Froschplage im Sekisho-Tempel
ein Frosch im Gedicht
ist keine Kunst meisterlich
wären erst zwanzig
Matsuo Basho: Frosch
der alte Weiher
ein Frosch springt hinein
der Klang des Wassers
Froschplage im Sekisho-Tempel
ein Frosch im Gedicht
ist keine Kunst meisterlich
wären erst zwanzig
Matsuo Basho: Frosch
der alte Weiher
ein Frosch springt hinein
der Klang des Wassers
unter den Kiefern
abends ein sanftes Sägen
die Sutra der Frösche
bisweilen führt sie
zerstreut das Smartphone zum Mund
und liest die Stäbchen
stählerne Krähen
kreischen vom Nebel zerrupft
quer durch mein Fenster
der Tag ist noch weit
vorerst leuchtet der Grüntee
in meinem Schälchen
sie lächelt aber
sie gönnt mir nicht mal den Stuhl
durstig zu sitzen
prächtig gekleidet
schlurfen sie voller Missmut
über den Laufsteg
unter dem kurzen
Nachthemd aus schwarzem Satin
rumpelt ihr Magen
die Post wäre schnell
aber die Leute schreiben
entsetzlich langsam
Laokoon staunt
ein schwarzes Schlangenmonster
kotzt Fertigbeton
im Laub der Buche
Taubengeflatter nur kurz
dann wieder Stille
mein Haar ist noch grau
der Grüntee duftet wie sonst
alles beim alten
er kenne sie nicht
nicht mal die Narbe unten
an ihrem Rücken
endloses Grollen
ein Donner tritt dem nächsten
voll auf die Hacken
sie ist ihr eigner
Hochglanzprospekt man blättert
und wird nicht schlauer
sie füttert ihre
Freunde wie Fische sparsam
mit kleinen Bröckchen
gebückt durch die Tür
um meinen Scheitel ragen
noch tausend Gipfel
sie sammelt Freunde
täglich nimmt sie ein warmes
Karteileichenbad
sie schabt die Schminke
von ihrem Gesicht sieh da
der Sommerfuji
The powder peeled off from her face the summer Fuji
Quelle: Hiroaki Sato: A Brief Survey of Senryû by Women.
http://www.modernhaiku.org/essays/senryuWomen.html
© Foto aus dem Buch: Robert van Koesveld: „Geiko & Maiko of Kyoto“.
http://www.robertvankoesveld.com
Viele Menschen kennen den Fuji nur dekorativ verschneit. Sie wissen nicht, dass der Berg im Sommer häufig schneefrei und – nach dem Geschmack der meisten – weniger ansehnlich ist: aus der Flugzeugperspektive eine enttäuschende Kohlehalde. Vermutlich bezieht sich der vorliegende Vers auf diesen Umstand: Wischt sich die Geisha nach Dienstschluss den schneeweißen Reispuder aus dem Gesicht, kommt der dunklere Sommerfuji zum Vorschein.
rings ritzen Gipfel
die weichen weißen Leiber
treibender Wolken
die reden heute
wie einst die lieben Tanten
im Kindergarten
Bergspitzen locken
ich aber bleibe standhaft
bei Rotwein und Brot
dass sie nicht schreibe
habe nichts zu bedeuten
da hat sie wohl recht
die Gipfel ringsum
machen hungrige Augen
man bringt mein Brathuhn
wie jammerschade
scharf ist an ihr inzwischen
nur noch die Zunge
statt sanfter Brauen
auf ihrer Stirn pechschwarze
Käferantennen
Drehbühnenzauber
auf der sich drehenden Welt
dreht sich ein Windrad
schon wieder Regen
nein in der grünen Linde
summen die Bienen
die Ahornblätter
fallen so laut man hört hier
nicht mal den Regen
Ryokan (1758-1831)
the sound of maple leafs falling
in this mountain village
makes it hard to tell
a rainy day from one that is not.
(Kazuaki Tanahashi: Sky Above, Great Wind.
The Life and Poetry of Zen Master
Ryokan. Boston/ London:
Shambhala 2012. 92.)
früher die Brandung
nun auf dem Berg der laute
Wind in den Kiefern
Ryokan (1758-1831)
Reflection on leaving the household
I came to the mountain
to avoid hearing
the sound of waves.
Lonesome now in another way –
wind in the pine forest.
(Kazuaki Tanahashi: Sky Above, Great Wind.
The Life and Poetry of Zen Master
Ryokan. Boston/ London:
Shambhala 2012. 72.)
Eine bemerkenswert offene, kritische, vielleicht auch selbstironische Reflexion des Einsiedlers Ryokan über das Einsiedlertum: Er ist aus dem Lärm der Wellen am Meer (den Unzuträglichkeiten der profanen Welt) in die Einsiedelei in den Bergen geflohen und leidet nun dort, wenn auch auf andere Weise, unter dem Wind im Kiefernwald (der Einsamkeit und ungenannten weiteren Schwierigkeiten). „leaving the household“ bedeutet ‚Klostermönch oder Einsiedler werden‘.
dem Kakipflücker
klappern die kahlen Klöten
im kalten Herbstwind
Ryokan (1758-1831)
the persimmon picker’s
testicles look frozen
in the autumn wind
(Kazuaki Tanahashi: Sky Above, Great Wind.
The Life and Poetry of Zen Master
Ryokan. Boston/ London:
Shambhala 2012. 180.)
mein Himalaya
Gletscher aus weißem Flieder
über den Tälern
I
furchtlos klebt sie ihr
Jugendbildnis von damals
an die Bürotür
II
sie mag das Alter
ihre vergilbten Fotos
zeigt sie am liebsten
Der Achtzeiler zum selben Thema erscheint
mir im Vergleich zu den Dreizeilern inzwischen
überdeutlich und geradezu geschwätzig:
an ihrer Tür hängt
ihr Jugendbildnis
ein blonder Engel
zum Steinerweichen
glaubt sie denn wirklich
dass wir das alte
Foto nicht mit ihr
selber vergleichen?
Mir ist aber bewusst, dass einige meiner
ohnehin wenigen Leserinnen und Leser das
anders sehen. Deshalb gebe ich ihn hier wieder.
am Himmelfahrtstag
schwappt in den Köpfen häufig
mehr Bier als Verstand
das Spitzenhemdchen
mag Josefines
verhasste Tattoos
schon gar nicht mehr sehn
die dürfen wenn es
drauf ankommt bleiben
es selber aber
es selber muss gehn
tagsüber schläft sie
faul in der Sonne
und niemand findet
etwas dabei
nachts aber dechst sie
in ihrer Höhle
wollüstig seufzend
heimlich ihr Ei
kein rotes Fellchen
nur hier und da im Birnbaum
plötzlich ein Windstoß
I
Husten und Schnupfen
zerknüllte Taschentücher
als Frühlingsblüten
II
lockerer Husten
ich säume die Wege mit
blassgelben Blumen
umsonst geheuchelt
spät erst merkt er die Trauben
sind wirklich sauer
oder, als autobiographische Notiz:
umsonst geheuchelt
jetzt erst weiß ich die Trauben
sind wirklich sauer
De vulpe et uva
Fame coacta vulpes alta in vinea
uvam appetebat summis saliens viribus;
quam tangere ut non potuit, discedens ait:
„Nondum matura est; nolo acerbam sumere.“
Qui, facere quae non possunt, verbis elevant,
adscribere hoc debebunt exemplum sibi.
(Phaedrus, Fabeln 4,3)
[Vom Fuchs und den Trauben
Vom Hunger getrieben sprang ein Fuchs in einem Weinberg
mit aller Kraft nach einer Weintraube.
Als er diese nicht erreichen konnte, sprach er im Weggehen:
„Sie ist noch nicht reif; sauer mag ich sie nicht fressen.“
Wer seine Misserfolge wortreich beschönigt
sollte in diesem Beispiel sich selbst erkennen.]
der Zilpzalp schmiedet
nun schon den ganzen Morgen
dasselbe Eisen
I
stellt man den Ton aus
so wird das Fernsehn plötzlich
durchaus erträglich
II
löscht man danach noch
das Bild herrscht augenblicklich
seliger Frieden
sämtliche Vögel
flattern von meinem rechten
Fenster zum linken
kein schwarzer Ritter
nichts als ein nasser morscher
Baumstumpf mit Krähe
bildungsbeflissen
schieben sie ihre Ahne
im Rollstuhl zum Bier
der Fuß des Höchsten
in einer Spitzensocke
aus buntem Sandstein
Hagel trommelt auf
meine Mütze ich träume
von Sommer im Zelt
heute wär Jesus
vermutlich gemütlich im
Grabe geblieben
sie nimmt sich die Zeit
mir täglich zu sagen dass
sie keine Zeit hat
zahllose Frauen
jubeln ihm zu er aber
darf nicht verweilen
die Trauerweide
wäscht ihre grünen Haare
einfach im Weiher
in ihren Ohren
tobt Sturm in ihren Augen
dümpelt die Flaute
Schnecken und Raupen
fletschen die Zähne endlich
grünen die Blätter
Wilhelm Müller: Das Frühlingsmahl (1824/26)
[…] Er ist es selbst gewesen,
Der gute reiche Wirt
Des Himmels und der Erden,
Der nimmer ärmer wird.
Er hat gedeckt die Tische
In seinem weiten Saal,
Und ruft, was lebet und webet,
Zum großen Frühlingsmahl. […]
ein dumpfes Gesicht
aber am Hals zwei Schwalben
in luftigem Flug
sicherheitshalber
unter der Frühlingshose
noch die aus Wolle
fabelhaft lauter
emsige Nachbarn hinter
gläsernen Wänden
die Maulwurfshügel
lauschen in stummer Andacht
dem Lied der Lerche
mein Baum schimmert grün
ich aber schimmre immer
noch winterlich grau
sie funkelt und glänzt
selbst noch in ihrem Lächeln
blitzen die Messer
ohne Erbarmen
zeigt mir der Frühling den Staub
auf meinem Schreibtisch
Eduard Mörike: Er ist’s
Frühling läßt sein blaues Band
wieder flattern durch die Lüfte;
süße, wohlbekannte Düfte
streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
wollen balde kommen.
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen!
Macho und Glucke
sind das vielleicht zwei Seiten
einer Medaille?
aufgeregt wirft sie
Krücke und Schlapphut ins Gras
sie will aufs Foto
eine Erklärung für Jäger
ein Rock ist ein Rohr
Hosenröcke dagegen
sind doppelläufig
sie so scharf schildern
dass sie aus meinen Versen
mir auf den Schoß springt
er rotzt erbärmlich
ich mag meinem Joghurt schon
gar nicht mehr trauen
das weiße Fellchen
rund um den Krater züchtig
mit Wolken verhüllt
sie hat keine Wahl
stundenlang sitzt sie und lernt
per multiple choice
I
rauschender Regen
da! auf den nassen Stufen
ein Sonnenschirmchen
II
ein Seidenschirmchen
mit schwarzer Spitze just für
Wolken und Regen
nichts schwerer als das
dazusitzen und einfach
Kaffee zu trinken
ganz wie zu Hause
kämmt sie ihr Haar und pinselt
Mündchen und Wimpern
will sie uns zeigen
dass sie auch sonst noch artig
zu lärmen versteht?
Röckchen und Strümpfe
zwar schwarz die Knie dazwischen
aber in Farbe
eine Art Geistererscheinung
barfuß im Nachthemd
kichern sie höchst geschäftig
vom Lift zum Tresen
Schirmrädertierchen
wimmeln und züngeln eilig
auf nassem Asphalt
mit hundert Beinen
rennt sie dem Bus nach selber
ein rollendes Rad
vor meinem Fenster
tanzt Schnee ich rede mir ein
es seien Blüten
in manchen Wagen
weht außer Knoblauch zaghaft
auch etwas Frischluft
gegen den Nordwind
Lippen und Nase vermummt
heute ist Halbmond
Frauengesichter
schwarze und rote Tupfer
auf weißem Papier
winkt mir nach Stunden
endlich die Traumfee weckt mich
trommelnder Regen
kein Durchkommen mehr
die Gassen vermauert mit
Bratfischrauchwolken
die Flüsse zwinkern
mir zu als nähme die Welt
die Welt mit Humor
der Mund vermundschutzt
die Augen vergittert mit
künstlichen Wimpern
ein kleines Wunder
dies hübsche Lächeln wächst aus
zwei Ofenrohren
sie ist sein Magnet
und er ihre tanzenden
Eisenfeilspäne
kärglicher Imbiss
ohne Schnörkel serviert von
blauen Walküren
unversehrt rollt er
durch spitzes Geäst morgen
wieder kein Rührei
seh ich sie saugen
alte Magnete machtvoll
an meiner Seele
tausend Tabellen
Eitelkeit Zahlen alles
nur kein Gedanke
Nacht für Nacht späht er
durchs Dachfensterfernrohr nach
seiner Kometin
unter der Holzbank
sehnen sich meine Schenkel
seufzend nach ihren
ich schliefe ja gern
schwöbe nicht diese Elfe
um meine Kissen
zwei alte Tanten
jammern bei Wein und Schnitzeln
über die Rente
er guckt gar nicht hin
er möchte nur später die
Schnappschüsse zeigen
die hübsche Dame
kostet und runzelt die Stirn
noch grün die Pflaume
Yosa Buson (1716-1783)
a beautiful woman
puckers her forehead
tasting a green plum
Collected Haiku of Yosa Buson. Translated by W.S. Merwin & Takako Lento. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press 2013. 90.
lockige Nudeln
im Wok doch ach kein Löckchen
auf seinem Schädel
sie sündigt nicht mehr
statt Cappuccino gibt es
jetzt kalten Kaffee
Rauhreif und Nebel
heute sind selbst die Meisen
bleiche Gespenster
über dem Waldstück
nur noch das Silberhütchen
der Abendsonne
samtschwarze Pisten
queren die weißen Wüsten
über den Strümpfen
ich sehe lieber
den gelben Mond im Birnbaum
vor meinem Fenster
Dummheit und Morde
täglich scharf und in Farbe
mir wird das zu bunt
auf Kopfsteinpflaster
rührt sie die Werbetrommel
für ihre Waden
eisiger Regen
selbst auf dem Holzweg laufen
sie heute Schlittschuh
Pesto mit Sahne
über grünen Spaghetti
ergrünt ihr Gesicht
weg mit dem Mantel
endlich mal wieder spüren
dass Regen nass macht
Türke und Döner
zwei Rundbäuche wölben sich
sanft ineinander
zu Hause tragen
sie Schwarz hierorts tragen sie
graue Boleros
Nikolausschlitten
bei Nacht Hasendrahtkäfig
bei Sonnenaufgang
im Luv die Hose
hauteng leewärts dagegen
flatternde Falten
sie forschen eifrig
aber sie kommen sich selbst
nicht auf die Schliche
Teichaugen blinzeln
weißes Make-up im blassen
Gesicht der Heide
aufwachen blinzeln
und dann die Augen besser
rasch wieder schließen
hinter der glatten
Fassade ein Haus oder
doch nur ein Schuppen?
Narzissenblüte
die Schöne scheint heute ihr
Kopfweh zu haben
Yosa Buson (1716-1783):
suisenya bijin koubewo itamurashi (1769)
A narcissus flowers
the beauty appears to have
a headache
Collected Haiku of Yosa Buson. Translated by W. S. Merwin & Takako Lento. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press 2013. 213.
Narcissus!
and a lovely woman
with a headache
Yuki Sawa & Shiffert, Edith Marcombe (Translators): Haiku Master Buson . Buffalo, N.Y.: White Pine Press 2007. 177.
A daffodil
Like a woman beautiful
With a headache.
Nelson, William R. & Takafumi Saito (Translators): 1020 Haiku in Translation: The Heart of Basho, Buson and Issa, 2006. 231.
In der Literatur finden sich zwei Deutungen: Zum einen die Busons Humor durchaus angemessene, bei der die Narzisse selbst – mit hängendem oder zerzaustem Kopf – als kopfschmerzgeplagte Schöne auftritt; zum anderen die nüchternere, bei der neben der Narzisse eine schöne Frau auftritt – mit Kopfschmerzen, die unter anderem auf übermäßiges Schnuppern an der starkduftenden Blüte zurückzuführen sein könnten. Denkbar, dass Buson beide Deutungen zulassen wollte.
Froschkonzert über
kreisrunden schwarzen Teichen
in weißen Tassen
sie liebt er nicht mehr
aber er träumt bei Mondschein
von ihren Hemdchen
schon acht die Sonne
fläzt sich noch in den Wolken
hinter den Bäumen
er stapft durch seine
eigene Nacht den Herbstmond
kann er nicht sehen
Yosa Buson (1716-1783)
Someone goes by wearing a hood
in his own darkness
not seeing the harvest moon
Collected Haiku of Yosa Buson. Translated by W.S. Merwin & Takako Lento. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press 2013. 142.
ein Auge schäkert
mit mir das andere ach
mit ihrem Gatten
bemooste Bäume
der Nieselregen macht sie
schwärzer und grüner
Wasser im Reisfeld
ich höre den Vollmond und
sehe die Frösche
Yosa Buson (1716-1783)
Looking across the flooded rice paddies
I listen to the moon
as I gaze at the frogs
Collected Haiku of Yosa Buson. Translated by W.S. Merwin & Takako Lento. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press 2013. 39.
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