(Amrum)
niemand besucht mich
dann ist halt eben
der Leuchtturm meine
schnucklige Braut
mit einem Klunker
unter dem Pony
und roter Wäsche
auf weißer Haut
(Sylt / Amrum)
Nacht Sturm treibt schräg Schnee
fern tobt wild Nord See
Feld erst schwarz dann weiß
Baum tanzt rings blinkt Eis
gelb glänzt Licht im Dach
ein Mann sitzt noch wach
schweigt lacht trinkt still Schnaps
träumt von Bein mit Straps
Parodie auf ein klassisches chinesisches Gedicht: Solche Gedichte zeichnen sich aus durch einsilbige Wörter und videoclipartige Bilderfolgen sowie dadurch, dass nur ein Teil der syntaktischen Bezüge ausgedrückt und Phrasengrenzen nicht markiert werden.
komm wir sind der Mond
sind der Gong aus Gold
der in klarer Nacht
durch die Sterne rollt
sind treibt grauer Sturm
Regen vor sich her
ein verborgner Glanz
überm Wolkenmeer
wenn all die Ernsten
Gläubigen Frommen
später einmal in
den Himmel kommen
dann schleiche ich mich
sobald es Nacht wird
in eine Hölle
in der gelacht wird
die Welt in Obhut
des Weckers geben
das Licht ausknipsen
die Kissen stauchen
ein Weilchen über
den Wellen schweben
dann in die Tiefsee
der Träume tauchen
am Ufer sitzen
die Wellen hören
die Möwen sehen
die Zeit ausloten
die einst so lebten
hält man für Weise
die jetzt so leben
für Idioten
(Phylloscopus collybita)
während Zirbeln oder Föhren
den Zilpzalp sehr beim Zilpen stören
kann man wo die Buchen rauschen
stets seinem zarten Zilpen lauschen
doch nie schon gar nicht in den Alpen
sah man den Zilpzalp jemals zalpen
nur nachts klammheimlich und im Dunkeln
da zalpt er dass die Federn funkeln
wenn die Schüchternen
jetzt so beliebt sind
die die sich nie was
Verbotenes trauen
warum kriegen die
forschen Verführer
schließlich doch immer
die meisten Frauen ? !
(anlässlich eines Opernbesuchs)
unter dem Tischtuch
nach Knien tasten
oben dagegen
ein Unschuldsgesicht
nie verlegen um
Gründe für Sünde
cosi fan tutte
wir aber nicht
um nasse Bäume
wabert der Nebel
vor meinem Fenster
nur grauer Brei
da plötzlich leuchten
auf dem Balkonsims
gelbgrüne Federn
ein Papagei
aus der Geschichte
sagte ich eifrig
lernen die Menschen
es besser machen
noch heute sehe
ich Lehrer Jäckel
am Fenster stehen
und lauthals lachen
er sieht die Leute
nun seit Jahrzehnten
raffen betrügen
morden und rauben
und schafft es trotzdem
noch an den Menschen
und an sich selber
gleich mit zu glauben
in vierundzwanzig
winzigen Zimmern
warten allerhand
süße Genüsse
Susanne öffnet
die bunten Türchen
fast noch geschickter
als Reißverschlüsse
man möge sich im
Beschwerdefalle
eine Etage
höher beklagen
die meisten Dinge
entscheidet mein Hirn
ich selbst hab häufig
gar nichts zu sagen
Was wir aus alltäglicher Selbstbeobachtung vermuten, dass nämlich unsere bewussten Willensentscheidungen oft durch unbewusste Vorentscheidungen bestimmt sind, wurde schon vor Jahrzehnten durch die Arbeiten von Benjamin Libet und seinen Mitarbeitern eindrucksvoll bestätigt: Libet demonstrierte, dass unser Gehirn unsere Handlungen zu einem Zeitpunkt in die Wege leitet, zu dem uns noch gar nicht bewusst ist, dass wir handeln wollen. Es sieht so aus, als ob die Rolle des Bewusstseins darauf beschränkt sei, gegen die selbständigen Aktivitäten unserer unbewussten Programme gelegentlich ein Veto einzulegen. Die Initiative zu unseren Handlungen scheint aber von diesen Programmen und nicht vom Bewusstsein auszugehen.
die Anrede fehlt
ein halbes Sätzchen
der Gruß abgekürzt
wie ärgerlich trist
von dieser Blonden
die eitel aber
bei Licht besehen
so blond gar nicht ist
wer ist da smart? die
die sie kaufen und
sich den Verstand mit
Mätzchen ersticken?
oder eher jene
die sie entwickeln
und an die Narren
teuer verticken?
(Digital Concert Hall im CinemaxX Hannover)
I
in Großaufnahme
der Paukenschlägel
ein filziger Ball
mit weißen Flöckchen
dann davon fast nicht
zu unterscheiden
Sir Simon Rattles
bebende Löckchen
II
weißbehemdete
Pinguine und
schöne Krähen mit
glänzenden Schnäbeln
die nach den Wünschen
des Dirigenten
mit Geigenbögen
die Luft zersäbeln
III
sie klemmt das Cello
zwischen die Schenkel
krault ihm den Hals und
kratzt seinen Rücken
da legt es den Kopf
an ihre Schulter
und seufzt und säuselt
voller Entzücken
IV
weil sie woanders
im Wege stünden
stehn die Bassisten
lässig am Rande
fast als gehörten
sie gar nicht dazu
und wären eine
Art Gangsterbande
(Gröbenhof Fulpmes)
die gelbe Katze
setzt ihre Pfote
stolz auf ein Herbstblatt
als wärs eine Maus
dann bläst der Föhnsturm
ein Heer von Blättern
in ihre Richtung
und sie nimmt Reißaus
früher war da ein
niedliches Kätzchen
pelzig und weich zum
Streicheln und Necken
heute bevorzugt
man offensichtlich
statt eines Kätzchens
zwei Gartenschnecken
indische Mantras
musst du nicht murmeln
Weihrauchgefäße
musst du nicht schwenken
du musst ein Nichtsnutz
werden und wagen
hellwach zu sein und
gar nichts zu denken
Ei, for was brauch isch dann Selbsterkenntnis? Isch wooß doch, was isch an mer hab! – Frau Siebenhals in der Fernsehserie „Die Firma Hesselbach“, HR 23.12.1960
Erlebniskegeln
romantic dinners
schrill parfümierter
Kleinbürgermuff
da fehlt jetzt nur noch
als special event
die Gruppenführung
zum Innsbrucker Puff
umwölkte Häupter
hohe Kothurne
stetes Streben nach
wichtigen Zielen
eitle Tragöden
die nicht bemerken
dass sie in einer
Komödie spielen
im Kaufhaus kommt mir
dieselbe Dame
kurz nacheinander
zweimal entgegen
ist sie ein Zwilling?
sie das zu fragen
erscheint mir schließlich
doch zu verwegen
das zweite Bildnis
nicht von da Vinci?
das Haar zu wellig?
der Himmel gelber?
ich mach es einfach
wie Schulmeister Wutz*
und tusch die Lisa
klammheimlich selber
* Der wichtige Umstand ist nämlich der, […] daß Wutz eine ganze Bibliothek – wie hätte der Mann sich eine kaufen können? – sich eigenhändig schrieb […] jedes neue Meßprodukt, dessen Titel das Meisterlein ansichtig wurde, war nun so gut als geschrieben oder gekauft : denn es setzte sich sogleich hin und machte das Produkt […]. Er war kein verdammter Nachdrucker, der das Original hinlegt und oft das meiste daraus abdruckt : sondern er nahm gar keines zur Hand. Daraus sind zwei Tatsachen vortrefflich zu erklären : erstlich die, daß es manchmal mit ihm haperte und daß er z.B. im ganzen Federschen Traktat über Raum und Zeit von nichts handelte als vom Schiffs-Raum und der Zeit, die man bei Weibern Menses nennt. Die zweite Tatsache ist seine Glaubenssache : da er einige Jahre sein Bücherbrett auf diese Art voll geschrieben und durchstudieret hatte, so nahm er die Meinung an, seine Schreibbücher wären eigentlich die kanonischen Urkunden, und die gedruckten wären bloße Nachstiche seiner geschriebenen […]. (Jean Paul: Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal. Eine Art Idylle. 1793)
plötzliche Böen
vor dem Ballettshop
Rollständer stürzen
ein Schirm wird geknickt
zwei Professoren
beinahe unter
Tutus und Stulpen
beim Denken erstickt
manche erklimmen
schwindelnde Gipfel
suchen da oben nach
großen Gefühlen
anderen reicht schon
der Nervenkitzel
auf alten Hockern
Sesseln und Stühlen
wie konnte ich nur
dem Zimmermädchen
die Socken vertauscht
zum Waschen geben
nun trag ich heimlich
rechts beige und links grau
und darf die Hosen-
beine nicht heben
ein helles Zimmer
doch ach nur ein Bett
der leiseste Mucks
kommt ihr zu Ohren
nachts lieg ich steif wie
ein totes Skelett
wenn wo was wackelt
bin ich verloren
langbeinig schwebt sie
auf hohen Sohlen
ein handbreiter Rock
die Bluse nur Schaum
ihr tiefdunkler Blick
streift mich verstohlen
dann plötzlich rülpst sie
adieu schöner Traum
stundenlang rennen
baumeln an Ringen
den Schwebebalken
zum Schwingen bringen
springen und rudern
Gewichte heben
ist das ein Beispiel
für gutes Leben?
sie sollten die Welt
doch langsam kennen
und all den Irrsinn
den wir so treiben
und mühen sich doch
in diesem längst schon
verlorenen Spiel
am Ball zu bleiben
Ich bin voller Vergnügen, und meine Tage
sind gefüllt. Ich brauche nicht nach
New Vork zu reisen, um von dort zu melden,
dass ich in New York bin. (Horst Janssen)
Laozi hat unrecht:
Rausgehen bildet
wenn man mal rumkommt
kann das nicht schaden
Laozi hat doch recht:
das wiederholt sich
nach zwei drei Runden
kennt man den Laden
*Laozi: Daodejing 47: 不出戶智天下 / Bild: „draußen und drinnen“
ein rundes Gesicht
voll Sommersprossen
und immerzu ein
Lächeln und Strahlen
als wollte sie mit
freundlichem Wesen
all die verdrängte
Raumluft bezahlen
pausenlos murmelt
mein Hirn tagsüber
so durcheinander
von Gott und der Welt
dass ich am Abend
meist selber froh bin
wenn es dann endlich
die Klappe hält
Häuser sind oben
eher pfui als hui
nur Tanks und Röhren
und Schornsteinblöcke
als stünde ich kopf
und sähe ihnen
peinlicherweise
unter die Röcke
dass sie mir absagt
kein Grund zu klagen
sie ist beschäftigt
Stunden sind rar
doch warum muss sie
so deutlich sagen
wer ihr mal wieder
wichtiger war?
die Nachbarin die
alles vorherweiß
suche ich immer
möglichst zu meiden
mir reicht ein Unglück
wenn es dann da ist
ich muss es nicht im
Vorgriff erleiden
Wellnessexperten
die alles planen
Gletscher mit Pommes
Spaßrodelbahnen
Frauenwettradeln
Hinkeln mit Stein
ich mag die Berge
zu Fuß und allein
sie schwenkt den Hintern
wie ihre Töchter
mit beinah sechzig
ganz Barbiepuppe
macht sie so weiter
ist sie in Kürze
das jüngste Kind in
der Krabbelgruppe
unter den Stiefeln
wackeln die Steine
zersplitternder Schutt
auf Schritt und Tritt
der Fels kriegt Risse
ich kriege Falten
die Alpen bröckeln
ich bröckle mit
Bergpanorama
Täler und Wälder
eisiger Gipfel
leuchtende Ketten
ich aber seh nur
diese Brünette
in Radlerhosen
bin ich zu retten?
die eine winzig
picklig mit Brille
plaudert und spottet
ein blitzender Clown
die andre ist schön
die muss nicht reden
der reicht es verträumt
durchs Fenster zu schaun
wieder so eine
Lachsalvengruppe
ein Witz ein Gebrüll
und immer so fort
Leben als Sitcom
Gags statt Gespräche
ich löffle Müsli
und sinne auf Mord
zwei iPod-Kabel
Ödland dazwischen
aus ihren Ohren
Zirpen und Zischen
ihr Kopf denkt so wenig
wie Schambein und Knie
da drin denkt nur die
Musikindustrie
den Wahnsinn mit der
nordischen Rasse
haben wir jetzt zwar
fast überwunden
doch dafür mit dem
Familienklüngel
schließlich auch nur uns
selber gefunden
sie zockeln brav in
Erstklässlerschlange
die Gruppennummer
gleich vorne am Hemd
zum Selbergucken
sind sie zu bange
die Welt sagt der Guide
sei farbig und fremd
für den Basar und
die Blaue Moschee
haben sie höchstens
ein Schulterzucken
in Istanbul sind
sie eigentlich nur
um mal woanders
ins iPhone zu gucken
Rauchopfer zaubern
drei Ehefrauen
aus Japan hierher
in Smartphone-Fenster
ähnlich beschworen
in grauer Vorzeit
die frühen Menschen
ihre Gespenster
(Erenler Nargileh Istanbul)
(Istanbul)
über dem Müsli
Charts auf dem Bildschirm
Techno und Turk-Pop:
Kampf der Kulturen
rings an den Tischen
Rentner in Buschhemd
und kurzen Hosen:
Charts der Lemuren
man träumt von schönen
schwebenden Vögeln
tatsächlich rast man
in einer Röhre
an Sitze geschnallt
durch Turbulenzen
die nächste Reise
werde ich schwänzen
schrillender Wecker
gähnende Koffer
hastiges Frühstück
jähe Erregung
Reisen wär herrlich
ohne den Wechsel
aus sanfter Ruhe
in die Bewegung
sie hat sich klangvoll
nach Leibniz benannt
der zur Barockzeit
die Welt vermessen
doch über Leibnizens
frommer Vernunft
die kritische des
Voltaire vergessen
(1. Fassung)
zum Buschhemd trägt er
Schlangenhautschuhe
sein Porsche brüllt durch
dörfliche Ruhe
beim Bäcker träumen
Frauen befangen
Tarzanmärchen von
Brötchen und Schlangen
jeder spricht täglich
hunderte Sätze
vorwiegend Unsinn
und ganz für die Katz
Wolken von Wortmüll
steigen zum Himmel
doch keine Sorge
im All ist noch Platz
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