Der Fuji I

(ich lese im Zug bei Yokohama ein Haiku von Basho)

er sei so heißt es
im Dunst am schönsten
dann träume man ihn
und sehe ihn nicht
als ich das lese
erscheint er selber
vor meinem Fenster
ein Pickel aus Licht


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misty showers
the day one cannot see Mount Fuji
it is more attractive

Matsuo Basho (1644-1695); In: Basho. The Complete Haiku. Translated, annotated and with an introduction by Jane Reichhold. New York: Kodansha 2008. 76)

Was Derbes

nach Tannenbäumen
flackernden Kerzen
schmelzenden Liedern
und Festschalmeien
brauch ich was Derbes
mich kommt die Lust an
einfach mal lauthals
Fotze zu schreien

fotze, f. cunnus, vulva, ein
unhübsches, gemiedenes wort,
bei dem die sprachforschung
doch manches zu erwägen hat.
(Deutsches Wörterbuch von
Jacob und Wilhelm Grimm)

Schreibsüchtig

noch als felsgrauer
knorriger Alter
kann ich’s nicht lassen
Reime zu machen
in längst verwelkten
Wörtern zu wühlen
und lauthals über
mich selbst zu lachen

敬安 (1852-1912): 自笑

寒巖枯木一頭陀
結習無如文字何
自笑強書塵世字
卻嗔倉頡誤人多

Jingan (1852-1912):  Laughing at Myself

Cold cliffs, dead trees, and a monk
who, trapped by habit, can’t get rid of written language.
Laughing at himself, he writes the words of the mundane world,
while venting his anger at Cang Jie* for misleading mortals.

*Cang Jie, said to be the Official Historian of the Yellow Emperor an creator of the Chinese Characters.

(A Full Load of Moonlight. Chinese Chan Buddhist Poems. Translated by Mary M. J. Fung and David Lunde. Hongkong: Musical Stone Culture 2014. 117.)

Wind und Wolken

das sogenannte
Interessante
kann mir inzwischen
gestohlen bleiben
weg mit der Zeitung
ich will mir lieber
von Wind und Wolken
selber was schreiben


Cela ne m’intéresse pas tellement de vivre en faisant des choses intéressantes. Je rêve de m’arrêter, de zigzaguer, de faire de chaque journée une petite vie. Je rêve de contempler mon nombril. J’aimerais prendre des trains pour n’importe où … (Georges Wolinski: Lettre ouverte. In: J’étais un sale phallocrate. Paris: Albin Michel 1979. 55)

Selbstgewählte Einsamkeit

am Ostseeufer
hinter den Dünen
krumme Kiefern und
Krähengeschrei
fernab von allem
ziehen die Stunden
die mir noch bleiben
an mir vorbei

 

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蔔擇幽居地
天臺更莫言
猿啼溪霧冷
嶽色草門連
折葉覆松室
開池引澗泉
已甘休萬事
采蕨度殘年

I chose a secluded place to live
Tientai says it all
gibbons howl and the stream fog is cold
a view of the peak adjoins my rush door
I cut some thatch to roof a pine hut
I made a pool and channeled the spring
glad at last to put everything down
picking ferns I pass the years left

(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 88f., 79)

Laozi und ich

Laozi lehrt uns
der Dumme redet
während der Weise
verschwiegen bleibt
was aber ist dann
Laozi selber
wenn er fünftausend
Verszeilen schreibt?

白居易: 讀老子

言者不如知者默
此語吾聞於老君
若道老君是知者
緣何自著五千文

Bai Juyi (772-846): Laozi lesen

die Redenden wissen nichts, die Wissenden bleiben stumm
das habe ich von dem alten Gentleman gehört
wenn der alte Gentleman ein Wissender war
warum hat er dann fünftausend Verse geschrieben?

Am Schreibtisch

Scharen von Vögeln
südwärts gezogen
ein Wölkchen müßig
vorbeigeflogen
mein Birnbaum rührt sich
nicht von der Stelle
der bleibt mir weiter
herzlich gewogen

李白 獨坐敬亭山

眾鳥高飛盡
孤雲獨去閑
相看兩不厭
只有敬亭山

Li Bai (701—762): Allein im Angesicht des Jingtingbergs

Scharen von Vögeln sind in große Höhen geflogen
eine einsame Wolke ist müßig fortgetrieben
wir beide werden nicht müde einander anzusehen
nur der Jingtingberg und ich

Text nach: Lu Shuxiang/ Xu Yuanzhong: Gems of Classical Chinese Poetry in Various Translations. Hongkong: Joint Publishing 1988. 139.

 

Tigerlily – nach 50 Jahren?

Frage an einen Besucher aus der alten Heimat

hast du dort kürzlich
die kleine Rote
durch meine Straße
spazieren sehen?
die pflegte damals
frühmorgens immer
im Wildkatzenjäckchen
zur Schule zu gehen

 

tigerlily

君自故鄉來
應知故鄉事
來日綺窗前
寒梅著花未
(王維)

Du kommst gerade aus meinem alten Dorf und weißt sicher, wie die Dinge dort stehen: Blühte, als du aufbrachst, die Winterpflaume vor meinem Fenster? Wang Wei (701-761)

Chat am Nachmittag

ich antworte ihr
sie antwortet nicht
telefoniert sie?
was mag sie treiben?
ich schreibe nochmal
ist sie jetzt offline ?
ach was! sie kann mir
gestohlen bleiben

 

Setzt sich das […] System parallel mit mehreren verschiedenen sozialen und kommunikativen Umwelten auseinander, so ist anzunehmen, dass die Aufmerksamkeit auf diese verschiedenen Umwelten und die in [ihnen] gegebenen kommunikativen Situationen nach einer individuellen Prioritätenliste verteilt wird […]. (Beisswenger, Michael: Sprachhandlungskoordination in der Chat-Kommunikation. Berlin 2007. S. 147.)

Unzuständig

man möge sich im
Beschwerdefalle
eine Etage
höher beklagen
die meisten Dinge
entscheidet mein Hirn
ich selbst hab häufig
gar nichts zu sagen


Was wir aus alltäglicher Selbstbeobachtung vermuten, dass nämlich unsere bewussten Willensentscheidungen oft durch unbewusste Vorentscheidungen bestimmt sind, wurde schon vor Jahrzehnten durch die Arbeiten von Benjamin Libet und seinen Mitarbeitern eindrucksvoll bestätigt: Libet demonstrierte, dass unser Gehirn unsere Handlungen zu einem Zeitpunkt in die Wege leitet, zu dem uns noch gar nicht bewusst ist, dass wir handeln wollen. Es sieht so aus, als ob die Rolle des Bewusstseins darauf beschränkt sei, gegen die selbständigen Aktivitäten unserer unbewussten Programme gelegentlich ein Veto einzulegen. Die Initiative zu unseren Handlungen scheint aber von diesen Programmen und nicht vom Bewusstsein auszugehen.

Isleworth-Mona-Lisa

das zweite Bildnis
nicht von da Vinci?
das Haar zu wellig?
der Himmel gelber?
ich mach es einfach
wie Schulmeister Wutz*
und tusch die Lisa
klammheimlich selber


* Der wichtige Umstand ist nämlich der, […] daß Wutz eine ganze Bibliothek – wie hätte der Mann sich eine kaufen können? – sich eigenhändig schrieb […] jedes neue Meßprodukt, dessen Titel das Meisterlein ansichtig wurde, war nun so gut als geschrieben oder gekauft : denn es setzte sich sogleich hin und machte das Produkt […]. Er war kein verdammter Nachdrucker, der das Original hinlegt und oft das meiste daraus abdruckt : sondern er nahm gar keines zur Hand. Daraus sind zwei Tatsachen vortrefflich zu erklären : erstlich die, daß es manchmal mit ihm haperte und daß er z.B. im ganzen Federschen Traktat über Raum und Zeit von nichts handelte als vom Schiffs-Raum und der Zeit, die man bei Weibern Menses nennt. Die zweite Tatsache ist seine Glaubenssache : da er einige Jahre sein Bücherbrett auf diese Art voll geschrieben und durchstudieret hatte, so nahm er die Meinung an, seine Schreibbücher wären eigentlich die kanonischen Urkunden, und die gedruckten wären bloße Nachstiche seiner geschriebenen […]. (Jean Paul: Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal. Eine Art Idylle. 1793)

Einladung

ich bin zwar getauft
doch bin ich nicht fromm
und wenn ich drum nicht
in den Himmel komm
dann lad ich dich gern
in die Hölle ein
ich will dir ein zärt-
licher Teufel sein

anlässlich eines Besuchs in der Hongkong Baptist University 2005