Bayrische Gedichte

Frage und Antwort

i sitz hia
du sitzt do
du frogst mi
„mogst mi no?“
du sitzt do
i sitz hia
i geb zua
a bissl scho

Zettel für Zenzi

i hock brav hia
du hockst brav do
wannst aba hia warst
nachha – oho

Loisl seufzt

Zenzi frogt mi
„mogst mi no?“
mögen möcht i
oiwei scho
können könnt i
sowieso
aba Zenzi
is net do

Zenzi

Zenzi hot Augerln
braun wia a Reh
wann sie mi oschaut
ist s wunderschee
wann sie sie zusperrt
spür i an Schmerz
von ganz herunten
hinauf bis ins Herz

Berg und Tal

ob i sie mog?
i mechts scho megn
doch dera Liab
hat goar koan Segn
hoch auf der Oim
hüat sie die Ziagn
i grein im Tal
und ko s net kriagn

Dirndl

a Dirndl is grod
als wiara Haus
hinta die Mauern
do kennst di net aus
doch drobm beim Fensta
schauts Madl heraus

Die vier Löcher im Dirndl

zwoa fia die Pratzn
oans fia die Fiaß
und oans
a goanz a scheens
fias Madl selber

Bambus

schade! nun kann ich
sie nicht mehr sehen
die Ritze im Zaun
von Blättern verdeckt
so schön der Sommer
ansonsten sein mag
die Nachbarin hat
er vor mir versteckt

 

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„Love Seen in Summer“

My secret spying
through the cracks in her fence
is impeded now
by thick growth on the bamboo
that tells us summer has come.

Kagawa Kageki (1768-1843). In: Traditional Japanese Poetry.
An Anthology. Translated, with an Introduction, by Steven D. Carter.
Stanford: Stanford University Press 1991. 434.

Kletterspielplatz

Hannover-Linden, 10. Mai 2016

das Mädchen oben
lüftet ihr Röckchen
der Junge unten
kriegt rote Ohren
die Kleine oben
trifft keinerlei Schuld
was hat der Kerl da
unten verloren?

 

spielplatz

 

(Nachzutragen bleibt, dass die etwa Sechsjährige oben auf der Leiter immer wieder in den höchsten Tönen „Pópo! Pópo!“ rief – wohl in der verständlichen, aber ganz und gar unbegründeten Sorge, die Aufmerksamkeit ihres gleichaltrigen Zuschauers könnte erlahmen.)

Bärenfang

um uns die Liebe
schmackhaft zu machen
greift die Natur zu
Finten und Schlichen
denkt nur sie hat uns
Schnecke und Schniedel
sozusagen mit
Honig bestrichen


[…] Durch diese mühselige Erfahrung klüger gemacht, fing ichs nachher besser an, der Bären, die so gern nach meinen Bienen und den Honigstöcken stiegen, loszuwerden. Ich bestrich die Deichsel eines Ackerwagens mit Honig und legte mich nicht weit davon des Nachts in einen Hinterhalt. Was ich vermutete, das geschah. Ein ungeheurer Bär, herbeigelockt durch den Duft des Honigs, kam an und fing vorn an der Spitze der Stange so begierig an zu lecken, daß er sich die ganze Stange durch Schlund, Magen und Bauch bis hinten wieder hinausleckte. Als er sich nun so artig auf die Stange hinaufgeleckt hatte, lief ich hinzu, steckte vorn durch das Loch der Deichsel einen langen Pflock, verwehrte dadurch dem Nascher den Rückzug und ließ ihn sitzen bis an den andern Morgen. Über dies Stückchen wollte sich der Großsultan, der von ungefähr vorbeispazierte, fast totlachen. (Rudolf Erich Raspe / Gottfried August Bürger: Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande. Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen, wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt. 1785/1786 ff.)

„Bottle blonde“

das goldene Haar
synthetischer Bluff
chemisch erzeugte
modische Masche
nun hoffen wir mal
das kleinbisschen Geist
ist bei der Frau nicht
auch aus der Flasche


„She’s a bottle blonde, with a lot of hair, you know how they’re wearing it now. […] maybe in some lights she can get away with the youth act.“ (Ross Macdonald: The Far Side of the Dollar. 1964.)

Nur ein Viertelstündchen

Nora gehorcht dem
Terminkalender
denn ihre Zeit ist
spärlich bemessen
für fünf Uhr steht da
Sünde begehen!
für fünf Uhr fünfzehn
Sünde vergessen!

et jov Zickde
do hant
die net iesch
jedesmol
op de Uhr
jesenn

(Ludwig Soumagne: Usjesproche nävebee bemerk. Gedichte im niederrheinischen Dialekt. Krefeld: van Acken, 3. Aufl. 1986. 9.)

 

Herr Keuner und Irma

Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte,
begrüßte ihn mit den Worten:
,Sie haben sich gar nicht verändert.‘
,Oh!‘ sagte Herr K. und erbleichte.
(Bertolt Brecht)

sagt man Herrn Keuner
er sei seit Jahren
ganz unverändert
trifft ihn der Schock
Irma dagegen
wird sie mit ihren
Töchtern verwechselt
kürzt ihren Rock

Ein Gastgeschenk

auf der klingenden
glänzenden Zither
Abschiedsliedsaiten
Sehnsuchtsschriftzeichen
und Bildschnitzerei

so klingt mein Leben
Sommer und Winter
mein Herz bleibt traurig
wie gerne säng ich
von Sonne und Mai

鲍令晖: 拟客从远方来

客从远方来
赠我漆鸣琴
木有相思文
弦有别离音
终身执此调
岁寒不改心
愿作阳春曲
宫商长相寻

Bao Linghui (chin. Dichterin, 5. Jahrhundert n. Chr.): Ein Gast von weither

ein Gast kommt von weither
er schenkt mir eine lackierte tönende Zither
auf dem hölzernen Korpus Sehnsuchtsschriftzeichen / Sehnsuchtsmaserung
die Saiten klingen nach Abschied
mein ganzes Leben bleibe ich bei dieser Tonart
auch im Winter ändere ich meine Stimmung nicht (?)
ich möchte ein Lied von Sonne und Frühling singen
in dem die Töne Gong und Shang einander lange suchen (?)

Ballettbanause

“Water Stains on the Wall”
Cloud Gate Dance Theatre Taibei
Hannover, 4. April 2015

todernster Kampfsport
Tüllpluderhosen
schwarzweißer Marmor
und Tempelglöckchen
ich lobe mir da
ein wenig Humor
beschwingte Musik
und kurze Röckchen
ballett

[…] I start by saying that it left me cold throughout its almost 75 minutes. […] Differences of gender are played down: there is no partnering, no touch (though there are male-female duets), and any distinctions between male and female dance style are subtle. […] “Water Stains on the Wall,” devoid of lightness or humor, keeps celebrating the skill of its own style, like a film actor whose performance tells you he is determined to win the Oscar this time. (Alastair Macaulay, The New York Times, 13.10.2011)

Bistro

gefärbtes Blondhaar
Lippenstiftschnute
ein blanker Goldzahn
kurze Klamotten
mit dieser Alten
würde ich gern mal
beim Frühstück über
Jugendwahn spotten


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you boys can keep your virgins
give me hot old women in high heels
(Charles Bukowski: One of the Hottest.
Aus: Love is a Dog from Hell. Poems 1974-1977.
Santa Rosa: Black Sparrow Press 1977.)

Schüchterne Frage an eine Sexismus-Expertin

„Feindliche Sexisten gehen auch davon aus, dass Frauen das Ziel haben, Macht und Kontrolle über Männer zu bekommen.“ (die Osnabrücker Sozialpsychologin Prof. Dr. Julia Becker in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 14.2.2015)


klar! es ist Unfug
sämtlichen Frauen
Machtgier und Herrschsucht
zu unterstellen!
darf man denn manchmal
trotzdem was merken?
sozusagen in
Ausnahmefällen?

In der Stadt

die jungen Damen
hübsch und unnahbar
mit Blumen im Haar
in roter Seide
von Düften umwölkt
Rouge auf den Wangen

die Männer gaffen
sehen nichts andres
lecken die Lippen
gierige Köter
schnappen ins Leere
dumm vor Verlangen

bald sind die Schönen
graue Gespenster
wir Männer aber
sind in unseren
Hundeherzen auf
ewig gefangen

hundeherz

儂家暫下山
入到城隍裏
逢見一羣女
端正容貌美
頭戴蜀樣花
燕脂塗粉膩
金釧鏤銀朵
羅衣緋紅紫
朱顏類神仙
香帶氛氳氣
時人皆顧盼
癡愛染心意
謂言世無雙
魂影隨他去
狗齩枯骨頭
虛自舐脣齒
不解返思量
與畜何曾異
今成白髮婆
老陋若精魅
無始由狗心
不超解脫地

One day I left the Mountains
and entered the city gate
and saw a group of girls
their noble an lovely faces
with flowered hairdos of Shu
rouge from Yen powder and oil
golden bracelets chased with silver
sheerest silks of red and purple
their rose-colored cheeks were like an immortal’s
their perfume trailed in clouds
the men all turned to look
infatuation darkened their minds
thinking the world had no equals
their hearts and shadows followed behind
dogs gnawing on dry bones
licking their teeth and lips in vain
not knowing how to reflect
how were they different from beasts
and now the girls are white-haired crones
old mean and ghostly
it’s always due to their dog hearts
men don’t ever get free

(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 151f., 168)

Schwalbenliedchen

(Ronsard für die Westentasche)

vorlaute Schwalbe
halt deinen Schnabel
oder ich rupf dir
die kleinen Schwingen
stutz dir die Zunge
mit scharfem Messer
dann ist es aus mit
Zwitschern und Singen

pfeif meinetwegen
den ganzen Tag lang
in meinem Schornstein
über der Stiege
nur weck mich bitte
ja nicht am Morgen
wenn ich im Traum noch
bei Trude liege

 

Pierre de Ronsard (1524-1585): Odes retranchées 74

Tay-toy, babillarde arondelle,
Ou bien je plumeray ton aile,
Si je t’empoigne, et d’un cousteau
Je te couperay ta languette,
Qui matin san repos caquette,
Et m’estourdit tout le cerveau.

Je te preste ma cheminée
Pour chanter, toute la journée,
De soir, de nuict, quand tu voudras ;
Mais au matin ne me resveille
Et ne m’oste, quand je sommeille,
Ma Cassandre d’entre les bras.

An Marie

(Ronsard für die Westentasche)

Küss mich, nein, saug mir
das Herz aus, die Luft,
saug mir die Seele
aus allen Adern!

Tu’s lieber doch nicht!
Du machtest mich zum
Gespenst und würdest
ewiglich hadern.

Lass uns uns lieben!
Wir sind noch nicht tot,
noch sind wir munter!

Die Liebe blüht nur
über der Erde
und nicht darunter.

 

marie

 

Pierre de Ronsard (1524-1585): Les Amours de Marie, XLIV

Marie, baisez-moy : non, ne me baisez pas,
Mais tirez moy le cœur de vostre douce haleine :
Non, ne le tirez pas, mais hors de chaque veine
Succez-moy toute l’ame esparse entre vos bras :

Non, ne la succez pas : car apres le trespas
Que serois-je sinon une semblance vaine,
Sans corps desur la rive, où l’amour ne demeine
(Pardonne moy Pluton) qu’en feintes ses esbas ?

Pendant que nous vivons, entr’aimons nous, Marie,
Amour ne regne point sur la troupe blesmie
Des morts, qui sont sillez d’un long somme de fer.

C’est abus que Pluton ait aimé Proserpine,
Si doux soing n’entre point en si dure poitrine :
Amour regne en la terre et non point en enfer.

wörtlich: Marie, küss mich; nein, küss mich nicht; aber saug mein Herz aus mit deinem süßen Atem; nein, saug es nicht aus; aber saug mir in deinen Armen meine ganze Seele aus jeder Ader. – Nein, saug es nicht aus; denn was wäre ich nach meinem Tod als ein leerer Schatten ohne Körper auf jenem Fluss,  auf dem die Liebe (verzeih mir Pluto) nicht einmal eine schwache Phantasie ist. – Solange wir leben, lass uns einander lieben, Marie.Die Liebe regiert nicht die blasse Gesellschaft der Toten in ihrem langen, eisernen Schlaf. – Es ist eine Lüge, dass Pluto Proserpina geliebt habe: Ein so süßes Gefühl gelangt nicht in eine derart gefühllose Brust. Die Liebe regiert auf der Erde und nicht in der Unterwelt.
(Proserpina, Tochter des Jupiter und der Ceres, von Jupiter in die Unterwelt entführt und zu seiner Ehefrau gemacht, ist die Königin der Unterwelt.)

An Lyce

Dank sei den Göttern!
nun bist auch du alt
hast trotz all der Cremes
zehntausend Falten
du willst noch schäkern?
Amor umflattert
jüngerer Frauen
holde Gestalten

einst warst du mein Schwarm
doch nun bist du grau
kein Jüngling wünscht sich
in deine Nähe
einst warst du Feuer
nun bist du Asche
du lebst noch aber
als alte Krähe

Horaz: Carmina IV, 13. ►Text und wörtliche Übersetzung

„Der Dichter spottet mit dem größten Muthwillen über eine Spröde, die nun alt wird. […] Allerdings geschieht dies mit einer Laune, die unser Zeitalter nicht ertragen würde, die aber die Denkungsart der Alten so unschicklich nicht fand.“ (Paul Friedrich Achat. Nitsch, Pfarrers zu Ober- und Niederwuntsch Vorlesungen über die klassischen Dichter der Römer. Leipzig 1793. S. 108.)

 

Tigerlily – nach 50 Jahren?

Frage an einen Besucher aus der alten Heimat

hast du dort kürzlich
die kleine Rote
durch meine Straße
spazieren sehen?
die pflegte damals
frühmorgens immer
im Wildkatzenjäckchen
zur Schule zu gehen

 

tigerlily

君自故鄉來
應知故鄉事
來日綺窗前
寒梅著花未
(王維)

Du kommst gerade aus meinem alten Dorf und weißt sicher, wie die Dinge dort stehen: Blühte, als du aufbrachst, die Winterpflaume vor meinem Fenster? Wang Wei (701-761)

Kalligraphie mit Vogel

高桐院, 京都 – Koto-in, Kioto

ein Vogelschrei macht
den Wald noch stiller?

wie recht er hat der
weise Verfasser!
macht nicht auch häufig
das Mitsibushi
ein blasses Bäuchlein
noch sehr viel blasser?

 

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Das chinesische Gedicht, dem die kalligraphierte Zeile entnommen ist, scheint bei der Entstehung der Wendung „點金成鐵“ (aus Gold Eisen machen, einen Text verschlimmbessern) eine Rolle gespielt zu haben: Die ursprüngliche Formulierung „烏啼(嗚)山更幽“ (ein einzelner Vogelschrei macht den Wald noch stiller) soll ein späterer Autor in abgewandelter Form in ein eigenes, ähnliches Gedicht übernommen haben: „一烏不嗚山更幽“ (dass nicht ein Vogel schreit macht den Wald noch stiller). Diese Abwandlung soll ein Kritiker mit „點金成鐵“ kommentiert haben: „Du hast aus Gold Eisen gemacht, den Text verschlimmbessert.“ (Vgl. 嚴北溟,嚴捷 編著: 中國哲學寓言故事 4. 臺北 1990. 90-91.) – Für den Rest des Textes vgl. auch Schoßtiere und Tattoos und Piercings: Das Ende der Nacktheit.

Schnullerbaum

(Herrenhäuser Gärten)

ein Baum soll bei der
Entwöhnung helfen
von Lust und Sucht und
quälenden Zwängen?
das wär was für mich
um wenn auch nicht sie
so doch ihr Bildnis
dran aufzuhängen
schnullerbaum2

Ein Schnullerbaum dient der Schnuller-Entwöhnung eines Kleinkindes: Das Kleinkind kann an diesem Baum, oft einem Parkbaum, seinen Schnuller (Lutscher, Schlotzer, Nuckel, Luller) aufhängen, um sich so von diesem zu lösen.