
durch schrägen Regen
den Buddha mit den
zehntausend Händen spürt sie
am ganzen Leibe
der Bürstenstiel ragt
aus dem Pony die Gattin
als Morgeneinhorn
vom Treppenabsatz
späht sie ihm heimlich unter
den Hosenaufschlag
ein Auge blinzelt
aber das zweite lass ich
fürs erste noch zu
sie hält sie zärtlich
mit links und hackt ihr herzlos
mit rechts den Kopf ab
wenn sie die Gurken
so liebt warum ach schneidet
sie sie in Scheiben?
schneidet sie Gurken
wird mir allein vom Zuschaun
immer ganz anders
seit er verliebt ist
verbackt er täglich Gurken
in Marzipanteig
das Kleid ein Fuji
aus Tüll die Braut der Rauchpilz
über dem Krater
beim Ruf des Kuckucks
sehn ich mich selbst in Kioto
verdammt nach Kioto
Basho:
Even in Kyoto –
hearing the Cuckoo’s cry –
I long for Kyoto.
Aus: The Essential Haiku. Versions of Basho, Buson and Issa.
Edited with Verse Translations by Robert Hass. New York: HaperCollinsPublishers 1994. 11.
Damenfahrrad mit
plattem Reifen im Mondschein
vor seiner Haustür
seit letzten Freitag
raschelt in meinem Zimmer
ein Streifenhörnchen

sie zupft die Laute
während ich lausche ist mir
als zupfte sie mich
er hat ihr Gesäß
aus Versehen gestreift nun
schreibt es ihm Briefe
the hips
he patted by mistake
send him a letter
(aus: Stephen Addiss: The Art of Haiku.
Boston & London: Shambhala 2012. 161.)
wortreiche Hüften
senkt sie auf seinen standhaft
verschwiegenen Schoß
onto his silent lap
she lowers her
eloquent hips
(aus: Stephen Addiss: The Art of Haiku.
Boston & London: Shambhala 2012. 161.)
inzwischen können
die am Ende des Tunnels
mich husten hören
ein steiler Bergpfad
an jeder Biegung rempeln
mich Schmetterlinge
riesige Spinnen
spähen aus grünen Büschen
in meinen Kragen

Seidenspinne (Nephila Pilipes), Länge mit Beinen ca. 15 cm
der Regen glättet
die sanften Wellen im Kies
zu friedlichem Nichts
alpinistische Erkundungen in Hongkong
ein tollkühner Floh
hat sich beinaufwärts gebohrt
bis in die Wolken
sie näht sich Dessous
zeigt sie uns aber höchstens
auf drögen Fotos
so kurz man weiß nicht
wo franst der Saum und wo die
Trägerin selber
Bohnenstange knipst
Litfaßsäule tatsächlich
ein starkes Motiv
unter den Armen
mit zwei zwischen den Beinen
mit einer Stimme

schon ausgetrunken
nur noch am Grund der Schale
ein giftgrüner See
Nachtüberraschung
im bleichen Vollmond plappert
ein roter Krater
nachts träumt sie von mir
aber sie sagt mir nicht was
da träum ich halt selbst
die Augen bei Fuß
die Ohren in Bäumen voll
Vogelgezwitscher
ein paar Schluck Kaffee
schon wird das Marmortischchen
zum Weltenlenkrad

im Ernstfall schwächelt
jedes Parfüm am Ende
duften wir selber
rasende Blechwurst
von Bässen rhythmisch gebläht
und erst der Fahrer
mit goldnen Fingern
fummelt der Vollmond zwischen
den feuchten Gräsern
[As the wind rises,]
Dewdrops come glimmering down,
And pliant pampas
Soon divide themselves to let
The moon nestle there a while.
[The Zen Poems of Ryokan. Selected and Translated with an Introduction, Biographical Sketch, and Notes by Nobuyuki Yuasa. Princeton: Princeton University Press 1981. 136.]
Die Anregung zu diesem Vers geht zwar auf Ryokan und Nobuyuki Yuasa zurück. Aber es handelt sich selbstverständlich nicht um eine angemessene Übersetzung: Insbesondere entspricht das englische Verb „to nestle“ gewiss nicht dem deutschen „fummeln“!
aus schwarzen Trikots
windmühlenflügeln bleiche
Strumpfhosenbeine
rechts und links Krücken
wie soll das arme Kind nun
sein Smartphone halten?
die Blumen im Park
so bunt dass man sich glatt den
Winter zurückwünscht

die schwarzen Socken
ganz blau es fehlt an Frischluft
in meinen Schuhen
mit Haut und Haaren
stürzt sie sich in die Blüte
ich könnte das nicht
zwischen zwei Herren
im Zug an welche Schulter
soll sie sich lehnen?
er lässt an gar nichts
ein gutes Haar er will das
Haar in der Suppe
ein Bild des Jammers
Furchen reichlich aber kein
einziger Spargel
dunstige Zugfahrt
hundert buschige Hügel
mit dunklen Tunneln
ein deutsches Märchen
die Amsel leide
die Sommerzeit schade dem
Klang ihrer Stimme
der ewige Streit
wer Recht hat wer gut ist
nichts als Gequake
Ikkyū Sōjun (1394-1481):
[In the midst of happiness there is trouble in Ikkyū’s school.]
Each frog fighting for respect at the bottom of the well;
Day and night busy thinking about the details of the scriptures;
Right and wrong, self and other, fussing away a whole life.
[樂中有若一休門]
個個蛙爭井底尊
昼夜在心元字腳
是非人我一生喧
Arntzen, Sonja: Ikkyū Sōjun. A Zen Monk and his Poetry. Occasional Paper No. 4. Program in East Asian Studies. Western Washington State College. Washington 1973. 98f.
Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.