Bergdorf

die Ahornblätter
fallen so laut man hört hier
nicht mal den Regen

Ryokan (1758-1831)

the sound of maple leafs falling
in this mountain village
makes it hard to tell
a rainy day from one that is not.

(Kazuaki Tanahashi: Sky Above, Great Wind.
The Life and Poetry of Zen Master
Ryokan. Boston/ London:
Shambhala 2012. 92.)

Das Leid des Einsiedlers

früher die Brandung
nun auf dem Berg der laute
Wind in den Kiefern

Ryokan (1758-1831)

Reflection on leaving the household

I came to the mountain
to avoid hearing
the sound of waves.
Lonesome now in another way –
wind in the pine forest.

(Kazuaki Tanahashi: Sky Above, Great Wind.
The Life and Poetry of Zen Master
Ryokan. Boston/ London:
Shambhala 2012. 72.)

Eine bemerkenswert offene, kritische, vielleicht auch selbstironische Reflexion des Einsiedlers Ryokan über das Einsiedlertum: Er ist aus dem Lärm der Wellen am Meer (den Unzuträglichkeiten der profanen Welt) in die Einsiedelei in den Bergen geflohen und leidet nun dort, wenn auch auf andere Weise, unter dem Wind im Kiefernwald (der Einsamkeit und ungenannten weiteren Schwierigkeiten). „leaving the household“ bedeutet ‚Klostermönch oder Einsiedler werden‘.

Auf der Leiter

dem Kakipflücker
klappern die kahlen Klöten
im kalten Herbstwind

Ryokan (1758-1831)

the persimmon picker’s
testicles look frozen
in the autumn wind

(Kazuaki Tanahashi: Sky Above, Great Wind.
The Life and Poetry of Zen Master
Ryokan. Boston/ London:
Shambhala 2012. 180.)

Frau Frisch

I

furchtlos klebt sie ihr
Jugendbildnis von damals
an die Bürotür

II

sie mag das Alter
ihre vergilbten Fotos
zeigt sie am liebsten

 

Der Achtzeiler zum selben Thema erscheint
mir im Vergleich zu den Dreizeilern inzwischen
überdeutlich und geradezu geschwätzig:

an ihrer Tür hängt
ihr Jugendbildnis
ein blonder Engel
zum Steinerweichen
glaubt sie denn wirklich
dass wir das alte
Foto nicht mit ihr
selber vergleichen?

Mir ist aber bewusst, dass einige meiner
ohnehin wenigen Leserinnen und Leser das
anders sehen. Deshalb gebe ich ihn hier wieder.

Der dumme Fuchs

umsonst geheuchelt
spät erst merkt er die Trauben
sind wirklich sauer


oder, als autobiographische Notiz:

umsonst geheuchelt
jetzt erst weiß ich die Trauben
sind wirklich sauer

 

De vulpe et uva

Fame coacta vulpes alta in vinea
uvam appetebat summis saliens viribus;
quam tangere ut non potuit, discedens ait:
„Nondum matura est; nolo acerbam sumere.“
Qui, facere quae non possunt, verbis elevant,
adscribere hoc debebunt exemplum sibi.
(Phaedrus, Fabeln 4,3)

[Vom Fuchs und den Trauben

Vom Hunger getrieben sprang ein Fuchs in einem Weinberg
mit aller Kraft nach einer Weintraube.
Als er diese nicht erreichen konnte, sprach er im Weggehen:
„Sie ist noch nicht reif; sauer mag ich sie nicht fressen.“
Wer seine Misserfolge wortreich beschönigt
sollte in diesem Beispiel sich selbst erkennen.]

Frühlingsmahl

Schnecken und Raupen
fletschen die Zähne endlich
grünen die Blätter

 

Wilhelm Müller: Das Frühlingsmahl (1824/26)

[…] Er ist es selbst gewesen,
Der gute reiche Wirt
Des Himmels und der Erden,
Der nimmer ärmer wird.

Er hat gedeckt die Tische
In seinem weiten Saal,
Und ruft, was lebet und webet,
Zum großen Frühlingsmahl. […]

Er ist’s

ohne Erbarmen
zeigt mir der Frühling den Staub
auf meinem Schreibtisch

 

Eduard Mörike: Er ist’s

Frühling läßt sein blaues Band
wieder flattern durch die Lüfte;
süße, wohlbekannte Düfte
streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
wollen balde kommen.
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen!

Verbissen

die hübsche Dame
kostet und runzelt die Stirn
noch grün die Pflaume

Yosa Buson (1716-1783)

a beautiful woman
puckers her forehead
tasting a green plum

Collected Haiku of Yosa Buson. Translated by W.S. Merwin & Takako Lento. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press 2013. 90.

Narzissenblüte
die Schöne scheint heute ihr
Kopfweh zu haben

Yosa Buson (1716-1783):
suisenya bijin koubewo itamurashi (1769)

A narcissus flowers
the beauty appears to have
a headache

Collected Haiku of Yosa Buson. Translated by W. S. Merwin & Takako Lento. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press 2013. 213.

Narcissus!
and a lovely woman
with a headache

Yuki  Sawa  &  Shiffert, Edith  Marcombe (Translators): Haiku  Master  Buson .  Buffalo,  N.Y.: White  Pine  Press 2007. 177.

A daffodil
Like a woman beautiful
With a headache.

Nelson, William R. & Takafumi Saito (Translators): 1020 Haiku in Translation: The Heart of Basho, Buson and Issa, 2006. 231.

In der Literatur finden sich zwei Deutungen: Zum einen die Busons Humor durchaus angemessene, bei der die Narzisse selbst – mit hängendem oder zerzaustem Kopf – als kopfschmerzgeplagte Schöne auftritt; zum anderen die nüchternere, bei der neben der Narzisse eine schöne Frau auftritt – mit Kopfschmerzen, die unter anderem auf übermäßiges Schnuppern an der starkduftenden Blüte zurückzuführen sein könnten. Denkbar, dass Buson beide Deutungen zulassen wollte.

Unter der Kapuze

er stapft durch seine
eigene Nacht den Herbstmond
kann er nicht sehen

Yosa Buson (1716-1783)

Someone goes by wearing a hood
in his own darkness
not seeing the harvest moon

Collected Haiku of Yosa Buson. Translated by W.S. Merwin & Takako Lento. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press 2013. 142.

Kalte Nacht

die kurze Decke
fühlt mit dem großen Mann der
unter ihr schlummert


Yosa Buson (1716-1783)

the futon feels sorry
for the tall man
taking a nap

Collected Haiku of Yosa Buson. Translated by W.S. Merwin & Takako Lento. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press 2013. 185.

Winterkälte

das alte Deckbett
zu kurz was decke ich zu
Kopf oder Füße


Yosa Buson (1716-1783)

old quilt
which shall I cover
my head or my feet

Collected Haiku of Yosa Buson. Translated by W.S. Merwin & Takako Lento. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press 2013. 185.

Sommerabend in Shanghai

sie lupft ihren Rock
und wedelt kühlenden Wind
auf warme Schenkel

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Shanghaier Tagebuch 1987: „Die Kleidung der hiesigen Frauen und Mädchen war in den ersten heißen Wochen ganz anders, als ich sie im kommunistischen China erwartet hatte: Die kurzen Höschen und vor allem die oberschenkellangen Nylonstrümpfe haben mich überrascht. Noch überraschender ist, dass Frauen völlig ungeniert und unbeachtet ihren Rock heben, um sich Kühlung zuzufächeln, oder umständlich ihre langen Strümpfe hochziehen und fröhlich mit dem gummierten Oberrand der Strümpfe knallen. Freie Schultern, ausgeschnittene Kleider und Blusen sind dagegen verpönt.“