Tempel der Lady Linshui

臨水夫人廟, Tainan

ein wenig graut mir
vor dieser Göttin für Milch
und Kindergeschrei

 


„Lady Linshui is a deity born from the legend of a woman named Chen Jinggu. This was a woman of the early AD700’s who was said to be the daughter (or avatar) of the goddess Guanyin. Chen Jinggu was a prodigy child who could speak shortly after birth and write shortly after learning to walk. She had a very storied life, but to make a long story short, she was a rain shaman who battled snake demons and then became a master of childbearing practices after her death.  Legends abound about her life and she is well represented in popular film and fiction.“ (Quelle: https://tainancity.wordpress.com/2010/11/06/lady-linshui-temple/)

Frühstück mit Lotosblüte

Silks Place, Tainan

über dem Rührei
leuchtet ihr Lächeln heller
als Morgensonne

ein freundlicher Gott
zaubert sie duftig und frisch
in meinen Aufzug

nur Augenblicke
schwebt der Lift aufwärts leider
bleibt er nicht stecken

ich träum mir heut nacht
die zehn Sekunden mit ihr
zum Schäferstündchen

Kulturradio II

im Unmaß gespielt
sind sogar Bach und Mozart
nichts als Gedudel

 

Auf NDR-Kultur habe ich kürzlich in nur einer halben Stunde Beethoven, Händel, chinesische Musik, Liszt, Léhar und irgendeinen Tango schlucken müssen. Welche musikalischen Allesfresser können einen solchen Eintopf verdauen?

Radlerin

Auf der ganzen Welt gibt es nichts Weicheres
und Schwächeres als das Wasser. Und doch in
der Art, wie es dem Harten zusetzt, kommt
nichts ihm gleich. (Laotse: Tao te king. 78.
Übs. Richard Wilhelm)

mit ihrer Weichheit
hat sie den harten Sattel
völlig zerschlissen

 

Scheich und Haremsdamen

Restaurantchef im Kreise seiner Kellnerinnen beim Cappuccino

ein Gockel im Korb
von schlanken schwarzen Hennen
eifrig umgackert

er will sie alle
jede von ihnen will ihn
alleine für sich

sie lächeln aber
für ihn würde jede die
Schwestern vergiften

für Mehmet fächeln
sie Frischluft mit riesigen
künstlichen Wimpern

der Wettstreit ist hart
jede möchte am Abend
der erste Preis sein

Eins drückt er zu

Buddha im Otagi-Nenbutsu-ji, Kyotaki

zweierlei Augen
das eine blickt streng und das
andere milde

 

The […] principal image was made in the middle of the Kamakura period (1192-1333) […]. The eyes of that statue are not symmetrical, expressing the duality of Buddha’s mercy: strictness on one side and tenderness on the other […]. [aus dem Tempelprospekt]

Am Kyotaki-Fluss

eine ethologische Studie

in allen Bäumen
krächzen die Krähen
Zikaden zirpen
auf ihren Geigen
am Ufer singen
die Frösche ihr Lied
nur die verstockten
Ameisen schweigen


Meoto-Iwa (夫婦岩), Ise

zwei Felsen mit Seil
als Gleichnis für Mann und Frau
das könnte passen

 

Die Felsen sind zwar verbunden, stehen aber unverrückbar im Meer, wie sehr der eine oder der andere auch am Seil ruckelt. Das Seil muss dreimal im Jahr erneuert werden. Die Felsen sind viel kleiner, als sie auf den Bildern der Tourismuswerbung erscheinen. Sie zerbröckeln im Laufe der Jahre in der Brandung. Und die Seevögel scheißen ihnen ohne jeden Respekt auf den Kopf.

Geisha

sie schabt die Schminke
von ihrem Gesicht sieh da
der Sommerfuji
 

The powder peeled off from her face the summer Fuji
Quelle: Hiroaki Sato: A Brief Survey of Senryû by Women.
http://www.modernhaiku.org/essays/senryuWomen.html

 

© Foto aus dem Buch: Robert van Koesveld: „Geiko & Maiko of Kyoto“.
http://www.robertvankoesveld.com

Viele Menschen kennen den Fuji nur dekorativ verschneit. Sie wissen nicht, dass der Berg im Sommer häufig schneefrei und – nach dem Geschmack der meisten – weniger ansehnlich ist: aus der Flugzeugperspektive eine enttäuschende Kohlehalde. Vermutlich bezieht sich der vorliegende Vers auf diesen Umstand: Wischt sich die Geisha nach Dienstschluss den schneeweißen Reispuder aus dem Gesicht, kommt der dunklere Sommerfuji zum Vorschein.