Zu fromm

Helene fühlt sich
nun da sie tot ist
von ihren Göttern
grausam betrogen
vor lauter Beten
ist sie im Sterben
blindlings am Himmel
vorbeigeflogen


´Tain´t wise to overdo your prayers, for you might die,
And waking, find you passed it, Paradise, right by.
(Jap. Kyôka, 1683. Übersetzung Gill, Robin D.: Kyôka.
Japan’s Comic Verse. A Mad in Translation Reader.
Paraverse Press 2009. 35.)

Kletterspielplatz

Hannover-Linden, 10. Mai 2016

das Mädchen oben
lüftet ihr Röckchen
der Junge unten
kriegt rote Ohren
die Kleine oben
trifft keinerlei Schuld
was hat der Kerl da
unten verloren?

 

spielplatz

 

(Nachzutragen bleibt, dass die etwa Sechsjährige oben auf der Leiter immer wieder in den höchsten Tönen „Pópo! Pópo!“ rief – wohl in der verständlichen, aber ganz und gar unbegründeten Sorge, die Aufmerksamkeit ihres gleichaltrigen Zuschauers könnte erlahmen.)

Vor fünfzig Jahren

vor fünfzig Jahren
fand man den Globus
für drei Milliarden
entschieden zu klein
jetzt sind es nur noch
knapp acht Milliarden
da fühlt man sich fast
schon wieder allein

 

weltaus: Teuflische Jahre. Das Beste aus PARDONs Gründerjahren. Frankfurt 1966. S. 61. [keine Autorenangabe]

Osterseufzer

die Welt ist voller
garstiger Menschen
die mir schon heute
den Magen umdrehen
nicht auszudenken
dass die einst alle
den Staub abschütteln
um aufzuerstehen

 

auferstehungAuferstehung der Toten (spätgotisch, ca. 1300)

Graues Haar

dagegen helfen
keine Tinkturen
der Herbst kommt trotzdem
am Ende ist Schluss
freu dich dein Haar ist
ein weiches Kissen
hör die Zikaden
und schau auf den Fluss

齊己 (863?-937): 白髮

莫染亦莫鑷
任從伊滿頭
白雖無耐藥
黑也不禁秋
靜枕聽蟬臥
閒垂看水流
浮生未達此
多爲爾爲愁

Qiji (863?-937): White Hair

Do not dye or pluck it –
let it cover your head.
Although there’s no remedy for it’s turning white,
black can withstand autumn no better.
Pillowed on it, one quietly listens to cicadas;
letting it down, idly one watches the flowing stream.
Growing old is unavoidable in this floating life,
but most people grieve because of you, white hair.

(A Full Load of Moonlight. Chinese Chan Buddhist Poems. Translated by Mary M. J. Fung and David Lunde. Hongkong: Musical Stone Culture 2014. 50.)

Das Studium der Klassiker

was ist die Wahrheit?
und was soll ich tun?
ich wollte anfangs
die Alten befragen
klappte dann aber
die Lehrbücher zu
lachte und lachte
und rieb mir den Magen

辛弃疾 (1140–1207)

是非得失兩茫茫
閒把遺書細較量
掩卷古人堪笑處
起來摩腹步長廊

Xin Qiji (1140–1207)

right and wrong gain and loss each hard to picture clearly
so I began to study wisdom of the ancients willy-nilly
but closed the books I’d double up with laughter
and have to get up pace the floor and rub my belly

(Michael Farman; https://www.atanet.org/publications/beacons_10_pages/page_48.pdf)

Kulturwandel im Gebirge

(Innsbruck)

im Stadtgewühl das
Seil auf dem Rucksack?
die Zeitgenossen
von Hermann Buhl
hielten dergleichen
für Angeberei
heute dagegen
gilt das als cool

 

BuhlHermann Buhl (1924 – 1957): österreichischer Bergsteiger; Erstbesteiger des Nanga Parbat und des Broad Peak; Pionier des Alpinstils.

Mukai Kyorai (1651-1704)

Was soll denn das?
… mit dem Langschwert gegürtet
zur Kirschblütenschau?

aus: Haiku. Gedichte aus fünf Jahrhunderten. Japanisch / Deutsch. Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller. Unter Mitwirkung von Kaneko Tõta und Kuroda Momoko. Stuttgart: Reclam 2017. S. 86.

Nur ein Viertelstündchen

Nora gehorcht dem
Terminkalender
denn ihre Zeit ist
spärlich bemessen
für fünf Uhr steht da
Sünde begehen!
für fünf Uhr fünfzehn
Sünde vergessen!

et jov Zickde
do hant
die net iesch
jedesmol
op de Uhr
jesenn

(Ludwig Soumagne: Usjesproche nävebee bemerk. Gedichte im niederrheinischen Dialekt. Krefeld: van Acken, 3. Aufl. 1986. 9.)

 

Ins Gebetbuch einer Unbarmherzigen

wirf dieses Buch fort
dein Beten nützt nichts
liege dem Himmel
nicht in den Ohren
der hilft nur einem
fühlenden Herzen
kalte und stolze
gibt er verloren

 

John Wilmot, Earl of Rochester (1647-1680):
Written in a Lady’s Prayer Book

Fling this useless book away,
And presume no more to pray.
Heaven is just , and can bestow
Mercy on none but those that mercy show.
With a proud heart maliciously inclined
Not to increase, but to subdue mankind,
In vain you vex the gods with your petition;
Without repentance and sincere contrition,
You’re in a reprobate condition.

 

François de Malherbe (1555-1628):

Pour mettre au-devant des Heures de Caliste

Tant que vous serez sans amour,

Caliste, priez nuit et jour,

Vous n’aurez point miséricorde.

Ce n’est pas que Dieu ne soit doux:

Mais pensez-vous qu’il vous accorde

Ce qu’on ne peut avoir de vous ?

Der Frosch

laut quakt der Frosch
nach Herzenslust
im grünen Gras
am Teich verborgen
ihn sieht man nicht
mich aber sieht
die Obrigkeit
das macht mir Sorgen


zenfrosch Sengai Gibon (仙厓 義梵 1750-1837)


倪瑞璿 (1702-1732): 聞蛙

草綠清池水面寬
終朝閣閣叫平安
無人能脫征徭累
只有青蛙不屬官


Ni Ruixuan (chin. Dichterin, 1702-1732): Den Frosch hören

im grünen Gras und im klaren Wasser des glatten Teichs
quakt „Ge-ge“ ungestört und in Frieden der Frosch
der Mensch kann sich der Last politischer Zwänge nicht entziehen
den Frosch aber sieht die Obrigkeit nicht

Schüchterne Frage an eine Sexismus-Expertin

„Feindliche Sexisten gehen auch davon aus, dass Frauen das Ziel haben, Macht und Kontrolle über Männer zu bekommen.“ (die Osnabrücker Sozialpsychologin Prof. Dr. Julia Becker in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 14.2.2015)


klar! es ist Unfug
sämtlichen Frauen
Machtgier und Herrschsucht
zu unterstellen!
darf man denn manchmal
trotzdem was merken?
sozusagen in
Ausnahmefällen?

Laozi und ich

Laozi lehrt uns
der Dumme redet
während der Weise
verschwiegen bleibt
was aber ist dann
Laozi selber
wenn er fünftausend
Verszeilen schreibt?

白居易: 讀老子

言者不如知者默
此語吾聞於老君
若道老君是知者
緣何自著五千文

Bai Juyi (772-846): Laozi lesen

die Redenden wissen nichts, die Wissenden bleiben stumm
das habe ich von dem alten Gentleman gehört
wenn der alte Gentleman ein Wissender war
warum hat er dann fünftausend Verse geschrieben?

Ahnungslos

jetzt tragen deutsche
Schildbürger Schilder
sie seien Charlie
ich kann nur lachen
hätten die Charlie
jemals gelesen
würden sie sich aus
dem Staube machen

 

Das Leben beginnt mit 60. (2013) Heftig umstrittener Cartoon des am 7. 1. 2015 getöteten Charlie Hebdo-Zeichners Georges Wolinski für eine Postkartenaktion der Kommunistischen Partei Frankreichs gegen die Erhöhung des Rentenalters.

Das Leben beginnt mit 60 (2013). Heftig umstrittener Cartoon des am 7. 1. 2015 getöteten Charlie Hebdo-Zeichners Georges Wolinski für eine Postkartenaktion der Kommunistischen Partei Frankreichs gegen die Erhöhung des Rentenalters.

Alte Münzen

wir glauben wunders
was wir da reden
und sind uns meistens
gar nicht im klaren
in wieviel Mündern
dieselben Wörter
dieselben Sätze
schon einmal waren


Die Bestandteile unseres Denkens sind selbst in den individuellsten, intimsten Handlungen und Augenblicken unserer Existenz … Klischees, endlose Wiederholungen. Sie mobilisieren, am hervorstechendsten in einem Zeitalter der Massenmedien und beschränkter Schreib- und Lesekenntnis, identische Wörter und Bilder. … Die Wörter, die Sätze, die wir benutzen, um unser Denken nach innen oder außen zu übermitteln, gehören einer gemeinsamen Währung an. Sie demokratisieren die Intimität. (George Steiner: Warum Denken traurig macht. Zehn (mögliche) Gründe. Frankfurt: Suhrkamp 2006. 26f.)

Schönfärberei

„Sie sind perfekt! … Sie müssen nichts ändern, Sie sind das Perfekteste, was eben gerade möglich ist. Es soll alles gut werden. Für uns alle. … ich umarme Sie … .“ (Sibylle Berg in Spiegel Online am 27.12.2014)

die Zeitungstante
schmeichelt uns Lesern
wir seien perfekt
sie sollte wissen
dass wir halb gut sind
halb aber grausam
gefräßig gierig
geil und gerissen


Zeichnung von George Grosz. aus “Der Spiesser-Spiegel.” [1930] Frankfurt 1973.

Zeichnung von George Grosz. aus “Der Spiesser-Spiegel.” [1930] Frankfurt 1973.

Leute

sie könnten reden
sie könnten lesen
sie könnten denken
oder mal lachen
sie könnten schlendern
sie könnten träumen
doch nein sie müssen
sich wichtig machen

 

leute

Gehirn und Geist

dass die nach all dem
immer noch wagen
beim Menschengehirn
von Geist zu sprechen!
Geist ist ein ziemlich
bombastisches Wort
für einen Haufen
peinlicher Schwächen


[…] Ehe man noch die gemeinen Erscheinungen in der Körperwelt erklären konnte, fing man weit früher an, Geister zur Erklärung zu gebrauchen. Jetzt da man ihren Zusammenhang besser kennt, erklärt man eines aus dem andern, und die Geister, bei denen wir stille stehen, sind endlich doch ein Gott und eine Seele. Die Seele ist also noch jetzt gleichsam das Gespenst das in der zerbrechlichen Hülle unseres Körpers spükt. […] [Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), „Sudelbücher“ F 324]

Der Fischer

vor lauter Büchern
den Weg verfehlen –
das Lied des Fischers
ist Gold dagegen
Abend für Abend
am dämmrigen Fluss
bei Mond und Wolken
oder im Regen

漁父

學道參禪失本心
漁歌一曲價千金
湘江暮雨楚雲月
無限風流夜夜呤

Fisherman – Learning the way, studying Zen, they run afoul of the Buddha’s original mind. One tune from the fisherman is worth a thousand pieces of gold. Rain at dusk on the Hsiang River, the moon among the clouds of Ch’u. Furyu [ländlich schlicht, „romantisch“, schön] without end, night after night singing.
(Ikkyū Sōjun 一休宗純, fl.1394-1481; Text und Übersetzung aus: Arntzen, Sonja Elaine: The Poetry of the Kyōunshū „Crazy Cloud Anthology“ of Ikkyū Sōjun. Diss. University of British Columbia 1979. 208)

Vorschlag zur Güte

(Suzhou)

selbst noch im Bus im
schlimmsten Gedränge
lautsprechert man hier
Liebesgesänge
sind nicht genügend
Menschen auf Erden?
singt doch mal man soll
Einsiedler werden!

 

» […] ’s gibt doch vielzuviel Menschn uff der Welt Den möcht’ich seh’n der mir das widerlegt und wenn’s X selber iss hab’ich Recht – ?«; (ihm entfuhr hier ein hoher Name, den ich unterdrücke. Aber ‹Recht› natürlich; das könnt’ihm ja nur ein überzeugter Idiot bestreiten. Wir saßen eine zeitlang recht sinnend in der unfruchtbaren Beleuchtung: jaja, die Menschheitsfrage.)
(Arno Schmidt: Caliban über Setebos. 1964.)

Andere Pfeifen

früher waren es
Eltern und Lehrer
die uns bestimmte
Wörter verboten
jetzt tanzen wir nach
anderen Pfeifen
und schweigen folgsam
nach deren Noten


Mir ist die jährliche Verkündung eines „Unwortes des Jahres“ ein Ärgernis – anders als anscheinend den Journalisten, die sich begeistert auf diesen Köder stürzen. Auch wenn sich meine politische Position im einen oder anderen Fall mit der politischen Position der „Unwortexperten“ deckt, sehe ich nicht ein, warum hier pseudoamtlich und pseudowissenschaftlich jeweils ein bestimmtes Wort geächtet werden muss. Ich habe den Eindruck, dass vielen vermeintlichen Demokraten die im Rechtsstaat bislang nun einmal garantierten Spielräume der Meinungsfreiheit viel zu weit erscheinen und dass sie über mancherlei Korrektheitszwänge und Propagandatricks mit Macht Konformität im Rahmen der ihnen genehmen Grenzen erzeugen wollen. Ich komme mir da vor wie in einem ehemals relativ großen und luftigen Raum, dessen Wände durch einen verborgenen Teufelsmechanismus immer weiter aufeinander zu geschoben werden.

Die schöne Frau Sorgenfrei

sie ritt durch Gärten
und zupfte Blumen
sie pflückte Lotos
aus schwankendem Boot
kniete auf grünen
Bärenfellkissen
und fürchtete doch
das Grab und den Tod

璨璨盧家女
舊來名莫愁
貪乘摘花馬
樂搒採蓮舟
膝坐綠熊席
身披青鳳裘
哀傷百年內
不免歸山丘

(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 66f., 46)

die strahlende Madame Lu
die man einst Frau Sorgenfrei nannte
liebte es vom Pferd aus Blumen
und vom Boot aus Lotus zu pflücken
sie kniete auf einem grünen Bärenfell
trug ein blaues Phönixkleid
und grämte sich dass sie binnen hundert Jahren
unweigerlich in einem Grab in den Hügeln enden würde

Pädagogische Apotheose

früher galten die
Kinder als Menschen
notfalls zog man sie
sanft an den Ohren
stattdessen redet
man Müttern jetzt ein
sie hätten kleine
Götter geboren


gott

(Ausschnitt aus einem Cartoon von Hans Traxler. Quelle: Traxler. Cartoons. Stuttgart: Reclam 2009. 303)

Zwischen Himmel und Erde

Bestien die für
Fraß und Klamotten
gierig einander
den Hals umdrehen
ach sie begreifen
die Welt so wenig
wie Blinde das Weiß
der Milch verstehen

天高高不窮
地厚厚無極
動物在其中
憑兹造化力
争頭覓飽暖
作計相噉食
因果都未詳
盲兒問乳色

(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 98f., 92)

der Himmel ist unendlich hoch
die Erde ist unauslotbar tief
dazwischen existieren die Lebewesen
sie sind abhängig von den Kräften der Natur
sie schlagen sich die Köpfe ein im Kampf um Nahrung und Kleidung
sie planen sich gegenseitig aufzufressen
sie sind unfähig die Welt zu verstehen
wie Blinde die nach der Farbe der Milch fragen

Chat am Nachmittag

ich antworte ihr
sie antwortet nicht
telefoniert sie?
was mag sie treiben?
ich schreibe nochmal
ist sie jetzt offline ?
ach was! sie kann mir
gestohlen bleiben

 

Setzt sich das […] System parallel mit mehreren verschiedenen sozialen und kommunikativen Umwelten auseinander, so ist anzunehmen, dass die Aufmerksamkeit auf diese verschiedenen Umwelten und die in [ihnen] gegebenen kommunikativen Situationen nach einer individuellen Prioritätenliste verteilt wird […]. (Beisswenger, Michael: Sprachhandlungskoordination in der Chat-Kommunikation. Berlin 2007. S. 147.)

Nebel und Tod

(Sylt 1999)

wo gestern noch der Leuchtturm stand,
heut morgen eine Nebelwand
ein graues fahles stilles Schweben
schluckt Form und Farbe Klang und Leben

nicht Wald noch Wiese nicht mal Kühe
kein Traktor tuckert durch die Frühe
kein Wind kein Möwenflugverkehr
die Wirklichkeit sie wirkt nicht mehr

so muß der Tod sein kein Objekt
das mich zum Subjekt macht und neckt
nicht mal ein Gott der grausam richtet
nur noch das Nichts das friedlich nichtet

 

nebel

Dreimal gegen den Strich

I

Mücken kann jeder ganz leicht
in Prachtelefanten verwandeln
umgekehrt wird es zur Kunst
bausche nicht auf bausche ab

II

Lernen hat vieles für sich
doch lernt auch beizeiten vergessen
wenn ihr nicht fleißig vergesst
sind bald eure Köpfe voll Müll

III

oh weh ihr vergöttert den Krach
und hüllt euch in Dauergedudel
ihr fürchtet die Stille zu Recht
dann hörtet ihr nur noch euch selbst

Kinderfoto

zwischen Bauklötzchen
Blümchen und Bärchen
ein fetter Säugling
die Windel voll Wind
mit rundem Kahlkopf
und Sabberbäckchen
ich murmle höflich
Ein niedliches Kind!


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