Unzuständig

man möge sich im
Beschwerdefalle
eine Etage
höher beklagen
die meisten Dinge
entscheidet mein Hirn
ich selbst hab häufig
gar nichts zu sagen


Was wir aus alltäglicher Selbstbeobachtung vermuten, dass nämlich unsere bewussten Willensentscheidungen oft durch unbewusste Vorentscheidungen bestimmt sind, wurde schon vor Jahrzehnten durch die Arbeiten von Benjamin Libet und seinen Mitarbeitern eindrucksvoll bestätigt: Libet demonstrierte, dass unser Gehirn unsere Handlungen zu einem Zeitpunkt in die Wege leitet, zu dem uns noch gar nicht bewusst ist, dass wir handeln wollen. Es sieht so aus, als ob die Rolle des Bewusstseins darauf beschränkt sei, gegen die selbständigen Aktivitäten unserer unbewussten Programme gelegentlich ein Veto einzulegen. Die Initiative zu unseren Handlungen scheint aber von diesen Programmen und nicht vom Bewusstsein auszugehen.

Anleitung zur Meditation

indische Mantras
musst du nicht murmeln
Weihrauchgefäße
musst du nicht schwenken
du musst ein Nichtsnutz
werden und wagen
hellwach zu sein und
gar nichts zu denken


Ei, for was brauch isch dann Selbsterkenntnis? Isch wooß doch, was isch an mer hab! – Frau Siebenhals in der Fernsehserie „Die Firma Hesselbach“, HR 23.12.1960

Die Welt kennen, ohne das Haus zu verlassen*

Ich bin voller Vergnügen, und meine Tage
sind gefüllt. Ich brauche nicht nach
New Vork zu reisen, um von dort zu melden,
dass ich in New York bin. (Horst Janssen)

Laozi hat unrecht:
Rausgehen bildet
wenn man mal rumkommt
kann das nicht schaden
Laozi hat doch recht:
das wiederholt sich
nach zwei drei Runden
kennt man den Laden

 

*Laozi: Daodejing 47: 不出戶智天下 / Bild: „draußen und drinnen“

Endlager

jeder spricht täglich
hunderte Sätze
vorwiegend Unsinn
und ganz für die Katz
Wolken von Wortmüll
steigen zum Himmel
doch keine Sorge
im All ist noch Platz

Freie Gedanken

(ein Beitrag zur Memetik)

Gedanken sind frei
hurra das ist fein
sie schleichen sich frei
in die Köpfe ein
machen sich breit dort
ohne zu fragen
und wir tun folgsam
das was sie sagen


„Wir ergreifen keine Idee, sondern die Idee ergreift uns und knechtet uns und peitscht uns in die Arena hinein dass wir wie gezwungene Gladiatoren für sie kämpfen.“ (Heinrich Heine: Salon. Vorrede zum ersten Band.)

Martial

(40 bis ca. 102 n. Chr.)

Spottverse wie die
des Römers Martial
würden heute mit
Recht unterbunden
menschliche Schwächen
die er noch beschreibt
sind jetzt per Fortschritt
gänzlich verschwunden

zur Erinnerung an Fritz Graßhoff (1913 bis 1997), seine „Klassische
Halunkenpostille“ und seinen „Martial für Zeitgenossen“

Der Mensch

reg dich Menschlein lebe
koste Brot und Rebe
nimm dich nicht zu wichtig
diese Welt ist nichtig
tanz dein Existenzchen
wedele dein Schwänzchen
schüttele dein Pfläumchen
träum noch zwei drei Träumchen
kehr dann aus Schmerz und Glück
getrost ins Nichts zurück

Diva

kaum kommt sie herein
schon geht sie wieder
ein kurzes Lächeln
dann ruft sie die Pflicht
sie ist halt ach so
schrecklich beschäftigt
sie ist bedeutend
und wir sind es nicht

 

Lob der Einfalt*

Menschlein sei nicht so beflissen
musst doch gar nicht alles wissen
musst nicht jeden Dreck behalten
musst nicht alles selbst gestalten
musst nicht alles registrieren
zählen ordnen kritisieren

darfst dich ab und zu auch lösen
ziellos schweben träumen dösen
albern über Ernstes lachen
dich sogar zum Narren machen
und so darf auch dieser Reim
ruhig unvollkommen bleim

*auf das chinesische Sprichwort „nan de hutu:  Es ist schwer, Einfalt zu erlangen.“

Workaholics I

kein Mensch hat mehr Zeit
man hastet und stöhnt
Maloche ist Trumpf
die Muße verpönt
wo ist die schöne
Sitte geblieben
auch mal ne ruhige
Kugel zu schieben?



Stempeltext: „官閒無一事 蝴蝶飛上階. Im Büro gibt es nichts zu tun. Welche Freude: Ein Schmetterling landet auf meiner Treppe!“

Die Glocke

der Kopf ist der Turm
gleich hinter der Stirn
läutet gesittet
das fromme Gehirn
doch unten im Bauch
im Glöcknerabteil
da tanzt der Teufel
und ruckelt am Seil