Freie Gedanken

(ein Beitrag zur Memetik)

Gedanken sind frei
hurra das ist fein
sie schleichen sich frei
in die Köpfe ein
machen sich breit dort
ohne zu fragen
und wir tun folgsam
das was sie sagen


„Wir ergreifen keine Idee, sondern die Idee ergreift uns und knechtet uns und peitscht uns in die Arena hinein dass wir wie gezwungene Gladiatoren für sie kämpfen.“ (Heinrich Heine: Salon. Vorrede zum ersten Band.)

Sommerbalkon

um die Dächer Nacht
hoch vor einem Streif
Pinkorangetürkis
glänzt Kondensgeschweif
nehm auf meine Art
teil am Luftverkehr
steig in einen Reim
und bin schon am Meer

Verschneiter Fluss

in hundert Bergen
fliegt nicht ein Vogel
auf tausend Pfaden
keines Menschen Spur
im Schnee still ein Boot
ein Greis mit Strohhut
zwischen den Schollen
seine Angelschnur

柳宗元: 江雪

千山鳥飛絕
萬徑人蹤滅
孤舟簑笠翁
獨釣寒江雪

(Liu Zongyuan, 773 bis 819 n. Chr.)

Genügsam

ich hasse Aufwand
und Diademe
Herbstrosen musst du
für mich nicht brechen
ein grünes Kränzchen
mehr brauchen wir nicht
wenn wir im Schatten
sitzen und zechen

persicos odi, puer, adparatus,
displicent nexae philyra coronae,
mitte sectari, rosa quo locorum
    sera moretur.

simplici myrto nihil adlabores
sedulus curo: neque te ministrum
dedecet myrtus neque me sub arta
    vite bibentem.

(Horaz: Oden I, 38)

Was Frauen sagen

sie liebt mich sagt sie
was Frauen sagen
unsere Liebe
noch zu erhitzen
kannst du getrost in
die Winde schreiben
oder in einen
Wasserfall ritzen

nulli se dicit mulier mea nubere malle
quam mihi, non si se Iuppiter ipse petat.
dicit: sed mulier cupido quod dicit amanti
in vento et rapida scribere oportet aqua.

(Catull: Carmina 70)

Martial

(40 bis ca. 102 n. Chr.)

Spottverse wie die
des Römers Martial
würden heute mit
Recht unterbunden
menschliche Schwächen
die er noch beschreibt
sind jetzt per Fortschritt
gänzlich verschwunden

zur Erinnerung an Fritz Graßhoff (1913 bis 1997), seine „Klassische
Halunkenpostille“ und seinen „Martial für Zeitgenossen“

Einem Kritiker

von meinen Versen
sagst du sind dreißig
entsetzlich missglückt
wärn aber weitre
dreißig gelungen
dann wär ich entzückt

‚triginta toto mala sunt epigrammata libro.‘
si totidem bona sunt, Lause, bonus liber est.

(Martial: Epigramme VII, 81)

Einladung

ich bin zwar getauft
doch bin ich nicht fromm
und wenn ich drum nicht
in den Himmel komm
dann lad ich dich gern
in die Hölle ein
ich will dir ein zärt-
licher Teufel sein

anlässlich eines Besuchs in der Hongkong Baptist University 2005

Hobel und Späne

spart euch das Schimpfen
und Achselzucken
ein launiger Reim
muss einfach jucken
wäre er fromm und
politisch korrekt
wär er wie Wein der
nach Weihwasser schmeckt

lex haec carminibus data est iocosis,

nec possint, nisi pruriant, iuvare. 

quare deposita severitate

parcas lusibus et iocis rogamus,

nec castrare velis meos libellos.

(Martial: Epigramme I, 35 10-14)

Autark II

wie hat das Gürteltier es gut
dieweil wir unser ganzes Leben
andauernd nach den Frauen streben
und uns zerplagen bis aufs Blut
lebt jenes Tier mit ruhiger Kralle
braucht nicht zu streben braucht kein Weib
genügt sich selbst als Zeitvertreib
ist selber Riemen selber Schnalle

Der Mensch

reg dich Menschlein lebe
koste Brot und Rebe
nimm dich nicht zu wichtig
diese Welt ist nichtig
tanz dein Existenzchen
wedele dein Schwänzchen
schüttele dein Pfläumchen
träum noch zwei drei Träumchen
kehr dann aus Schmerz und Glück
getrost ins Nichts zurück

Diva

kaum kommt sie herein
schon geht sie wieder
ein kurzes Lächeln
dann ruft sie die Pflicht
sie ist halt ach so
schrecklich beschäftigt
sie ist bedeutend
und wir sind es nicht

 

Syltgedycht

der Kynstler schyldert lyrisch-kyhn
wy fryh auf Sylt dy Dynen glyhn
und Kyhe yhre myden Rycken
nach syßem grynem Fryhstyck bycken

er syht durch dynne Wolkenlycken
dy Sonne rystig höherrycken
und spyrt myt yedem Rynd das bryllt
noch ymmer tyfer: dys yst Sylt


Lob der Einfalt*

Menschlein sei nicht so beflissen
musst doch gar nicht alles wissen
musst nicht jeden Dreck behalten
musst nicht alles selbst gestalten
musst nicht alles registrieren
zählen ordnen kritisieren

darfst dich ab und zu auch lösen
ziellos schweben träumen dösen
albern über Ernstes lachen
dich sogar zum Narren machen
und so darf auch dieser Reim
ruhig unvollkommen bleim

*auf das chinesische Sprichwort „nan de hutu:  Es ist schwer, Einfalt zu erlangen.“

Workaholics I

kein Mensch hat mehr Zeit
man hastet und stöhnt
Maloche ist Trumpf
die Muße verpönt
wo ist die schöne
Sitte geblieben
auch mal ne ruhige
Kugel zu schieben?



Stempeltext: „官閒無一事 蝴蝶飛上階. Im Büro gibt es nichts zu tun. Welche Freude: Ein Schmetterling landet auf meiner Treppe!“

Die Glocke

der Kopf ist der Turm
gleich hinter der Stirn
läutet gesittet
das fromme Gehirn
doch unten im Bauch
im Glöcknerabteil
da tanzt der Teufel
und ruckelt am Seil

2012

und wieder Neujahr
Laufmaschen sind wir
im seidenen Strumpf
am Bein der Zeit
schon geht es aufwärts
am Oberschenkel
unter die Röcke
der Ewigkeit

Junge Frau am Strand

(Xiamen)

sie watet zweifelnd
ins seichte Wasser
das soll das Meer sein?
die Brandung? wohl kaum
dann endlich endlich
packt sie ein Brecher
schwappt unter ihr Kleid
und hüllt sie in Schaum

 

Dienstgang

(Shanghai)

mitten zwischen den
vorwärts trippelnden
Rüschenkleidchen und
Schleifchen aus Samt
strebt unbeirrbar
ein älterer Herr
mit Aktentasche
rückwärts* ins Amt

*In China gehen ältere Menschen gelegentlich rückwärts, um sich zu trainieren.

Bei Eschede

Matsuo Basho: Frosch

Der alte Weiher
Ein Frosch springt hinein
der Klang des Wassers

Binsen und Birken
in tiefer Stille
die Fische schweigen
im Schlingpflanzenreich
ein einzelner Frosch
stört die Idylle
er springt in die Luft
und plumpst in den Teich

Hangzhou

bei Sonne lächelt
der Westsee recht nett
das Wasser glänzt wie
ein seidenes Bett
und das Gebirge
schwebt in den Lüften
lieblich geschwungen
wie runde Hüften

Heilige Nacht

im Traume trag ich
schwere Pakete
auf eisglattem Weg
dann weckt mich Mondlicht
Weihnachten! denk ich
dreh mich zur Wand und
träum was Verbotnes
Aufwachen lohnt nicht

Hotel Lago

(Ulm)

Eis auf den Wiesen
im grauen Wasser
gründelt der Schwan den
Schwanz steil nach oben
die frommen Entchen
werden nicht müde
schnatternd des Bürzels
Weißheit zu loben

Nacht über Shanghai

rings stöhnen Frauen
und Wasserröhren
Flurtüren schlagen
dann kreischen Gören

Tabakrauch faucht aus
den Lüftungsgittern
mein Nachbar hustet
die Wände zittern

sein Rotz verscheucht mir
süßeste Träume
wär ich der Mond ich
flög in die Bäume

Nicht Goethe

(Fulpmes)

allein auf dem Pfad
im Wald ist nichts los
nur krumme Fichten
und Wurzeln und Moos
mehr brauch ich auch nicht
vertieft ins Steigen
höre ich nicht mal
die Vöglein schweigen


Ameisen

(Fulpmes)

setz auf dem Bergpfad
ganz ruhig Schritt vor Schritt
Ameisen laufen
zu Hunderten mit
oft frage ich mich
was machen die da
die Antwort fällt leicht
die meisen da A

Niederschlag

(Istanbul)

das Schlendern auf der
Galatabrücke
im Frühabendrot
plötzlich verdorben
der Bratdunst trifft mich
hart wie ein Faustschlag
die Sprotten stinken
wie längst gestorben

Die Möwen

(Istanbul)

um unsern Dachfirst
bald nah bald ferner
Kindergejammer
dann Enterichwut
schließlich gackerndes
Tantengelächter
da mitzulachen
tut wunderlich gut

Wremen

Kleiner Preuße heißt
hier der Leuchtturm
schwarzweißgeringelt
schützt er die Küste
sein treues Blinken
leitet den Wattwurm
an seiner Liebsten
bergende Brüste

Marianne

(Parade in Paris am 14. Juli 2009)

in Stahlchemisette
und Tarnnetzstrümpfen
reitet sie keck auf
Raketenrümpfen
und Kampfjets sprühen
mit dröhnender Lust
dreifarbigen Rauch
ihr über die Brust

Eiffelturm I

breitbeinig stemmt er
sich in den Boden
die Menge glotzt ihm
gebannt in den Schritt
steifstählern stößt er
in sanfte Wolken
der Menge schaudert
da kommt sie nicht mit


eiffelturm

Pfingsten

über den Köpfen
der Jünger schwammen
des Heiligen Geistes
Spiritusflammen
mein Kopf ist damit
nicht zu vergleichen
über mir schwimmen
nur Fragezeichen

Osterdekoration

selbst bei den Hemdchen
und Miedern sitzen
lüstern grinsende
Papposterhasen
als wollten sie zwischen
Seide und Spitzen
gleich nach Geschäftsschluss
rammeln und rasen

Stadtführung

(Wien)

Römerruinen
uralte Fresken
Erzherzog Ludwig
schuf einst den Saal
Krypta romanisch
barock erneuert
aus Gold und Marmor
– freut mich total

Der Stephansdom

kein Frühling in Wien
Nordostwinde tosen
Lust versteckt sich in
Wollunterhosen
nur er ragt tapfer
bereit zur Attacke
aus seiner gezickzackten
Pferdeschabracke