Narzissenblüte
die Schöne scheint heute ihr
Kopfweh zu haben

Yosa Buson (1716-1783):
suisenya bijin koubewo itamurashi (1769)

A narcissus flowers
the beauty appears to have
a headache

Collected Haiku of Yosa Buson. Translated by W. S. Merwin & Takako Lento. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press 2013. 213.

Narcissus!
and a lovely woman
with a headache

Yuki  Sawa  &  Shiffert, Edith  Marcombe (Translators): Haiku  Master  Buson .  Buffalo,  N.Y.: White  Pine  Press 2007. 177.

A daffodil
Like a woman beautiful
With a headache.

Nelson, William R. & Takafumi Saito (Translators): 1020 Haiku in Translation: The Heart of Basho, Buson and Issa, 2006. 231.

In der Literatur finden sich zwei Deutungen: Zum einen die Busons Humor durchaus angemessene, bei der die Narzisse selbst – mit hängendem oder zerzaustem Kopf – als kopfschmerzgeplagte Schöne auftritt; zum anderen die nüchternere, bei der neben der Narzisse eine schöne Frau auftritt – mit Kopfschmerzen, die unter anderem auf übermäßiges Schnuppern an der starkduftenden Blüte zurückzuführen sein könnten. Denkbar, dass Buson beide Deutungen zulassen wollte.

Unter der Kapuze

er stapft durch seine
eigene Nacht den Herbstmond
kann er nicht sehen

Yosa Buson (1716-1783)

Someone goes by wearing a hood
in his own darkness
not seeing the harvest moon

Collected Haiku of Yosa Buson. Translated by W.S. Merwin & Takako Lento. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press 2013. 142.

Kalte Nacht

die kurze Decke
fühlt mit dem großen Mann der
unter ihr schlummert


Yosa Buson (1716-1783)

the futon feels sorry
for the tall man
taking a nap

Collected Haiku of Yosa Buson. Translated by W.S. Merwin & Takako Lento. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press 2013. 185.

Winterkälte

das alte Deckbett
zu kurz was decke ich zu
Kopf oder Füße


Yosa Buson (1716-1783)

old quilt
which shall I cover
my head or my feet

Collected Haiku of Yosa Buson. Translated by W.S. Merwin & Takako Lento. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press 2013. 185.

Sommerabend in Shanghai

sie lupft ihren Rock
und wedelt kühlenden Wind
auf warme Schenkel

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Shanghaier Tagebuch 1987: „Die Kleidung der hiesigen Frauen und Mädchen war in den ersten heißen Wochen ganz anders, als ich sie im kommunistischen China erwartet hatte: Die kurzen Höschen und vor allem die oberschenkellangen Nylonstrümpfe haben mich überrascht. Noch überraschender ist, dass Frauen völlig ungeniert und unbeachtet ihren Rock heben, um sich Kühlung zuzufächeln, oder umständlich ihre langen Strümpfe hochziehen und fröhlich mit dem gummierten Oberrand der Strümpfe knallen. Freie Schultern, ausgeschnittene Kleider und Blusen sind dagegen verpönt.“

Bambus

schade! nun kann ich
sie nicht mehr sehen
die Ritze im Zaun
von Blättern verdeckt
so schön der Sommer
ansonsten sein mag
die Nachbarin hat
er vor mir versteckt

 

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„Love Seen in Summer“

My secret spying
through the cracks in her fence
is impeded now
by thick growth on the bamboo
that tells us summer has come.

Kagawa Kageki (1768-1843). In: Traditional Japanese Poetry.
An Anthology. Translated, with an Introduction, by Steven D. Carter.
Stanford: Stanford University Press 1991. 434.

Zu fromm

Helene fühlt sich
nun da sie tot ist
von ihren Göttern
grausam betrogen
vor lauter Beten
ist sie im Sterben
blindlings am Himmel
vorbeigeflogen


´Tain´t wise to overdo your prayers, for you might die,
And waking, find you passed it, Paradise, right by.
(Jap. Kyôka, 1683. Übersetzung Gill, Robin D.: Kyôka.
Japan’s Comic Verse. A Mad in Translation Reader.
Paraverse Press 2009. 35.)

Höflich

der andre bis auf
die Knochen durchnässt
von mir ganz zu schweigen
zwei Schirme die sich
in Wind und Regen
respektvoll verneigen

The other one got drenched –
and I got wet through too.
In falling rain
two umbrellas show respect
by exchanging bows.

Aus einer Gedichtsammlung des 16. Jahrhunderts. In: Traditional Japanese Poetry. An Anthology. Translated, with an Introduction, by Steven D. Carter. Stanford: Stanford University Press 1991. 337.

Lokalbahnpilotin

Demachiyanagi – Kurama

rings steile Berge
und Ahornwälder
im Fahrerhäuschen
handhabt ein Engel
sicherheitshalber
mit weißem Handschuh
der Druckluftbremse
mächtigen Schwengel

 

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Innsbrucker Pandora

Erinnerungen an Eckhard Henscheids wunderbaren Hans Duschke – in einem Straßencafé beim Goldenen Dachl in Innsbruck (Eckhard Henscheid: „Geht in Ordnung – sowieso — genau —“ Ein Tripelroman über zwei Schwestern, den ANO-Teppichladen und den Heimgang des Alfred Leobold. 1977.)

goldgelbe Haare
knallrote Lippen
Schlangenhauthose
mächtige Hüften
ansehen mag ich
die Büchse zwar schon
aber gewiss nicht
den Deckel lüften

Botox

seit ein paar Wochen
sind ihre Lippen
zwei Wiener Würstchen
mit roter Pelle
der große Vorteil
mit diesen Dingern
kriegt sie beim Crashtest
nie eine Delle
wiener

Kletterspielplatz

Hannover-Linden, 10. Mai 2016

das Mädchen oben
lüftet ihr Röckchen
der Junge unten
kriegt rote Ohren
die Kleine oben
trifft keinerlei Schuld
was hat der Kerl da
unten verloren?

 

spielplatz

 

(Nachzutragen bleibt, dass die etwa Sechsjährige oben auf der Leiter immer wieder in den höchsten Tönen „Pópo! Pópo!“ rief – wohl in der verständlichen, aber ganz und gar unbegründeten Sorge, die Aufmerksamkeit ihres gleichaltrigen Zuschauers könnte erlahmen.)

Vor fünfzig Jahren

vor fünfzig Jahren
fand man den Globus
für drei Milliarden
entschieden zu klein
jetzt sind es nur noch
knapp acht Milliarden
da fühlt man sich fast
schon wieder allein

 

weltaus: Teuflische Jahre. Das Beste aus PARDONs Gründerjahren. Frankfurt 1966. S. 61. [keine Autorenangabe]

Osterseufzer

die Welt ist voller
garstiger Menschen
die mir schon heute
den Magen umdrehen
nicht auszudenken
dass die einst alle
den Staub abschütteln
um aufzuerstehen

 

auferstehungAuferstehung der Toten (spätgotisch, ca. 1300)

Der Tempelreiher

Kenninji, Kioto

der Teich im Garten
unter den Kiefern
ist ihm der liebste
von allen Plätzen
er starrt ins Wasser
mit Pfandleiherblick
als hätte er ein
Goldstück zu schätzen

Buddhistischer Mönch

Skulptur im Ishiyama-Tempel, Otsu

so ruhig müsste
man sitzen können
und so erleuchtet
von innerem Licht
der hat die Welt schon
längst überwunden
die Farbe blättert
ihn kümmert das nicht


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Im Bergtempel

Jingo Ji, Takao, Kioto

hölzerne Hallen
rostrote Tore
knorrige Kiefern
leuchtender Morgen
hier wär man käme
der Weltuntergang
noch eine Weile
sicher geborgen


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Der Fuji III

ein bislang ungelöstes Problem
der japanischen Kunstpsychologie

zwar ist der Fuji
ein stumpfer Kegel
doch die Japaner
seine Besitzer
malen ihn wenn ich
nur wüsste warum
meistens ganz oben
ein bisschen spitzer

 
fuji_km

Hypothesen zur Diskussion: Ist hier einfach das Prägnanzstreben des Menschen am Werk? – Liegt eine unbewusste Abbildung vor? Meint also der Künstler, er male den Fuji, während ihm seine Seele eine landesübliche weibliche Brust in den Pinsel schmuggelt? – Spielen kompositorische Gründe eine Rolle – gerade auch bei den hochformatigen Rollbildern? – Oder sieht man den Fuji als steile Startrampe für den dort wohnenden mythischen Drachen?

Der Fuji II

wenn er verstimmt ist
hüllt er sich häufig
für viele Tage
völlig in Dunst
ihn mit den schwachen
Augen der Seele
trotzdem zu sehen
das ist die Kunst