Radlerin

Auf der ganzen Welt gibt es nichts Weicheres
und Schwächeres als das Wasser. Und doch in
der Art, wie es dem Harten zusetzt, kommt
nichts ihm gleich. (Laotse: Tao te king. 78.
Übs. Richard Wilhelm)

mit ihrer Weichheit
hat sie den harten Sattel
völlig zerschlissen

 

Scheich und Haremsdamen

Restaurantchef im Kreise seiner Kellnerinnen beim Cappuccino

ein Gockel im Korb
von schlanken schwarzen Hennen
eifrig umgackert

er will sie alle
jede von ihnen will ihn
alleine für sich

sie lächeln aber
für ihn würde jede die
Schwestern vergiften

für Mehmet fächeln
sie Frischluft mit riesigen
künstlichen Wimpern

der Wettstreit ist hart
jede möchte am Abend
der erste Preis sein

Eins drückt er zu

Buddha im Otagi-Nenbutsu-ji, Kyotaki

zweierlei Augen
das eine blickt streng und das
andere milde

 

The […] principal image was made in the middle of the Kamakura period (1192-1333) […]. The eyes of that statue are not symmetrical, expressing the duality of Buddha’s mercy: strictness on one side and tenderness on the other […]. [aus dem Tempelprospekt]

Meoto-Iwa (夫婦岩), Ise

zwei Felsen mit Seil
als Gleichnis für Mann und Frau
das könnte passen

 

Die Felsen sind zwar verbunden, stehen aber unverrückbar im Meer, wie sehr der eine oder der andere auch am Seil ruckelt. Das Seil muss dreimal im Jahr erneuert werden. Die Felsen sind viel kleiner, als sie auf den Bildern der Tourismuswerbung erscheinen. Sie zerbröckeln im Laufe der Jahre in der Brandung. Und die Seevögel scheißen ihnen ohne jeden Respekt auf den Kopf.

Geisha

sie schabt die Schminke
von ihrem Gesicht sieh da
der Sommerfuji
 

The powder peeled off from her face the summer Fuji
Quelle: Hiroaki Sato: A Brief Survey of Senryû by Women.
http://www.modernhaiku.org/essays/senryuWomen.html

 

© Foto aus dem Buch: Robert van Koesveld: „Geiko & Maiko of Kyoto“.
http://www.robertvankoesveld.com

Viele Menschen kennen den Fuji nur dekorativ verschneit. Sie wissen nicht, dass der Berg im Sommer häufig schneefrei und – nach dem Geschmack der meisten – weniger ansehnlich ist: aus der Flugzeugperspektive eine enttäuschende Kohlehalde. Vermutlich bezieht sich der vorliegende Vers auf diesen Umstand: Wischt sich die Geisha nach Dienstschluss den schneeweißen Reispuder aus dem Gesicht, kommt der dunklere Sommerfuji zum Vorschein.

Bergdorf

die Ahornblätter
fallen so laut man hört hier
nicht mal den Regen

Ryokan (1758-1831)

the sound of maple leafs falling
in this mountain village
makes it hard to tell
a rainy day from one that is not.

(Kazuaki Tanahashi: Sky Above, Great Wind.
The Life and Poetry of Zen Master
Ryokan. Boston/ London:
Shambhala 2012. 92.)

Das Leid des Einsiedlers

früher die Brandung
nun auf dem Berg der laute
Wind in den Kiefern

Ryokan (1758-1831)

Reflection on leaving the household

I came to the mountain
to avoid hearing
the sound of waves.
Lonesome now in another way –
wind in the pine forest.

(Kazuaki Tanahashi: Sky Above, Great Wind.
The Life and Poetry of Zen Master
Ryokan. Boston/ London:
Shambhala 2012. 72.)

Eine bemerkenswert offene, kritische, vielleicht auch selbstironische Reflexion des Einsiedlers Ryokan über das Einsiedlertum: Er ist aus dem Lärm der Wellen am Meer (den Unzuträglichkeiten der profanen Welt) in die Einsiedelei in den Bergen geflohen und leidet nun dort, wenn auch auf andere Weise, unter dem Wind im Kiefernwald (der Einsamkeit und ungenannten weiteren Schwierigkeiten). „leaving the household“ bedeutet ‚Klostermönch oder Einsiedler werden‘.

Auf der Leiter

dem Kakipflücker
klappern die kahlen Klöten
im kalten Herbstwind

Ryokan (1758-1831)

the persimmon picker’s
testicles look frozen
in the autumn wind

(Kazuaki Tanahashi: Sky Above, Great Wind.
The Life and Poetry of Zen Master
Ryokan. Boston/ London:
Shambhala 2012. 180.)

Frau Frisch

I

furchtlos klebt sie ihr
Jugendbildnis von damals
an die Bürotür

II

sie mag das Alter
ihre vergilbten Fotos
zeigt sie am liebsten

 

Der Achtzeiler zum selben Thema erscheint
mir im Vergleich zu den Dreizeilern inzwischen
überdeutlich und geradezu geschwätzig:

an ihrer Tür hängt
ihr Jugendbildnis
ein blonder Engel
zum Steinerweichen
glaubt sie denn wirklich
dass wir das alte
Foto nicht mit ihr
selber vergleichen?

Mir ist aber bewusst, dass einige meiner
ohnehin wenigen Leserinnen und Leser das
anders sehen. Deshalb gebe ich ihn hier wieder.

Der dumme Fuchs

umsonst geheuchelt
spät erst merkt er die Trauben
sind wirklich sauer


oder, als autobiographische Notiz:

umsonst geheuchelt
jetzt erst weiß ich die Trauben
sind wirklich sauer

 

De vulpe et uva

Fame coacta vulpes alta in vinea
uvam appetebat summis saliens viribus;
quam tangere ut non potuit, discedens ait:
„Nondum matura est; nolo acerbam sumere.“
Qui, facere quae non possunt, verbis elevant,
adscribere hoc debebunt exemplum sibi.
(Phaedrus, Fabeln 4,3)

[Vom Fuchs und den Trauben

Vom Hunger getrieben sprang ein Fuchs in einem Weinberg
mit aller Kraft nach einer Weintraube.
Als er diese nicht erreichen konnte, sprach er im Weggehen:
„Sie ist noch nicht reif; sauer mag ich sie nicht fressen.“
Wer seine Misserfolge wortreich beschönigt
sollte in diesem Beispiel sich selbst erkennen.]

Frühlingsmahl

Schnecken und Raupen
fletschen die Zähne endlich
grünen die Blätter

 

Wilhelm Müller: Das Frühlingsmahl (1824/26)

[…] Er ist es selbst gewesen,
Der gute reiche Wirt
Des Himmels und der Erden,
Der nimmer ärmer wird.

Er hat gedeckt die Tische
In seinem weiten Saal,
Und ruft, was lebet und webet,
Zum großen Frühlingsmahl. […]

Er ist’s

ohne Erbarmen
zeigt mir der Frühling den Staub
auf meinem Schreibtisch

 

Eduard Mörike: Er ist’s

Frühling läßt sein blaues Band
wieder flattern durch die Lüfte;
süße, wohlbekannte Düfte
streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
wollen balde kommen.
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen!