Grünes Xuzhou

Zikaden zirpen
sanftes Geplätscher
in grünen Teichen
wohin ich schaue
in grünen Feldern
hellgrüne Weiden
warte bald grünen
mir Bart und Braue

沈德潜(1673-1769): 过许州

到处陂塘决决流
垂杨百里罨平畴
行人便觉须眉绿
一路蝉声过许州

 

Shen Deqian (1673-1769): An Xuzhou vorbei

Überall plätschern „Jue-jue“ die Teiche.
Und überall hängen Trauerweiden in die Felder.
Ich Reisender habe das Gefühl, Bart und Brauen werden mir grün,
wenn ich von Grillen umzirpt an Xuzhou vorbeikomme.

(Das Gedicht bezieht sich auf das heutige Xuchang in der chinesischen Provinz Henan.)

Rom 2014

ein großer Jahrmarkt
mit Buden aus Stein
mit Marmorhelden
Spaghetti und Wein
besonders beliebt
ist die Geisterbahn
da spuken der Papst
und der Menschheitswahn


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Nebel und Tod

(Sylt 1999)

wo gestern noch der Leuchtturm stand,
heut morgen eine Nebelwand
ein graues fahles stilles Schweben
schluckt Form und Farbe Klang und Leben

nicht Wald noch Wiese nicht mal Kühe
kein Traktor tuckert durch die Frühe
kein Wind kein Möwenflugverkehr
die Wirklichkeit sie wirkt nicht mehr

so muß der Tod sein kein Objekt
das mich zum Subjekt macht und neckt
nicht mal ein Gott der grausam richtet
nur noch das Nichts das friedlich nichtet

 

nebel

Frühlingsgeräusche

(Sylt 2001)

der Möwerich kreischt laut und schrill
die Möwe zu betören
das Tier darf kreischen ich bin still
und muss sein Kreischen hören

im Buschwerk bellen zwei vor Lust
die Frühlingswinde rauschen
fern blökt ein Schaf aus woller Brust
und ich muss schweigend lauschen

die Frau im Nachbarstrandkorb schnappt
den Straps aus schwarzer Seide
auf ihren Schenkel dass es flappt
und ich vernehms und leide

dumpf muht die Kuh vom Grase satt
im Kreise ihrer Kälber
nur abends spät in meinem Bad
muh ich dann auch mal selber

 

wanne

Tauchurlaub

Frau Schultze wählt die Malediven
als Herbsterholungsurlaubsort
sie läßt sich in die Lüfte hieven
und düst mit einem Flugzeug fort

sie schnappt sich ihre Taucherbrille
schnallt ihre Flosse an den Fuß
schwebt durch endiviengrüne Stille
erwidert feucht der Fische Gruß

und wird da unten nass und nasser
der Tang wogt rot ein Seeaal naht –
mir reicht mein Schreibtisch brauch kein Wasser
bin nur ein trockner Literat


tauchen

Odysseus im Hotel

(Hotel Eliseo, Rom)

kein Liebesgestöhn
kein Autoverkehr
kein Eheweib schnarcht
kein Zimmerboy klopft
selbst meine Träume
sind stumme Filme
ich habe mir Wachs in
die Ohren gestopft


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Tunesisches Strandbildchen 2000

des Horizontes lange Gerade
trapezgebauschte ferne Segel
Handtuchrechteck braune Wade
junger Brüste Gummikegel

Sonnenmilch tropft aus der Tube
länglich ausgestrecktem Rohre
schäumend in des Nabels Grube
Stimmen schwirren sanft im Ohre

Schenkelwalzen Tonnenrümpfe
tätowierte Kompassrosen
Sonnnenschirmstrohkegelstümpfe
winzigkleine Tangahosen

vorn ein Dreieck hinten Bälle
eingedrückt im weichen Sande
flachkonkave Doppeldelle
Algenbänder auf dem Strande

Palmen werfen grüne Strahlen
schlanker Blätter Wimpernfächer
über flachen Quadern kahlen
stille weiße Kuppeldächer

welche Freude so zu träumen
Zeit im Schatten zu verdösen
und die Welt nicht aufzuräumen
sondern lächelnd aufzulösen

 

tunesien

Im Alpenvereinsmuseum

(vor der Bodenvitrine mit den Schuhen,
die Hermann Buhl 1953 bei der
Erstbesteigung des Nanga Parbat trug)

Hermann Buhls Schuhe
vom Nanga Parbat
so nah am Boden
welches Entzücken
nun können meine
an jenem Glassturz
neugierig ihre
Nasen plattdrücken

 

Flugreisen

man träumt von schönen
schwebenden Vögeln
tatsächlich rast man
in einer Röhre
an Sitze geschnallt
durch Turbulenzen
die nächste Reise
werde ich schwänzen

Einladung

ich bin zwar getauft
doch bin ich nicht fromm
und wenn ich drum nicht
in den Himmel komm
dann lad ich dich gern
in die Hölle ein
ich will dir ein zärt-
licher Teufel sein

anlässlich eines Besuchs in der Hongkong Baptist University 2005

Bei Eschede

Matsuo Basho: Frosch

Der alte Weiher
Ein Frosch springt hinein
der Klang des Wassers

Binsen und Birken
in tiefer Stille
die Fische schweigen
im Schlingpflanzenreich
ein einzelner Frosch
stört die Idylle
er springt in die Luft
und plumpst in den Teich

Hotel Lago

(Ulm)

Eis auf den Wiesen
im grauen Wasser
gründelt der Schwan den
Schwanz steil nach oben
die frommen Entchen
werden nicht müde
schnatternd des Bürzels
Weißheit zu loben

Vor Würzburg

der Morgen räkelt sich
und strampelt aus den Decken
der Kirchturm ist schon auf
das Wäldchen lässt sich wecken
ein sanfter Hügel gähnt
mit seinem Tunnelrachen
frühstückt er meinen Zug
ich muss im dunkeln lachen