manche behaupten
mangels Matratze
sei den beiden nichts
übriggeblieben
als sich in einer
schummrigen Ecke
mucksmäuschenleise
hochkant zu lieben
Autoren-Archiv für Klaus Bayer
Seilbahntouristin
(Blutige Alm, Innerkrems, Kärnten)
sie blickt verdrossen
ihr läuft die Nase
die fetten Schenkel
zittern verfroren
was hat ein Trampel
in kurzen Hosen
bei Regen auf dem
Gipfel verloren?
Hund und Mensch
(ein Minneliedchen)
ich reime für dich Reime
der Hund bellt nach dem Mond
der Mond erglänzt im Teich zwar
doch bleibt er unerreichbar
das ist der Hund gewohnt
verhüllt den Mond Gewölke
verstummt und döst das Tier
und ist dein Ohr verschlossen
so bin auch ich verdrossen
und trinke still mein Bier
grad warst du hinter Wolken
nun strahlst du mondlich hell
und ach dein Ohr ist offen
ich schreibe wie besoffen
mein Verslein mein Gebell
Tauchurlaub
Frau Schultze wählt die Malediven
als Herbsterholungsurlaubsort
sie läßt sich in die Lüfte hieven
und düst mit einem Flugzeug fort
sie schnappt sich ihre Taucherbrille
schnallt ihre Flosse an den Fuß
schwebt durch endiviengrüne Stille
erwidert feucht der Fische Gruß
und wird da unten nass und nasser
der Tang wogt rot ein Seeaal naht –
mir reicht mein Schreibtisch brauch kein Wasser
bin nur ein trockner Literat
Chinesische Gärten
Verkehrslärm Werbung
Baustellenwüsten
Aktienkurse
und Fortschritt in spe
dann plötzlich Stille
schwingende Dächer
Goldfische Bambus
und duftender Tee
Aus Erfahrung klug
Schuhsymbolik
Hochhaussiedlung bei Suzhou
von ganz weit oben
nach unten gucken
beim Fensterputzen
stets auf der Hut sein
zum Brötchenholen
ein halbes Leben
im Aufzug schweben
kann das denn gut sein?
Löwenwaldgarten in Suzhou
einst von stillen und
vornehmen Menschen
als Ort des Denkens
und Dichtens gebaut
heute jagen dort
laute Touristen
nach Facebookfotos
mit viel nackter Haut
Gartentraum
Pumps
Ruhetag II
Junge Frau in der Nanjing Lu
(Shanghai)
ihr Auge funkelt
sie zwinkert mir zu
mir eselsgrauem
zottigem Alten
statt feministisch
verhetzt und verschreckt
mich gleich für einen
Unhold zu halten
Am Shanghaier Bund
Lotus
Chinesische Trabantenstädte
Interkulturelle Pädagogik in der Shanghaier Metro
Wolkenkratzer in Shanghai
Sommernacht
Sommeruniform
Ballett 2013
Kinderfoto
Kühler Sommer
Tröstliches zur Globalisierung
Sommervorlesung
Der Mann
Ruhetag I
heute kein Kraxeln
auf steile Gipfel
kein Turnen über
Grate und Klüfte
sitze im Garten
bei einem Glas Wein
sanft schnurrt die Katze
an meiner Hüfte
Origami
Im Biergarten
Bergliedchen
Kleine Monster
die Kinder herrschen
im ganzen Hause
sie sprengen alle
Grenzen und Regeln
noch sind sie niedlich
warte nur balde
mausern sie sich zu
Zicken und Flegeln
JVA Kinderbett
seit man sie abends
nicht mehr alleinlässt
haben die Kinder
umfassende Macht
wenn sie nicht schlafen
sind ihre Eltern
ihre Gefangnen
na denn – gute Nacht!
Alte Flamme
Villa Borghese
„Rome wasn’t built in one day …“
Hartnäckiger Irrtum
man kennt sich selbst nicht
versteht die Welt nicht
wird bald gestreichelt
und bald geschunden –
das alte Märchen
dass Kindheit schön sei
haben gewiss die
Mütter erfunden
La Fornarina
(eine Erinnerung an Fritz Graßhoff
im Palazzo Barberini, Rom)
als Raffael die
Bäckerin malte
hat er nicht nur den
Pinsel geschwungen
sondern dabei auch
den raffinierten
Grundriss der Brötchen
geistig durchdrungen
Odysseus im Hotel
Bildbetrachtung
Stewardessen II
Stewardessen I
beim Einstieg tanzen
sie äußerst adrett
auf Zehenspitzen
Gepäckfachballett
oft schweben sie dicht
vor mir in der Luft
ich atme tief ein
und schwelge im Duft
Römische Klingelknöpfe
Der alte Herr Huang
(Shanghai)
pausenlos prahlt er
mit seinen Erfolgen
mit seinem Besitz
mit seinen Kniffen
im Garten lächelt
ein steinerner Buddha
den hat er gekauft
und nicht begriffen
Altes Spielzeug
Junkie
Bitterer Ruhm
Anfängerseminar
durch den vertrackten
Methodenreifen
den der Dozent hält
springen sie locker
ohne zu wissen
warum und wozu
zirkustierfromm von
Hocker zu Hocker
Nichts aber nutzt eine Beschäftigung, egal womit, wenn es dem nicht zuerst etwas gibt, der sich mit etwas beschäftigt – nur so öffnet sich mehr als eine Variante bestehender Begriffe!
(Rolf Dieter Brinkmann: Rom, Blicke 1979, 115)
Der Sinn des Lebens
Abend für Abend
beim Lichtausknipsen
die klare Einsicht
das Leben ist Stuss
morgens erscheint es
mir wieder sinnvoll
allein schon weil ich
ja frühstücken muss
Die Amsel
Revolutionärer Vorschlag zur Optimismusprophylaxe
Zukunftsforscher
und Pädagogen
sollten vielleicht doch
kinderlos bleiben
dass sie die Welt nicht
Kindern zuliebe
durch rosarote
Brillen beschreiben
Duckmäuser
es fehlen ein paar
knorrige Typen
die unverblümte
Meinungen sagen
wir sind inzwischen
so eingeschüchtert
dass wir schon kaum mehr
zu lachen wagen
Jakobsmuscheln
Moderner Sichtschutz
Ehrgeiziger Forscher
Langer Winter
Ruhm trübt den Blick
Großkopferte sind
fatalerweise
zum Optimismus
quasi gezwungen
die brauchen Zukunft
als Vorführleinwand
für all die Siege
die sie errungen
Frühlingsbesuch
Kulturoptimismus
Schneesturm auf Amrum
Müder Wanderer
Proust-Fragebogen
Zivilcourage 2013
Amrumer Frühling
Dann eben der
Nachmittagsfernsehen
Mare TV
Amrumer Elegie
Küstenkitsch
Sturm
(Sylt / Amrum)
Nacht Sturm treibt schräg Schnee
fern tobt wild Nord See
Feld erst schwarz dann weiß
Baum tanzt rings blinkt Eis
gelb glänzt Licht im Dach
ein Mann sitzt noch wach
schweigt lacht trinkt still Schnaps
träumt von Bein mit Straps
Parodie auf ein klassisches chinesisches Gedicht: Solche Gedichte zeichnen sich aus durch einsilbige Wörter und videoclipartige Bilderfolgen sowie dadurch, dass nur ein Teil der syntaktischen Bezüge ausgedrückt und Phrasengrenzen nicht markiert werden.
Sturmnacht
Kommando zurück!
Social Media
Zen am Strand
Nordseeabend
Liebestraum
komm wir sind der Mond
sind der Gong aus Gold
der in klarer Nacht
durch die Sterne rollt
sind treibt grauer Sturm
Regen vor sich her
ein verborgner Glanz
überm Wolkenmeer
Prompt
Fluchtplan
wenn all die Ernsten
Gläubigen Frommen
später einmal in
den Himmel kommen
dann schleiche ich mich
sobald es Nacht wird
in eine Hölle
in der gelacht wird
Einschlafen
die Welt in Obhut
des Weckers geben
das Licht ausknipsen
die Kissen stauchen
ein Weilchen über
den Wellen schweben
dann in die Tiefsee
der Träume tauchen
Unschuld
In Sicherheit
Fernsehnachrichten
Taxi nach Kairouan 2001
Februarmorgen
Einst und jetzt
am Ufer sitzen
die Wellen hören
die Möwen sehen
die Zeit ausloten
die einst so lebten
hält man für Weise
die jetzt so leben
für Idioten
Brautschmuck
Anprobe
Der Zilpzalp
(Phylloscopus collybita)
während Zirbeln oder Föhren
den Zilpzalp sehr beim Zilpen stören
kann man wo die Buchen rauschen
stets seinem zarten Zilpen lauschen
doch nie schon gar nicht in den Alpen
sah man den Zilpzalp jemals zalpen
nur nachts klammheimlich und im Dunkeln
da zalpt er dass die Federn funkeln
Der Brautschleier
Aufschrei
wenn die Schüchternen
jetzt so beliebt sind
die die sich nie was
Verbotenes trauen
warum kriegen die
forschen Verführer
schließlich doch immer
die meisten Frauen ? !
Aktuelle Verbrecherliste
Das Gürteltier
Papagei
Textvorschlag für einen Chor der Heiligen
(anlässlich eines Opernbesuchs)
unter dem Tischtuch
nach Knien tasten
oben dagegen
ein Unschuldsgesicht
nie verlegen um
Gründe für Sünde
cosi fan tutte
wir aber nicht
Einwanderer
um nasse Bäume
wabert der Nebel
vor meinem Fenster
nur grauer Brei
da plötzlich leuchten
auf dem Balkonsims
gelbgrüne Federn
ein Papagei
Biedermeiersofa
Geschichtsstunde 1959
aus der Geschichte
sagte ich eifrig
lernen die Menschen
es besser machen
noch heute sehe
ich Lehrer Jäckel
am Fenster stehen
und lauthals lachen
Schattenspiellampen in der Schiffergesellschaft
Oberkellner in der Schiffergesellschaft
Lübecker Marienkirche
Weihnachtsmann aus Schokolade
Weihnachtswunsch
Zweifelhafter Fortschritt
Nachtlektüre
Mein Salzstreuer
Moondance
Weihnachtsmarkt
Ein Humanist
er sieht die Leute
nun seit Jahrzehnten
raffen betrügen
morden und rauben
und schafft es trotzdem
noch an den Menschen
und an sich selber
gleich mit zu glauben
Adventskalender II
Adventskalender I
in vierundzwanzig
winzigen Zimmern
warten allerhand
süße Genüsse
Susanne öffnet
die bunten Türchen
fast noch geschickter
als Reißverschlüsse
Traumpolonaise
Kaffeekränzchen 1952
Unzuständig
man möge sich im
Beschwerdefalle
eine Etage
höher beklagen
die meisten Dinge
entscheidet mein Hirn
ich selbst hab häufig
gar nichts zu sagen
Was wir aus alltäglicher Selbstbeobachtung vermuten, dass nämlich unsere bewussten Willensentscheidungen oft durch unbewusste Vorentscheidungen bestimmt sind, wurde schon vor Jahrzehnten durch die Arbeiten von Benjamin Libet und seinen Mitarbeitern eindrucksvoll bestätigt: Libet demonstrierte, dass unser Gehirn unsere Handlungen zu einem Zeitpunkt in die Wege leitet, zu dem uns noch gar nicht bewusst ist, dass wir handeln wollen. Es sieht so aus, als ob die Rolle des Bewusstseins darauf beschränkt sei, gegen die selbständigen Aktivitäten unserer unbewussten Programme gelegentlich ein Veto einzulegen. Die Initiative zu unseren Handlungen scheint aber von diesen Programmen und nicht vom Bewusstsein auszugehen.
Unsachlich
die Anrede fehlt
ein halbes Sätzchen
der Gruß abgekürzt
wie ärgerlich trist
von dieser Blonden
die eitel aber
bei Licht besehen
so blond gar nicht ist
Himmel und Erde
Warmer Regen
Smartphones
wer ist da smart? die
die sie kaufen und
sich den Verstand mit
Mätzchen ersticken?
oder eher jene
die sie entwickeln
und an die Narren
teuer verticken?
Eine Heilige
Tapetenwechsel
Berliner Philharmoniker
(Digital Concert Hall im CinemaxX Hannover)
I
in Großaufnahme
der Paukenschlägel
ein filziger Ball
mit weißen Flöckchen
dann davon fast nicht
zu unterscheiden
Sir Simon Rattles
bebende Löckchen
II
weißbehemdete
Pinguine und
schöne Krähen mit
glänzenden Schnäbeln
die nach den Wünschen
des Dirigenten
mit Geigenbögen
die Luft zersäbeln
III
sie klemmt das Cello
zwischen die Schenkel
krault ihm den Hals und
kratzt seinen Rücken
da legt es den Kopf
an ihre Schulter
und seufzt und säuselt
voller Entzücken
IV
weil sie woanders
im Wege stünden
stehn die Bassisten
lässig am Rande
fast als gehörten
sie gar nicht dazu
und wären eine
Art Gangsterbande
Papiertiger
(Gröbenhof Fulpmes)
die gelbe Katze
setzt ihre Pfote
stolz auf ein Herbstblatt
als wärs eine Maus
dann bläst der Föhnsturm
ein Heer von Blättern
in ihre Richtung
und sie nimmt Reißaus
Wettermythos
Starkenburger Hütte II
Zen und die Kunst, auf dem Balkon zu sitzen
Schoßtiere
früher war da ein
niedliches Kätzchen
pelzig und weich zum
Streicheln und Necken
heute bevorzugt
man offensichtlich
statt eines Kätzchens
zwei Gartenschnecken
Im Alpenvereinsmuseum
Anleitung zur Meditation
indische Mantras
musst du nicht murmeln
Weihrauchgefäße
musst du nicht schwenken
du musst ein Nichtsnutz
werden und wagen
hellwach zu sein und
gar nichts zu denken
Ei, for was brauch isch dann Selbsterkenntnis? Isch wooß doch, was isch an mer hab! – Frau Siebenhals in der Fernsehserie „Die Firma Hesselbach“, HR 23.12.1960
Tauwetter
Wintereinbruch
Wie gut!
Inversion
Schlafzimmerbild
Tiroler Tourismusförderung
Erlebniskegeln
romantic dinners
schrill parfümierter
Kleinbürgermuff
da fehlt jetzt nur noch
als special event
die Gruppenführung
zum Innsbrucker Puff
Jochkreuz
Zweierlei Gold
Kongressbericht
umwölkte Häupter
hohe Kothurne
stetes Streben nach
wichtigen Zielen
eitle Tragöden
die nicht bemerken
dass sie in einer
Komödie spielen
Bahnhofsbuchhandlung
Junge Frau im Zug
Schulfreundin
Zugverspätung
Besser nicht
im Kaufhaus kommt mir
dieselbe Dame
kurz nacheinander
zweimal entgegen
ist sie ein Zwilling?
sie das zu fragen
erscheint mir schließlich
doch zu verwegen
Doppelter Nutzen
Sommerbürokratie
Isleworth-Mona-Lisa
das zweite Bildnis
nicht von da Vinci?
das Haar zu wellig?
der Himmel gelber?
ich mach es einfach
wie Schulmeister Wutz*
und tusch die Lisa
klammheimlich selber
* Der wichtige Umstand ist nämlich der, […] daß Wutz eine ganze Bibliothek – wie hätte der Mann sich eine kaufen können? – sich eigenhändig schrieb […] jedes neue Meßprodukt, dessen Titel das Meisterlein ansichtig wurde, war nun so gut als geschrieben oder gekauft : denn es setzte sich sogleich hin und machte das Produkt […]. Er war kein verdammter Nachdrucker, der das Original hinlegt und oft das meiste daraus abdruckt : sondern er nahm gar keines zur Hand. Daraus sind zwei Tatsachen vortrefflich zu erklären : erstlich die, daß es manchmal mit ihm haperte und daß er z.B. im ganzen Federschen Traktat über Raum und Zeit von nichts handelte als vom Schiffs-Raum und der Zeit, die man bei Weibern Menses nennt. Die zweite Tatsache ist seine Glaubenssache : da er einige Jahre sein Bücherbrett auf diese Art voll geschrieben und durchstudieret hatte, so nahm er die Meinung an, seine Schreibbücher wären eigentlich die kanonischen Urkunden, und die gedruckten wären bloße Nachstiche seiner geschriebenen […]. (Jean Paul: Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal. Eine Art Idylle. 1793)
Müde im Zug
Zeitungsmeldung aus Marburg
plötzliche Böen
vor dem Ballettshop
Rollständer stürzen
ein Schirm wird geknickt
zwei Professoren
beinahe unter
Tutus und Stulpen
beim Denken erstickt
Politische Korrektheit
Sitzen in Shanghai
manche erklimmen
schwindelnde Gipfel
suchen da oben nach
großen Gefühlen
anderen reicht schon
der Nervenkitzel
auf alten Hockern
Sesseln und Stühlen


















































































































Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.