Bambus

schade! nun kann ich
sie nicht mehr sehen
die Ritze im Zaun
von Blättern verdeckt
so schön der Sommer
ansonsten sein mag
die Nachbarin hat
er vor mir versteckt

 

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„Love Seen in Summer“

My secret spying
through the cracks in her fence
is impeded now
by thick growth on the bamboo
that tells us summer has come.

Kagawa Kageki (1768-1843). In: Traditional Japanese Poetry.
An Anthology. Translated, with an Introduction, by Steven D. Carter.
Stanford: Stanford University Press 1991. 434.

Zu fromm

Helene fühlt sich
nun da sie tot ist
von ihren Göttern
grausam betrogen
vor lauter Beten
ist sie im Sterben
blindlings am Himmel
vorbeigeflogen


´Tain´t wise to overdo your prayers, for you might die,
And waking, find you passed it, Paradise, right by.
(Jap. Kyôka, 1683. Übersetzung Gill, Robin D.: Kyôka.
Japan’s Comic Verse. A Mad in Translation Reader.
Paraverse Press 2009. 35.)

Höflich

der andre bis auf
die Knochen durchnässt
von mir ganz zu schweigen
zwei Schirme die sich
in Wind und Regen
respektvoll verneigen

The other one got drenched –
and I got wet through too.
In falling rain
two umbrellas show respect
by exchanging bows.

Aus einer Gedichtsammlung des 16. Jahrhunderts. In: Traditional Japanese Poetry. An Anthology. Translated, with an Introduction, by Steven D. Carter. Stanford: Stanford University Press 1991. 337.

Lokalbahnpilotin

Demachiyanagi – Kurama

rings steile Berge
und Ahornwälder
im Fahrerhäuschen
handhabt ein Engel
sicherheitshalber
mit weißem Handschuh
der Druckluftbremse
mächtigen Schwengel

 

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Innsbrucker Pandora

Erinnerungen an Eckhard Henscheids wunderbaren Hans Duschke – in einem Straßencafé beim Goldenen Dachl in Innsbruck (Eckhard Henscheid: „Geht in Ordnung – sowieso — genau —“ Ein Tripelroman über zwei Schwestern, den ANO-Teppichladen und den Heimgang des Alfred Leobold. 1977.)

goldgelbe Haare
knallrote Lippen
Schlangenhauthose
mächtige Hüften
ansehen mag ich
die Büchse zwar schon
aber gewiss nicht
den Deckel lüften

Botox

seit ein paar Wochen
sind ihre Lippen
zwei Wiener Würstchen
mit roter Pelle
der große Vorteil
mit diesen Dingern
kriegt sie beim Crashtest
nie eine Delle
wiener

Kletterspielplatz

Hannover-Linden, 10. Mai 2016

das Mädchen oben
lüftet ihr Röckchen
der Junge unten
kriegt rote Ohren
die Kleine oben
trifft keinerlei Schuld
was hat der Kerl da
unten verloren?

 

spielplatz

 

(Nachzutragen bleibt, dass die etwa Sechsjährige oben auf der Leiter immer wieder in den höchsten Tönen „Pópo! Pópo!“ rief – wohl in der verständlichen, aber ganz und gar unbegründeten Sorge, die Aufmerksamkeit ihres gleichaltrigen Zuschauers könnte erlahmen.)

Vor fünfzig Jahren

vor fünfzig Jahren
fand man den Globus
für drei Milliarden
entschieden zu klein
jetzt sind es nur noch
knapp acht Milliarden
da fühlt man sich fast
schon wieder allein

 

weltaus: Teuflische Jahre. Das Beste aus PARDONs Gründerjahren. Frankfurt 1966. S. 61. [keine Autorenangabe]

Osterseufzer

die Welt ist voller
garstiger Menschen
die mir schon heute
den Magen umdrehen
nicht auszudenken
dass die einst alle
den Staub abschütteln
um aufzuerstehen

 

auferstehungAuferstehung der Toten (spätgotisch, ca. 1300)

Der Tempelreiher

Kenninji, Kioto

der Teich im Garten
unter den Kiefern
ist ihm der liebste
von allen Plätzen
er starrt ins Wasser
mit Pfandleiherblick
als hätte er ein
Goldstück zu schätzen

Buddhistischer Mönch

Skulptur im Ishiyama-Tempel, Otsu

so ruhig müsste
man sitzen können
und so erleuchtet
von innerem Licht
der hat die Welt schon
längst überwunden
die Farbe blättert
ihn kümmert das nicht


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Im Bergtempel

Jingo Ji, Takao, Kioto

hölzerne Hallen
rostrote Tore
knorrige Kiefern
leuchtender Morgen
hier wär man käme
der Weltuntergang
noch eine Weile
sicher geborgen


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Der Fuji III

ein bislang ungelöstes Problem
der japanischen Kunstpsychologie

zwar ist der Fuji
ein stumpfer Kegel
doch die Japaner
seine Besitzer
malen ihn wenn ich
nur wüsste warum
meistens ganz oben
ein bisschen spitzer

 
fuji_km

Hypothesen zur Diskussion: Ist hier einfach das Prägnanzstreben des Menschen am Werk? – Liegt eine unbewusste Abbildung vor? Meint also der Künstler, er male den Fuji, während ihm seine Seele eine landesübliche weibliche Brust in den Pinsel schmuggelt? – Spielen kompositorische Gründe eine Rolle – gerade auch bei den hochformatigen Rollbildern? – Oder sieht man den Fuji als steile Startrampe für den dort wohnenden mythischen Drachen?

Der Fuji II

wenn er verstimmt ist
hüllt er sich häufig
für viele Tage
völlig in Dunst
ihn mit den schwachen
Augen der Seele
trotzdem zu sehen
das ist die Kunst

Der Fuji I

(ich lese im Zug bei Yokohama ein Haiku von Basho)

er sei so heißt es
im Dunst am schönsten
dann träume man ihn
und sehe ihn nicht
als ich das lese
erscheint er selber
vor meinem Fenster
ein Pickel aus Licht


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misty showers
the day one cannot see Mount Fuji
it is more attractive

Matsuo Basho (1644-1695); In: Basho. The Complete Haiku. Translated, annotated and with an introduction by Jane Reichhold. New York: Kodansha 2008. 76)

Abend

drinnen streiten zwei
Uhren verbissen
ist es erst sieben?
oder schon acht?
am Himmel funkeln
zwischen den Wolken
die ersten Sterne
bald wird es Nacht


Abend. Die beiden Uhren zanken sich um die richtige Zeit. Plötzlich dämmerte es. Der düstere und trübe Himmel zeigte seine ersten Sterne. (Monika S, 13 Jahre; in: Und sie fliegen über die Berge, weit durch die Welt. Aufsätze von Volksschülern herausgegeben von ihrem Lehrer Ludwig Harig. München: Hanser 1972. 25.)

Tuschebild

Felswände Kiefern
Bambus die Hütte
am Abhang allein
hier übernachten
nur ein paar Wolken
kein Mensch kehrt hier ein

 

inoue_yuichi_bergInoue Yuichi (1916-1985): Berg (山)

敬安 (1852-1912): 題畫

一株二株松
三箇五箇竹
巖扉長寂寥
祇有雲來宿

Jingan (1852-1912): ON A PAINTING

A pine or two,
three or four bamboo,
cliffside cottage, long, solitary, silence.
Only floating clouds come to visit.

(Red Pine / O’Connor, Mike (eds.): The clouds should know me by now: Buddhist poet monks of China. Somerville: Wisdom Publications 2006. 190. englische Übersetzung: J. P. Seaton.)

Bärenfang

um uns die Liebe
schmackhaft zu machen
greift die Natur zu
Finten und Schlichen
denkt nur sie hat uns
Schnecke und Schniedel
sozusagen mit
Honig bestrichen


[…] Durch diese mühselige Erfahrung klüger gemacht, fing ichs nachher besser an, der Bären, die so gern nach meinen Bienen und den Honigstöcken stiegen, loszuwerden. Ich bestrich die Deichsel eines Ackerwagens mit Honig und legte mich nicht weit davon des Nachts in einen Hinterhalt. Was ich vermutete, das geschah. Ein ungeheurer Bär, herbeigelockt durch den Duft des Honigs, kam an und fing vorn an der Spitze der Stange so begierig an zu lecken, daß er sich die ganze Stange durch Schlund, Magen und Bauch bis hinten wieder hinausleckte. Als er sich nun so artig auf die Stange hinaufgeleckt hatte, lief ich hinzu, steckte vorn durch das Loch der Deichsel einen langen Pflock, verwehrte dadurch dem Nascher den Rückzug und ließ ihn sitzen bis an den andern Morgen. Über dies Stückchen wollte sich der Großsultan, der von ungefähr vorbeispazierte, fast totlachen. (Rudolf Erich Raspe / Gottfried August Bürger: Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande. Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen, wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt. 1785/1786 ff.)

Kein Wort

allmählich erwacht
der Frühlingsmorgen
ein Wagen poltert
durch die Allee
am fernen Dorfrand
lockt Pfirsichblüte
die Uferweiden
streicheln den See

Goldfische funkeln
Prachtenten paddeln
Flügel an Flügel
einträchtig fort
der Dichter sieht die
friedliche Szene
heiteren Herzens
ohne ein Wort



fische
 

春日正遲遲
遊車驕自許
挑花迎遠村
楊柳拂清渚
魴鯉躍金鱗
鴛鴦交錦羽
詩人縱曠觀
安得竟無語

 

against the gently flowing spring morning
the arrogant rattle of a coach
peach blossoms beckon from the distant village
willow branches caress the shoulder of my pond

as bream and carp flash their golden scales
and mated ducks link embroidered wings
the poet stares about; this way then that –
caught in a web beyond all speaking

Shih-shu could have followed the bustling coach across the plain into town and perhaps encountered a sweet thing or two there. But he would prefer, it seems, to remain faithful to his own hills, his own pond. A light, but perfectly apparent, tincture of eroticism suffuses this poem.

Shi[h]shu / 石樹 (Red Pine / O’Connor, Mike (eds.): The clouds should know me by now: Buddhist poet monks of China. Somerville: Wisdom Publications 2006. 147. englische Übersetzung und Anmerkung: James H. Sanford.)

Was tun?

nirgends ist Frieden
nicht in den Bergen
auch nicht in fernen
südlichen Ländern
mir bleibt nichts übrig
als mich zu Hause
beim Tee im Schlafrock
selber zu ändern


Es kann nicht schaden, daran zu erinnern,
dass schon die Revolutionäre Nikolai
Gawrilowitsch Tschernyschewski (1863)
und Wladimir Iljitsch Lenin (1902) sich
dieser Frage zugewandt haben.

Was Derbes

nach Tannenbäumen
flackernden Kerzen
schmelzenden Liedern
und Festschalmeien
brauch ich was Derbes
mich kommt die Lust an
einfach mal lauthals
Fotze zu schreien

fotze, f. cunnus, vulva, ein
unhübsches, gemiedenes wort,
bei dem die sprachforschung
doch manches zu erwägen hat.
(Deutsches Wörterbuch von
Jacob und Wilhelm Grimm)

Versenkung

ich sitze reglos
in weißen Wolken
all meine Sorgen
vergessen verraucht
dann schrecke ich auf
es ist schon Abend
längst ist mein Kissen
in Mondlicht getaucht

敬安 (1852-1912): 出定吟

禪宮寂寂白雲封
枯坐蒲團萬慮空
定起不知天已暮
忽驚身在月明中

Jing’an (1852-1912): Coming out of Samadhi

The heavenly realm of meditation is quiet, sealed by clouds;
I sat long on my rush mat, all worries vanished.
Arising from Samadhi, I didn’t realize that evening has come –
astonished to find myself in bright moonlight.

(A Full Load of Moonlight. Chinese Chan Buddhist Poems. Translated by Mary M. J. Fung and David Lunde. Hongkong: Musical Stone Culture 2014. 115.)

Der faule Ochse

er meidet alle
Wege zum Reisfeld
er fürchtet das Joch
zieht keinen Pflug
und frisst kein süßes
Gras von der Koppel
Seewind und Nebel
sind ihm genug

 

DSC03183Nationalmuseum Tokio

 

無門慧開 (1183–1260): 懶牛

不經南陌與西阡
犁杷年來怕上肩
棄卻欄中肥嫩艸
綠楊堤畔飽風煙

Wumen Huikai (1183–1260): Lazy Ox

Shunning the south and west paths between the rice paddies,
for over a year refusing to drag the plough with his shoulders,
and giving up the thick and tender fodder in the pen,
it feeds on wind and mist along the willow-shaded embankment.

(A Full Load of Moonlight. Chinese Chan Buddhist Poems. Translated by Mary M. J. Fung and David Lunde. Hongkong: Musical Stone Culture 2014. 83.)