Bayrische Gedichte

Frage und Antwort

i sitz hia
du sitzt do
du frogst mi
„mogst mi no?“
du sitzt do
i sitz hia
i geb zua
a bissl scho

Zettel für Zenzi

i hock brav hia
du hockst brav do
wannst aba hia warst
nachha – oho

Loisl seufzt

Zenzi frogt mi
„mogst mi no?“
mögen möcht i
oiwei scho
können könnt i
sowieso
aba Zenzi
is net do

Zenzi

Zenzi hot Augerln
braun wia a Reh
wann sie mi oschaut
ist s wunderschee
wann sie sie zusperrt
spür i an Schmerz
von ganz herunten
hinauf bis ins Herz

Berg und Tal

ob i sie mog?
i mechts scho megn
doch dera Liab
hat goar koan Segn
hoch auf der Oim
hüat sie die Ziagn
i grein im Tol
und ko s net kriagn

Dirndl

a Dirndl is grod
als wiara Haus
hinta die Mauern
do kennst di net aus
doch drobm beim Fensta
schauts Madl heraus

Die vier Löcher im Dirndl

zwoa fia die Pratzn
oans fia die Fiaß
und oans
a goanz a scheens
fias Madl selber

Ein Wimpernzyklus

I

ihr feuchtes Auge
ringsum von dito feuchten
Wimpern umgeben

II

mit Wimpernbesen
fegt sie die Luft vor ihren
funkelnden Augen

III

als wär ihr Haar von
wo es mal war in ihre
Wimpern gewandert

IV

mit Wimpern fängt der
Sonnentau Fliegen sie fängt
mit Wimpern Männer

V

im nächsten Leben
wäre ich liebend gerne
ihr Wimpernbürstchen

VI

Wimpern im Pudding
weit weniger hässlich als
Haar in der Suppe

Nächtlicher Einbruch

Kichern und Stöhnen
vom Schlafzimmer her der Dieb
hat andres zu tun

 

Kichern und Stöhnen
vom Schlafzimmer her der Dieb
schnalzt mit der Zunge

the house burglar
overhearing sweet nothings
sticks out his tongue

The Penguin Book of Haiku.
Translated and Edited by Adam L. Kern. 2018. 199.

Sogar dort

beim Ruf des Kuckucks
sehn ich mich selbst in Kioto
verdammt nach Kioto

Basho:

Even in Kyoto –
hearing the Cuckoo’s cry –
I long for Kyoto.

Aus: The Essential Haiku. Versions of Basho, Buson and Issa.
Edited with Verse Translations by Robert Hass. New York: HaperCollinsPublishers 1994. 11.

Mainacht

mit goldnen Fingern
fummelt der Vollmond zwischen
den feuchten Gräsern

[As the wind rises,]
Dewdrops come glimmering down,
And pliant pampas
Soon divide themselves to let
The moon nestle there a while.

[The Zen Poems of Ryokan. Selected and Translated with an Introduction, Biographical Sketch, and Notes by Nobuyuki Yuasa. Princeton: Princeton University Press 1981. 136.]

Die Anregung zu diesem Vers geht zwar auf Ryokan und Nobuyuki Yuasa zurück. Aber es handelt sich selbstverständlich nicht um eine angemessene Übersetzung: Insbesondere entspricht das englische Verb  „to nestle“ gewiss nicht dem deutschen „fummeln“!

Lauter Brunnenfrösche

der ewige Streit
wer Recht hat wer gut ist
nichts als Gequake

Ikkyū Sōjun (1394-1481):

[In the midst of happiness there is trouble in Ikkyū’s school.]
Each frog fighting for respect at the bottom of the well;
Day and night busy thinking about the details of the scriptures;
Right and wrong, self and other, fussing away a whole life.

[樂中有若一休門]
個個蛙爭井底尊
昼夜在心元字腳
是非人我一生喧

Arntzen, Sonja: Ikkyū Sōjun. A Zen Monk and his Poetry. Occasional Paper No. 4. Program in East Asian Studies. Western Washington State College. Washington 1973. 98f.

Nachahmung

die Tempelfliegen
verdrehen die Pfötchen wie
Rosenkranzbeter

Kobayashi Issa (1763-1827):

The flies in the temple
imitate the hands
of the people with prayer beads.

The Essential Haiku. Versions of Basho, Buson, and Issa. Edited and with Verse Translations by Robert Hass. New York: HarperCollins 1994. 188.

Unterwerfung

Chrysanthemenzüchter
werden schließlich zu Sklaven
der Chrysanthemen

Yosa Buson (1716-1783)

when you grow chrysanthemums
you become a servant
of chrysanthemums

Collected Haiku of Yosa Buson. Translated by W.S. Merwin & Takako Lento. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press 2013. 169.

Chrysanthemum growers –
you are the slaves
of chrysanthemums!

The Essential Haiku. Versions of Basho, Buson, and Issa. Edited and with Verse Translations by Robert Hass. New York: HarperCollins 1994. 100.

Bärenglöckchen

weiden da Schafe?
sieben Japaner bimmeln
auf steilem Bergpfad

 

Im japanischen Bergwald ist das Mitführen kleiner Glöckchen üblich. Durch das Gebimmel sollen unliebsame Begegnungen mit wilden Bären verhindert werden.

Über das Anlegen einer Strumpfhose

erst ziehharmonisch
über die Füße
es folgt ein langer
verwegener Ritt
beinaufwärts zu den
Waden und Schenkeln
dann endlich spürt man
den Anschlag im Schritt

 

Der Autor hat bei dem Versuch, im kalten Japan warme Kleidung überzustreifen, Erfahrungen gemacht, die er der literarischen Öffentlichkeit keinesfalls vorenthalten möchte. – Einer klugen Leserin ist es übrigens gelungen, diesen Reim allen Ernstes frauenfeindlich zu finden: Glückwunsch!

Atago San

I

schon tausend Stufen
und ach zum Gipfeltempel
noch einmal tausend

II

der Berggeist schmückt mir
den Weg mit einem Teppich
aus Morgensonne

III

Kopfhörer brauche
ich nicht mir genügen die
Lieder der Krähen

IV

der Sturm letztes Jahr
den Waldweg durchweht der Duft
gefällter Zedern