die Kirschbaumblüte
im Großstadtgrau schreibt Nami
heilt die Passanten
Der Text bezieht sich auf den YouTube-Vlog „Namis Leben“
mit sparsam untertitelten Videos über den Alltag
einer Tokioter Büroangestellten.
die Kirschbaumblüte
im Großstadtgrau schreibt Nami
heilt die Passanten
Der Text bezieht sich auf den YouTube-Vlog „Namis Leben“
mit sparsam untertitelten Videos über den Alltag
einer Tokioter Büroangestellten.
Pappbecher werden
während wir plaudern plötzlich
zu Meißner Tässchen
wer hat es besser?
die unter Wasser oder
die oben im Licht?
die Erlen am Fluss
nachts die emsigen Biber
ein Schlag ins Wasser
die Hummel taumelt
lange zwischen den Blüten
das gibt ein Freispiel
drei nackte Männer
wärmen sich an der Hoffnung
auf dito Frauen
Wollmausarmeen
marschieren durch meinen Flur
beherzt in die Schlacht
am Ende des Parks
zerbissene Stöckchen und
traurige Hunde
weiße Gesichter
mit schwarzer Gangstermaske
wie Schlittenhunde
Schnee auf den Schultern
rafft sie auch noch die Röcke
um nicht zu stolpern
hastige Striche
auf einer gelben Mauer
ein Bodhisattva

am Weg zum Bäcker
Amseln und Meisen sämtlich
schon auf den Beinen
die Blüten verschneit
der warme Mantel verflixt
schon auf dem Speicher
I
wie angestochen
fegt er über den Weiher
und scheucht die Enten
II
Jesus schwob würdig
er aber stürmt durch den See
und jagt ein Blesshuhn
bricht ein Vulkan aus?
brennt Rom? nur Osterfeuer
im Nachbargarten!
die Frühlingsbrise
pfeift auf dem leeren Flachmann
fröhliche Weisen
am Kiesteich
alle Nudisten
wegen des kalten Windes
in warmen Kleidern
dort wo er abtaucht
taucht er gewöhnlich nicht auf
sondern woanders
eine Kindheitserinnerung
eingezwängt zwischen
Mänteln und Miedern
unten im Dunkeln
entdeckt man mich nie
ich atme Moschus
und Mottenkugeln
und das Aroma
von Tante Marie
erst kommt er in Grau
dann sie in Hellrot ein Paar
wie Flamme und Rauch
aus meinem Staubtuch
steigt weißes Gewölk heiter
zum Frühlingshimmel
selbst auf den Büchern
wachsen inzwischen blonde
flaumige Fellchen
eine Idylle
sie selbst kaut Kuchen
das Kind saugt sich die Krümel
aus ihren Brüsten
kein Blesshuhn mehr da
nur ein paar Wellenringe
und Wasserspritzer
die Welt im Nachthemd
ein Traum aber ich fürchte
bald zieht sie es aus
Sichlustigmachen
ist jetzt verpönt kein Wunder
dass niemand mehr lacht
die welken Hecken
Wäscheständer voll dünner
hellbrauner Nylons
es ist wie immer
nach dem Vergnügen beginnt
das große Tropfen
ein Hochgebirge
aus Kissenzipfelgipfeln
und Federbettfirn
wär nicht die Amsel
könnte man all den Neuschnee
glatt übersehen

bliesen sie wirklich
wo entwiche am Ende
die unnütze Luft?
Herrenhäuser Graft, Hannover
ob sie ein Buch liest?
ach was! sie pickt in einer
offenen Muschel
ein stilles Blesshuhn
schreibt in die Entengrütze
magische Zeichen
buntgekleidete
Zwergsisyphosse wälzen
eisige Klötze
der Nachbargarten
taghell als hätte jemand
das Licht angelassen
am Kinn sind Strapse
nicht halb so schön wie oben
an weißen Schenkeln
gelblicher Nebel
heute duftet Hannover
schärfer als Shánghai
kein Ast mehr im Weg
jetzt kann er sehen wie sie
den Vorhang zuzieht
seit sie ihm weglief
schwärmt er für Filmstars die ihr
von weitem ähneln
I
die Buche im Schnee
auf einem Zweig die Krähe
im Kleinen Schwarzen
II
die Krähe freut sich
Schnee bringt ihr Kleines Schwarzes
prächtig zur Geltung
was schreien die so?
mag sein die schreien weil sie
nicht sprechen können
hauchdünne bunte
Kleider als Kirchenfenster
für fromme Flöhe
das Eis ist noch dünn
die Möwen heben ein Bein
und machen sich leicht
statt Schäfchen zählt er
jetzt Joggerinnen die ihn
sanft überrunden
der alte Weiher
ein Wildschwein hechtet hinein
der Klang des Wassers
Eine Kontrafaktur zum berühmten Froschhaiku des Japaners Basho (1644-1694)
der alte Weiher
ein Frosch springt hinein
der Klang des Wassers
die sich anbot, ja geradezu aufdrängte, weil das gestrige Wildschwein, wenn auch wohl unwissentlich, es Bashos Frosch auf frappierende Weise gleichtat.
Feuerwerksfreude
ohne Getöse und Rauch
ein Knallerbsenstrauch

erschöpft vom Nachtdienst
stürzen zwei Fledermäuse
mir fast ins Gesicht
Lametta ist out
bald wird man den kahlen Baum
wohl tätowieren
Biber verhelfen
den alten Erlen am Fluss
zu schlanken Fesseln
sie selbst sieht man nicht
man sieht durch grünes Gebüsch
nur ihre Zeitung
mit Punsch und Kerzen
macht sie die dunkle Straße
für uns zum Festsaal
tritt sie ans Fenster
falten alle Karnickel
die frommen Pfötchen
für A. E.
ein krustiger Klotz
aber wenn man hineinbeißt
betörend klebrig
deutlich zu sehen
hinter entlaubten Büschen
ist nicht gut munkeln
das Rücklicht am Helm
macht jede keusche Gasse
zum Rotlichtbezirk
Novemberregen
tropft lustige Löcher in
fröstelnden Milchschaum
Frührentner fesselt
minderjährige Fichten
mit Lichterketten
jenseits der Tasse
die große Welt ich bleibe
lieber in meiner
hier zählt nur eines
wer hat heute die besten
Hiobsbotschaften
Reisen verboten
macht nichts der bittre Grüntee
ist meine Madeleine
in all den Hosen
muss ich mich manchmal selber
stundenlang suchen
dass sie die Kinder
in Gramm auswiegen hat was
von Fleischertheke
die Bodenwellen
vor meiner Haustür täglich
ein Achterbahnflug
lugt keck aus dem Loch
als wäre der Acker nichts als
ihr Mantelkragen
im leeren Gasthaus
die wundermilde Wirtin
nirgends zu finden
vom Sturm entblättert
wiegt sich das Ästeballett
im Dauerkopfstand
im Park mal wieder
das bunte Herbstfest der Post
und der Feuerwehr
ein schmuckes Schäfchen
vom Dösen im Herbstgras mit
Kötteln bepunktet
„Polka Dots and Moonbeams“ ist ein Song aus dem Jahr
1940 und ein seither häufig aufgenommener Jazz-Titel.
kein Wind und trotzdem
wirbeln mitunter drüben
im Baum die Blätter
die ganze Wohnung
ein Kinderzimmer
überall machen
die Kleinen Faxen
den Großen ist das
inzwischen ganz recht
die sind meist selber
nicht mehr erwachsen
sie mag sein Geschrei
schließlich hat sie den Flegel
selber geboren
Herbstzeitlosigkeit
hier tickt keine Uhr manchmal
fallen Kastanien

Laatzen
pausenlos möchte
ich kleckern damit sie kommt
und meinen Tisch wischt
erst zaust sie den Baum
als sei sie wunders verliebt
und dann schläft sie ein
Vergessen ist schlimm
aber Behalten häufig
noch weitaus schlimmer
auf Reisstrohmatten
dienern Kimonos schweigend
vor grasgrünem Tee
auch wenn der Hals schmerzt
endlich prangt da mal wieder
ein fetter Knutschfleck
der Schwan wie üblich
schneeweiß nur an der Bordwand
klebt Entengrütze
(Shanghai 1987)
Chrysanthemen mit
Jauche gedüngt nach jedem
Gießen die Hölle
zwei Badenixen
umringt von Männern die tun
als ob sie läsen
ein Dorf voll Gedöns
wie soll der Bauer da noch
zur Kirche finden?
Weihnachten sind die
Damen praktisch dieselben
nur mit Verpackung
ab und zu häckselt
der Ventilator eine
versprengte Wespe
Kühlergrillgrinsen
manche Besitzer gucken
wie ihre Autos
If we pick up a brush, we feel like writing; if we hold a musical instrument, we wish to play music. Lifting a wine cup makes us crave saké; taking up dice, we should like to play backgammon. The mind invariably reacts in this way to any stimulus. … Phenomenon and essence are fundamentally one. (Essays in Idleness. The Tsurezuregusa of Kenkō. Translated by Donald Keene. [1967] Tokyo, Rutland, Singapore: Tuttle 1981. No. 157, 139.)
ich Narr ich greife
im weißen Mondlicht nach Schnee
für einen Schneeball
Kokan Shiren (1278-1345): Winter Moon
Opening the window at midnight, the night air cold,
Garden and roof a gleaming white,
I go to the verandah, stretch out my hand to scoop up some snow –
Didn’t I know that moonlight won’t make a ball?
(Zen Poems. Selected and edited by Peter Harris. New York: Alfred A. Knopf 1999. 149. Übersetzung David Pollack.)
das Brunnenrauschen
vor lauter sound of silence
nicht mehr zu hören
Irrenhaus geht nicht
wie soll man heute die Welt
korrekt benennen?
auf ihrem Schenkel
erzittert bei jedem Schritt
ein wilder Löwe
die Krähen rätseln
lauter geknickte Blumen
und Dellen im Gras
nein Adlerschwingen
verleiht es dir nicht nur ein
Paar Wanderschuhe
kampfbereit lauert
schneeweiße Laufmaschenhaut
in schwarzen Nylons
die schlaue Schnecke
in meinem Salat tarnt sich
als rote Bohne
was für ein Zufall
ein Luftloch im Helm genau
wo mir der Kopf juckt
nach dem Spaziergang
zerstäubte Lindenblüten
auf meinen Schuhen
links Cappuccino
rechts kratzt er sich genüsslich
zwischen den Beinen
er hält das Smartphone
flach vor den Mund ein Spucknapf
für dumme Sprüche
die Linden summen
vor Lust die Bienen kitzeln
sie an den Blüten
grellbunte Tattoos
geistig wohnt er auf ewig
im Kinderzimmer
aufs Leben pfeifen
und heiter weitermachen
solange es geht
einfach nur ganz still
sitzen und einen alten
Hausschuh betrachten
Charles Bukowski (1920 bis 1994)
the area of pause
you have to have it or the walls will close
in.
you have to give everything up, throw it
away, everything away.
you have to look at what you look at
or think what you think
or do what you do
or
don’t do
without considering personal
advantage
without accepting guidance.
people are worn away with
striving,
they hide in common
habits.
their concerns are herd
concerns.
few have the ability to stare
at an old shoe for
ten minutes
or to think of odd things
like who invented the
doorknob?
they become unalive
because they are unable to
pause
undo themselves
unkink
unsee
unlearn
roll clear.
listen to their untrue
laughter, then
walk
away.
Charles Bukowski: The Pleasures of the Damned. Poems, 1951-1993. New York: HarperCollins 2007. 434f.
die alte Flamme
auf einem neuen Foto
nach all den Jahren
der Bauch (schreibt Irma)
verzweige sich in Äste
mit grünen Blättern

bildschön und züchtig
ich wünschte sie wäre nur
eines von beiden
Formosissima quae fuere vel sunt,
sed durissima quae fuere vel sunt,
o quam te fieri, Catulla, vellem
formosam minus aut minus pudicam!
Martial, Epigramme VIII 54 (53)
er trottet ihr nach
als schleppte nicht sie sondern
er ihren Busen
ihr hautenges Kleid
eine bauchige Vase
nur für ihr Lächeln
er kommt nicht voran
der Mundschutz zurrt ihm die Ohren
zu Bremsfallschirmen
Kioto, Oktober 2019
Zedernduft Weihrauch
und Moos der Waldweg braucht kein
Chanel Nummer fünf
der Mundschützer rutscht
mir vom Ohr als Lendenschurz
säße er fester
beim Tee im Garten
spricht sie von Liebeswirren
und Schlüpfergummi
beim Joggen im Park
schnuppern Gespenster aus Staub
an meinen Waden
die Wand seufzt selig
nach Wochen ohne Besuch
endlich ein Dübel
Abend für Abend
treibt sie Gymnastik an der
Gardinenstange

wer klopft da an Blech?
der Specht besucht die Käfer
in der Laterne
die Welt sei zu klein
lieber wandre er heiter
in seinem Gärtchen
das Wasserbett leer
Liebeswogen verebben
gurgelnd im Abfluss
im Frühlingskleidchen
sät sie vornübergebeugt
Honigmelonen
der Liebestöter
tötet die Liebe nicht ab
er sperrt sie nur ein
ich leg mich aufs Ohr
möchte aber am liebsten
auf beiden liegen
ein Traum
die Schneiderin bringt
Garderobe zur Probe
danach gibt es Tee
eine WhatsApp-Beziehung
sie schreibt ihm zwar nicht
doch kaum ist sie online
schon träumt er von ihr
nach Japan reisen?
lieber trinke ich Sencha
bei mir zu Hause
kein schräger Vogel
nur ein einzelnes Herbstblatt
als Spatz verkleidet
eine philosophische Einsicht
ich bleib zu Hause
sonst bin ich immer so weg
wenn ich nicht da bin
ununterbrochen
die Angst der Virtuose
zerhackt den Flügel
„Rachmaninoff… It isn’t fair…
Every time I hear it, I go to pieces…
It shakes me, it quakes me.
It makes me feel goose-pimply all over.
I don’t know where I am or who I am or what I’m doing.
Don’t stop. Don’t stop. Don’t ever stop!“
(Marylin Monroe as The Girl in „The Seven Year Itch“)
sie wirft die Arme
als wollte sie dadurch rasch
noch etwas wachsen
fransige Löcher
Kettfäden schneiden ins Fleisch
Rollschinkenschenkel
Schnupftuch gefällig?
ach was! sein Nasenpiercing
täuscht Schnupfen nur vor
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