Sturm

(Sylt / Amrum)

Nacht Sturm treibt schräg Schnee
fern tobt wild Nord See
Feld erst schwarz dann weiß
Baum tanzt rings blinkt Eis
gelb glänzt Licht im Dach
ein Mann sitzt noch wach
schweigt lacht trinkt still Schnaps
träumt von Bein mit Straps

 

Parodie auf ein klassisches chinesisches Gedicht: Solche Gedichte zeichnen sich aus durch einsilbige Wörter und videoclipartige Bilderfolgen sowie dadurch, dass nur ein Teil der syntaktischen Bezüge ausgedrückt und Phrasengrenzen nicht markiert werden.

Unschuld

die femme fatale
in deren Dunstkreis
dutzende Männer
Selbstmord verüben
kann sich die Leichen
gar nicht erklären
sie könne doch kein
Wässerlein trüben

 

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Dominique Wilms in „Serenade für zwei Pistolen“ (1953)

Der Zilpzalp

(Phylloscopus collybita)

während Zirbeln oder Föhren
den Zilpzalp sehr beim Zilpen stören
kann man wo die Buchen rauschen
stets seinem zarten Zilpen lauschen

doch nie schon gar nicht in den Alpen
sah man den Zilpzalp jemals zalpen
nur nachts klammheimlich und im Dunkeln
da zalpt er dass die Federn funkeln

zilpzalp

Unzuständig

man möge sich im
Beschwerdefalle
eine Etage
höher beklagen
die meisten Dinge
entscheidet mein Hirn
ich selbst hab häufig
gar nichts zu sagen


Was wir aus alltäglicher Selbstbeobachtung vermuten, dass nämlich unsere bewussten Willensentscheidungen oft durch unbewusste Vorentscheidungen bestimmt sind, wurde schon vor Jahrzehnten durch die Arbeiten von Benjamin Libet und seinen Mitarbeitern eindrucksvoll bestätigt: Libet demonstrierte, dass unser Gehirn unsere Handlungen zu einem Zeitpunkt in die Wege leitet, zu dem uns noch gar nicht bewusst ist, dass wir handeln wollen. Es sieht so aus, als ob die Rolle des Bewusstseins darauf beschränkt sei, gegen die selbständigen Aktivitäten unserer unbewussten Programme gelegentlich ein Veto einzulegen. Die Initiative zu unseren Handlungen scheint aber von diesen Programmen und nicht vom Bewusstsein auszugehen.

Berliner Philharmoniker

(Digital Concert Hall im CinemaxX Hannover)

 

I

in Großaufnahme
der Paukenschlägel
ein filziger Ball
mit weißen Flöckchen
dann davon fast nicht
zu unterscheiden
Sir Simon Rattles
bebende Löckchen

II

weißbehemdete
Pinguine und
schöne Krähen mit
glänzenden Schnäbeln
die nach den Wünschen
des Dirigenten
mit Geigenbögen
die Luft zersäbeln

III

cello1

sie klemmt das Cello
zwischen die Schenkel
krault ihm den Hals und
kratzt seinen Rücken
da legt es den Kopf
an ihre Schulter
und seufzt und säuselt
voller Entzücken

IV

weil sie woanders
im Wege stünden
stehn die Bassisten
lässig am Rande
fast als gehörten
sie gar nicht dazu
und wären eine
Art Gangsterbande

Papiertiger

(Gröbenhof Fulpmes)

die gelbe Katze
setzt ihre Pfote
stolz auf ein Herbstblatt
als wärs eine Maus
dann bläst der Föhnsturm
ein Heer von Blättern
in ihre Richtung
und sie nimmt Reißaus

Wettermythos

(Fulpmes)

grad noch ergab sich
die Bergfee dem Föhn
mit wehendem Haar
und Sturmgeröchel
nun aber schweigt sie
und Wolkenröcke
hängen ihr triefend
bis auf die Knöchel


Im Alpenvereinsmuseum

(vor der Bodenvitrine mit den Schuhen,
die Hermann Buhl 1953 bei der
Erstbesteigung des Nanga Parbat trug)

Hermann Buhls Schuhe
vom Nanga Parbat
so nah am Boden
welches Entzücken
nun können meine
an jenem Glassturz
neugierig ihre
Nasen plattdrücken

 

Anleitung zur Meditation

indische Mantras
musst du nicht murmeln
Weihrauchgefäße
musst du nicht schwenken
du musst ein Nichtsnutz
werden und wagen
hellwach zu sein und
gar nichts zu denken


Ei, for was brauch isch dann Selbsterkenntnis? Isch wooß doch, was isch an mer hab! – Frau Siebenhals in der Fernsehserie „Die Firma Hesselbach“, HR 23.12.1960

Isleworth-Mona-Lisa

das zweite Bildnis
nicht von da Vinci?
das Haar zu wellig?
der Himmel gelber?
ich mach es einfach
wie Schulmeister Wutz*
und tusch die Lisa
klammheimlich selber


* Der wichtige Umstand ist nämlich der, […] daß Wutz eine ganze Bibliothek – wie hätte der Mann sich eine kaufen können? – sich eigenhändig schrieb […] jedes neue Meßprodukt, dessen Titel das Meisterlein ansichtig wurde, war nun so gut als geschrieben oder gekauft : denn es setzte sich sogleich hin und machte das Produkt […]. Er war kein verdammter Nachdrucker, der das Original hinlegt und oft das meiste daraus abdruckt : sondern er nahm gar keines zur Hand. Daraus sind zwei Tatsachen vortrefflich zu erklären : erstlich die, daß es manchmal mit ihm haperte und daß er z.B. im ganzen Federschen Traktat über Raum und Zeit von nichts handelte als vom Schiffs-Raum und der Zeit, die man bei Weibern Menses nennt. Die zweite Tatsache ist seine Glaubenssache : da er einige Jahre sein Bücherbrett auf diese Art voll geschrieben und durchstudieret hatte, so nahm er die Meinung an, seine Schreibbücher wären eigentlich die kanonischen Urkunden, und die gedruckten wären bloße Nachstiche seiner geschriebenen […]. (Jean Paul: Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal. Eine Art Idylle. 1793)

Im Tempel I

halbdunkle Hallen
rostrote Säulen
Ventilatoren
surren und fächeln
der große Buddha
muss trotz des Weihrauchs
keineswegs husten
immer nur lächeln


Die Welt kennen, ohne das Haus zu verlassen*

Ich bin voller Vergnügen, und meine Tage
sind gefüllt. Ich brauche nicht nach
New Vork zu reisen, um von dort zu melden,
dass ich in New York bin. (Horst Janssen)

Laozi hat unrecht:
Rausgehen bildet
wenn man mal rumkommt
kann das nicht schaden
Laozi hat doch recht:
das wiederholt sich
nach zwei drei Runden
kennt man den Laden

 

*Laozi: Daodejing 47: 不出戶智天下 / Bild: „draußen und drinnen“

Mein Tirol

Wellnessexperten
die alles planen
Gletscher mit Pommes
Spaßrodelbahnen
Frauenwettradeln
Hinkeln mit Stein
ich mag die Berge
zu Fuß und allein

Tiroler Morgen

die Berge wedeln
mit weißen Schleiern
entblößen listig
Wäldchen und Klamm
der fromme Kirchturm
senkt seine Augen
steht aber trotzdem
beeindruckend stramm

 

Flugreisen

man träumt von schönen
schwebenden Vögeln
tatsächlich rast man
in einer Röhre
an Sitze geschnallt
durch Turbulenzen
die nächste Reise
werde ich schwänzen

Endlager

jeder spricht täglich
hunderte Sätze
vorwiegend Unsinn
und ganz für die Katz
Wolken von Wortmüll
steigen zum Himmel
doch keine Sorge
im All ist noch Platz