hochschwanger schickt sie
Verlobungskarten
in meinem Gehirn
hakt da ein Zahnrad
kann denn ein Flugzeug
das fliegt noch starten?
kann man versprechen
was man getan hat?
in ferner Zukunft
so gegen Ende
haben Menschen statt
heutiger Hände
Faultierkrallen und
Känguruhtaschen
für Papptrinkbecher
und Fuselflaschen
man verlangt Lieder
wabernde Bilder
tanzende Popstars
die lauthals singen
wer will heute noch
nur ein paar Wörter
einsam am Schreibtisch
zum Klingen bringen?
flackernde Blitze
der Birnbaum taghell
mein Traum wird jäh vom
Donner zerrissen
sie lief im Schlitzrock
direkt auf mich zu
und dann? ach niemals
werd ich das wissen
mein Schlips hat am Halse gekniffen
die Enge war kaum zu ertragen
hab frech auf die Schlinge gepfiffen
leb lieber mit offenem Kragen
kaum einer zögert
sie alle hasten
und stürmen vorwärts
und fackeln nicht lang
jeder kämpft um die
angeblich beste
Startposition für
den Weltuntergang
(ein Beitrag zur Memetik)
Gedanken sind frei
hurra das ist fein
sie schleichen sich frei
in die Köpfe ein
machen sich breit dort
ohne zu fragen
und wir tun folgsam
das was sie sagen
„Wir ergreifen keine Idee, sondern die Idee ergreift uns und knechtet uns und peitscht uns in die Arena hinein dass wir wie gezwungene Gladiatoren für sie kämpfen.“ (Heinrich Heine: Salon. Vorrede zum ersten Band.)
was reitet mich bloß
werdet ihr fragen
täglich Reime auf
Zettel zu kritzeln?
muss ich die Welt schon
täglich ertragen
will ich auch täglich
über sie witzeln
um die Dächer Nacht
hoch vor einem Streif
Pinkorangetürkis
glänzt Kondensgeschweif
nehm auf meine Art
teil am Luftverkehr
steig in einen Reim
und bin schon am Meer
Neuland ist heute
nicht zu entdecken
nicht mal mehr in den
heikelsten Ecken
wenn sich wer auszieht
gleich sieht man hurra
Maler und Klempner
waren schon da
in hundert Bergen
fliegt nicht ein Vogel
auf tausend Pfaden
keines Menschen Spur
im Schnee still ein Boot
ein Greis mit Strohhut
zwischen den Schollen
seine Angelschnur
柳宗元: 江雪
千山鳥飛絕
萬徑人蹤滅
孤舟簑笠翁
獨釣寒江雪
(Liu Zongyuan, 773 bis 819 n. Chr.)
frühmorgens in der
Glasduschkabine
nutz ich die Brause
als Zweittelefon
und sage allen
endlich die Meinung
hoffentlich merken
die sich die Lektion
ich hasse Aufwand
und Diademe
Herbstrosen musst du
für mich nicht brechen
ein grünes Kränzchen
mehr brauchen wir nicht
wenn wir im Schatten
sitzen und zechen
persicos odi, puer, adparatus,
displicent nexae philyra coronae,
mitte sectari, rosa quo locorum
sera moretur.
simplici myrto nihil adlabores
sedulus curo: neque te ministrum
dedecet myrtus neque me sub arta
vite bibentem.
(Horaz: Oden I, 38)
sie liebt mich sagt sie
was Frauen sagen
unsere Liebe
noch zu erhitzen
kannst du getrost in
die Winde schreiben
oder in einen
Wasserfall ritzen
nulli se dicit mulier mea nubere malle
quam mihi, non si se Iuppiter ipse petat.
dicit: sed mulier cupido quod dicit amanti
in vento et rapida scribere oportet aqua.
(Catull: Carmina 70)
wenn Schmerz und Angst und
Trübsinn sie plagen
tröste ich sie und
halte sie aufrecht
doch sie hat immer
Gründe zu klagen
wenn es ihr gut geht
geht es ihr auch schlecht
(40 bis ca. 102 n. Chr.)
Spottverse wie die
des Römers Martial
würden heute mit
Recht unterbunden
menschliche Schwächen
die er noch beschreibt
sind jetzt per Fortschritt
gänzlich verschwunden
zur Erinnerung an Fritz Graßhoff (1913 bis 1997), seine „Klassische
Halunkenpostille“ und seinen „Martial für Zeitgenossen“
von meinen Versen
sagst du sind dreißig
entsetzlich missglückt
wärn aber weitre
dreißig gelungen
dann wär ich entzückt
‚triginta toto mala sunt epigrammata libro.‘
si totidem bona sunt, Lause, bonus liber est.
(Martial: Epigramme VII, 81)
ich bin zwar getauft
doch bin ich nicht fromm
und wenn ich drum nicht
in den Himmel komm
dann lad ich dich gern
in die Hölle ein
ich will dir ein zärt-
licher Teufel sein
anlässlich eines Besuchs in der Hongkong Baptist University 2005
spart euch das Schimpfen 
und Achselzucken
ein launiger Reim
muss einfach jucken
wäre er fromm und
politisch korrekt
wär er wie Wein der
nach Weihwasser schmeckt
lex haec carminibus data est iocosis,
nec possint, nisi pruriant, iuvare.
quare deposita severitate
parcas lusibus et iocis rogamus,
nec castrare velis meos libellos.
(Martial: Epigramme I, 35 10-14)
meist lob ich mir ein
gutes Gewissen
als sprichwörtlich
sanftes Ruhekissen
manchesmal wünsche
ich mir dagegen
ein Sündenpolster
es unterzulegen
was guckt ihr so ernst
und runzelt die Stirn?
stört ihr euch etwa
an meinen Witzen?
ihr glaubt ihr seid hier
auf dem Olymp und
merkt nicht dass wir im
Narrenhaus sitzen
einst war sie meine
Lieblingsrakete
himmelwärts flog ich
auf ihr wie ein Gott
dann warf sie mich ab
nun kreist sie im All
in eisiger Höhe
mein Weltraumschrott
reg dich Menschlein lebe
koste Brot und Rebe
nimm dich nicht zu wichtig
diese Welt ist nichtig
tanz dein Existenzchen
wedele dein Schwänzchen
schüttele dein Pfläumchen
träum noch zwei drei Träumchen
kehr dann aus Schmerz und Glück
getrost ins Nichts zurück
keine Satire!
greift niemanden an!
nie über niemand
spotten und lachen!
sonst wird euch sofort
der Niemandsverband
als Antiniemisten
zur Schnecke machen
mich fragen Sie nach Jugendsünden?
ich war katholisch war ein Schaf
hab keine Sünden zu verkünden
war ach zum Sündigen zu brav
Menschlein sei nicht so beflissen
musst doch gar nicht alles wissen
musst nicht jeden Dreck behalten
musst nicht alles selbst gestalten
musst nicht alles registrieren
zählen ordnen kritisieren
darfst dich ab und zu auch lösen
ziellos schweben träumen dösen
albern über Ernstes lachen
dich sogar zum Narren machen
und so darf auch dieser Reim
ruhig unvollkommen bleim
*auf das chinesische Sprichwort „nan de hutu: Es ist schwer, Einfalt zu erlangen.“
sie stürzen sich auf
Kinder und Enkel
Ehre Karriere
und zwischen Schenkel
sie tun im Laufschritt
Jakobswegbuße
erst Freund Heins Sense
lehrt sie die Muße
(Amrum)
er sieht mich kommen
blinzelt ins Weite
knurrt irgendetwas
runzelt die Stirn
und zieht sich langsam
das schwere breite
innere Reetdach
übers Gehirn
(Amrum)
ich raffe mich auf
und xylophone
die Bohlentreppe
zur Dünenkrone
schließe dann oben
scharf wie ein Messer
man sieht zwar weiter
aber nicht besser
ich steig auf Dünen
stapf tapfer durch Sand
trotze heroisch
den Stürmen am Strand
und kein Mensch sieht es
und kein Mensch hört es
einziger Vorteil
niemanden stört es
(Amrum)
es zottelt schwarzbraun
auf grüner Wiese
im Drahtzaungeviert
tagtäglich allein
ich mag es es ist
so unprätentiös
und ganz zufrieden
ein Schäfchen zu sein
(Amrum)
ein Engel reitet
stets in der Nacht
spärlich bekleidet
auf meinem Dachfirst
ich hätte mir das
viel schöner gedacht
du siehst nur Schenkel
wenn du mal wach wirst
vor meinen Fenstern
überall Wasser
wenn dieser Insel
der Untergang droht
dann sind die Fische
halt meine Möwen
und die Mansarde
mein Unterseeboot
ich hab hier Fenster
in alle Winde
und lasse suchend
die Blicke schweifen
nichts ist zu sehen
oh weh ich finde
statt hübscher Möwen
nur Nebelstreifen
dort auf der Leine
schneeweiße Höschen
friesischer Frauen
innigste Hülle
zehn Schritte weiter
verspritzt ein Bauer
von seinem Trecker
gelbliche Gülle
die Köche haben
winzige Bröckchen
kunstvoll zu etwas
ganz Großem garniert
und manche hoffen
wenn sie hier essen
dass sowas nun auch
mit ihnen passiert
es gibt bei manchen
uralten Mackern
so eine Tendenz
sich abzurackern
sie wollen zeigen
sie können es noch
und blähen sich auf
und sterben dann doch
der Kopf ist der Turm
gleich hinter der Stirn
läutet gesittet
das fromme Gehirn
doch unten im Bauch
im Glöcknerabteil
da tanzt der Teufel
und ruckelt am Seil
Wolken die über
den Himmel fegen
winzige Röcke
Bäume im Regen
sie teilt das Chaos
in schmale Streifen
streng parallel und
leicht zu begreifen
wir leben vielleicht
nur aus Gewohnheit
nicht wegen all des
Guten und Schönen
ich bin fast sicher
wenn wir mal tot sind
werden wir uns auch
daran gewöhnen
ich gebe ja zu
sie krönt die Figur
und ist im Winter
warm wie die Hölle
aber sie fusselt
aus meinem Nabel
quillt nun beim Ausziehn
schwarzes Gewölle
in kahlen Bäumen
krächzen die Krähen
ich stehe über
die Inschrift gebeugt
da spür ich plötzlich
wie sie von unten
tief aus dem Erdreich
mich kritisch beäugt
das Licht ausgeknipst
und lauthals gelacht
nun kann die Welt mir
gestohlen bleiben
so möcht ich sterben
auf alles pfeifen
und heiter ins Nichts
hinübertreiben
er hatte die Welt
in Haut und Knochen
hat streng nach Shanghai
und Rom gerochen
nun riecht er nicht mehr
nach fernem Gestade
nur noch nach Seife
eigentlich schade
zwei Küstenschenkel
zur Ostsee gespreizt
wo sie sich treffen
ein nasser Hafen
ein Fischbrötchenort
von Salzluft gebeizt
doch leider leider
schrecklich verschlafen
und wieder Neujahr
Laufmaschen sind wir
im seidenen Strumpf
am Bein der Zeit
schon geht es aufwärts
am Oberschenkel
unter die Röcke
der Ewigkeit
(Shanghai)
schwarz färbt sie ihr Haar
ihr Kleidchen flattert
Strass glänzt am Rock und
auf den Pantoffeln
sie ist fast sechzig
warte bald wohnt sie
wie halt wir alle
bei den Kartoffeln
(Shanghai)
mitten zwischen den
vorwärts trippelnden
Rüschenkleidchen und
Schleifchen aus Samt
strebt unbeirrbar
ein älterer Herr
mit Aktentasche
rückwärts* ins Amt
*In China gehen ältere Menschen gelegentlich rückwärts, um sich zu trainieren.
(Shanghai)
sie trägt ein leichtes
rotseidenes Kleid
am Mondkuchenstand
verhält sie den Schritt
da fliegt die Tür auf
ein Windstoß blättert
in ihren Rüschen
und ich lese mit
(Shanghai)
wie sanft sie lächelt
ein Lotosgewächs
mit schneeweißer Haut
und blassroter Lippe
jetzt kraust sie die Stirn
und telefoniert
oh je sie hat das
Zeug zur Xanthippe
(Shanghai)
schlendre im Volkspark
kann doch nicht träumen
Heimwerkersägen
in allen Bäumen
die Traumfee verschwimmt
nur noch Geschrille
verdammte Zikaden
ich brauche Stille
als ich ein Kind war
liebte ich Erbsen
die kleinen süßen
rolligen runden
lebenslang hab ich
dann Erbsen gesucht
meist aber eine
Prinzessin gefunden
Hüter der Ordnung:
Hemdchen und Höschen
den üppigen Rumpf
in Form zu zurren
Flügel der Freiheit:
Arme und Beine
in großen Schwüngen
davonzusurren
bin vierundsechzig
ein Schachbrett zerkratzt
von Bauern Pferden
Türmen mit Zinnen
Königen Läufern
und ach vor allem
den Stöckelschuhen
der Königinnen
grün ragt der Leuchtturm
von Dänemark her
schwappt Tang an schlanke
Gänsehautwaden
rot hängt die Sonne
dicht über dem Meer
absturzbereit am
seidenen Faden
stemm ich Gewichte
träum ich von Frauen
die für mich schwärmen
und Strümpfe stricken
komm ich nach Hause
wo sind die Damen?
nicht einmal eine
lässt sich dann blicken
der Ausflug geplant
der Rucksack gepackt
da erfasst mich des
Geistes Gebrause
ich stoppe das Stück
nach dem ersten Akt
bewahre Ruhe
und bleib zu Hause
Matsuo Basho: Frosch
Der alte Weiher
Ein Frosch springt hinein
der Klang des Wassers
Binsen und Birken
in tiefer Stille
die Fische schweigen
im Schlingpflanzenreich
ein einzelner Frosch
stört die Idylle
er springt in die Luft
und plumpst in den Teich
fürs erste reicht mir
die Welt mal wieder
ich ziehe mich auf
mein Sofa zurück
zähl noch ein Weilchen
Frauen und Schäfchen
und schon bin ich weg
das Nichts ist das Glück
greise Gestalten
stemmen Gewichte
zerren an Hebeln
die nichts mehr heben
am Tor zur Hölle
und längst zunichte
träumen sie noch vom
ewigen Leben
(Eschede)
andächtig lauschen
freundliche Kühe
rollendem Donner
rauschendem Regen
im Blitzgestöber
bitten sie stumm den
himmlischen Bullen
um seinen Segen
vorn flimmert der Film
die Frau neben mir
raschelt verstohlen
mit Popcornpapier
und keucht und zittert
mein Herz hüpft und klopft
ach keine Liebe
nur Nase verstopft
um meiner Seele
Ruhe zu stören
zwingt sie mich ihre
Blöße zu hören
sie klickt mit Knöpfen
knistert mit Seide
flappt Gummi auf Haut
und ich – ich leide
sie sehn aufs Display
und wirken nicht froh
und tippen und
tupfen und reiben
sie sind gefangne
Primaten im Zoo
die Bildschirme
Affenhausscheiben
niedliche Stiefel
mit Absatz klock klock
zwei Handbreit Nylon
ein hautenger Rock
ein Lederjäckchen
und dann kommt er schon
der Höhepunkt das
Mobiltelefon
bei Sonne lächelt
der Westsee recht nett
das Wasser glänzt wie
ein seidenes Bett
und das Gebirge
schwebt in den Lüften
lieblich geschwungen
wie runde Hüften
ich flieh aus der Stadt
möchte nur schauen
und such die Stille
im Teehaus am See
doch ach dort lärmen
einhundert Frauen
die Stille fällt aus
mir bleibt nur der Tee
Liebe ganz ohne
Schürze und Dirndl
ist in den Alpen
nicht ungewöhnlich
denn in der Schürze
drin steckt das Dirndl
und drin im Dirndl
das Dirndl persönlich
ein ganz neues Jahr?
so neu ist das nicht
es hat schon jetzt ein
vertrautes Gesicht
wir stapfen durch Schnee
und Regen und Matsch
doch nur vom Unsinn
schnurstracks in den Quatsch
im Traume trag ich
schwere Pakete
auf eisglattem Weg
dann weckt mich Mondlicht
Weihnachten! denk ich
dreh mich zur Wand und
träum was Verbotnes
Aufwachen lohnt nicht
unter weißen Laken der See
über dem Haus aus Schnee
kräuselt sich
nicht mal ein Rauch
unsere Eskimos
reiben die Nasen
warte nur balde
wir wieder auch
(Ulm)
Eis auf den Wiesen
im grauen Wasser
gründelt der Schwan den
Schwanz steil nach oben
die frommen Entchen
werden nicht müde
schnatternd des Bürzels
Weißheit zu loben
auf großen Tellern
winzige Wachteln
unter Salaten
und Kräutern versteckt
wie Sommerliebchen
im hohen Grase
die bleichen Keulen
zum Himmel gereckt
regungslos rasend
in roten Sesseln
über den Wolken
quer durch den Himmel
dreihundert Menschen
ein Spermienschwarm
standfotostarr im
stählernen Pimmel
rings stöhnen Frauen
und Wasserröhren
Flurtüren schlagen
dann kreischen Gören
Tabakrauch faucht aus
den Lüftungsgittern
mein Nachbar hustet
die Wände zittern
sein Rotz verscheucht mir
süßeste Träume
wär ich der Mond ich
flög in die Bäume
(Innsbruck)
Barockfassaden
und Grünspankuppeln
aus einer Gasse
Blitzlicht und Krach
über ein Meer von
kleinen Japanern
segelt verwegen
das Goldene Dach
(Fulpmes)
von meinem Balkon
der Blick wär schon gut
rings Panorama
das Tal wie es ruht
doch in der Mitte
steht eine Fichte
die macht mal wieder
alles zunichte
(Fulpmes)
setz auf dem Bergpfad
ganz ruhig Schritt vor Schritt
Ameisen laufen
zu Hunderten mit
oft frage ich mich
was machen die da
die Antwort fällt leicht
die meisen da A
(Fulpmes)
am Gipfel schon Schnee
auf kühlen Almen
muhen die Kühe
herbstliche Psalmen
weiden bescheiden
in Wind und Wolken
wollen nur eines
werden gemolken
Konstantinopel
noch in den Socken
statt Muezzine
nun wieder Glocken
die Griechinnen ach
sie läuten so sehr
im Abendwind auf
den Straßen am Meer
(Thessaloniki)
sie bringt den Ouzo
in Wassergläsern
Kurzhosenschenkel
ein bisschen zu schwer
jetzt lacht sie mich an
die Barbiepuppen
die sich rings feiern
ich seh sie nicht mehr
die Glut im Abteil
fast nicht ertragen
dutzende Mücken
mühsam erschlagen
dann endlich Fahrtwind
nun rattern wir sacht
unter dem Goldmond
durch türkische Nacht
(Istanbul)
das Schlendern auf der
Galatabrücke
im Frühabendrot
plötzlich verdorben
der Bratdunst trifft mich
hart wie ein Faustschlag
die Sprotten stinken
wie längst gestorben
(Istanbul)
um unsern Dachfirst
bald nah bald ferner
Kindergejammer
dann Enterichwut
schließlich gackerndes
Tantengelächter
da mitzulachen
tut wunderlich gut
(Istanbul)
zweifellos männlich
die Minarette
raketig gereckt
zu frommem Schuss
weiblich dagegen
die runden Kuppeln
sowie dazwischen
der Bosporus
(Istanbul)
von allen Türmen
der Blauen Moschee
die Gottesrufe
frommer Gerechter
ich nippe Raki
und blinzle ins Licht
und lobe mir das
Möwengelächter
(Lübeck)
Hirschgeweihlenker
Zeitlupenknattern
der Easy Rider
im Fahrtwind ergraut
auf den bebenden
Rücksitz geklammert
mit dampfendem Zwickel
die lederne Braut
(Wremen)
Wasservorhänge
aus schwarzen Wolken
auf grauen Wogen
Schaumkronenhorden
Windorgelklänge
doch dann ungelogen
drei Regenbogen
das ist der Norden
Kleiner Preuße heißt
hier der Leuchtturm
schwarzweißgeringelt
schützt er die Küste
sein treues Blinken
leitet den Wattwurm
an seiner Liebsten
bergende Brüste
(Parade in Paris am 14. Juli 2009)
in Stahlchemisette
und Tarnnetzstrümpfen
reitet sie keck auf
Raketenrümpfen
und Kampfjets sprühen
mit dröhnender Lust
dreifarbigen Rauch
ihr über die Brust
(Paris)
morgens seh ich die
Kramladenkatze
auf der Markise
schläfrig sich aalen
am Abend treff ich
sie dienstbeflissen
auf Mauspatrouille
zwischen Regalen
Jahrzehnte war er
die Leitgiraffe
mit Glitzerlämpchen
zerschrumpft er zur Maus
ich kenne eine
die wär in Ordnung
in Tüll und Strasskram
ist sie mir ein Graus
unter Markisen
schwatzen die Menschen
in Lärm und Abgas
heiter im Schatten
unter dem Pflaster
in den Kanälen
wimmeln nicht minder
heiter die Ratten
(Musée d’Orsay, Paris)
früher musste man
sonntags zur Kirche
zu Jesus und den
Evangelisten
heute betet man in
den Museen zu
Symbol- Express- und
Impressionisten
(Paris)
Göttinnen tanzen
mit blanken Brüsten
himmlisch erfahren
in tausend Lüsten
den Zenmönchen kommt
das nicht gelegen
die meditieren
tapfer dagegen
wenn Hüften schwer wie
Lastwagenreifen
vom Gang her mir an
die Schulter streifen
dann rennt meist eine
mit leerem Magen
und dickem Hintern
zum Speisewagen
der Geist ist in der
Hitze verbrutzelt
die Wasserflaschen
sind leergezutzelt
feuchtdampfend künden
Hose und Weste
diese Welt ist der
möglichen beste
ihr rundes Gesicht
wirkt ganz verloren
in Lockenwicklern
wie Ofenrohren
sie plappert schwäbisch
hat Pizza bestellt
und kein Portemonnaie
gern leih ich ihr Geld
tief in uns wohnen
wilde Vokale
die würden heulen
wie die Schakale
wachten an allen
Ecken und Kanten
nicht dürr und prüde
die Konsonanten
über den Köpfen
der Jünger schwammen
des Heiligen Geistes
Spiritusflammen
mein Kopf ist damit
nicht zu vergleichen
über mir schwimmen
nur Fragezeichen
zwei fette Wülste
verziert mit Kresse
zwei Scheibchen Seitan
elastische Nässe
ich beiße hinein
bis über mein Kinn
rinnt Remoulade
dann reißt es mich hin
der Vogelgesang
würde ihn stören
er will nur Wummern
und Zischen hören
die Plastikmusik
schießt hinter der Stirn
von rechts und von links
ihm mitten ins Hirn
hoch über ihrem
blassen Gesicht
schaukelt ihr Dutt schief
im gelblichen Licht
ein Schädeltrabant
gewagt balanciert
sie lächelt während
sie Rotwein serviert
lachende Kirschen
Strapsschokolade
ein Plisseesöckchen
umspannt die Wade
das Fleisch süßschaumig
die Haut elastisch
ein Biss und ich bin
enthusiastisch
selbst bei den Hemdchen
und Miedern sitzen
lüstern grinsende
Papposterhasen
als wollten sie zwischen
Seide und Spitzen
gleich nach Geschäftsschluss
rammeln und rasen
(Lübeck)
überall Kirchen
fast wie in Rom
Sankt Peter Marien
Sankt Jakob der Dom
jedoch die Menschen
in gottlosem Wahn
pilgern nur immer
zu Sankt Marzipán
Glühwürmchenschwärmer
Goldglanzkaskaden
Glitzerhaarspangen
Blitze und Schwaden
das böllert ein paar
Minuten munter
was feurig aufsteigt
kommt rußig runter
(Videotelefonat)
gleich unter dem Dach
über den Dächern
mit Abendsonne
madonnenbekränzt
sanft umschwebt von der
Kugelfischkanne
hockt sie und plaudert
und lächelt und glänzt
(Wien)
Kopfhörerjunkies
nokiasüchtig
stürmen die Säle
brüllen und lallen
ich geh geradeaus
mit steifer Schulter
und hör genüsslich
ein Handy fallen
(Wien)
Römerruinen
uralte Fresken
Erzherzog Ludwig
schuf einst den Saal
Krypta romanisch
barock erneuert
aus Gold und Marmor
– freut mich total
man nippt am Café
hier redet man nicht
um gelbe Lampen
kreiselt das Licht
die Welt entrückt wie
niemals gewesen
nur in der Zeitung
kann man sie lesen
(Wien)
die Sachertorten
noch kaum geboren
zerteilt man hier rasch
in zwölf Sektoren
und hüllt die Spitzen
in Cellophan
Törtchenverhütung!
Hygienewahn!
(Wien)
an Fahnenmasten
schnattern die Leinen
in Schuluniform
auf Kniestrumpfbeinen
schnattern im Sturmwind
Japanerinnen
ich strebe zur Kunst und
wärme mich drinnen
kein Frühling in Wien
Nordostwinde tosen
Lust versteckt sich in
Wollunterhosen
nur er ragt tapfer
bereit zur Attacke
aus seiner gezickzackten
Pferdeschabracke
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