sie starrt ins Smartphone
finster entschlossen
ab heute nur noch
online zu leben
erst wenn der Strom mal
endgültig ausfällt
will sie ihr Köpfchen
wieder erheben
Kategorie-Archiv für Der Mensch
Bitterer Ruhm
Der Sinn des Lebens
Abend für Abend
beim Lichtausknipsen
die klare Einsicht
das Leben ist Stuss
morgens erscheint es
mir wieder sinnvoll
allein schon weil ich
ja frühstücken muss
Die Amsel
Revolutionärer Vorschlag zur Optimismusprophylaxe
Zukunftsforscher
und Pädagogen
sollten vielleicht doch
kinderlos bleiben
dass sie die Welt nicht
Kindern zuliebe
durch rosarote
Brillen beschreiben
Duckmäuser
es fehlen ein paar
knorrige Typen
die unverblümte
Meinungen sagen
wir sind inzwischen
so eingeschüchtert
dass wir schon kaum mehr
zu lachen wagen
Ehrgeiziger Forscher
Langer Winter
Ruhm trübt den Blick
Großkopferte sind
fatalerweise
zum Optimismus
quasi gezwungen
die brauchen Zukunft
als Vorführleinwand
für all die Siege
die sie errungen
Kulturoptimismus
Zivilcourage 2013
Social Media
Fluchtplan
wenn all die Ernsten
Gläubigen Frommen
später einmal in
den Himmel kommen
dann schleiche ich mich
sobald es Nacht wird
in eine Hölle
in der gelacht wird
Einschlafen
die Welt in Obhut
des Weckers geben
das Licht ausknipsen
die Kissen stauchen
ein Weilchen über
den Wellen schweben
dann in die Tiefsee
der Träume tauchen
Einst und jetzt
am Ufer sitzen
die Wellen hören
die Möwen sehen
die Zeit ausloten
die einst so lebten
hält man für Weise
die jetzt so leben
für Idioten
Aktuelle Verbrecherliste
Das Gürteltier
Textvorschlag für einen Chor der Heiligen
(anlässlich eines Opernbesuchs)
unter dem Tischtuch
nach Knien tasten
oben dagegen
ein Unschuldsgesicht
nie verlegen um
Gründe für Sünde
cosi fan tutte
wir aber nicht
Biedermeiersofa
Geschichtsstunde 1959
aus der Geschichte
sagte ich eifrig
lernen die Menschen
es besser machen
noch heute sehe
ich Lehrer Jäckel
am Fenster stehen
und lauthals lachen
Zweifelhafter Fortschritt
Ein Humanist
er sieht die Leute
nun seit Jahrzehnten
raffen betrügen
morden und rauben
und schafft es trotzdem
noch an den Menschen
und an sich selber
gleich mit zu glauben
Adventskalender II
Traumpolonaise
Kaffeekränzchen 1952
Unzuständig
man möge sich im
Beschwerdefalle
eine Etage
höher beklagen
die meisten Dinge
entscheidet mein Hirn
ich selbst hab häufig
gar nichts zu sagen
Was wir aus alltäglicher Selbstbeobachtung vermuten, dass nämlich unsere bewussten Willensentscheidungen oft durch unbewusste Vorentscheidungen bestimmt sind, wurde schon vor Jahrzehnten durch die Arbeiten von Benjamin Libet und seinen Mitarbeitern eindrucksvoll bestätigt: Libet demonstrierte, dass unser Gehirn unsere Handlungen zu einem Zeitpunkt in die Wege leitet, zu dem uns noch gar nicht bewusst ist, dass wir handeln wollen. Es sieht so aus, als ob die Rolle des Bewusstseins darauf beschränkt sei, gegen die selbständigen Aktivitäten unserer unbewussten Programme gelegentlich ein Veto einzulegen. Die Initiative zu unseren Handlungen scheint aber von diesen Programmen und nicht vom Bewusstsein auszugehen.
Unsachlich
die Anrede fehlt
ein halbes Sätzchen
der Gruß abgekürzt
wie ärgerlich trist
von dieser Blonden
die eitel aber
bei Licht besehen
so blond gar nicht ist
Smartphones
wer ist da smart? die
die sie kaufen und
sich den Verstand mit
Mätzchen ersticken?
oder eher jene
die sie entwickeln
und an die Narren
teuer verticken?
Eine Heilige
Anleitung zur Meditation
indische Mantras
musst du nicht murmeln
Weihrauchgefäße
musst du nicht schwenken
du musst ein Nichtsnutz
werden und wagen
hellwach zu sein und
gar nichts zu denken
Ei, for was brauch isch dann Selbsterkenntnis? Isch wooß doch, was isch an mer hab! – Frau Siebenhals in der Fernsehserie „Die Firma Hesselbach“, HR 23.12.1960
Wie gut!
Jochkreuz
Zweierlei Gold
Kongressbericht
umwölkte Häupter
hohe Kothurne
stetes Streben nach
wichtigen Zielen
eitle Tragöden
die nicht bemerken
dass sie in einer
Komödie spielen
Bahnhofsbuchhandlung
Besser nicht
im Kaufhaus kommt mir
dieselbe Dame
kurz nacheinander
zweimal entgegen
ist sie ein Zwilling?
sie das zu fragen
erscheint mir schließlich
doch zu verwegen
Politische Korrektheit
Sitzen in Shanghai
manche erklimmen
schwindelnde Gipfel
suchen da oben nach
großen Gefühlen
anderen reicht schon
der Nervenkitzel
auf alten Hockern
Sesseln und Stühlen
Hochbegabung
Kneipenbedienung II
Ungeziefer
Im Tempel II
Laputa
Olympiade 2012
stundenlang rennen
baumeln an Ringen
den Schwebebalken
zum Schwingen bringen
springen und rudern
Gewichte heben
ist das ein Beispiel
für gutes Leben?
Jubelgreise
sie sollten die Welt
doch langsam kennen
und all den Irrsinn
den wir so treiben
und mühen sich doch
in diesem längst schon
verlorenen Spiel
am Ball zu bleiben
Die Welt kennen, ohne das Haus zu verlassen*
Ich bin voller Vergnügen, und meine Tage
sind gefüllt. Ich brauche nicht nach
New Vork zu reisen, um von dort zu melden,
dass ich in New York bin. (Horst Janssen)
Laozi hat unrecht:
Rausgehen bildet
wenn man mal rumkommt
kann das nicht schaden
Laozi hat doch recht:
das wiederholt sich
nach zwei drei Runden
kennt man den Laden
*Laozi: Daodejing 47: 不出戶智天下 / Bild: „draußen und drinnen“
Der Möbelhändler
Humanistisches Gymnasium 1960
Stream of Consciousness
pausenlos murmelt
mein Hirn tagsüber
so durcheinander
von Gott und der Welt
dass ich am Abend
meist selber froh bin
wenn es dann endlich
die Klappe hält
Terminkalender
dass sie mir absagt
kein Grund zu klagen
sie ist beschäftigt
Stunden sind rar
doch warum muss sie
so deutlich sagen
wer ihr mal wieder
wichtiger war?
Kassandra
die Nachbarin die
alles vorherweiß
suche ich immer
möglichst zu meiden
mir reicht ein Unglück
wenn es dann da ist
ich muss es nicht im
Vorgriff erleiden
Hühneraugen
Fortschritt im Garten
Starkenburger Hütte I
Bergpanorama
Täler und Wälder
eisiger Gipfel
leuchtende Ketten
ich aber seh nur
diese Brünette
in Radlerhosen
bin ich zu retten?
Kleine Lösung
den Wahnsinn mit der
nordischen Rasse
haben wir jetzt zwar
fast überwunden
doch dafür mit dem
Familienklüngel
schließlich auch nur uns
selber gefunden
Klassenfahrt
für den Basar und
die Blaue Moschee
haben sie höchstens
ein Schulterzucken
in Istanbul sind
sie eigentlich nur
um mal woanders
ins iPhone zu gucken
Endlager
jeder spricht täglich
hunderte Sätze
vorwiegend Unsinn
und ganz für die Katz
Wolken von Wortmüll
steigen zum Himmel
doch keine Sorge
im All ist noch Platz
Caprese
Technischer Fortschritt
Verlobung
Baustelle
Evolution
in ferner Zukunft
so gegen Ende
haben Menschen statt
heutiger Hände
Faultierkrallen und
Känguruhtaschen
für Papptrinkbecher
und Fuselflaschen
Ich bin vorsintflutlich
man verlangt Lieder
wabernde Bilder
tanzende Popstars
die lauthals singen
wer will heute noch
nur ein paar Wörter
einsam am Schreibtisch
zum Klingen bringen?
Nachtgewitter
flackernde Blitze
der Birnbaum taghell
mein Traum wird jäh vom
Donner zerrissen
sie lief im Schlitzrock
direkt auf mich zu
und dann? ach niemals
werd ich das wissen
Machtübernahme
Lemminge
kaum einer zögert
sie alle hasten
und stürmen vorwärts
und fackeln nicht lang
jeder kämpft um die
angeblich beste
Startposition für
den Weltuntergang
Volkslauf
Freie Gedanken
(ein Beitrag zur Memetik)
Gedanken sind frei
hurra das ist fein
sie schleichen sich frei
in die Köpfe ein
machen sich breit dort
ohne zu fragen
und wir tun folgsam
das was sie sagen
„Wir ergreifen keine Idee, sondern die Idee ergreift uns und knechtet uns und peitscht uns in die Arena hinein dass wir wie gezwungene Gladiatoren für sie kämpfen.“ (Heinrich Heine: Salon. Vorrede zum ersten Band.)
Ich?
Täglich
was reitet mich bloß
werdet ihr fragen
täglich Reime auf
Zettel zu kritzeln?
muss ich die Welt schon
täglich ertragen
will ich auch täglich
über sie witzeln
Mein Lever
frühmorgens in der
Glasduschkabine
nutz ich die Brause
als Zweittelefon
und sage allen
endlich die Meinung
hoffentlich merken
die sich die Lektion
Ein schwieriger Fall
wenn Schmerz und Angst und
Trübsinn sie plagen
tröste ich sie und
halte sie aufrecht
doch sie hat immer
Gründe zu klagen
wenn es ihr gut geht
geht es ihr auch schlecht
Martial
(40 bis ca. 102 n. Chr.)
Spottverse wie die
des Römers Martial
würden heute mit
Recht unterbunden
menschliche Schwächen
die er noch beschreibt
sind jetzt per Fortschritt
gänzlich verschwunden
zur Erinnerung an Fritz Graßhoff (1913 bis 1997), seine „Klassische
Halunkenpostille“ und seinen „Martial für Zeitgenossen“
Konferenz
was guckt ihr so ernst
und runzelt die Stirn?
stört ihr euch etwa
an meinen Witzen?
ihr glaubt ihr seid hier
auf dem Olymp und
merkt nicht dass wir im
Narrenhaus sitzen
Der Mensch
reg dich Menschlein lebe
koste Brot und Rebe
nimm dich nicht zu wichtig
diese Welt ist nichtig
tanz dein Existenzchen
wedele dein Schwänzchen
schüttele dein Pfläumchen
träum noch zwei drei Träumchen
kehr dann aus Schmerz und Glück
getrost ins Nichts zurück
Diva
Lob der Einfalt*
Menschlein sei nicht so beflissen
musst doch gar nicht alles wissen
musst nicht jeden Dreck behalten
musst nicht alles selbst gestalten
musst nicht alles registrieren
zählen ordnen kritisieren
darfst dich ab und zu auch lösen
ziellos schweben träumen dösen
albern über Ernstes lachen
dich sogar zum Narren machen
und so darf auch dieser Reim
ruhig unvollkommen bleim
*auf das chinesische Sprichwort „nan de hutu: Es ist schwer, Einfalt zu erlangen.“
Workaholics II
sie stürzen sich auf
Kinder und Enkel
Ehre Karriere
und zwischen Schenkel
sie tun im Laufschritt
Jakobswegbuße
erst Freund Heins Sense
lehrt sie die Muße
Workaholics I
Sternerestaurant
die Köche haben
winzige Bröckchen
kunstvoll zu etwas
ganz Großem garniert
und manche hoffen
wenn sie hier essen
dass sowas nun auch
mit ihnen passiert
Die Glocke
der Kopf ist der Turm
gleich hinter der Stirn
läutet gesittet
das fromme Gehirn
doch unten im Bauch
im Glöcknerabteil
da tanzt der Teufel
und ruckelt am Seil
Leben und Tod
wir leben vielleicht
nur aus Gewohnheit
nicht wegen all des
Guten und Schönen
ich bin fast sicher
wenn wir mal tot sind
werden wir uns auch
daran gewöhnen
Der Gang der Dinge
(Shanghai)
schwarz färbt sie ihr Haar
ihr Kleidchen flattert
Strass glänzt am Rock und
auf den Pantoffeln
sie ist fast sechzig
warte bald wohnt sie
wie halt wir alle
bei den Kartoffeln
Expo Shanghai 2010: „Better City, Better Life“
Fangbang Straße
Fitness für Senioren
greise Gestalten
stemmen Gewichte
zerren an Hebeln
die nichts mehr heben
am Tor zur Hölle
und längst zunichte
träumen sie noch vom
ewigen Leben
Mal wieder
(Fulpmes)
von meinem Balkon
der Blick wär schon gut
rings Panorama
das Tal wie es ruht
doch in der Mitte
steht eine Fichte
die macht mal wieder
alles zunichte
Lautlehre
tief in uns wohnen
wilde Vokale
die würden heulen
wie die Schakale
wachten an allen
Ecken und Kanten
nicht dürr und prüde
die Konsonanten
Kopfhörerjunkie
der Vogelgesang
würde ihn stören
er will nur Wummern
und Zischen hören
die Plastikmusik
schießt hinter der Stirn
von rechts und von links
ihm mitten ins Hirn
Café Niederegger
(Lübeck)
überall Kirchen
fast wie in Rom
Sankt Peter Marien
Sankt Jakob der Dom
jedoch die Menschen
in gottlosem Wahn
pilgern nur immer
zu Sankt Marzipán
Zikade
List
kann ich zum Bravsein
mich nicht entschließen
macht meine Seele
Elfmeterschießen
mal schieße ich hoch
mal schieße ich flach
ich halte alles
und dann werd ich schwach
Halali
aus meinem Munde
hoppelte heute
ein Häschenwort und
kam nicht vom Flecke
aus ihrem Munde
kläffte die Meute
und brachte das arme
Tierchen zur Strecke













































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