Kalligraphie mit Vogel

高桐院, 京都 – Koto-in, Kioto

ein Vogelschrei macht
den Wald noch stiller?

wie recht er hat der
weise Verfasser!
macht nicht auch häufig
das Mitsibushi
ein blasses Bäuchlein
noch sehr viel blasser?

 

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Das chinesische Gedicht, dem die kalligraphierte Zeile entnommen ist, scheint bei der Entstehung der Wendung „點金成鐵“ (aus Gold Eisen machen, einen Text verschlimmbessern) eine Rolle gespielt zu haben: Die ursprüngliche Formulierung „烏啼(嗚)山更幽“ (ein einzelner Vogelschrei macht den Wald noch stiller) soll ein späterer Autor in abgewandelter Form in ein eigenes, ähnliches Gedicht übernommen haben: „一烏不嗚山更幽“ (dass nicht ein Vogel schreit macht den Wald noch stiller). Diese Abwandlung soll ein Kritiker mit „點金成鐵“ kommentiert haben: „Du hast aus Gold Eisen gemacht, den Text verschlimmbessert.“ (Vgl. 嚴北溟,嚴捷 編著: 中國哲學寓言故事 4. 臺北 1990. 90-91.) – Für den Rest des Textes vgl. auch Schoßtiere und Tattoos und Piercings: Das Ende der Nacktheit.

Saisho-in, Kioto

景勝院, 京都

das langsame Herz
des Bergs der starke
Pulsschlag der Föhren
die ernste Glocke
des Tempels im Tal
hier kaum zu hören

alles ist eines
der Berg die Glocke
Bäume Zikaden
ein weißes Hündchen
der kunstreiche Mönch
auf grünen Pfaden

alles ist kühl unter
turmhohen Wipfeln
hier suchen alle
hier findet jeder
der Ort ist versteckt
und offen zugleich
sein freundlicher Geist
wohnt in der Zeder

 

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Summer, Saisho-in (anonym)

The evening bell, solemn and bronze,
in the grandfather temple down the hill,
sounds dimly here.

Slow beat of the mountain’s heart, perhaps,
or determined pulse of pine tree (gift of the birds)
growing out of a crotch of the slippery monkey tree.

All one, perhaps –
bell, mountain, tree,
and steady cicada vibrato
and little white dog
and quiet artist-priest, carver of Noh masks,
fashioning a bamboo crutch for the ancient peach tree –
symbol of strength, symbol of concern.

All cool under nodding crowns of the vertical forest,
all seeking in this place,
all finding in this place –
hidden yet open to all –
the spirit in the cedar’s heart.*

Saisho-in: a small, Eighth Century Buddhist temple in a mountain gorge near Kyoto, Japan.

* Japanische Tempel werden zu einem großen Teil aus Zedernholz gebaut.

Yosakoi Parade

Tokio Omote-sando August 2014

Kimono-Trippeln?
Hand-vorm-Mund-Lächeln?
sie wirbelt kampfschreit
lacht wie besessen
purzelbaumt kniebeugt
schüttelt die Fäuste
und fletscht die Zähne
will sie mich fressen?


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Tokio Metro

Nihombashi
Kyobashi
tausend Menschen
steigen ein
Toranomon
Kamiyacho
schon bin ich
am Meiji-Schrein

 

(Die Stationen Ginza, Shimbashi, Tameike-sanno, Asakasa-mitsuke, Aoyama-mitchome, Gaiemmae, Omote-sando, Meiji-jingumae und viele andere sind in meinem Herzen aufbewahrt, müssen aber aus Gründen der lyrischen Form unerwähnt bleiben. Mehr … )

metro map

Leute

sie könnten reden
sie könnten lesen
sie könnten denken
oder mal lachen
sie könnten schlendern
sie könnten träumen
doch nein sie müssen
sich wichtig machen

 

leute

Einer wie der andere

was braucht jeder Mensch
ein eignes Gesicht?
wozu der Aufwand?
darf ich das fragen?
sind nicht die meisten
Nörgler die statt sich
selber zu ändern
nach andern schlagen?

世問億萬人
面孔不相似
借問何因緣
致令遣如此
各執一般見
互說非兼是
但自修己身
不要官他己

The world has billions of people
and no two faces alike
I wonder about the reason
behind such variation
and all with similar views
debating who is right and wrong
just correct yourself
and stop maligning others

(The Poems of Pickup (Shih-te). 拾得詩. In: The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 276f., 18.)

Heiteres Alter

ich durchschaue die
Leere der Dinge
und habe Berge
von Hass und Sorgen
aus meiner Seele
endlich verbannt
nicht zu betören
durch Blumen und Wein
bleib ich gelassen
esse und schlafe
und bin ansonsten
ein Komödiant

mein Herz kennt weder
gestern noch morgen
unsterblich werden
Buddha verehren
Kongzi studieren
möchte ich nicht
will nicht mehr kämpfen
sollen sie lachen
mein Spiel ist gespielt
und meine Maske
tragen bald andre
vor dem Gesicht

 

朱敦儒

老來可喜
是歷遍人間
諳知物外
看透虛空
將恨海愁山
一齊接碎
免被花迷
不為酒困
到處惺惺地
飽來覓睡
睡起逢場作戲

休說古往今來
乃翁心裹
沒許多般事
也不載仙
也不佞佛
不學栖栖孔子
懶共賢爭
悅教他笑
如此只如此
雜劇打了
戲衫脫與凱底

„Zhu Dunru: Old Age

I am happy with my old age:
For I have seen life thoroughly,
Become familiar with all truths,
Penetrated the hidden things oft he world;
Obliterated altogether the seas of regret and
mountains of distress;
Free from the charms of flowers,
And the spell of wine,
Always sober.
When I have eaten, I go to bed;
When I awake, I play my part when my turn comes.

Do not talk of the days gone by and time to come;
In my breast
There are no such things.
I have no mind to become an Immortal,
to worship Buddha,
Nor to imitate the restless Confucius.
I am unwilling to argue with you,
Laugh as they will –
So, be it so.
My part performed,
I leave my costume to the silly players.“

(Zhu Dunru 朱敦儒 1081-1159; aus: 101 Chinese Lyrics. 中華雋詞一0一首. Compiled and Translated by Chu Dagao. Beijing 1987. 146f.)

Mondnacht

schier endlos die Nacht
ich liege noch wach
der helle Vollmond
glänzt über dem Dach
mir scheint da ruft wer
doch niemand ist da
und ich alter Narr
ich antworte:  ja?

夜長不得眠
明月何灼灼
想聞散喚聲
虛應空中諾

Long night: unable to sleep.
The moon, how breakingly bright.
Calling, someone seems calling.
Into the empty air, I answer “Yes?”

Aus: Chinese Poetry. An Anthology of Major Modes and Genres. Translated and edited by Wai-lim Yip. Berkeley: University of California Press 1976. 161.