Der Funke

dein Pfeil kann sieben
Bretter durcheilen
du liest mit einem
Blick gleich fünf Zeilen

du hast ein Sofa
aus Elfenbein
du schläfst auf einem
Tigerkopf ein

du bist beliebt und
umfassend gelehrt
fehlt dir der Funke
ist alles nichts wert


tigerkissen

 

精神殊爽爽
形貌極堂堂
能射穿七札
讀書覽五行
經眠虎頭枕
昔坐象牙床
若無阿堵物
不啻冷如霜

(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 160f., 182)

dein Kopf ist einzigartig klar
deine Erscheinung ist großartig
du kannst durch sieben Bretter schießen
du liest fünf Zeilen auf einmal
du schläfst auf einem Tigerkopfkissen [aus Jade]
du sitzt auf einem Elfenbeinsofa
wenn du das Wie-soll-man-sagen nicht hast
bist du kalt wie Eis

Pädagogische Apotheose

früher galten die
Kinder als Menschen
notfalls zog man sie
sanft an den Ohren
stattdessen redet
man Müttern jetzt ein
sie hätten kleine
Götter geboren


gott

(Ausschnitt aus einem Cartoon von Hans Traxler. Quelle: Traxler. Cartoons. Stuttgart: Reclam 2009. 303)

Der Geist der Täuschung

in Kleidern aus den
Blumen des Himmels
und feinen Schuhen
aus Schildkrötenhaar
schießen sie mit der
Hasenhornarmbrust
den Geist der Täuschung
von ihrem Altar

身着空花衣
足蹑龟毛履
手把兔角弓
拟射无明鬼

„Sky flowers, tortoise hair, and rabbit horns are Buddhist metaphors for the illusory nature of phenomena: people with cataracts see flowers in the sky; people with wild imaginations see hair on a tortoise; and people with dim vision mistake a rabbit’s ears for horns. Cold Mountain is poking fun at those who try to free themselves of delusion by turning their practice into another delusion.“ (Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 246f., 293)

die Körper sind in Himmelsblumenkleider gehüllt
die Füße trippeln in Schildkrötenhaarschuhen
Bögen aus Hasenhorn fest in den Händen
wollen sie allen Ernstes auf die Geister der Verblendung schießen

Zeitgenossen

Tag und Nacht sind sie
schrecklich geschäftig
bauen und ackern
wie angestochen
bis gar nichts mehr geht
übrig bleibt schließlich
auf einem Friedhof
ein Häufchen Knochen


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我見時人日夜忙
廣營屋宅置田莊
到頭一事將不去
獨有骷髏葬北邙

(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 68f., 167)

ich sehe meine Zeitgenossen Tag und Nacht beschäftigt
ihre Häuser zu vergrößern und ihre Felder zu beackern
am Ende geht gar nichts mehr
und sie haben nur noch Knochen und ihren Schädel im Grab auf dem Friedhof Beimang

Das Bild zeigt einen Urnenfriedhof in der Nähe des Ma On Shan (馬鞍山) in Hongkong.

Samsara

die Menschen leben
in tausend Sorgen
wer selbst gesund ist
bangt um die Erben
zitternd hüten sie
Reisfeld und Bäume
die Angst verlässt sie
erst wenn sie sterben

 

人生不滿百
常懷千載憂
自身病始可
又為子孫愁
下視禾根土
上看桑樹頭
秤錘落東海
到底始知休

(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 128f., 138)

der Mensch lebt kaum hundert Jahre
hat aber Sorgen für tausend
wenn er selbst gesund ist
ist er um Kinder und Enkel bekümmert
unten blickt er unruhig auf die Reiswurzeln im Feld
oben auf die Kronen der Maulbeerbäume
erst wenn seine Waage ins Meer fällt und den Grund erreicht [ = wenn sein Leben beendet ist und vom Totenrichtergott gewogen wird]
findet er Ruhe

Samsara wird im Buddhismus der endlose leidvolle Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt genannt, in den alle unerleuchteten Wesen verstrickt sind.

Herbst im Gebirge

tagsüber seh ich
Kälbern beim Spiel zu
die Nacht dagegen
verbring ich allein
glitzert der Tau am
Strohdach im Mondlicht
saufe ich selig
Gedichte und Wein

 

china leser

 

滿卷才子詩
溢壺聖人酒
行愛觀牛犢
坐不離左右
霜露入茅檐
月華明瓦牖
此時吸兩甌
吟詩三兩首

(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 108f., 107)

meine Bücher sind voll von Gedichten hervorragender Dichter
meine Kanne ist mit gutem Wein gefüllt
unterwegs sehe ich gern den Büffelkälbern zu
zu Hause beschränke ich mich
wenn [im Oktober] der kalte Tau von meinem Dach tropft
und der Mond auf meine Fensterbank scheint
trinke ich ein paar Schalen
und rezitiere zwei drei [andere Quelle: fünfhundert] Gedichte

Junge Frau im Frühling

sie steckt sich Blumen
vom Wegrand ins Haar
aber sie lächelt
niemanden an
flüchtig träumt sie von
süßerer Liebe
und eilt nach Hause
zu ihrem Mann

洛陽多女兒
春日逞華麗
共折路邊花
各持插高髻
髻高花匼匝*
人見皆睥睨
別求掺掺憐
將歸見夫婿

(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 78f., 63)

in Luoyang zeigen viele junge Frauen
im Frühling ihre Schönheit
miteinander pflücken sie am Wegrand Blumen
und stecken sie in ihre Hochfrisuren
die Blumen winden sich um ihr hochgetürmtes Haar
spricht sie ein Mann an schlagen sie die Augen nieder
(A) sie suchen zärtlichere Liebe oder sie denken an ihre Gatten zu Hause (Red Pine: „looking elsewhere for a gentler love or thinking of husbands at home“) (B) sie suchen nicht Schmeicheleien sondern kehren zurück nach Hause zu ihren Gatten (hi.baidu.com/chiayewli/item/04390594f4b9d532326eeb7b: „这些妇女们,不要追求这些一点一滴片、赞美,为什么回家,好好的面对自己的夫婿呢? Die Frauen wollen nicht all diese anzüglichen Schmeicheleien und Komplimente; warum nicht nach Hause gehen und brav mit ihren Gatten zusammensein?“) (C) Sie träumen von zärtlicherer Liebe anderswo kehren aber dann nach Hause zu ihren Gatten zurück.

* Bei Red Pine finden sich hier zwei andere, wenig gebräuchliche Schriftzeichen [ge2za1] mit ähnlicher Bedeutung.

Welt im Kopf

nach Sommerregen
glänzende Steine
bemooste Stämme
uralter Bäume
außen sehen wir
alle dasselbe
innen träumt jeder
eigene Träume


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一片無塵新雨地
半邊有蘚古時松
目前景物人皆見
取用誰知各不同

(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 46f., 99)

[Buddhistischer Konstruktivismus]
ein Stück Boden ohne Staub gleich nach dem Regen
eine alte Kiefer halb [auf der Wetterseite] bemoost
solche Szenen haben alle Menschen in gleicher Weise vor Augen
wer weiß wie jeder seinen eigenen Gebrauch davon macht

Bescheidene Bleibe

ringsum Gebirge
die Hütte winzig
das Bambusbett schmal
noch nicht einmal für
ein müdes Wölkchen
ist Platz zum Schlafen
drum schließ ich bevor
es Nacht wird die Tür

茅屋低低三兩閒
團團環遶盡青山
竹床不許閒雲宿
日未斜時便掩關

(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 46f., 97)

die niedrige Hütte ist knapp drei Strohmatten breit
ringsum überall nur grüne Berge
auf dem Bambusbett kann keine müßige Wolke übernachten
wenn die Sonne noch nicht untergegangen ist schließe ich die Tür

Der Kranich

kein Mensch nur Berge
Wildnis und Kiefern
Herbstlaub die Hänge
schon abendlich grau
ein Kranich schwingt sich
auf in den Vollmond
der schwankende Ast
bestäubt mich mit Tau

重巖之下
草莽日交
人影不來
黃葉飄飄
谷鳥晚啼
山月夜高
松露鶴飛
濕我禪袍

(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 88f., 7.3)

unter hohen Felswänden
sind Pflanzen meine Begleiter
von Menschen keine Spur
gelbe Blätter treiben vorbei
abends rufen Vögel im Tal
nachts steigt der Bergmond in die Höhe
von einer Kiefer schwingt sich ein Kranich
und stäubt Tau auf meine Kutte

Kein Ufer

wohin du auch blickst
ringsum weißer Dunst
Süd Nord Ost und West
nicht auszumachen
suchst du Erleuchtung
musst du nicht rudern
dreh dich nur um und
steig in den Nachen

無岸

舉頭四望白瀰瀰
南北東西竟莫知
不用篙篙撐到底
回頭便是上船時

„The Dharma is often likened to a raft that can be used to reach the far shore of liberation. But why exhaust yourself poling or rowing across when there’s a favorable wind?“ (The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 114f., 57)

wenn du den Kopf hebst rings nur weißer Dunst
nicht zu erkennen wo Süden Norden Osten oder Westen ist
du musst dich nicht ans Ziel hinüberstaken
wende deinen Kopf und schon ist es Zeit ins Boot zu steigen

Dummes Herz III

sie schimpft über mich
und liebt mich trotzdem
bei Gott noch immer
woher ich das weiß?
weil ich wie sie bin
hol mich der Teufel
ich mach sie runter
und liebe sie heiß

Lesbia mi dicit semper male nec tacet umquam
de me: Lesbia me dispeream nisi amat.
quo signo? qia sunt totidem mea: deprecor illam
assidue, verum dispeream nisi amo.

(Catull: Carmen 92)

Dummes Herz II

nun hat die Liebe
zu dir mich meinen
Verstand gekostet
soll ich dich hassen?
ich kann dich wärst du
auch gut nicht mögen
und wärst du böse
von dir nicht lassen

Huc est mens deducta tua, mea Lesbia, culpa,
atque ita se officio perdidit ipsa suo
ut iam nec bene velle queat tibi, si optima fias,
nec desistere amare, omnia si facias.

(Catull: Carmen 75)

Zwischen Himmel und Erde

Bestien die für
Fraß und Klamotten
gierig einander
den Hals umdrehen
ach sie begreifen
die Welt so wenig
wie Blinde das Weiß
der Milch verstehen

天高高不窮
地厚厚無極
動物在其中
憑兹造化力
争頭覓飽暖
作計相噉食
因果都未詳
盲兒問乳色

(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 98f., 92)

der Himmel ist unendlich hoch
die Erde ist unauslotbar tief
dazwischen existieren die Lebewesen
sie sind abhängig von den Kräften der Natur
sie schlagen sich die Köpfe ein im Kampf um Nahrung und Kleidung
sie planen sich gegenseitig aufzufressen
sie sind unfähig die Welt zu verstehen
wie Blinde die nach der Farbe der Milch fragen

Herbstnacht

ich bin allein in
Stille und Dunkel
kein Ding kann jetzt mein
Herz mehr bewegen
wenn sich der Wind legt
werd ich dem Mondlicht
das Laub vor der Tür
beiseite fegen

 

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獨坐窮心寂杳冥
箇中無法可當情
西風吹盡擁門葉
留得空階與月明

(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 66f., 157)

ich sitze leeren Herzens allein in Stille und Dämmerung
wo mich keine Gedanken und keine Gefühle überkommen
wenn der Westwind abgeflaut ist fege ich die Blätter vor meiner Tür
und mache die Stufen frei für das Mondlicht

Einöde

in Muße lebst du
ein langes Leben
die Stille nimmt dir
Sorgen und Wut
im grünen Wasser
spiegeln sich Berge
Schneeflocken tanzen
über der Glut

百千日月閒中度
八萬塵勞靜處消
綠水光中山影轉
紅爐焰上雪花飄

(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 48f., 105)

hundert Lebensjahre gehen vorüber wenn man Muße hat
in der Stille verschwinden tausend weltliche Sorgen
das Spiegelbild eines Berges glänzt im grünen Wasser
über den roten Flammen des Ofens wirbeln Schneeflocken

Meine Gedichte

die Dummen rümpfen
kritisch die Nasen
der Durchschnitt wittert
wichtige Sachen
und nur die Besten
werden nicht zögern
über die Verse
herzhaft zu lachen

下愚讀我詩
不解卻嗤誚
中庸讀我詩
思量云甚要
上賢讀我詩
把著滿面笑
楊修見幼婦
一覽便知妙

(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 132f., 144)

wenn Dumme meine Gedichte lesen
verstehen sie nichts und rümpfen ablehnend die Nasen
wenn durchschnittliche Menschen meine Gedichte lesen
halten sie sie nach einigem Nachdenken für bedeutend
wenn Begabte meine Gedichte lesen
lachen sie sogleich über das ganze Gesicht
[als Yang Xiu „junge Frau“ las
genügte ein Blick und er verstand „wunderbar“]

[Die letzten beiden Zeilen sind nur mit recht speziellem Hintergrundwissen über ein Sprachspiel mit Schriftzeichen und ihren Bedeutungen verständlich und bleiben deshalb unberücksichtigt: Yang Xiu (175–219), der Berater des kaiserlichen Kanzlers Cao Cao, soll spontan eine rätselhafte Inschrift entschlüsselt haben, in der mit den beiden Zeichen 幼婦 (junge Frau) in zwei Schritten das Zeichen 妙 (wunderbar) angedeutet wird: 1. 幼婦 (junge Frau) ist ein Synonym für 少女 (junge Frau). 2. Die Kombination der beiden Zeichen 女 (Frau) und 少 (jung) zu einem Zeichen ergibt 妙 (wunderbar): 幼婦 –> 少女 –> 妙.]

wu wei

(無爲)

wallenden Nebel
kann man nicht schieben
der geht und verweht
schon von alleine
wer umtriebig strebt
ist bald zerrieben
sieh da die Sonne
scheint auf die Steine

黑霧濃雲撥不開
忽然去了忽然來
任他伎倆自磨滅
紅日依前照石臺

(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 56f., 126)

dunkle Nebel und dichte Wolken kann man nicht wegschieben
die gehen plötzlich und kommen plötzlich
die Übereifrigen reiben sich selbst auf
jetzt scheint die rote Sonne wieder wie zuvor auf die Felsen

Gegenwart

vorbei ist vorbei
an das was noch kommt
jetzt schon zu denken
werd ich mich hüten
heute ist wichtig
die Pflaumen sind reif
und am Jasminstrauch
duften die Blüten

過去事已過去了
未來不必預思量
只今便道即今句
梅子熟時梔子香

(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 44f., 89)

was vorbei ist ist vorüber
über das was kommt muss man nicht grübeln
aber hier ist ein Vers für heute
die Pflaumen sind reif und der Jasmin duftet

„Lesen durch Schreiben“

Drei Versuche zum Fortschritt in der Rechtschreibpädagogik

Fortschritt I

früher mussten die
Kinder beim Schreiben
mit den korrekten
Wörtern beginnen
heute dürfen sie
jedes Geplapper
wie sie es hören
auf Zettel pinnen

Fortschritt II

einst lernten Kinder
schreiben durch Lesen
heute will man sie
so nicht mehr schinden
deshalb dürfen die
Kleinen jetzt selber
das Rad der Schrift noch
einmal erfinden

Fortschritt III

erst dürften Kinder
ruhig Fehler machen
das sei dann später
leicht einzurenken
Pädagogen sind
listige Leute
Volkszahnärzte die
Zucker verschenken

 

Einsiedlerleben

ich lebe glücklich
in meiner Hütte
muss mich mit Sorgen
nicht weiter quälen
erst trinke ich Tee
dann sitz ich am See
auf Felsen um die
Fische zu zählen

長年心裏渾無事
每日菴中樂有餘
飯罷濃煎茶喫了
池邊坐石數游魚

(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 54f., 118)

das ganze Jahr ist mein Herz gelassen und ohne Sorgen
jeden Tag habe ich reichlich Freude in meiner Hütte
nach einer Mahlzeit und einem starken Tee
sitze ich am Teich auf einem Felsen und zähle die Fische

In der Bambushütte

rot steigt die Sonne
über die Berge
nichts treibt mich Alten
schon aufzustehen
ich schlafe weiter
während im Mörser
Ameisen ihre
Pflichtrunden drehen
moerser8

團團紅日上青山
竹屋柴門尚閉關
白髮老僧眠未起
勞生磨蟻正循環

(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 64f., 148: „The image of ants marching around the inside of a stone mortar was made famous as a simile for the movement of astronomical bodies […]. They reminded Stonehouse of his fellow humans working their various treadmills.“)

über den grünen Bergen geht die runde rote Sonne auf
die Tür der bescheidenen Bambushütte bleibt geschlossen
der weißhaarige alte Mönch schläft und steht nicht auf
die fleißigen Ameisen beginnen ihre Runden im Mörser

Bergkloster

Schattenzweige und
Vollmond im Fenster
ein Mönch kniet reglos
als atme er nicht
nach Mitternacht stürzt
ein Falter in die
Lampe beim Buddha
und löscht deren Licht

半窗松影半窗月
一箇蒲團一箇僧
盤膝坐來中夜後
飛蛾撲滅佛前燈

(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 52f., 117)

das halbe Fenster der Schatten der Kiefer das halbe Fenster der Mond
ein Kissen ein Mönch die Beine verschränkt
nach Mitternacht fliegt eine Motte
und löscht die Lampe vor dem Buddha

buddha xiamen

Lebenskampf

wie sie verbissen
streben und streiten
und doch nur dem Grab
entgegenhetzen
ich möchte lieber
den Weltverächtern
als jenen Kämpfern
ein Denkmal setzen

我見世間人
個個爭意氣
一朝忽然死
只得一片地
闊四尺
長丈二
汝若會出來爭意氣
我與汝
立碑記

(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 256f., 306)

ich sehe die Menschen auf der Welt
wie sie alle verbissen kämpfen
eines Tages sterben sie plötzlich
und bekommen nur noch ein kleines Grundstück
vier Fuß breit
acht Fuß lang
wenn du dich diesem verbissenen Kampf entziehen kannst
setze ich dir ein Denkmal

Nacht auf dem Westsee

ich bin der Herr der
Nebel und Wellen
mein Boot treibt im Wind
durch blühendes Ried
ich applaudiere
mir fröhlich selber
die Berge hallen
von meinem Lied

 

往來煙波
此生自號西湖長
輕風小槳
盪出蘆花港
得意高歌
夜靜聲偏朗
無人賞
自家拍掌
唱得千山響

(Zheng Yan 正岩 * ca. 1700; aus: 101 Chinese Lyrics. 中華雋詞一○一首. Compiled and Translated by Chu Dagao. Beijing 1987. 226f.)

ich treibe umher in Nebel und Wellen
ernenne mich selbst zum Herrn des westlichen Sees
eine sanfte Brise weht, mein Ruder ist klein
ich fahre aus dem Hafen der Schilfblüten
heiter singe ich laut
ein voller Klang in stiller Nacht
niemand lobt mich
ich klatsche selbst in die Hände
und singe, dass mein Lied in den tausend Bergen widerhallt

Leeres Herz

unter den Kiefern
die Hütte aus Stroh
ringsum sind Fenster
überall Licht
ich blicke nur in
die grünen Berge
an etwas andres
denke ich nicht

草菴盤結長松下
面面幹窗盡豁開
目對青山終日坐
更無一事上心來

(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 62f., 146)


grueneberge


unter hohen Kiefern habe ich eine Hütte gebaut
nach allen Seiten öffnen sich Fenster
den ganzen Tag sitze ich und blicke auf die grünen Berge
darüber hinaus kommt mir nichts in den Sinn

Lesen

Lesen macht uns nicht
weniger kläglich
Lesen hilft nicht dem
Tod zu entwischen
warum dann lesen?
Lesen kann trösten
Bitteres soll man
mit Knoblauch mischen

讀書豈免死
讀書豈免貧
何以好識子
識子勝他人
丈夫不識字
何處可安身
黃連搵蒜醬
忘計是苦辛

(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 172f., 201)

Lesen rettet uns nicht vor dem Tod
Lesen befreit uns nicht von der Armut
warum also diese Liebe zur Literatur?
Literatur gibt uns einen Vorsprung vor den andern
wer nicht lesen kann
findet nie Ruhe
press Knoblauch in deinen Krähenfuß
und du vergisst die Bitternis

Ein kluger Mann

der Kerl ist brillant
liest schwieriges Zeug
schreibt hochpräzise
und denkt solide
ein Ausnahmekopf
ein Überflieger
und doch sieht er nichts
nur Unterschiede

世有聰明士
攻苦探幽文
三端自孤立
六藝越諸君
神氣卓然異
精彩超眾群
不識個中意
逐境亂紛紛

(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 106f., 105)

da ist ein kluger Mann
er brütet über schwierigen Texten
seine drei Spitzen* sind einzigartig
seine sechs Künste** sind hervorragend
sein Geist ist allen weit überlegen
seine Qualitäten übersteigen die der meisten
aber er verfehlt den Sinn der Dinge
und verliert sich in feinen Unterscheidungen

* Schwert, Pinsel, Zunge  ** Ritual, Musik, Bogenschießen, Wagenlenken, Schreiben, Mathematik

Han Shan

Han Shan (meint Blofeld)
habe die Frauen
bisweilen geliebt
und manchmal gehasst
wen überrascht das?
ist nicht die Liebe
halb bittere Lust
und halb süße Last?

 

„As to beautiful women, he [Han Shan K.B.] sometimes speaks of them with a bitterness that ill accords with Buddhist compassion, besides coming strangely from the brush of a poet who, in other poems, reveals a lingering fondness for – to use a Chinese expression – „joys behind hibiscus curtains.“ But his frankness about his own weaknesses points to a virtue higly prized by Buddhists, that of total indifference to praise and blame; it also points to his having achieved a state at which all serious Taoists aim, that of tzu-jan [zìrán 自然 K.B.] – complete spontaneity.“ (Blofeld, John: Introduction. In: Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 24)

Mantra

nichts geht über
ein starkes Mantra
als Zauberformel
in Liebessachen
wenn mich der Schmerz packt
murmle ich immer
Schnucki, das kannst du
mit mir nicht machen!

 

shangxindeaiqinggushi

Barine

kein Zahn wird dir schwarz
kein Nagel fleckig
auch nicht nach tausend
gebrochnen Eiden
nein du wirst schöner
du schwenkst die Hüften
und alle lechzen
nach dir und leiden

Ulla si iuris tibi peierati
poena, Barine, nocuisset umquam,
dente si nigro fieres vel uno
turpior ungui,

crederem; sed tu simul obligasti
perfidum votis caput, enitescis
pulchrior multo iuvenumque prodis
publica cura.

(Horaz: Carmina II, 8, 1-8)

prostra

Chat am Nachmittag

ich antworte ihr
sie antwortet nicht
telefoniert sie?
was mag sie treiben?
ich schreibe nochmal
ist sie jetzt offline ?
ach was! sie kann mir
gestohlen bleiben

 

Setzt sich das […] System parallel mit mehreren verschiedenen sozialen und kommunikativen Umwelten auseinander, so ist anzunehmen, dass die Aufmerksamkeit auf diese verschiedenen Umwelten und die in [ihnen] gegebenen kommunikativen Situationen nach einer individuellen Prioritätenliste verteilt wird […]. (Beisswenger, Michael: Sprachhandlungskoordination in der Chat-Kommunikation. Berlin 2007. S. 147.)

Einsiedlerlied

(anonyme Inschrift auf High West 西高山, Hongkong)

die grünen Berge
sind meine Heimat
ich döse unter
flüsternden Bäumen
zahl keine Miete
und kann getrost von
Pflaumenblüten und
Frühlingswind träumen

 

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Und ist das nicht wirklich schön: (die Vorstellung), Du strolchst über ziemlich einsame direkte Gebirgspfade und auf einmal rechts neben Dir an die Felswand gemalt, liest Du ein Gedicht? (Ist doch viel besser und intensiver als ein Verkehrszeichen!) (Rolf Dieter Brinkmann: Briefe an Hartmut. 1975)

Nebel und Tod

(Sylt 1999)

wo gestern noch der Leuchtturm stand,
heut morgen eine Nebelwand
ein graues fahles stilles Schweben
schluckt Form und Farbe Klang und Leben

nicht Wald noch Wiese nicht mal Kühe
kein Traktor tuckert durch die Frühe
kein Wind kein Möwenflugverkehr
die Wirklichkeit sie wirkt nicht mehr

so muß der Tod sein kein Objekt
das mich zum Subjekt macht und neckt
nicht mal ein Gott der grausam richtet
nur noch das Nichts das friedlich nichtet

 

nebel

Laufpass für Chloe

ich pfeife auf dein
Kinn deine Lippen
auf deine Schultern
und deine Rippen
ich mag nicht alles
einzeln beschreiben
du kannst mir komplett
gestohlen bleiben

Et vultu poteram tuo carere
et collo manibusque cruribusque
et mammis natibusque clunibusque,
et, ne singula persequi laborem,
tota te poteram, Chloe, carere.

(Martial: Epigramme III, 53)

Dreimal gegen den Strich

I

Mücken kann jeder ganz leicht
in Prachtelefanten verwandeln
umgekehrt wird es zur Kunst
bausche nicht auf bausche ab

II

Lernen hat vieles für sich
doch lernt auch beizeiten vergessen
wenn ihr nicht fleißig vergesst
sind bald eure Köpfe voll Müll

III

oh weh ihr vergöttert den Krach
und hüllt euch in Dauergedudel
ihr fürchtet die Stille zu Recht
dann hörtet ihr nur noch euch selbst

Hund und Mensch

(ein Minneliedchen)

ich reime für dich Reime
der Hund bellt nach dem Mond
der Mond erglänzt im Teich zwar
doch bleibt er unerreichbar
das ist der Hund gewohnt

verhüllt den Mond Gewölke
verstummt und döst das Tier
und ist dein Ohr verschlossen
so bin auch ich verdrossen
und trinke still mein Bier

grad warst du hinter Wolken
nun strahlst du mondlich hell
und ach dein Ohr ist offen
ich schreibe wie besoffen
mein Verslein mein Gebell

Tauchurlaub

Frau Schultze wählt die Malediven
als Herbsterholungsurlaubsort
sie läßt sich in die Lüfte hieven
und düst mit einem Flugzeug fort

sie schnappt sich ihre Taucherbrille
schnallt ihre Flosse an den Fuß
schwebt durch endiviengrüne Stille
erwidert feucht der Fische Gruß

und wird da unten nass und nasser
der Tang wogt rot ein Seeaal naht –
mir reicht mein Schreibtisch brauch kein Wasser
bin nur ein trockner Literat


tauchen

Ruhetag II

heut kann mir Shanghai
gestohlen bleiben
ich lieg im kühlen
Schatten und träume:
verlassen denn die
weisen Zikaden
bei solcher Hitze
je ihre Bäume?

 

IF

Lotus

die Lotusblüte
wächst aus dem Schlamm
wir sind halb Geist halb
Ficken und Fressen
das ist es was die
Menschheitsverklärer
und Humanisten
gröblich vergessen

 

IF

Kinderfoto

zwischen Bauklötzchen
Blümchen und Bärchen
ein fetter Säugling
die Windel voll Wind
mit rundem Kahlkopf
und Sabberbäckchen
ich murmle höflich
Ein niedliches Kind!


kinderbild2

Villa Borghese

über den Wipfeln
singen die Möwen
die Morgenmesse
auf Kirchenlatein
unten im Schatten
recken die frommen
Krähen die Schnäbel
und stimmen mit ein

 

IF

Odysseus im Hotel

(Hotel Eliseo, Rom)

kein Liebesgestöhn
kein Autoverkehr
kein Eheweib schnarcht
kein Zimmerboy klopft
selbst meine Träume
sind stumme Filme
ich habe mir Wachs in
die Ohren gestopft


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Anfängerseminar

durch den vertrackten
Methodenreifen
den der Dozent hält
springen sie locker
ohne zu wissen
warum und wozu
zirkustierfromm von
Hocker zu Hocker

Nichts aber nutzt eine Beschäftigung, egal womit, wenn es dem nicht zuerst etwas gibt, der sich mit etwas beschäftigt – nur so öffnet sich mehr als eine Variante bestehender Begriffe!

(Rolf Dieter Brinkmann: Rom, Blicke 1979, 115)

 

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