Rauhreif der Feldweg
neblig mittags der Bergkamm
über den Wolken
Zum Wort „Rauhreif“ beachte man bitte meine Anmerkung zur neuen Rechtschreibung.
Rauhreif der Feldweg
neblig mittags der Bergkamm
über den Wolken
Zum Wort „Rauhreif“ beachte man bitte meine Anmerkung zur neuen Rechtschreibung.
er sündigt nicht mehr
inzwischen frönt er weitaus
frommeren Lastern
sie lupft ihren Rock
und wedelt kühlenden Wind
auf warme Schenkel
Shanghaier Tagebuch 1987: „Die Kleidung der hiesigen Frauen und Mädchen war in den ersten heißen Wochen ganz anders, als ich sie im kommunistischen China erwartet hatte: Die kurzen Höschen und vor allem die oberschenkellangen Nylonstrümpfe haben mich überrascht. Noch überraschender ist, dass Frauen völlig ungeniert und unbeachtet ihren Rock heben, um sich Kühlung zuzufächeln, oder umständlich ihre langen Strümpfe hochziehen und fröhlich mit dem gummierten Oberrand der Strümpfe knallen. Freie Schultern, ausgeschnittene Kleider und Blusen sind dagegen verpönt.“
sie brauche sagt sie
keinerlei Ratschlag
sie suche keine
Helfer und Tröster
sie ist sich sicher
sie habe auch nicht
den kleinsten Fehler
das ist ihr größter
ohne die Sonne
säß auch der schönste Vollmond
ganz schön im Dunkeln
der Wolkenvorhang
nur halb geöffnet
die Mondin tänzelt
im Scheinwerferlicht
eine blässliche
Arschbackenkugel
mit blauen Flecken
mehr sehe ich nicht
der Mond ist verblasst
aber ich weiß noch alle
Meere und Krater
der Mond in Wolken
heute will er die Menschen
lieber nicht sehen
sie hält das Glas für
den Himmel selig prallt sie
gegen mein Fenster
karierte Blumen
der bunte Park durchs Gitter
ihrer Termine
von all der Liebe
bleibt ihm nur noch die Delle
in seinem Sofa
hinter dem schlichten
Wandschirm aus Wörtern alles
züchtig verborgen
vermisst du Blumen
sieh dich nur um überall
blühender Unsinn
perfekte Tarnung
die Welt in weißer Wäsche
auf weißen Laken
spätabends zaubert
der Sternekoch Currywurst
frisch aus der Dose
ich öffne den Mund
sinnlos da baumeln Kabel
aus ihren Ohren
die Bäume zwar kahl
die nassen Wege aber
nur um so bunter
weich wie ein Windhauch
fast als wäre es Wolle
von ihrem Fellchen
was man so Mond nennt
ist nur ein runder Kürbis
in weißen Höschen
die Schädelwände
reinlich geschoren
dass seitlich nicht mehr
ein Härchen steht
und nur ganz oben
im Hirn verwurzelt
als Dachverzierung
ein Kressebeet
die bleiche Flunder
kugelfischartig und blond
wär er mir lieber
warum nur folge
ich Narr so beflissen dem
Ruf der Sirene?
über dem Teedampf
rosa Gewölk die Engel
backen beizeiten
nirgends ein Härchen
allenfalls gegen den Strich
spürt man die Stoppeln
knallige Farben
die Bücher passen perfekt
ins Kinderzimmer
die Bäume im Park
eine Versammlung
von gut betuchten
uralten Tanten
grellbunte Blusen
Köpfe im Nebel
und an den Fingern
tausend Brillanten
sie zupft verzweifelt
in ihrer Bluse alles
außer Kontrolle
Briefmarken reichlich
tausende bunte Punkte
auf nassem Asphalt
die Sonne hinter
der Milchglasscheibe
des Morgenhimmels
ein bleicher Kreis
Wiesen und Wälder
gestern in Farbe
heute dagegen
nur noch schwarzweiß
das helle Mondlicht
wandert allmählich
über mein Deckbett
vom Fuß bis zur Brust
mal angenommen
hier läge statt des
Deckbetts Philine
ich stürbe vor Lust
früher waren die
Mütter oft Drachen
die Väter waren
Herrscher und Schinder
heute dagegen
herrscht nur noch Frieden
jetzt sind die Eltern
wie ihre Kinder
die alten Weine
sind ihm verdächtig
die jungen munden
ihm wesentlich süßer
mit fünfundsechzig
bekommt er sicher
ein Ehrenpöstchen
als Zukunftsbegrüßer
Lob der Genügsamkeit
unter anderem
Küchengerümpel
die kleine Schüssel
mit bunten Drachen
sie ist gesprungen
aber sie taugt noch
morgens darin den
Grüntee zu machen
Seufzer eines Unerleuchteten
er wohnt in fernen
einsamen Bergen
um mit nur einer
Göttin zu ringen
ich schließ die Augen
wo immer ich bin
gleich trachten zwanzig
mich zu verschlingen
Peggy gefällt sich
mit ihren Tattoos
in meinen Augen
sind die dagegen
als hätte Peggy
als Kritzelpapier
irgendwo auf dem
Schreibtisch gelegen
Hugo fährt nur in
der ersten Klasse
die zweite sei ihm
gar nicht gemäß
ach was! ob Klappsitz
ob Luxussessel
was Hugo polstert
ist sein Gesäß
mein Mittagsschläfchen
beweist mir schlüssig
dass dieses Leben
so wichtig nicht ist
zwei Stunden war ich
traumlos versunken
und habe die Welt
durchaus nicht vermisst
so schön der auch ist
ist denn das brenzlige Wort
nicht längst verboten?
kaum taucht der Herbst auf
wirft die Kastanie ihr Kleid
rasch in die Wiese
das Eichhörnchen flieht
vom Blätterhimmel regnen
harte Kastanien
pflichtbewusst hütet
die Nachbarstochter das Haus
sturmfreie Bude
in allen Wipfeln
goldene Sonne
blassblauer Himmel
ein Herbsttag aus Glas
mitunter prasseln
reife Kastanien
durch Laub und Zweige
und poltern ins Gras
schon wieder Sonne
doch das Gewitter tropft noch
im Laub der Buche
es hebt bislang nur
die weiße Tolle
über die Pappeln
in meinem Garten
wie üblich ist es
vollendet frisiert
aber sein Auftritt
lässt auf sich warten
schade! nun kann ich
sie nicht mehr sehen
die Ritze im Zaun
von Blättern verdeckt
so schön der Sommer
ansonsten sein mag
die Nachbarin hat
er vor mir versteckt
„Love Seen in Summer“
My secret spying
through the cracks in her fence
is impeded now
by thick growth on the bamboo
that tells us summer has come.
Kagawa Kageki (1768-1843). In: Traditional Japanese Poetry.
An Anthology. Translated, with an Introduction, by Steven D. Carter.
Stanford: Stanford University Press 1991. 434.
neulich besucht mich
im Traum Elfriede
Bluse und Polen
meilenweit offen
als ich erwache
bin ich für Stunden
von ihren Düften
völlig besoffen
Helene fühlt sich
nun da sie tot ist
von ihren Göttern
grausam betrogen
vor lauter Beten
ist sie im Sterben
blindlings am Himmel
vorbeigeflogen
´Tain´t wise to overdo your prayers, for you might die,
And waking, find you passed it, Paradise, right by.
(Jap. Kyôka, 1683. Übersetzung Gill, Robin D.: Kyôka.
Japan’s Comic Verse. A Mad in Translation Reader.
Paraverse Press 2009. 35.)
der andre bis auf
die Knochen durchnässt
von mir ganz zu schweigen
zwei Schirme die sich
in Wind und Regen
respektvoll verneigen
The other one got drenched –
and I got wet through too.
In falling rain
two umbrellas show respect
by exchanging bows.
Aus einer Gedichtsammlung des 16. Jahrhunderts. In: Traditional Japanese Poetry. An Anthology. Translated, with an Introduction, by Steven D. Carter. Stanford: Stanford University Press 1991. 337.
hier ist die Welt nur
ein winziger Punkt
noch höher muss man
nicht steigen
die Menschen streiten
tief unten im Tal
die Wolken lächeln
und schweigen
wider einen verbreiteten Irrtum
im Tempel ist es
dunkler als draußen
was außen groß wirkt
ist drinnen meist klein
warum meinen die
Leute bloß immer
wenn etwas schön ist
sie müssten da rein?
angesichts ihrer
leuchtenden Augen
und ihres golden
glänzenden Haares
habe ich Dummkopf
tatsächlich geglaubt
da käme noch was
aber das war es
vom Sonnenschirm rinnt
der laue Regen
auf meinen Balkon
ich sitze trocken
die Tropfen läuten
im halbvollen Bauch
der Blechgießkanne
wie Tempelglocken
ich bin nicht begierig
nach neuen Wegen
auf denen ich sieben
Weltwunder sehe
ich wähle die alten
und bin zufrieden
mit dem was ich denke
wenn ich sie gehe
Erinnerungen an Eckhard Henscheids wunderbaren Hans Duschke – in einem Straßencafé beim Goldenen Dachl in Innsbruck (Eckhard Henscheid: „Geht in Ordnung – sowieso — genau —“ Ein Tripelroman über zwei Schwestern, den ANO-Teppichladen und den Heimgang des Alfred Leobold. 1977.)
goldgelbe Haare
knallrote Lippen
Schlangenhauthose
mächtige Hüften
ansehen mag ich
die Büchse zwar schon
aber gewiss nicht
den Deckel lüften
die Kontrabassistin
streichelt versonnen
des Kontrabasses
brummenden Bauch
die Sängerin aber
kreischt so entsetzlich
dass ich mir wünsche
sie brummte auch
pechschwarze lange
künstliche Wimpern
groß wie die Schirme
von Baseballkappen
sie müht sich redlich
die schweren Lider
schläfrig zu öffnen
und zuzuklappen
ich fühle mich wohl
mit grauen Haaren
älter zu werden
ist gar nicht so schwer
nur dass die Frauen
in meinem Alter
genauso alt sind
das ärgert mich sehr
Hannover-Linden, 10. Mai 2016
das Mädchen oben
lüftet ihr Röckchen
der Junge unten
kriegt rote Ohren
die Kleine oben
trifft keinerlei Schuld
was hat der Kerl da
unten verloren?
(Nachzutragen bleibt, dass die etwa Sechsjährige oben auf der Leiter immer wieder in den höchsten Tönen „Pópo! Pópo!“ rief – wohl in der verständlichen, aber ganz und gar unbegründeten Sorge, die Aufmerksamkeit ihres gleichaltrigen Zuschauers könnte erlahmen.)
erst seit mir klar ist
wie rings die Menschen
im Namen des Sinns
die Messer wetzen
weiß ich auch wenn der
den Frommen missfällt
friedlichen Unsinn
wirklich zu schätzen
der Zeitgenosse
schreibt Kurznachrichten
da presst er dann flott
jeden Gedanken
der ihm zu lang ist
zu handlichem Schrott
für J. N.
weil Susi unter
Scheren Rasierern
Wachs und Pinzetten
so schrecklich leidet
empfehle ich ihr
ein kleines Schäfchen
das Haare frisst und
nachts auf ihr weidet
mit Siebzig muss ich
die Welt nicht mehr retten
muss nicht mehr fürchten
mit Dreißig zu sterben
Frauengeschichten
sind kaum zu erwarten
was soll mir da noch
die Laune verderben?
Irma liebt Listen
und Formulare
Ordner und Akten
machen sie froh
denn ihre Seele
ist keine Seele
sondern im Grunde
nur ein Büro
wussten Sie dass wir
auch wenn wir noch so
modisch perfekt und
edel verpackt sind
insgeheim unter
unseren Kleidern
ganz unvermeidlich
immerzu nackt sind?
im ersten Akt schon
greift sie nach unten
und nimmt den linken
Schuh in die Hand
folgen im zweiten
dann ihre Strümpfe?
und erst im dritten?
ich bin gespannt
Eltern die ihre
Kinder wie Rockstars
Models Clowns oder
Rennfahrer kleiden
wundern sich wenn die
Herrschaften später
hartnäckig unter
Größenwahn leiden
ein Spaziergang
noch vor den Toren
hämmernde Bässe
Pizza und Bierdunst und
Stumpfsinn und Krach
drinnen übt später
wer auf dem Cello
zu Brunnengeplätscher
Suiten von Bach
Südwinde lüften
Schlüpfer und Strümpfe
Blüten verströmen
Düfte und Staub
zwischen den kahlen
Büschen und Beeten
amselt der Nachbar
emsig im Laub
nur halbe Sätzchen
und kein Gedanke
das Nichts in Häppchen
und dünnen Scheiben
fingerfertige
Analphabeten
die schreiben können
ohne zu schreiben
er trug Sandalen
reiste durch Japan
und schrieb Gedichte
von Blüten und Mond
Finanzfachleute
haben errechnet
dass so zu leben
den Aufwand nicht lohnt
trinkt man in Japan
denn neuerdings Wein?
was wohl die Leute
nebenan treiben?
das piepst als ob die
den feuchten Korken
unablässig am
Flaschenhals reiben
das Schaf als Wollknäul
auf Streichholzbeinen
wird oft vom Wind von
der Wiese gefegt
der Seehund aber
sollte man meinen
ist technisch sicher
weil tiefergelegt
Großväter sind sie
und beinah siebzig
mit grauen Haaren
und tausend Falten
eigentlich längst schon
in Rente und alt
aber oh Wunder
noch ganz die alten
Osaka-Amsterdam
ich dachte lange
dass in den Lüften
nur grashalmzarte
Engelchen wohnen
inzwischen weiß ich
in Hollands Wolken
wohnen verblüffend
schwere Matronen
gestern noch über
den grünen Hügeln
des Tempels ferner
schwebender Gong
heute die Segel
der Hochhauswerbung
über dem grauen
Meer aus Beton
Kenninji, Kioto
der Teich im Garten
unter den Kiefern
ist ihm der liebste
von allen Plätzen
er starrt ins Wasser
mit Pfandleiherblick
als hätte er ein
Goldstück zu schätzen
Zedernholzsäulen
goldene Buddhas
wehender Weihrauch
was ich hier finde?
friedliche Stille
in der ich schließlich
auch vor mir selber
völlig verschwinde
Kirschblüte im Kiyomizutempel, Kioto
in warmer Sonne
hat sie sich tapfer
über die Treppe
zum Tempel gekämpft
außen die bunte
Seidenroulade
innen sie selber
al dente gedämpft
ein bislang ungelöstes Problem
der japanischen Kunstpsychologie
zwar ist der Fuji
ein stumpfer Kegel
doch die Japaner
seine Besitzer
malen ihn wenn ich
nur wüsste warum
meistens ganz oben
ein bisschen spitzer
Hypothesen zur Diskussion: Ist hier einfach das Prägnanzstreben des Menschen am Werk? – Liegt eine unbewusste Abbildung vor? Meint also der Künstler, er male den Fuji, während ihm seine Seele eine landesübliche weibliche Brust in den Pinsel schmuggelt? – Spielen kompositorische Gründe eine Rolle – gerade auch bei den hochformatigen Rollbildern? – Oder sieht man den Fuji als steile Startrampe für den dort wohnenden mythischen Drachen?
schlaff wie ein Feudel
über dem Eimer
liegt sie und träumt von
süßen Genüssen
der Schaffner wird sie
am Endhaltepunkt
mit sanften Stößen
aufwecken müssen
wenn er verstimmt ist
hüllt er sich häufig
für viele Tage
völlig in Dunst
ihn mit den schwachen
Augen der Seele
trotzdem zu sehen
das ist die Kunst
eine kleine Blasmusik
gestern noch bliesen
eisige Winde
die Frauen trugen
Hose und Jacke
jetzt jedoch blasen
lässig gekreuzte
Beine in Nylon
keck zur Attacke
(ich lese im Zug bei Yokohama ein Haiku von Basho)
er sei so heißt es
im Dunst am schönsten
dann träume man ihn
und sehe ihn nicht
als ich das lese
erscheint er selber
vor meinem Fenster
ein Pickel aus Licht
misty showers
the day one cannot see Mount Fuji
it is more attractive
Matsuo Basho (1644-1695); In: Basho. The Complete Haiku. Translated, annotated and with an introduction by Jane Reichhold. New York: Kodansha 2008. 76)
drinnen streiten zwei
Uhren verbissen
ist es erst sieben?
oder schon acht?
am Himmel funkeln
zwischen den Wolken
die ersten Sterne
bald wird es Nacht
Abend. Die beiden Uhren zanken sich um die richtige Zeit. Plötzlich dämmerte es. Der düstere und trübe Himmel zeigte seine ersten Sterne. (Monika S, 13 Jahre; in: Und sie fliegen über die Berge, weit durch die Welt. Aufsätze von Volksschülern herausgegeben von ihrem Lehrer Ludwig Harig. München: Hanser 1972. 25.)
Nachrichten sehen
die Kühe wohl nicht
aber sie sehen
nachts in den feuchten
murmelnden dunklen
Wiesen am Dorfteich
staunend die morschen
Kopfweiden leuchten
im Winter hat es
das Eichhörnchen schwer
dann wälzt es in der
Buche im Garten
auf steilen Ästen
Felsen aus Neuschnee
bergauf vor sich her
frühmorgens turnen
im sonnigen Park
zehn dicke Mütter
mit Kinderwagen
die Mütter träumen
von straffen Bäuchen
die Kinder träumen
von Milchgelagen
Kevin und Jenny
innig umschlungen
auf einer Parkbank
trotz Hagel und Frost
seltsam sie blättern
nicht ineinander
sondern in ihrer
elektrischen Post
Brille abnehmen
das Buch zuklappen
schon fast im Halbschlaf
das Licht ausmachen
mir einen Traum in
Reichweite legen
und ganz zum Schluss noch
die Welt auslachen
Felswände Kiefern
Bambus die Hütte
am Abhang allein
hier übernachten
nur ein paar Wolken
kein Mensch kehrt hier ein
Inoue Yuichi (1916-1985): Berg (山)
敬安 (1852-1912): 題畫
一株二株松
三箇五箇竹
巖扉長寂寥
祇有雲來宿
Jingan (1852-1912): ON A PAINTING
A pine or two,
three or four bamboo,
cliffside cottage, long, solitary, silence.
Only floating clouds come to visit.
(Red Pine / O’Connor, Mike (eds.): The clouds should know me by now: Buddhist poet monks of China. Somerville: Wisdom Publications 2006. 190. englische Übersetzung: J. P. Seaton.)
um uns die Liebe
schmackhaft zu machen
greift die Natur zu
Finten und Schlichen
denkt nur sie hat uns
Schnecke und Schniedel
sozusagen mit
Honig bestrichen
[…] Durch diese mühselige Erfahrung klüger gemacht, fing ichs nachher besser an, der Bären, die so gern nach meinen Bienen und den Honigstöcken stiegen, loszuwerden. Ich bestrich die Deichsel eines Ackerwagens mit Honig und legte mich nicht weit davon des Nachts in einen Hinterhalt. Was ich vermutete, das geschah. Ein ungeheurer Bär, herbeigelockt durch den Duft des Honigs, kam an und fing vorn an der Spitze der Stange so begierig an zu lecken, daß er sich die ganze Stange durch Schlund, Magen und Bauch bis hinten wieder hinausleckte. Als er sich nun so artig auf die Stange hinaufgeleckt hatte, lief ich hinzu, steckte vorn durch das Loch der Deichsel einen langen Pflock, verwehrte dadurch dem Nascher den Rückzug und ließ ihn sitzen bis an den andern Morgen. Über dies Stückchen wollte sich der Großsultan, der von ungefähr vorbeispazierte, fast totlachen. (Rudolf Erich Raspe / Gottfried August Bürger: Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande. Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen, wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt. 1785/1786 ff.)
allmählich erwacht
der Frühlingsmorgen
ein Wagen poltert
durch die Allee
am fernen Dorfrand
lockt Pfirsichblüte
die Uferweiden
streicheln den See
Goldfische funkeln
Prachtenten paddeln
Flügel an Flügel
einträchtig fort
der Dichter sieht die
friedliche Szene
heiteren Herzens
ohne ein Wort
春日正遲遲
遊車驕自許
挑花迎遠村
楊柳拂清渚
魴鯉躍金鱗
鴛鴦交錦羽
詩人縱曠觀
安得竟無語
against the gently flowing spring morning
the arrogant rattle of a coach
peach blossoms beckon from the distant village
willow branches caress the shoulder of my pond
as bream and carp flash their golden scales
and mated ducks link embroidered wings
the poet stares about; this way then that –
caught in a web beyond all speaking
Shih-shu could have followed the bustling coach across the plain into town and perhaps encountered a sweet thing or two there. But he would prefer, it seems, to remain faithful to his own hills, his own pond. A light, but perfectly apparent, tincture of eroticism suffuses this poem.
Shi[h]shu / 石樹 (Red Pine / O’Connor, Mike (eds.): The clouds should know me by now: Buddhist poet monks of China. Somerville: Wisdom Publications 2006. 147. englische Übersetzung und Anmerkung: James H. Sanford.)
nirgends ist Frieden
nicht in den Bergen
auch nicht in fernen
südlichen Ländern
mir bleibt nichts übrig
als mich zu Hause
beim Tee im Schlafrock
selber zu ändern
Es kann nicht schaden, daran zu erinnern,
dass schon die Revolutionäre Nikolai
Gawrilowitsch Tschernyschewski (1863)
und Wladimir Iljitsch Lenin (1902) sich
dieser Frage zugewandt haben.
er reist nach Japan
zu stillen Klöstern
in denen Andacht
und Schweigen walten
zehntausend Meilen
rund um den Globus
bloß um mal endlich
den Mund zu halten
es ist gewiss nicht
ihr schneller Wagen
auch nicht ihr Jäckchen
mit Blaufuchskragen
und ganz bestimmt nicht
ihr quittegelber
kurzer Satinrock
es ist sie selber
accidens non est ens, sed entis: Ein
Akzidens ist kein Seiendes, sondern
[eine Eigenschaft] eines Seienden.
(scholastischer Lehrsatz)
jungfräulich leuchtet
der Schnee im Garten
die frühe Amsel
notiert ein Gedicht
ein Krikelkrakel
aus spitzen Sternchen
sie hüpft ein paarmal
und flattert ins Licht
ich tappe immer
noch in die Falle
mein dummes Auge
hält ungewollt
Braune und Graue
für Holz und Silber
die Blonden aber
für pures Gold
sie hat ihn auf ihr
Sofa gebeten
sich selbst und ihm
ein Gläschen erlaubt
ihn angelächelt
und ihm gestanden
er liebe sie sehr
das hat er geglaubt
„The tricks they have.“
(Philip Marlowe in Raymond
Chandlers „The Long Goodbye“)
Wie sich der Dichter beinahe mächtig verhauen hätte
silbernes Mondlicht
glänzt auf den Zäunen
und auf den Wiesen
am See
Unsinn! kein Mondlicht
nur dunkle Wolken
was silbern schimmert
ist Schnee
nach Tannenbäumen
flackernden Kerzen
schmelzenden Liedern
und Festschalmeien
brauch ich was Derbes
mich kommt die Lust an
einfach mal lauthals
Fotze zu schreien
fotze, f. cunnus, vulva, ein
unhübsches, gemiedenes wort,
bei dem die sprachforschung
doch manches zu erwägen hat.
(Deutsches Wörterbuch von
Jacob und Wilhelm Grimm)
früher musste man
Weihnachten feiern
wenn Weihnachten war
das ist passé
heute bekommt man
Jesus und Krippe
ganzjährig preiswert
auf DVD
(für Tenor und Orchester)
Führerin durch die
Wüste der Wade!
Mittlerin zwischen
beiderlei Seiten!
rettende Reling
mein müdes Auge
aufwärts bis an den
Rocksaum zu leiten!
die die vergebens die
Welt retten wollen
werden seit jeher
mit Pomp begraben
weniger Ehre
bezeigt man Weisen
die auf den Laden
gepfiffen haben
wir armen Menschen
grübeln und grübeln
die Kuh aber ist ein
glückliches Tier
sie denkt an nichts als
saftige Wiesen
und höchstens ganz selten
mal an den Stier
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