Mainacht

mit goldnen Fingern
fummelt der Vollmond zwischen
den feuchten Gräsern

[As the wind rises,]
Dewdrops come glimmering down,
And pliant pampas
Soon divide themselves to let
The moon nestle there a while.

[The Zen Poems of Ryokan. Selected and Translated with an Introduction, Biographical Sketch, and Notes by Nobuyuki Yuasa. Princeton: Princeton University Press 1981. 136.]

Die Anregung zu diesem Vers geht zwar auf Ryokan und Nobuyuki Yuasa zurück. Aber es handelt sich selbstverständlich nicht um eine angemessene Übersetzung: Insbesondere entspricht das englische Verb  „to nestle“ gewiss nicht dem deutschen „fummeln“!

Lauter Brunnenfrösche

der ewige Streit
wer Recht hat wer gut ist
nichts als Gequake

Ikkyū Sōjun (1394-1481):

[In the midst of happiness there is trouble in Ikkyū’s school.]
Each frog fighting for respect at the bottom of the well;
Day and night busy thinking about the details of the scriptures;
Right and wrong, self and other, fussing away a whole life.

[樂中有若一休門]
個個蛙爭井底尊
昼夜在心元字腳
是非人我一生喧

Arntzen, Sonja: Ikkyū Sōjun. A Zen Monk and his Poetry. Occasional Paper No. 4. Program in East Asian Studies. Western Washington State College. Washington 1973. 98f.

Nachahmung

die Tempelfliegen
verdrehen die Pfötchen wie
Rosenkranzbeter

Kobayashi Issa (1763-1827):

The flies in the temple
imitate the hands
of the people with prayer beads.

The Essential Haiku. Versions of Basho, Buson, and Issa. Edited and with Verse Translations by Robert Hass. New York: HarperCollins 1994. 188.

Unterwerfung

Chrysanthemenzüchter
werden schließlich zu Sklaven
der Chrysanthemen

Yosa Buson (1716-1783)

when you grow chrysanthemums
you become a servant
of chrysanthemums

Collected Haiku of Yosa Buson. Translated by W.S. Merwin & Takako Lento. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press 2013. 169.

Chrysanthemum growers –
you are the slaves
of chrysanthemums!

The Essential Haiku. Versions of Basho, Buson, and Issa. Edited and with Verse Translations by Robert Hass. New York: HarperCollins 1994. 100.

Bärenglöckchen

weiden da Schafe?
sieben Japaner bimmeln
auf steilem Bergpfad

 

Im japanischen Bergwald ist das Mitführen kleiner Glöckchen üblich. Durch das Gebimmel sollen unliebsame Begegnungen mit wilden Bären verhindert werden.

Über das Anlegen einer Strumpfhose

erst ziehharmonisch
über die Füße
es folgt ein langer
verwegener Ritt
beinaufwärts zu den
Waden und Schenkeln
dann endlich spürt man
den Anschlag im Schritt

 

Der Autor hat bei dem Versuch, im kalten Japan warme Kleidung überzustreifen, Erfahrungen gemacht, die er der literarischen Öffentlichkeit keinesfalls vorenthalten möchte. – Einer klugen Leserin ist es übrigens gelungen, diesen Reim allen Ernstes frauenfeindlich zu finden: Glückwunsch!

Atago San

I

schon tausend Stufen
und ach zum Gipfeltempel
noch einmal tausend

II

der Berggeist schmückt mir
den Weg mit einem Teppich
aus Morgensonne

III

Kopfhörer brauche
ich nicht mir genügen die
Lieder der Krähen

IV

der Sturm letztes Jahr
den Waldweg durchweht der Duft
gefällter Zedern

Das Spitzenhöschen

ein Beitrag zur Nachhaltigkeitsdiskussion

die Susi hat es
bei mir vergessen
Sabine hat es
rasch durchgespült
es angezogen
und sich dann Jahre
in Susis Seide
sauwohl gefühlt

 

Ein Glücksfall. Dass die Sache auch weniger glimpflich hätte ausgehen können, zeigt der folgende Dialog zwischen den beiden in Wohngemeinschaft lebenden jungen Ärztinnen Angela und Caroline aus der britischen Fernsehserie „Green Wing“ (2004-2006):

Angela: Erm, in private, if that’s OK?
Caroline: Er, yep.
Angela: Maybe I should have waited. It’s just that it’s been bugging me and getting me annoyed, and I don’t want to get all stressed out and angry cos it makes me look ugly.
Caroline: What is it? Have I upset you?
Angela: Are you wearing my pants?
Caroline: What?
Angela: My white tanga briefs. They’re plain cotton, not sexies, but they’re my cute sportsies.
Caroline: No, I haven’t got them.
Angela: Ah, because I think you have. I put them in the drier, but they were gone today when I came to iron them.
Caroline: You iron your pants?
Angela: Of course. So if you could return them, I’ll say no more about it.
Caroline: But I haven’t taken them.
Angela: You’re wearing them now, aren’t you? Caroline, you let your dirty washing stack up, you were desperate for a fresh pair. I understand, but it’s the principle, you see. It’s theft. I will not wear them after your vagina has been in them – I’ll burn them – but I want what is legally mine.
Caroline: Shut up!
Angela: What?
Caroline: I haven’t taken your pants, I wouldn’t want to. Stop being so anal.
Angela: Give me back my pants.
Caroline: Don’t make me get cross.
Angela: You see, you’ve obviously got something to hide. Give me back my pants.
Caroline: Yes, I have died and gone to heaven. (…)

 

da geht ein Bettler
Himmel und Erde trägt er
als Sommerkleider

Kikaku (1661-1707)

There a beggar goes!
Heaven and Earth he’s wearing
for his summer clothes!

(aus: Anthology of Japanese Literature. From the Earliest Era to the Mid-nineteenth Century. Compiled and edited by Donald Keene. Tokyo: Tuttle 1956. 385. Übersetzung: Harold G. Henderson.)

Lama-Tempel, Beijing

den kleinen Buddha
seh ich komplett vom großen
gerade die Zehen

Der hölzerne Buddha in der Haupthalle des Tempels ist achtzehn Meter hoch; sein oberer Teil ist in der engen Halle nur schwer und nur mit in den Nacken gebeugtem Kopf zu betrachten.

Japanischer Farbholzschnitt

oben Kimonos
unten kämpfende Schenkel
und Kiefernborsten

„Shunga (jap. 春画, Frühlingsbilder) ist der japanische Begriff für Gemälde, Drucke und Bilder jeder Art, die in expliziter Weise sexuelle Handlungen darstellen. Obwohl Shunga auch als Gemälde, Zeichnungen, Kupferstiche oder Fotos existieren, werden darunter üblicherweise entsprechende japanische Farbholzschnitte oder Bücher der Edo- und Meiji-Zeit (17. Jahrhundert bis 1912) verstanden.“ (Wikipedia)