Rauhreif und Nebel
heute sind selbst die Meisen
bleiche Gespenster
Winterbild
über dem Waldstück
nur noch das Silberhütchen
der Abendsonne
Landschaft mit Strapsen
samtschwarze Pisten
queren die weißen Wüsten
über den Strümpfen
Abendnachrichten
ich sehe lieber
den gelben Mond im Birnbaum
vor meinem Fenster
Fortschrittliche Fernsehtechnik
Dummheit und Morde
täglich scharf und in Farbe
mir wird das zu bunt
Pfennigabsätze
auf Kopfsteinpflaster
rührt sie die Werbetrommel
für ihre Waden
Wintervergnügen
eisiger Regen
selbst auf dem Holzweg laufen
sie heute Schlittschuh
Bistro
Pesto mit Sahne
über grünen Spaghetti
ergrünt ihr Gesicht
Sturmtief
weg mit dem Mantel
endlich mal wieder spüren
dass Regen nass macht
Yin und Yang in Potsdam
Türke und Döner
zwei Rundbäuche wölben sich
sanft ineinander
Winter in Sanssouci
Krähen in Magdeburg
zu Hause tragen
sie Schwarz hierorts tragen sie
graue Boleros
Weihnachtsbeleuchtung
Nikolausschlitten
bei Nacht Hasendrahtkäfig
bei Sonnenaufgang
Joggerin
im Luv die Hose
hauteng leewärts dagegen
flatternde Falten
Geheimagentin
Wissenschaft
sie forschen eifrig
aber sie kommen sich selbst
nicht auf die Schliche
Auf dem Sofa
Dezembersonne bei Celle
Teichaugen blinzeln
weißes Make-up im blassen
Gesicht der Heide
Schlimmer Morgen
aufwachen blinzeln
und dann die Augen besser
rasch wieder schließen
Undurchsichtiger Zeitgenosse
hinter der glatten
Fassade ein Haus oder
doch nur ein Schuppen?
Narzissenblüte
die Schöne scheint heute ihr
Kopfweh zu haben
Yosa Buson (1716-1783):
suisenya bijin koubewo itamurashi (1769)
A narcissus flowers
the beauty appears to have
a headache
Collected Haiku of Yosa Buson. Translated by W. S. Merwin & Takako Lento. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press 2013. 213.
Narcissus!
and a lovely woman
with a headache
Yuki Sawa & Shiffert, Edith Marcombe (Translators): Haiku Master Buson . Buffalo, N.Y.: White Pine Press 2007. 177.
A daffodil
Like a woman beautiful
With a headache.
Nelson, William R. & Takafumi Saito (Translators): 1020 Haiku in Translation: The Heart of Basho, Buson and Issa, 2006. 231.
In der Literatur finden sich zwei Deutungen: Zum einen die Busons Humor durchaus angemessene, bei der die Narzisse selbst – mit hängendem oder zerzaustem Kopf – als kopfschmerzgeplagte Schöne auftritt; zum anderen die nüchternere, bei der neben der Narzisse eine schöne Frau auftritt – mit Kopfschmerzen, die unter anderem auf übermäßiges Schnuppern an der starkduftenden Blüte zurückzuführen sein könnten. Denkbar, dass Buson beide Deutungen zulassen wollte.
Frauen im Stadtcafé
Froschkonzert über
kreisrunden schwarzen Teichen
in weißen Tassen
Immerhin
sie liebt er nicht mehr
aber er träumt bei Mondschein
von ihren Hemdchen
Dezembermorgen
schon acht die Sonne
fläzt sich noch in den Wolken
hinter den Bäumen
Unter der Kapuze
er stapft durch seine
eigene Nacht den Herbstmond
kann er nicht sehen
Yosa Buson (1716-1783)
Someone goes by wearing a hood
in his own darkness
not seeing the harvest moon
Collected Haiku of Yosa Buson. Translated by W.S. Merwin & Takako Lento. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press 2013. 142.
Junge Frau mit Silberblick
ein Auge schäkert
mit mir das andere ach
mit ihrem Gatten
Dezember im Park
bemooste Bäume
der Nieselregen macht sie
schwärzer und grüner
Beitrag zu einem Froschhaiku-Wettbewerb
Wasser im Reisfeld
ich höre den Vollmond und
sehe die Frösche
Yosa Buson (1716-1783)
Looking across the flooded rice paddies
I listen to the moon
as I gaze at the frogs
Collected Haiku of Yosa Buson. Translated by W.S. Merwin & Takako Lento. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press 2013. 39.
Neues Format
Weihnachtsvorbereitungen
Schmetterlinge
lass sie in Ruhe
scheuch sie nicht auf zugeklappt
sind sie oft schöner
Hochauflösendes Fernsehen
wozu der Aufwand
kein Bauer beobachtet
Mist mit der Lupe
Weihnachtseinkauf
der Krippenesel
stand still diese hier traben
und schleppen Päckchen
Nikolaus ohne Rute
Kalte Nacht
die kurze Decke
fühlt mit dem großen Mann der
unter ihr schlummert
Yosa Buson (1716-1783)
the futon feels sorry
for the tall man
taking a nap
Collected Haiku of Yosa Buson. Translated by W.S. Merwin & Takako Lento. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press 2013. 185.
Einschlafstörung
alle zehn Schäfchen
springt eine alte Flamme
über die Hürde
Winterkälte
das alte Deckbett
zu kurz was decke ich zu
Kopf oder Füße
Yosa Buson (1716-1783)
old quilt
which shall I cover
my head or my feet
Collected Haiku of Yosa Buson. Translated by W.S. Merwin & Takako Lento. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press 2013. 185.
Jubilar
nun ist er siebzig
und nimmt die Welt noch immer
für bare Münze
Im Deister
unbewusst greift sie
beim Abzweig zum Kammweg nach
Bürste und Spiegel
Wanderung auf den Deister
Rauhreif der Feldweg
neblig mittags der Bergkamm
über den Wolken
Zum Wort „Rauhreif“ beachte man bitte meine Anmerkung zur neuen Rechtschreibung.
Läuterung
er sündigt nicht mehr
inzwischen frönt er weitaus
frommeren Lastern
Sommerabend in Shanghai
sie lupft ihren Rock
und wedelt kühlenden Wind
auf warme Schenkel
Shanghaier Tagebuch 1987: „Die Kleidung der hiesigen Frauen und Mädchen war in den ersten heißen Wochen ganz anders, als ich sie im kommunistischen China erwartet hatte: Die kurzen Höschen und vor allem die oberschenkellangen Nylonstrümpfe haben mich überrascht. Noch überraschender ist, dass Frauen völlig ungeniert und unbeachtet ihren Rock heben, um sich Kühlung zuzufächeln, oder umständlich ihre langen Strümpfe hochziehen und fröhlich mit dem gummierten Oberrand der Strümpfe knallen. Freie Schultern, ausgeschnittene Kleider und Blusen sind dagegen verpönt.“
Selbstbewusst
sie brauche sagt sie
keinerlei Ratschlag
sie suche keine
Helfer und Tröster
sie ist sich sicher
sie habe auch nicht
den kleinsten Fehler
das ist ihr größter
Rampenlicht
ohne die Sonne
säß auch der schönste Vollmond
ganz schön im Dunkeln
Novemberstrip
der Wolkenvorhang
nur halb geöffnet
die Mondin tänzelt
im Scheinwerferlicht
eine blässliche
Arschbackenkugel
mit blauen Flecken
mehr sehe ich nicht
Wiedersehen mit einer Jugendliebe
der Mond ist verblasst
aber ich weiß noch alle
Meere und Krater
Verständlich
der Mond in Wolken
heute will er die Menschen
lieber nicht sehen
Fromme Taube
sie hält das Glas für
den Himmel selig prallt sie
gegen mein Fenster
Susannes Kalender
karierte Blumen
der bunte Park durchs Gitter
ihrer Termine
Novemberblues
von all der Liebe
bleibt ihm nur noch die Delle
in seinem Sofa
Post von Helene
hinter dem schlichten
Wandschirm aus Wörtern alles
züchtig verborgen
Trost im Winter (9.11.2016)
vermisst du Blumen
sieh dich nur um überall
blühender Unsinn
Schneemorgen
perfekte Tarnung
die Welt in weißer Wäsche
auf weißen Laken
Restaurantbesuch
spätabends zaubert
der Sternekoch Currywurst
frisch aus der Dose
Musik verbindet
ich öffne den Mund
sinnlos da baumeln Kabel
aus ihren Ohren
Ausgleich
die Bäume zwar kahl
die nassen Wege aber
nur um so bunter
Neues Plaid
weich wie ein Windhauch
fast als wäre es Wolle
von ihrem Fellchen
Ernüchternde Erkenntnis
was man so Mond nennt
ist nur ein runder Kürbis
in weißen Höschen
Aktuelle Herrenfrisur
die Schädelwände
reinlich geschoren
dass seitlich nicht mehr
ein Härchen steht
und nur ganz oben
im Hirn verwurzelt
als Dachverzierung
ein Kressebeet
Vollmond
die bleiche Flunder
kugelfischartig und blond
wär er mir lieber
Odysseus war klüger
warum nur folge
ich Narr so beflissen dem
Ruf der Sirene?
Oktobermorgen
über dem Teedampf
rosa Gewölk die Engel
backen beizeiten
Schöne Beine
nirgends ein Härchen
allenfalls gegen den Strich
spürt man die Stoppeln
Buchhandlung
knallige Farben
die Bücher passen perfekt
ins Kinderzimmer
Herbstregen
die Bäume im Park
eine Versammlung
von gut betuchten
uralten Tanten
grellbunte Blusen
Köpfe im Nebel
und an den Fingern
tausend Brillanten
Bänderriss
sie zupft verzweifelt
in ihrer Bluse alles
außer Kontrolle
Malermeister K.
Herbstpost
Briefmarken reichlich
tausende bunte Punkte
auf nassem Asphalt
Vor dem Föhn
die Sonne hinter
der Milchglasscheibe
des Morgenhimmels
ein bleicher Kreis
Wiesen und Wälder
gestern in Farbe
heute dagegen
nur noch schwarzweiß
Oktobernacht
das helle Mondlicht
wandert allmählich
über mein Deckbett
vom Fuß bis zur Brust
mal angenommen
hier läge statt des
Deckbetts Philine
ich stürbe vor Lust
Vom glücklichen Ende des Generationenkonflikts
früher waren die
Mütter oft Drachen
die Väter waren
Herrscher und Schinder
heute dagegen
herrscht nur noch Frieden
jetzt sind die Eltern
wie ihre Kinder
Ein Fortschrittsapostel
die alten Weine
sind ihm verdächtig
die jungen munden
ihm wesentlich süßer
mit fünfundsechzig
bekommt er sicher
ein Ehrenpöstchen
als Zukunftsbegrüßer
Ferienwohnung
Lob der Genügsamkeit
unter anderem
Küchengerümpel
die kleine Schüssel
mit bunten Drachen
sie ist gesprungen
aber sie taugt noch
morgens darin den
Grüntee zu machen
Tibetischer Eremit
Seufzer eines Unerleuchteten
er wohnt in fernen
einsamen Bergen
um mit nur einer
Göttin zu ringen
ich schließ die Augen
wo immer ich bin
gleich trachten zwanzig
mich zu verschlingen
Einsamer Wanderer
Geschmackssache
Peggy gefällt sich
mit ihren Tattoos
in meinen Augen
sind die dagegen
als hätte Peggy
als Kritzelpapier
irgendwo auf dem
Schreibtisch gelegen
Klassenbewusstsein
Hugo fährt nur in
der ersten Klasse
die zweite sei ihm
gar nicht gemäß
ach was! ob Klappsitz
ob Luxussessel
was Hugo polstert
ist sein Gesäß
Nirwana
mein Mittagsschläfchen
beweist mir schlüssig
dass dieses Leben
so wichtig nicht ist
zwei Stunden war ich
traumlos versunken
und habe die Welt
durchaus nicht vermisst
Sogenannter Altweibersommer
so schön der auch ist
ist denn das brenzlige Wort
nicht längst verboten?
Ungestüm
kaum taucht der Herbst auf
wirft die Kastanie ihr Kleid
rasch in die Wiese
Herbstwind
das Eichhörnchen flieht
vom Blätterhimmel regnen
harte Kastanien
Fenster zum Garten
pflichtbewusst hütet
die Nachbarstochter das Haus
sturmfreie Bude
Klassische japanische Gedichte
Auf der Terrasse
in allen Wipfeln
goldene Sonne
blassblauer Himmel
ein Herbsttag aus Glas
mitunter prasseln
reife Kastanien
durch Laub und Zweige
und poltern ins Gras
Herbstnachmittag
schon wieder Sonne
doch das Gewitter tropft noch
im Laub der Buche
Ein Gedächtniskünstler
Sommergewitter
es hebt bislang nur
die weiße Tolle
über die Pappeln
in meinem Garten
wie üblich ist es
vollendet frisiert
aber sein Auftritt
lässt auf sich warten
Bambus
schade! nun kann ich
sie nicht mehr sehen
die Ritze im Zaun
von Blättern verdeckt
so schön der Sommer
ansonsten sein mag
die Nachbarin hat
er vor mir versteckt
„Love Seen in Summer“
My secret spying
through the cracks in her fence
is impeded now
by thick growth on the bamboo
that tells us summer has come.
Kagawa Kageki (1768-1843). In: Traditional Japanese Poetry.
An Anthology. Translated, with an Introduction, by Steven D. Carter.
Stanford: Stanford University Press 1991. 434.
Kopfkissen
Eine Verflossene
neulich besucht mich
im Traum Elfriede
Bluse und Polen
meilenweit offen
als ich erwache
bin ich für Stunden
von ihren Düften
völlig besoffen
Zu fromm
Helene fühlt sich
nun da sie tot ist
von ihren Göttern
grausam betrogen
vor lauter Beten
ist sie im Sterben
blindlings am Himmel
vorbeigeflogen
´Tain´t wise to overdo your prayers, for you might die,
And waking, find you passed it, Paradise, right by.
(Jap. Kyôka, 1683. Übersetzung Gill, Robin D.: Kyôka.
Japan’s Comic Verse. A Mad in Translation Reader.
Paraverse Press 2009. 35.)
Sisyphos seufzt
Höflich
der andre bis auf
die Knochen durchnässt
von mir ganz zu schweigen
zwei Schirme die sich
in Wind und Regen
respektvoll verneigen
The other one got drenched –
and I got wet through too.
In falling rain
two umbrellas show respect
by exchanging bows.
Aus einer Gedichtsammlung des 16. Jahrhunderts. In: Traditional Japanese Poetry. An Anthology. Translated, with an Introduction, by Steven D. Carter. Stanford: Stanford University Press 1991. 337.
Am Gipfel
hier ist die Welt nur
ein winziger Punkt
noch höher muss man
nicht steigen
die Menschen streiten
tief unten im Tal
die Wolken lächeln
und schweigen
Kioto
Teehaus
Lokalbahnpilotin (verworfene Fassung)
Lokalbahnpilotin
Draußen und Drinnen
wider einen verbreiteten Irrtum
im Tempel ist es
dunkler als draußen
was außen groß wirkt
ist drinnen meist klein
warum meinen die
Leute bloß immer
wenn etwas schön ist
sie müssten da rein?
Die Spitze des Mount Hiei in Kioto
Schlaflos in Kioto
Rendezvous
angesichts ihrer
leuchtenden Augen
und ihres golden
glänzenden Haares
habe ich Dummkopf
tatsächlich geglaubt
da käme noch was
aber das war es
Rette sich, wer kann!
Sommernachmittag
vom Sonnenschirm rinnt
der laue Regen
auf meinen Balkon
ich sitze trocken
die Tropfen läuten
im halbvollen Bauch
der Blechgießkanne
wie Tempelglocken
Königin und Kammerherr
Tiroler Wege
ich bin nicht begierig
nach neuen Wegen
auf denen ich sieben
Weltwunder sehe
ich wähle die alten
und bin zufrieden
mit dem was ich denke
wenn ich sie gehe
Innsbrucker Pandora
Erinnerungen an Eckhard Henscheids wunderbaren Hans Duschke – in einem Straßencafé beim Goldenen Dachl in Innsbruck (Eckhard Henscheid: „Geht in Ordnung – sowieso — genau —“ Ein Tripelroman über zwei Schwestern, den ANO-Teppichladen und den Heimgang des Alfred Leobold. 1977.)
goldgelbe Haare
knallrote Lippen
Schlangenhauthose
mächtige Hüften
ansehen mag ich
die Büchse zwar schon
aber gewiss nicht
den Deckel lüften
Hirtensteig im Regen
Sommerjazz
die Kontrabassistin
streichelt versonnen
des Kontrabasses
brummenden Bauch
die Sängerin aber
kreischt so entsetzlich
dass ich mir wünsche
sie brummte auch
Botox
Skybar
pechschwarze lange
künstliche Wimpern
groß wie die Schirme
von Baseballkappen
sie müht sich redlich
die schweren Lider
schläfrig zu öffnen
und zuzuklappen
Nur dies
ich fühle mich wohl
mit grauen Haaren
älter zu werden
ist gar nicht so schwer
nur dass die Frauen
in meinem Alter
genauso alt sind
das ärgert mich sehr
Kletterspielplatz
Hannover-Linden, 10. Mai 2016
das Mädchen oben
lüftet ihr Röckchen
der Junge unten
kriegt rote Ohren
die Kleine oben
trifft keinerlei Schuld
was hat der Kerl da
unten verloren?
(Nachzutragen bleibt, dass die etwa Sechsjährige oben auf der Leiter immer wieder in den höchsten Tönen „Pópo! Pópo!“ rief – wohl in der verständlichen, aber ganz und gar unbegründeten Sorge, die Aufmerksamkeit ihres gleichaltrigen Zuschauers könnte erlahmen.)
Pfingstverspätung
Gut und Böse
Nonsense
erst seit mir klar ist
wie rings die Menschen
im Namen des Sinns
die Messer wetzen
weiß ich auch wenn der
den Frommen missfällt
friedlichen Unsinn
wirklich zu schätzen
Schrottpresse
der Zeitgenosse
schreibt Kurznachrichten
da presst er dann flott
jeden Gedanken
der ihm zu lang ist
zu handlichem Schrott
Praktischer Ratschlag
für J. N.
weil Susi unter
Scheren Rasierern
Wachs und Pinzetten
so schrecklich leidet
empfehle ich ihr
ein kleines Schäfchen
das Haare frisst und
nachts auf ihr weidet
Schöne Aussichten
mit Siebzig muss ich
die Welt nicht mehr retten
muss nicht mehr fürchten
mit Dreißig zu sterben
Frauengeschichten
sind kaum zu erwarten
was soll mir da noch
die Laune verderben?
Kunstgeschichtliche Reminiszenz beim Einsteigen in die Straßenbahn
Bürokratin
Irma liebt Listen
und Formulare
Ordner und Akten
machen sie froh
denn ihre Seele
ist keine Seele
sondern im Grunde
nur ein Büro
Wussten Sie …
wussten Sie dass wir
auch wenn wir noch so
modisch perfekt und
edel verpackt sind
insgeheim unter
unseren Kleidern
ganz unvermeidlich
immerzu nackt sind?
Sitznachbarin in der Oper
im ersten Akt schon
greift sie nach unten
und nimmt den linken
Schuh in die Hand
folgen im zweiten
dann ihre Strümpfe?
und erst im dritten?
ich bin gespannt
Intellektuelle
Erstaunliches zur Kindermode
Eltern die ihre
Kinder wie Rockstars
Models Clowns oder
Rennfahrer kleiden
wundern sich wenn die
Herrschaften später
hartnäckig unter
Größenwahn leiden
Soleier
Herrenhäuser Gärten
ein Spaziergang
noch vor den Toren
hämmernde Bässe
Pizza und Bierdunst und
Stumpfsinn und Krach
drinnen übt später
wer auf dem Cello
zu Brunnengeplätscher
Suiten von Bach
Vor fünfzig Jahren
„Destroyed Jeans“
Vorfrühling auf dem Balkon
Südwinde lüften
Schlüpfer und Strümpfe
Blüten verströmen
Düfte und Staub
zwischen den kahlen
Büschen und Beeten
amselt der Nachbar
emsig im Laub
WhatsApp, Twitter & Co
nur halbe Sätzchen
und kein Gedanke
das Nichts in Häppchen
und dünnen Scheiben
fingerfertige
Analphabeten
die schreiben können
ohne zu schreiben
Matsuo Basho (1644 -1694)
er trug Sandalen
reiste durch Japan
und schrieb Gedichte
von Blüten und Mond
Finanzfachleute
haben errechnet
dass so zu leben
den Aufwand nicht lohnt
Tokio Hotel
trinkt man in Japan
denn neuerdings Wein?
was wohl die Leute
nebenan treiben?
das piepst als ob die
den feuchten Korken
unablässig am
Flaschenhals reiben
Osterseufzer
Tierkunde für Nordseeurlauber
das Schaf als Wollknäul
auf Streichholzbeinen
wird oft vom Wind von
der Wiese gefegt
der Seehund aber
sollte man meinen
ist technisch sicher
weil tiefergelegt
Klassentreffen nach fünfzig Jahren
Großväter sind sie
und beinah siebzig
mit grauen Haaren
und tausend Falten
eigentlich längst schon
in Rente und alt
aber oh Wunder
noch ganz die alten
Koninklijke Luchtvaart Maatschappij
Osaka-Amsterdam
ich dachte lange
dass in den Lüften
nur grashalmzarte
Engelchen wohnen
inzwischen weiß ich
in Hollands Wolken
wohnen verblüffend
schwere Matronen
Von Kioto nach Osaka
gestern noch über
den grünen Hügeln
des Tempels ferner
schwebender Gong
heute die Segel
der Hochhauswerbung
über dem grauen
Meer aus Beton
Der Tempelreiher
Kenninji, Kioto
der Teich im Garten
unter den Kiefern
ist ihm der liebste
von allen Plätzen
er starrt ins Wasser
mit Pfandleiherblick
als hätte er ein
Goldstück zu schätzen
Kenninji, Kioto
Zedernholzsäulen
goldene Buddhas
wehender Weihrauch
was ich hier finde?
friedliche Stille
in der ich schließlich
auch vor mir selber
völlig verschwinde
Modenachrichten aus Kioto
Nanzenji, Kioto
Shoren Tempel, Kioto
Buddhistischer Mönch
Dralle Japanerin im Kimono
Kirschblüte im Kiyomizutempel, Kioto
in warmer Sonne
hat sie sich tapfer
über die Treppe
zum Tempel gekämpft
außen die bunte
Seidenroulade
innen sie selber
al dente gedämpft
Im Bergtempel
Der Fuji III
ein bislang ungelöstes Problem
der japanischen Kunstpsychologie
zwar ist der Fuji
ein stumpfer Kegel
doch die Japaner
seine Besitzer
malen ihn wenn ich
nur wüsste warum
meistens ganz oben
ein bisschen spitzer
Hypothesen zur Diskussion: Ist hier einfach das Prägnanzstreben des Menschen am Werk? – Liegt eine unbewusste Abbildung vor? Meint also der Künstler, er male den Fuji, während ihm seine Seele eine landesübliche weibliche Brust in den Pinsel schmuggelt? – Spielen kompositorische Gründe eine Rolle – gerade auch bei den hochformatigen Rollbildern? – Oder sieht man den Fuji als steile Startrampe für den dort wohnenden mythischen Drachen?
Schlafende Schülerin im Zug von Uji nach Kioto
schlaff wie ein Feudel
über dem Eimer
liegt sie und träumt von
süßen Genüssen
der Schaffner wird sie
am Endhaltepunkt
mit sanften Stößen
aufwecken müssen
Bei Regen im Shinkansen nach Kioto
Der Fuji II
wenn er verstimmt ist
hüllt er sich häufig
für viele Tage
völlig in Dunst
ihn mit den schwachen
Augen der Seele
trotzdem zu sehen
das ist die Kunst









































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