Eins drückt er zu

Buddha im Otagi-Nenbutsu-ji, Kyotaki

zweierlei Augen
das eine blickt streng und das
andere milde

 

The […] principal image was made in the middle of the Kamakura period (1192-1333) […]. The eyes of that statue are not symmetrical, expressing the duality of Buddha’s mercy: strictness on one side and tenderness on the other […]. [aus dem Tempelprospekt]

Am Kyotaki-Fluss

eine ethologische Studie

in allen Bäumen
krächzen die Krähen
Zikaden zirpen
auf ihren Geigen
am Ufer singen
die Frösche ihr Lied
nur die verstockten
Ameisen schweigen


Meoto-Iwa (夫婦岩), Ise

zwei Felsen mit Seil
als Gleichnis für Mann und Frau
das könnte passen

 

Die Felsen sind zwar verbunden, stehen aber unverrückbar im Meer, wie sehr der eine oder der andere auch am Seil ruckelt. Das Seil muss dreimal im Jahr erneuert werden. Die Felsen sind viel kleiner, als sie auf den Bildern der Tourismuswerbung erscheinen. Sie zerbröckeln im Laufe der Jahre in der Brandung. Und die Seevögel scheißen ihnen ohne jeden Respekt auf den Kopf.

Bambus

schade! nun kann ich
sie nicht mehr sehen
die Ritze im Zaun
von Blättern verdeckt
so schön der Sommer
ansonsten sein mag
die Nachbarin hat
er vor mir versteckt

 

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„Love Seen in Summer“

My secret spying
through the cracks in her fence
is impeded now
by thick growth on the bamboo
that tells us summer has come.

Kagawa Kageki (1768-1843). In: Traditional Japanese Poetry.
An Anthology. Translated, with an Introduction, by Steven D. Carter.
Stanford: Stanford University Press 1991. 434.

Höflich

der andre bis auf
die Knochen durchnässt
von mir ganz zu schweigen
zwei Schirme die sich
in Wind und Regen
respektvoll verneigen

The other one got drenched –
and I got wet through too.
In falling rain
two umbrellas show respect
by exchanging bows.

Aus einer Gedichtsammlung des 16. Jahrhunderts. In: Traditional Japanese Poetry. An Anthology. Translated, with an Introduction, by Steven D. Carter. Stanford: Stanford University Press 1991. 337.

Lokalbahnpilotin

Demachiyanagi – Kurama

rings steile Berge
und Ahornwälder
im Fahrerhäuschen
handhabt ein Engel
sicherheitshalber
mit weißem Handschuh
der Druckluftbremse
mächtigen Schwengel

 

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Der Tempelreiher

Kenninji, Kioto

der Teich im Garten
unter den Kiefern
ist ihm der liebste
von allen Plätzen
er starrt ins Wasser
mit Pfandleiherblick
als hätte er ein
Goldstück zu schätzen

Buddhistischer Mönch

Skulptur im Ishiyama-Tempel, Otsu

so ruhig müsste
man sitzen können
und so erleuchtet
von innerem Licht
der hat die Welt schon
längst überwunden
die Farbe blättert
ihn kümmert das nicht


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Im Bergtempel

Jingo Ji, Takao, Kioto

hölzerne Hallen
rostrote Tore
knorrige Kiefern
leuchtender Morgen
hier wär man käme
der Weltuntergang
noch eine Weile
sicher geborgen


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Der Fuji III

ein bislang ungelöstes Problem
der japanischen Kunstpsychologie

zwar ist der Fuji
ein stumpfer Kegel
doch die Japaner
seine Besitzer
malen ihn wenn ich
nur wüsste warum
meistens ganz oben
ein bisschen spitzer

 
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Hypothesen zur Diskussion: Ist hier einfach das Prägnanzstreben des Menschen am Werk? – Liegt eine unbewusste Abbildung vor? Meint also der Künstler, er male den Fuji, während ihm seine Seele eine landesübliche weibliche Brust in den Pinsel schmuggelt? – Spielen kompositorische Gründe eine Rolle – gerade auch bei den hochformatigen Rollbildern? – Oder sieht man den Fuji als steile Startrampe für den dort wohnenden mythischen Drachen?

Der Fuji II

wenn er verstimmt ist
hüllt er sich häufig
für viele Tage
völlig in Dunst
ihn mit den schwachen
Augen der Seele
trotzdem zu sehen
das ist die Kunst

Der Fuji I

(ich lese im Zug bei Yokohama ein Haiku von Basho)

er sei so heißt es
im Dunst am schönsten
dann träume man ihn
und sehe ihn nicht
als ich das lese
erscheint er selber
vor meinem Fenster
ein Pickel aus Licht


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misty showers
the day one cannot see Mount Fuji
it is more attractive

Matsuo Basho (1644-1695); In: Basho. The Complete Haiku. Translated, annotated and with an introduction by Jane Reichhold. New York: Kodansha 2008. 76)

Menschen

denken sie nicht ich
meide die Menschen
bisweilen müssen
Menschen schon sein
doch ich genieße
die meisten Freuden
am allerliebsten
für mich allein

You mustn’t suppose
I never mingle in the world
Of humankind –
It’s simply that I prefer
To enjoy myself alone.
(Ryokan 1758-1831)

(Zen Poems. Selected and edited by Peter Harris. New York: Alfred A. Knopf 1999. 225. Übersetzung Donald Keene)

Im Tempel

(Nara)

die frommen Mönche
murmeln ihr Mantra
und selbst die Fische
im nahen Teich
öffnen die Mäuler
und blubbern Om Om
auch Fische wollen
ins Himmelreich


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Kulturwandel im Gebirge

(Innsbruck)

im Stadtgewühl das
Seil auf dem Rucksack?
die Zeitgenossen
von Hermann Buhl
hielten dergleichen
für Angeberei
heute dagegen
gilt das als cool

 

BuhlHermann Buhl (1924 – 1957): österreichischer Bergsteiger; Erstbesteiger des Nanga Parbat und des Broad Peak; Pionier des Alpinstils.

Mukai Kyorai (1651-1704)

Was soll denn das?
… mit dem Langschwert gegürtet
zur Kirschblütenschau?

aus: Haiku. Gedichte aus fünf Jahrhunderten. Japanisch / Deutsch. Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller. Unter Mitwirkung von Kaneko Tõta und Kuroda Momoko. Stuttgart: Reclam 2017. S. 86.

Offener Brief

(Kioto)

liebe Japaner
wie seid ihr denn bloß
von Tempeln Gärten
und stillen frommen
Buddhistenmönchen
auf Hello Kitty
und ähnlich kindischen
Unsinn gekommen?

 

hellokitty

Kalligraphie mit Vogel

高桐院, 京都 – Koto-in, Kioto

ein Vogelschrei macht
den Wald noch stiller?

wie recht er hat der
weise Verfasser!
macht nicht auch häufig
das Mitsibushi
ein blasses Bäuchlein
noch sehr viel blasser?

 

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Das chinesische Gedicht, dem die kalligraphierte Zeile entnommen ist, scheint bei der Entstehung der Wendung „點金成鐵“ (aus Gold Eisen machen, einen Text verschlimmbessern) eine Rolle gespielt zu haben: Die ursprüngliche Formulierung „烏啼(嗚)山更幽“ (ein einzelner Vogelschrei macht den Wald noch stiller) soll ein späterer Autor in abgewandelter Form in ein eigenes, ähnliches Gedicht übernommen haben: „一烏不嗚山更幽“ (dass nicht ein Vogel schreit macht den Wald noch stiller). Diese Abwandlung soll ein Kritiker mit „點金成鐵“ kommentiert haben: „Du hast aus Gold Eisen gemacht, den Text verschlimmbessert.“ (Vgl. 嚴北溟,嚴捷 編著: 中國哲學寓言故事 4. 臺北 1990. 90-91.) – Für den Rest des Textes vgl. auch Schoßtiere und Tattoos und Piercings: Das Ende der Nacktheit.

Saisho-in, Kioto

景勝院, 京都

das langsame Herz
des Bergs der starke
Pulsschlag der Föhren
die ernste Glocke
des Tempels im Tal
hier kaum zu hören

alles ist eines
der Berg die Glocke
Bäume Zikaden
ein weißes Hündchen
der kunstreiche Mönch
auf grünen Pfaden

alles ist kühl unter
turmhohen Wipfeln
hier suchen alle
hier findet jeder
der Ort ist versteckt
und offen zugleich
sein freundlicher Geist
wohnt in der Zeder

 

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Summer, Saisho-in (anonym)

The evening bell, solemn and bronze,
in the grandfather temple down the hill,
sounds dimly here.

Slow beat of the mountain’s heart, perhaps,
or determined pulse of pine tree (gift of the birds)
growing out of a crotch of the slippery monkey tree.

All one, perhaps –
bell, mountain, tree,
and steady cicada vibrato
and little white dog
and quiet artist-priest, carver of Noh masks,
fashioning a bamboo crutch for the ancient peach tree –
symbol of strength, symbol of concern.

All cool under nodding crowns of the vertical forest,
all seeking in this place,
all finding in this place –
hidden yet open to all –
the spirit in the cedar’s heart.*

Saisho-in: a small, Eighth Century Buddhist temple in a mountain gorge near Kyoto, Japan.

* Japanische Tempel werden zu einem großen Teil aus Zedernholz gebaut.

Yosakoi Parade

Tokio Omote-sando August 2014

Kimono-Trippeln?
Hand-vorm-Mund-Lächeln?
sie wirbelt kampfschreit
lacht wie besessen
purzelbaumt kniebeugt
schüttelt die Fäuste
und fletscht die Zähne
will sie mich fressen?


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Tokio Metro

Nihombashi
Kyobashi
tausend Menschen
steigen ein
Toranomon
Kamiyacho
schon bin ich
am Meiji-Schrein

 

(Die Stationen Ginza, Shimbashi, Tameike-sanno, Asakasa-mitsuke, Aoyama-mitchome, Gaiemmae, Omote-sando, Meiji-jingumae und viele andere sind in meinem Herzen aufbewahrt, müssen aber aus Gründen der lyrischen Form unerwähnt bleiben. Mehr … )

metro map