der Roller gehorcht
dem leisesten Druck ihrer
Nylonstrumpfschenkel
Schlossführerin
Kälteeinbruch
Neuschnee im Frühling
Susi trägt wieder Strapse
aus warmer Wolle
Museum
knarzende Dielen
machen aus simplen Bildern
erst richtige Kunst
Zugfahrt mit Selfies
Hannover – Lübeck
glücklich bewundern
Mutter und Tochter nichts als
Mutter und Tochter
Entwarnung zu Ostern
nein keine Haie
Hasenohrspitzen über
dem Bodennebel
Naturwunder
warum nur blühen
ausgerechnet zu Ostern
die Osterglocken?
Kalter März
vornübergebeugt
schaufelt sie Schnee mir wird nach
Frühling zumute
Schlüpfer
das klingt als ob da
Schafwolle glitte
erst von den Füßen
aufwärts zur Mitte
dann bei Bedarf mit
doppelter Süße
auch wieder abwärts
bis auf die Füße
Frühlingsfee
statt Blümchendessous
trägt sie nun wieder trotzig
den weißen Schlafrock
Junge Frau im Bistro
sie spricht als stünde
sie vor dem Spiegel im Bad
und übte schön sein
Rückflug aus Taiwan
die Goldfiguren
gütiger Götter
die roten Säulen
schon fast vergessen
einstweilen bete
ich voller Inbrunst
nun zu den Strümpfen
der Stewardessen
Tempel der Lady Linshui
臨水夫人廟, Tainan
ein wenig graut mir
vor dieser Göttin für Milch
und Kindergeschrei

„Lady Linshui is a deity born from the legend of a woman named Chen Jinggu. This was a woman of the early AD700’s who was said to be the daughter (or avatar) of the goddess Guanyin. Chen Jinggu was a prodigy child who could speak shortly after birth and write shortly after learning to walk. She had a very storied life, but to make a long story short, she was a rain shaman who battled snake demons and then became a master of childbearing practices after her death. Legends abound about her life and she is well represented in popular film and fiction.“ (Quelle: https://tainancity.wordpress.com/2010/11/06/lady-linshui-temple/)
Studienreise
Konfuziustempel, Tainan
die sehn gar nicht hin
denen genügen Namen
und Jahreszahlen
Frühling im Hotel
Neue Hoffnung für alleinreisende Herren
Frauen mit Smartphone
irren sich leicht in der Tür
man muss nur warten
Frühstück mit Lotosblüte
Silks Place, Tainan
über dem Rührei
leuchtet ihr Lächeln heller
als Morgensonne
ein freundlicher Gott
zaubert sie duftig und frisch
in meinen Aufzug
nur Augenblicke
schwebt der Lift aufwärts leider
bleibt er nicht stecken
ich träum mir heut nacht
die zehn Sekunden mit ihr
zum Schäferstündchen
Brautmoden
Tainan
im Fenster Seide
drinnen schlürfen die Damen
Kaldaunensuppe
Tänzerinnen im Tiantan-Tempel
Tainan
die Götter strahlen
nach all dem Weihrauch endlich
mal was Konkretes

per aspera ad astra
Taiwan
der Weg zum Tempel
muss er denn immer über
Schrottplätze führen?
Fromme Alte
Tamsui, Taibei
die Räucherstäbchen
als Feuerlanze voran
stürmt sie den Tempel

Wetterwechsel in Taibei
Kälte und Regen
ach nun schmachten die Beine
wieder im Dunkeln
Aufbruch zum Siebensterneberg
Qixing Shan, Taibei
rings in den Bäumen
murmeln die Morgenvögel
wie sanfte Quellen

Chinesisches Neujahrsfest
Frankfurt – Beijing
kolibrilieblich
umschwirren mein graues Haupt
fünf Stewardessen
Im Bad
lauwarmes Wasser
rinnt mir in Strömen
sanft über Schultern
Rücken und Bauch
süße Gewissheit
jenseits der fernen
Schneewittchenberge
duscht sie jetzt auch
Damenkränzchen am Nebentisch
nur Katastrophen
der Rücken das Herz das Bein
und ach die Männer
Pornofilm
keine Erleuchtung
höchstens die Überprüfung
der Steckkontakte
Grüner Nagellack
die Frau verwirrt mich
sind diese Dinger Finger
oder Gemüse?
Für einen Schulprospekt
wir promovieren
selbst noch den letzten Trottel
zum Besserwisser
Festgarderobe
ihr Carmenkragen
die Schultern ein weißes Schiff
in schwarzem Wasser
Nachts
in meinen Träumen
murmle ich manchmal
längst vergessenes
Liebeslatein
erschrocken blinzle
ich dann zum Wecker
drehe mich um und
schlaf wieder ein
Begegnung im Sturm
der fliegende Ast
ein aus dem Park verscheuchter
fauchender Drache
Pärchen in der U-Bahn
smartphoneversunken
ertrotzen sie sich das Recht
im Weg zu stehen
Wintersturm
als Vorkommando
purzelbaumende Wölkchen
über den Wipfeln
Frühstück am Fluss
wir löffeln Eier
was aber tun die Schiffe
hinter dem Nebel?
Winternacht
trockenes Laub weht
über den eisigen Weg
ein Trommelwirbel
Fortschritt in der Lokalpresse
Inzwischen, schreiben
Jungredakteure
viele Artikeln,
verfassen sie die.
Diese Artikel,
fördert beim Leser
Klarheit Grammatik,
mit Ortografie.
Die Morgenzeitung
Kleiner Christbaum
täglich Lametta
das ganze Jahr lang glitzert
Philines Goldschopf
Beim Nüsseknacken
kleine Gehirne
verblüffend friedlich zu zweit
in einer Schale
Tanga
höchst heikel hängt da
ein Feigenblattfetzen am
seidenen Faden
Digitale Neujahrsglückwünsche
läppische Filmchen
tausendfach abgekupfert
statt eigner Worte
Silvesterspaziergang
Lübeck Hauptbahnhof
unter dem Glasdach
raunt die Göttin des Fahrplans
Ostseegeschichten
Weihnachtsakrobatik
Emojis
In der Straßenbahn
sie hören nichts mehr
Stöpsel und Kabel
hängen verzwirbelt
aus ihren Ohren
was habe ich bloß
so ganz alleine
in einem Schwarm von
Tauben verloren?
Ein Weltverbesserer
er färbt ihr Haare
und Fingernägel
bügelt die Runzeln
aus ihrer Stirne
kauft ihr zehntausend
knallrote Fähnchen
und geilt sich dran auf
die Welt als Dirne
Zwiebeltürme
I
angeblich Zwiebeln
tatsächlich aber Knödel
mit Zipfelmütze
II
über den Dörfern
läuten üppige Hüften
und schlanke Taillen
Verschneite Dächer in Wien
erst haben wir sie
für erfroren gehalten
eiserne Krähen
Brötchenkunde
Neuer Rock
Fototermin
sie könne sich jetzt
nicht knipsen lassen
ihr Kleines Schwarzes
sei noch beim Schneider
und ohne das Kleid
posiere sie nicht
was will man machen?
so denkt sie leider
Modetelegramm: Der Carmen-Ausschnitt
man kennt das Prinzip
über dem schlaffen Kragen
ein rosiger Kopf
Fünfeinhalb Minuten
heiter ragt es
aus seinem Becher
vergessen ist ach
der Henne Pein
mächtig wirft es
sich nun in Schale
hier ist es Ei
hier darf es sein
Kulturradio II
im Unmaß gespielt
sind sogar Bach und Mozart
nichts als Gedudel
Auf NDR-Kultur habe ich kürzlich in nur einer halben Stunde Beethoven, Händel, chinesische Musik, Liszt, Léhar und irgendeinen Tango schlucken müssen. Welche musikalischen Allesfresser können einen solchen Eintopf verdauen?
Strandläufer
Mit Botticelli am Strand
Darßer Ort
der braune Koffer
schwebt beinah lautlos durchs Schilf
ein kleines Wildschwein
Fußballnationalmannschaft
nur mäßig gespielt
doch die Frisürchen perfekt
wie vor dem Anpfiff
Hotelzimmer
ferne Laterne
auf der Tapete tanzen
zwei Kiefernzweige
Kulturradio I
immer dieselben
Perlen der Klassik auch nicht
besser als Schlager
Spitzenwäsche
durch kleine Löcher
in schwarzer Seide schaut sie
mir auf die Finger
Novemberstrand
kein Badebetrieb
die Möwen verreist nur noch
zwei Krähen und ich
Modetelegramm aus Nienburg
für I.
kein Pferd weit und breit
aber die Hose besetzt
mit blankem Leder
Dummköpfe
den Ernst beherrschen
sie noch aber beim Unsinn
müssen sie passen
… dem Ernst des Lebens
die Luft aus den Reifen gelassen.
(Gerhard Henschel: Bildungsroman.)
Schwarze Leggins
für I.
nirgends ein Fältchen
alle Zwickel und Winkel
gefüllt mit Figur
Domina II
sie schreibt mir stets nur
um meine Antwort ohne
Antwort zu lassen
Domina I
sie flappt mit dem Straps
doch sie verbietet mir strikt
den Knall zu hören
Presseschau
Aufschrei in allen
Blättern der böse Herbststurm
belästigt Bäume
Spatz und Taube
lieber Viskose
in meiner Hand als Seide
auf fernen Dächern
Tierfilm
ein Schildkrötenkopf
vorsichtig bohrt sich der Zeh
aus meinem Turnschuh
Blonde Joggerin
ihr Zopf zeigt nach rechts
dann wippt er nach links wohin
verdammt biegt sie ab?
Alter Bildhauer
Lindenallee im Herbst
Verspätung
Boxer
ein Stoppelglatzkopf
über dem Nacken wulstet
dreifaltiger Speck
Wärmflasche
zwischen zerwühlten
Laken gluckert und zittert
ein zartes Bäuchlein
Herbstsonntag auf dem Balkon
Die Herbstkönigin
in der Fußgängerzone
im kalten Regen
strumpflos in kurzer Hose
unübersehbar
Marienstatue
Forscher vermuten
hinter den frommen Falten
sei keine Jungfrau
Verschobene Reise
die Stewardess ist
untröstlich diesmal muss sie
ohne mich fliegen
Kormorane an der Weser
sie pfeifen heute
auf Fisch und kreisen müßig
im goldenen Dunst
Frühstück an der Weser
über den Brötchen
tuckert ein Lastkahn sanft durch
herbstliche Wiesen
Geheilt
nicht mal in ihrer
Straße hält er noch Ausschau
nach ihrem Goldschopf
Stumm
sie schweigt beharrlich
damit man glaubt sie hätte
etwas zu sagen
Umsonst
was immer er kauft
das Loch in seiner Seele
kann es kaum stopfen
Schuhe
Gedichte – über Kurz oder Lang
die langen stehen
auf dem Papier
die kurzen gehen
mir durch den Kopf
Spätsommer
ein Baum ist schon gelb
das Jahr kommt in die Jahre
der erste Goldzahn
Mond und Wolken
ab und zu schimmert
am Boden vor meinem Bett
ein weißer Teppich
Ein Masochist träumt
Masochist II
Masochist I
er jubelt vor Lust
wenn sie bisweilen beim Tanz
ihm auf den Fuß tritt
Herr Bolle
kurze Gedichte
liest er erst gar nicht er kann
sich lange leisten
Neue Gießkanne
Vielseitige Pastorin
tags trägt sie Beffchen
abends trägt sie den Busen
betörend luftig
sie predigt höllisch
schüttelt aber beim Tanzen
himmlisch die Hüften
tagsüber trotzt sie
dem Teufel abends hat sie
den Teufel im Leib
Sankt Bartholomä am Königssee
Radlerin
Reparatur
Die Elbe bei Blankenese
Scheich und Haremsdamen
Restaurantchef im Kreise seiner Kellnerinnen beim Cappuccino
ein Gockel im Korb
von schlanken schwarzen Hennen
eifrig umgackert
er will sie alle
jede von ihnen will ihn
alleine für sich
sie lächeln aber
für ihn würde jede die
Schwestern vergiften
für Mehmet fächeln
sie Frischluft mit riesigen
künstlichen Wimpern
der Wettstreit ist hart
jede möchte am Abend
der erste Preis sein
Am Fluss
zwei Enten im Flug
mir scheint die Flügel bräuchten
ein paar Tropfen Öl
Liebestöter
die trage sie nicht
dann stelle ich mir halt vor
wie sie sie nicht trägt
Schuld und Sühne
eine meteorologische Studie
jeden Strahl Sonne
straft dieser Sommer sofort
mit Blitz und Donner
Tröstlich
ihr Kleid verhüllt nichts
immerhin ist sie bereit
es anzulassen
Ungerecht
sie knöpft ihr Hemd auf
und gibt dem Kleinen die Brust
ich gehe leer aus
Sie ruft an
urplötzlich bin ich
der der ich immer dann bin
wenn sie mich anruft
Zerstreute Mutter
das Kind längst gestillt
aber die bloßen Brüste
draußen vergessen
Heuchler
Nacht am Nanzen-Tempel in Kioto
U-Bahn-Station Keage, Kioto
They are using WhatsApp
hinter den Smileys
bleiben sie doch nur Bücher
mit sieben Siegeln
Eins drückt er zu
Buddha im Otagi-Nenbutsu-ji, Kyotaki
zweierlei Augen
das eine blickt streng und das
andere milde
The […] principal image was made in the middle of the Kamakura period (1192-1333) […]. The eyes of that statue are not symmetrical, expressing the duality of Buddha’s mercy: strictness on one side and tenderness on the other […]. [aus dem Tempelprospekt]
Am Kyotaki-Fluss
Ansagerin im Bus von Kioto nach Ohara
Meine Bergschuhe
Nachtwanderung auf den Inari-Berg
Sommernacht in Kioto
verdammte Hitze
ich träume vergebens von
kühleren Träumen
Meoto-Iwa (夫婦岩), Ise
zwei Felsen mit Seil
als Gleichnis für Mann und Frau
das könnte passen
Die Felsen sind zwar verbunden, stehen aber unverrückbar im Meer, wie sehr der eine oder der andere auch am Seil ruckelt. Das Seil muss dreimal im Jahr erneuert werden. Die Felsen sind viel kleiner, als sie auf den Bildern der Tourismuswerbung erscheinen. Sie zerbröckeln im Laufe der Jahre in der Brandung. Und die Seevögel scheißen ihnen ohne jeden Respekt auf den Kopf.
Neiku, Ise Shi
Zikaden morgens halb sechs
der Taktstock hebt sich
alle zücken die Geigen
dann zirpen sie los
Tempelnonne
auf leisen Strümpfen
huscht sie zum Buddha plötzlich
knarzt eine Diele
Touristin im Shinto-Schrein
ärmellos bringt sie
den Göttern ihr bleiches Fett
als frommes Opfer
Hotelhimmel über Kioto
wir träumen oben
unten schrilles Gewölk von
tausend Zikaden
Safari auf den Klosterberg Koyasan
Bashos Grenzen
Froschplage im Sekisho-Tempel
ein Frosch im Gedicht
ist keine Kunst meisterlich
wären erst zwanzig
Matsuo Basho: Frosch
der alte Weiher
ein Frosch springt hinein
der Klang des Wassers
Sekishotempel, Koyasan
unter den Kiefern
abends ein sanftes Sägen
die Sutra der Frösche
Verkehrschaos in Taibei
Orakelhölzer
Chinesin im Restaurant
bisweilen führt sie
zerstreut das Smartphone zum Mund
und liest die Stäbchen
Flughafenhotel
stählerne Krähen
kreischen vom Nebel zerrupft
quer durch mein Fenster
Früher Morgen
der Tag ist noch weit
vorerst leuchtet der Grüntee
in meinem Schälchen
Kein Tee
sie lächelt aber
sie gönnt mir nicht mal den Stuhl
durstig zu sitzen
Modenschau 2017
prächtig gekleidet
schlurfen sie voller Missmut
über den Laufsteg
Basis und Überbau
unter dem kurzen
Nachthemd aus schwarzem Satin
rumpelt ihr Magen
Zwei
Letzter Schrei
die Post wäre schnell
aber die Leute schreiben
entsetzlich langsam
Großbaustelle
Laokoon staunt
ein schwarzes Schlangenmonster
kotzt Fertigbeton
Liebe an einem Sommerabend
im Laub der Buche
Taubengeflatter nur kurz
dann wieder Stille
Siebzigster Geburtstag
mein Haar ist noch grau
der Grüntee duftet wie sonst
alles beim alten
Unglaubhafte Einlassung
er kenne sie nicht
nicht mal die Narbe unten
an ihrem Rücken
Unwetter II
endloses Grollen
ein Donner tritt dem nächsten
voll auf die Hacken
Unwetter I
Ludmilla
sie ist ihr eigner
Hochglanzprospekt man blättert
und wird nicht schlauer
„She is using WhatsApp“
sie füttert ihre
Freunde wie Fische sparsam
mit kleinen Bröckchen
Zurück aus Tirol
gebückt durch die Tür
um meinen Scheitel ragen
noch tausend Gipfel
sie sammelt Freunde
täglich nimmt sie ein warmes
Karteileichenbad
Geisha
sie schabt die Schminke
von ihrem Gesicht sieh da
der Sommerfuji
The powder peeled off from her face the summer Fuji
Quelle: Hiroaki Sato: A Brief Survey of Senryû by Women.
http://www.modernhaiku.org/essays/senryuWomen.html
© Foto aus dem Buch: Robert van Koesveld: „Geiko & Maiko of Kyoto“.
http://www.robertvankoesveld.com
Viele Menschen kennen den Fuji nur dekorativ verschneit. Sie wissen nicht, dass der Berg im Sommer häufig schneefrei und – nach dem Geschmack der meisten – weniger ansehnlich ist: aus der Flugzeugperspektive eine enttäuschende Kohlehalde. Vermutlich bezieht sich der vorliegende Vers auf diesen Umstand: Wischt sich die Geisha nach Dienstschluss den schneeweißen Reispuder aus dem Gesicht, kommt der dunklere Sommerfuji zum Vorschein.
Gefährliche Berge
rings ritzen Gipfel
die weichen weißen Leiber
treibender Wolken







































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