einst hatten Gören
hinter den Büschen
bedenklich viel Raum
für Heimlichkeiten
jetzt steckt in jedem
Busch eine Mutter
ihr Kind aufs Leben
vorzubereiten

Daran nicht
Der Funke
dein Pfeil kann sieben
Bretter durcheilen
du liest mit einem
Blick gleich fünf Zeilen
du hast ein Sofa
aus Elfenbein
du schläfst auf einem
Tigerkopf ein
du bist beliebt und
umfassend gelehrt
fehlt dir der Funke
ist alles nichts wert

精神殊爽爽
形貌極堂堂
能射穿七札
讀書覽五行
經眠虎頭枕
昔坐象牙床
若無阿堵物
不啻冷如霜
(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 160f., 182)
dein Kopf ist einzigartig klar
deine Erscheinung ist großartig
du kannst durch sieben Bretter schießen
du liest fünf Zeilen auf einmal
du schläfst auf einem Tigerkopfkissen [aus Jade]
du sitzt auf einem Elfenbeinsofa
wenn du das Wie-soll-man-sagen nicht hast
bist du kalt wie Eis
Rastlos in Shanghai
sie liebt Gesellschaft
Jubel und Trubel
Ruhe dagegen
macht sie beklommen
dann verrammelt sie
rasch ihre Türen
weil sie befürchtet
zu sich zu kommen
Pädagogische Apotheose
Smartphonefolter
Der Geist der Täuschung
in Kleidern aus den
Blumen des Himmels
und feinen Schuhen
aus Schildkrötenhaar
schießen sie mit der
Hasenhornarmbrust
den Geist der Täuschung
von ihrem Altar
身着空花衣
足蹑龟毛履
手把兔角弓
拟射无明鬼
„Sky flowers, tortoise hair, and rabbit horns are Buddhist metaphors for the illusory nature of phenomena: people with cataracts see flowers in the sky; people with wild imaginations see hair on a tortoise; and people with dim vision mistake a rabbit’s ears for horns. Cold Mountain is poking fun at those who try to free themselves of delusion by turning their practice into another delusion.“ (Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 246f., 293)
die Körper sind in Himmelsblumenkleider gehüllt
die Füße trippeln in Schildkrötenhaarschuhen
Bögen aus Hasenhorn fest in den Händen
wollen sie allen Ernstes auf die Geister der Verblendung schießen
Zeitgenossen
Tag und Nacht sind sie
schrecklich geschäftig
bauen und ackern
wie angestochen
bis gar nichts mehr geht
übrig bleibt schließlich
auf einem Friedhof
ein Häufchen Knochen
我見時人日夜忙
廣營屋宅置田莊
到頭一事將不去
獨有骷髏葬北邙
(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 68f., 167)
ich sehe meine Zeitgenossen Tag und Nacht beschäftigt
ihre Häuser zu vergrößern und ihre Felder zu beackern
am Ende geht gar nichts mehr
und sie haben nur noch Knochen und ihren Schädel im Grab auf dem Friedhof Beimang
Das Bild zeigt einen Urnenfriedhof in der Nähe des Ma On Shan (馬鞍山) in Hongkong.
Samsara
die Menschen leben
in tausend Sorgen
wer selbst gesund ist
bangt um die Erben
zitternd hüten sie
Reisfeld und Bäume
die Angst verlässt sie
erst wenn sie sterben
人生不滿百
常懷千載憂
自身病始可
又為子孫愁
下視禾根土
上看桑樹頭
秤錘落東海
到底始知休
(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 128f., 138)
der Mensch lebt kaum hundert Jahre
hat aber Sorgen für tausend
wenn er selbst gesund ist
ist er um Kinder und Enkel bekümmert
unten blickt er unruhig auf die Reiswurzeln im Feld
oben auf die Kronen der Maulbeerbäume
erst wenn seine Waage ins Meer fällt und den Grund erreicht [ = wenn sein Leben beendet ist und vom Totenrichtergott gewogen wird]
findet er Ruhe
Samsara wird im Buddhismus der endlose leidvolle Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt genannt, in den alle unerleuchteten Wesen verstrickt sind.
Gesprächsfetzen
(Bremer Weserpromenade Schlachte)
… ihr Rock sei nicht zu
sehen gewesen
hör ich sie kichern
einfach verschwunden
dann aber habe
sie ihn zerknittert
oben um ihre
Taille gefunden …
Installation
(Kunsthalle Hamburg)
Neonröhren und
Steine in Eimern
rostige Drähte
in Zeitung verpackt
da sind mir Bambus
und Berge lieber
ich bin mir sicher
der Kaiser ist nackt
Herbst im Gebirge
tagsüber seh ich
Kälbern beim Spiel zu
die Nacht dagegen
verbring ich allein
glitzert der Tau am
Strohdach im Mondlicht
saufe ich selig
Gedichte und Wein
滿卷才子詩
溢壺聖人酒
行愛觀牛犢
坐不離左右
霜露入茅檐
月華明瓦牖
此時吸兩甌
吟詩三兩首
(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 108f., 107)
meine Bücher sind voll von Gedichten hervorragender Dichter
meine Kanne ist mit gutem Wein gefüllt
unterwegs sehe ich gern den Büffelkälbern zu
zu Hause beschränke ich mich
wenn [im Oktober] der kalte Tau von meinem Dach tropft
und der Mond auf meine Fensterbank scheint
trinke ich ein paar Schalen
und rezitiere zwei drei [andere Quelle: fünfhundert] Gedichte
Bad am Sonntagnachmittag
eigentlich will ich
beides auf einmal
mich in Wasser und
Dichtung versenken
lasse die Bücher
dann aber liegen
welch ein Vergnügen
selber zu denken
Junge Frau im Frühling
sie steckt sich Blumen
vom Wegrand ins Haar
aber sie lächelt
niemanden an
flüchtig träumt sie von
süßerer Liebe
und eilt nach Hause
zu ihrem Mann
洛陽多女兒
春日逞華麗
共折路邊花
各持插高髻
髻高花匼匝*
人見皆睥睨
別求掺掺憐
將歸見夫婿
(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 78f., 63)
in Luoyang zeigen viele junge Frauen
im Frühling ihre Schönheit
miteinander pflücken sie am Wegrand Blumen
und stecken sie in ihre Hochfrisuren
die Blumen winden sich um ihr hochgetürmtes Haar
spricht sie ein Mann an schlagen sie die Augen nieder
(A) sie suchen zärtlichere Liebe oder sie denken an ihre Gatten zu Hause (Red Pine: „looking elsewhere for a gentler love or thinking of husbands at home“) (B) sie suchen nicht Schmeicheleien sondern kehren zurück nach Hause zu ihren Gatten (hi.baidu.com/chiayewli/item/04390594f4b9d532326eeb7b: „这些妇女们,不要追求这些一点一滴片、赞美,为什么回家,好好的面对自己的夫婿呢? Die Frauen wollen nicht all diese anzüglichen Schmeicheleien und Komplimente; warum nicht nach Hause gehen und brav mit ihren Gatten zusammensein?“) (C) Sie träumen von zärtlicherer Liebe anderswo kehren aber dann nach Hause zu ihren Gatten zurück.
* Bei Red Pine finden sich hier zwei andere, wenig gebräuchliche Schriftzeichen [ge2za1] mit ähnlicher Bedeutung.
Welt im Kopf
nach Sommerregen
glänzende Steine
bemooste Stämme
uralter Bäume
außen sehen wir
alle dasselbe
innen träumt jeder
eigene Träume
一片無塵新雨地
半邊有蘚古時松
目前景物人皆見
取用誰知各不同
(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 46f., 99)
[Buddhistischer Konstruktivismus]
ein Stück Boden ohne Staub gleich nach dem Regen
eine alte Kiefer halb [auf der Wetterseite] bemoost
solche Szenen haben alle Menschen in gleicher Weise vor Augen
wer weiß wie jeder seinen eigenen Gebrauch davon macht
Bescheidene Bleibe
ringsum Gebirge
die Hütte winzig
das Bambusbett schmal
noch nicht einmal für
ein müdes Wölkchen
ist Platz zum Schlafen
drum schließ ich bevor
es Nacht wird die Tür
茅屋低低三兩閒
團團環遶盡青山
竹床不許閒雲宿
日未斜時便掩關
(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 46f., 97)
die niedrige Hütte ist knapp drei Strohmatten breit
ringsum überall nur grüne Berge
auf dem Bambusbett kann keine müßige Wolke übernachten
wenn die Sonne noch nicht untergegangen ist schließe ich die Tür
Der Kranich
kein Mensch nur Berge
Wildnis und Kiefern
Herbstlaub die Hänge
schon abendlich grau
ein Kranich schwingt sich
auf in den Vollmond
der schwankende Ast
bestäubt mich mit Tau
重巖之下
草莽日交
人影不來
黃葉飄飄
谷鳥晚啼
山月夜高
松露鶴飛
濕我禪袍
(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 88f., 7.3)
unter hohen Felswänden
sind Pflanzen meine Begleiter
von Menschen keine Spur
gelbe Blätter treiben vorbei
abends rufen Vögel im Tal
nachts steigt der Bergmond in die Höhe
von einer Kiefer schwingt sich ein Kranich
und stäubt Tau auf meine Kutte
Kein Ufer
wohin du auch blickst
ringsum weißer Dunst
Süd Nord Ost und West
nicht auszumachen
suchst du Erleuchtung
musst du nicht rudern
dreh dich nur um und
steig in den Nachen
無岸
舉頭四望白瀰瀰
南北東西竟莫知
不用篙篙撐到底
回頭便是上船時
„The Dharma is often likened to a raft that can be used to reach the far shore of liberation. But why exhaust yourself poling or rowing across when there’s a favorable wind?“ (The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 114f., 57)
wenn du den Kopf hebst rings nur weißer Dunst
nicht zu erkennen wo Süden Norden Osten oder Westen ist
du musst dich nicht ans Ziel hinüberstaken
wende deinen Kopf und schon ist es Zeit ins Boot zu steigen
Dummes Herz III
sie schimpft über mich
und liebt mich trotzdem
bei Gott noch immer
woher ich das weiß?
weil ich wie sie bin
hol mich der Teufel
ich mach sie runter
und liebe sie heiß
Lesbia mi dicit semper male nec tacet umquam
de me: Lesbia me dispeream nisi amat.
quo signo? qia sunt totidem mea: deprecor illam
assidue, verum dispeream nisi amo.
(Catull: Carmen 92)
Zwei zu null
Dummes Herz II
nun hat die Liebe
zu dir mich meinen
Verstand gekostet
soll ich dich hassen?
ich kann dich wärst du
auch gut nicht mögen
und wärst du böse
von dir nicht lassen
Huc est mens deducta tua, mea Lesbia, culpa,
atque ita se officio perdidit ipsa suo
ut iam nec bene velle queat tibi, si optima fias,
nec desistere amare, omnia si facias.
(Catull: Carmen 75)
Dummes Herz I
wie hat die Frau mich
grausam gepeinigt
mit schwarzer Spitze
Schmerz und Entbehrung
warum nur ist mir
sobald sie lächelt
trotzdem wie bei der
Weihnachtsbescherung?
Der Zenmeister spricht
die Makellosen
sind mir verdächtig
die sind wie Liebe
ohne Befeuchtung
Schlitzohren sind die
besseren Schüler
da ist mehr Spielraum
für die Erleuchtung
Riskantes Spiel
Peter kauft Pia
ein kurzes Röckchen
seht nur ich hab sie
und ihr habt sie nicht
nun folgen Pia
sämtliche Böckchen
und Peter macht ein
besorgtes Gesicht
Beichte
Herr ich empfinde
nicht einfach Reue
bei mir liegt der Hund
noch tiefer begraben
ich muss bereuen
dass ich bereue
einst nicht beizeiten
gesündigt zu haben
Zwischen Himmel und Erde
Bestien die für
Fraß und Klamotten
gierig einander
den Hals umdrehen
ach sie begreifen
die Welt so wenig
wie Blinde das Weiß
der Milch verstehen
天高高不窮
地厚厚無極
動物在其中
憑兹造化力
争頭覓飽暖
作計相噉食
因果都未詳
盲兒問乳色
(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 98f., 92)
der Himmel ist unendlich hoch
die Erde ist unauslotbar tief
dazwischen existieren die Lebewesen
sie sind abhängig von den Kräften der Natur
sie schlagen sich die Köpfe ein im Kampf um Nahrung und Kleidung
sie planen sich gegenseitig aufzufressen
sie sind unfähig die Welt zu verstehen
wie Blinde die nach der Farbe der Milch fragen
Kleines Missgeschick
Nichtsnutz
rings übervolle
Terminkalender
besinnungsloses
Hasten und Rasen
ich aber sitze
heiter am Fenster
und reime Wörter
zu Seifenblasen
Herbstnacht
ich bin allein in
Stille und Dunkel
kein Ding kann jetzt mein
Herz mehr bewegen
wenn sich der Wind legt
werd ich dem Mondlicht
das Laub vor der Tür
beiseite fegen
獨坐窮心寂杳冥
箇中無法可當情
西風吹盡擁門葉
留得空階與月明
(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 66f., 157)
ich sitze leeren Herzens allein in Stille und Dämmerung
wo mich keine Gedanken und keine Gefühle überkommen
wenn der Westwind abgeflaut ist fege ich die Blätter vor meiner Tür
und mache die Stufen frei für das Mondlicht
Einöde
in Muße lebst du
ein langes Leben
die Stille nimmt dir
Sorgen und Wut
im grünen Wasser
spiegeln sich Berge
Schneeflocken tanzen
über der Glut
百千日月閒中度
八萬塵勞靜處消
綠水光中山影轉
紅爐焰上雪花飄
(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 48f., 105)
hundert Lebensjahre gehen vorüber wenn man Muße hat
in der Stille verschwinden tausend weltliche Sorgen
das Spiegelbild eines Berges glänzt im grünen Wasser
über den roten Flammen des Ofens wirbeln Schneeflocken
Meine Gedichte
die Dummen rümpfen
kritisch die Nasen
der Durchschnitt wittert
wichtige Sachen
und nur die Besten
werden nicht zögern
über die Verse
herzhaft zu lachen
下愚讀我詩
不解卻嗤誚
中庸讀我詩
思量云甚要
上賢讀我詩
把著滿面笑
楊修見幼婦
一覽便知妙
(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 132f., 144)
wenn Dumme meine Gedichte lesen
verstehen sie nichts und rümpfen ablehnend die Nasen
wenn durchschnittliche Menschen meine Gedichte lesen
halten sie sie nach einigem Nachdenken für bedeutend
wenn Begabte meine Gedichte lesen
lachen sie sogleich über das ganze Gesicht
[als Yang Xiu „junge Frau“ las
genügte ein Blick und er verstand „wunderbar“]
[Die letzten beiden Zeilen sind nur mit recht speziellem Hintergrundwissen über ein Sprachspiel mit Schriftzeichen und ihren Bedeutungen verständlich und bleiben deshalb unberücksichtigt: Yang Xiu (175–219), der Berater des kaiserlichen Kanzlers Cao Cao, soll spontan eine rätselhafte Inschrift entschlüsselt haben, in der mit den beiden Zeichen 幼婦 (junge Frau) in zwei Schritten das Zeichen 妙 (wunderbar) angedeutet wird: 1. 幼婦 (junge Frau) ist ein Synonym für 少女 (junge Frau). 2. Die Kombination der beiden Zeichen 女 (Frau) und 少 (jung) zu einem Zeichen ergibt 妙 (wunderbar): 幼婦 –> 少女 –> 妙.]
wu wei
(無爲)
wallenden Nebel
kann man nicht schieben
der geht und verweht
schon von alleine
wer umtriebig strebt
ist bald zerrieben
sieh da die Sonne
scheint auf die Steine
黑霧濃雲撥不開
忽然去了忽然來
任他伎倆自磨滅
紅日依前照石臺
(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 56f., 126)
dunkle Nebel und dichte Wolken kann man nicht wegschieben
die gehen plötzlich und kommen plötzlich
die Übereifrigen reiben sich selbst auf
jetzt scheint die rote Sonne wieder wie zuvor auf die Felsen
Gegenwart
vorbei ist vorbei
an das was noch kommt
jetzt schon zu denken
werd ich mich hüten
heute ist wichtig
die Pflaumen sind reif
und am Jasminstrauch
duften die Blüten
過去事已過去了
未來不必預思量
只今便道即今句
梅子熟時梔子香
(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 44f., 89)
was vorbei ist ist vorüber
über das was kommt muss man nicht grübeln
aber hier ist ein Vers für heute
die Pflaumen sind reif und der Jasmin duftet
„Lesen durch Schreiben“
Drei Versuche zum Fortschritt in der Rechtschreibpädagogik
Fortschritt I
früher mussten die
Kinder beim Schreiben
mit den korrekten
Wörtern beginnen
heute dürfen sie
jedes Geplapper
wie sie es hören
auf Zettel pinnen
Fortschritt II
einst lernten Kinder
schreiben durch Lesen
heute will man sie
so nicht mehr schinden
deshalb dürfen die
Kleinen jetzt selber
das Rad der Schrift noch
einmal erfinden
Fortschritt III
erst dürften Kinder
ruhig Fehler machen
das sei dann später
leicht einzurenken
Pädagogen sind
listige Leute
Volkszahnärzte die
Zucker verschenken
Einsiedlerleben
ich lebe glücklich
in meiner Hütte
muss mich mit Sorgen
nicht weiter quälen
erst trinke ich Tee
dann sitz ich am See
auf Felsen um die
Fische zu zählen
長年心裏渾無事
每日菴中樂有餘
飯罷濃煎茶喫了
池邊坐石數游魚
(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 54f., 118)
das ganze Jahr ist mein Herz gelassen und ohne Sorgen
jeden Tag habe ich reichlich Freude in meiner Hütte
nach einer Mahlzeit und einem starken Tee
sitze ich am Teich auf einem Felsen und zähle die Fische
In der Bambushütte
rot steigt die Sonne
über die Berge
nichts treibt mich Alten
schon aufzustehen
ich schlafe weiter
während im Mörser
Ameisen ihre
Pflichtrunden drehen

團團紅日上青山
竹屋柴門尚閉關
白髮老僧眠未起
勞生磨蟻正循環
(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 64f., 148: „The image of ants marching around the inside of a stone mortar was made famous as a simile for the movement of astronomical bodies […]. They reminded Stonehouse of his fellow humans working their various treadmills.“)
über den grünen Bergen geht die runde rote Sonne auf
die Tür der bescheidenen Bambushütte bleibt geschlossen
der weißhaarige alte Mönch schläft und steht nicht auf
die fleißigen Ameisen beginnen ihre Runden im Mörser
Bergkloster
Schattenzweige und
Vollmond im Fenster
ein Mönch kniet reglos
als atme er nicht
nach Mitternacht stürzt
ein Falter in die
Lampe beim Buddha
und löscht deren Licht
半窗松影半窗月
一箇蒲團一箇僧
盤膝坐來中夜後
飛蛾撲滅佛前燈
(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 52f., 117)
das halbe Fenster der Schatten der Kiefer das halbe Fenster der Mond
ein Kissen ein Mönch die Beine verschränkt
nach Mitternacht fliegt eine Motte
und löscht die Lampe vor dem Buddha
Das lieber nicht
Pullover
Lebenskampf
wie sie verbissen
streben und streiten
und doch nur dem Grab
entgegenhetzen
ich möchte lieber
den Weltverächtern
als jenen Kämpfern
ein Denkmal setzen
我見世間人
個個爭意氣
一朝忽然死
只得一片地
闊四尺
長丈二
汝若會出來爭意氣
我與汝
立碑記
(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 256f., 306)
ich sehe die Menschen auf der Welt
wie sie alle verbissen kämpfen
eines Tages sterben sie plötzlich
und bekommen nur noch ein kleines Grundstück
vier Fuß breit
acht Fuß lang
wenn du dich diesem verbissenen Kampf entziehen kannst
setze ich dir ein Denkmal
Nacht auf dem Westsee
ich bin der Herr der
Nebel und Wellen
mein Boot treibt im Wind
durch blühendes Ried
ich applaudiere
mir fröhlich selber
die Berge hallen
von meinem Lied
往來煙波
此生自號西湖長
輕風小槳
盪出蘆花港
得意高歌
夜靜聲偏朗
無人賞
自家拍掌
唱得千山響
(Zheng Yan 正岩 * ca. 1700; aus: 101 Chinese Lyrics. 中華雋詞一○一首. Compiled and Translated by Chu Dagao. Beijing 1987. 226f.)
ich treibe umher in Nebel und Wellen
ernenne mich selbst zum Herrn des westlichen Sees
eine sanfte Brise weht, mein Ruder ist klein
ich fahre aus dem Hafen der Schilfblüten
heiter singe ich laut
ein voller Klang in stiller Nacht
niemand lobt mich
ich klatsche selbst in die Hände
und singe, dass mein Lied in den tausend Bergen widerhallt
Leeres Herz
unter den Kiefern
die Hütte aus Stroh
ringsum sind Fenster
überall Licht
ich blicke nur in
die grünen Berge
an etwas andres
denke ich nicht
草菴盤結長松下
面面幹窗盡豁開
目對青山終日坐
更無一事上心來
(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 62f., 146)
unter hohen Kiefern habe ich eine Hütte gebaut
nach allen Seiten öffnen sich Fenster
den ganzen Tag sitze ich und blicke auf die grünen Berge
darüber hinaus kommt mir nichts in den Sinn
Meine Wärmflasche
Lesen
Lesen macht uns nicht
weniger kläglich
Lesen hilft nicht dem
Tod zu entwischen
warum dann lesen?
Lesen kann trösten
Bitteres soll man
mit Knoblauch mischen
讀書豈免死
讀書豈免貧
何以好識子
識子勝他人
丈夫不識字
何處可安身
黃連搵蒜醬
忘計是苦辛
(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 172f., 201)
Lesen rettet uns nicht vor dem Tod
Lesen befreit uns nicht von der Armut
warum also diese Liebe zur Literatur?
Literatur gibt uns einen Vorsprung vor den andern
wer nicht lesen kann
findet nie Ruhe
press Knoblauch in deinen Krähenfuß
und du vergisst die Bitternis
Ein kluger Mann
der Kerl ist brillant
liest schwieriges Zeug
schreibt hochpräzise
und denkt solide
ein Ausnahmekopf
ein Überflieger
und doch sieht er nichts
nur Unterschiede
世有聰明士
攻苦探幽文
三端自孤立
六藝越諸君
神氣卓然異
精彩超眾群
不識個中意
逐境亂紛紛
(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 106f., 105)
da ist ein kluger Mann
er brütet über schwierigen Texten
seine drei Spitzen* sind einzigartig
seine sechs Künste** sind hervorragend
sein Geist ist allen weit überlegen
seine Qualitäten übersteigen die der meisten
aber er verfehlt den Sinn der Dinge
und verliert sich in feinen Unterscheidungen
* Schwert, Pinsel, Zunge ** Ritual, Musik, Bogenschießen, Wagenlenken, Schreiben, Mathematik
ABC
Festakt
Han Shan
Han Shan (meint Blofeld)
habe die Frauen
bisweilen geliebt
und manchmal gehasst
wen überrascht das?
ist nicht die Liebe
halb bittere Lust
und halb süße Last?
„As to beautiful women, he [Han Shan K.B.] sometimes speaks of them with a bitterness that ill accords with Buddhist compassion, besides coming strangely from the brush of a poet who, in other poems, reveals a lingering fondness for – to use a Chinese expression – „joys behind hibiscus curtains.“ But his frankness about his own weaknesses points to a virtue higly prized by Buddhists, that of total indifference to praise and blame; it also points to his having achieved a state at which all serious Taoists aim, that of tzu-jan [zìrán 自然 K.B.] – complete spontaneity.“ (Blofeld, John: Introduction. In: Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 24)
Im Großraumwagen
ihr Pulli rutscht hoch
sie zieht ihn runter
doch wie sie auch zupft
der Spalt geht nicht zu
andauernd zwinkert
ihr weißer Fischbauch
als grelles Blinklicht
und raubt mir die Ruh
Erleuchtung in Brandenburg
zwischen Pasewalk und Stralsund
ich rolle im Zug
durch Wald und Felder
langsam versteh ich
was ich da sehe
die braunen Tierchen
vor meinem Fenster
sind mit Zaun Schafe
ohne Zaun Rehe
Herbst im Park
Drunter und drüber
Die Ungezeugten
Am Teich
Revolutionäre 2013
Mantra
Geheimnisse der Tiefsee
Neue Doppelfenster
ha! jetzt bewegen
die lauten Nachbarn
stumm ihre Münder
alles ist leise
nur schweigen leider
hinter den Scheiben
nun auch beharrlich
Amsel und Meise
Zeitmangel adelt
Wissensgesellschaft
Unterrichtsforschung
Herbst in Sariyer
Barine
kein Zahn wird dir schwarz
kein Nagel fleckig
auch nicht nach tausend
gebrochnen Eiden
nein du wirst schöner
du schwenkst die Hüften
und alle lechzen
nach dir und leiden
Ulla si iuris tibi peierati
poena, Barine, nocuisset umquam,
dente si nigro fieres vel uno
turpior ungui,
crederem; sed tu simul obligasti
perfidum votis caput, enitescis
pulchrior multo iuvenumque prodis
publica cura.
(Horaz: Carmina II, 8, 1-8)
Chat am Nachmittag
ich antworte ihr
sie antwortet nicht
telefoniert sie?
was mag sie treiben?
ich schreibe nochmal
ist sie jetzt offline ?
ach was! sie kann mir
gestohlen bleiben
Setzt sich das […] System parallel mit mehreren verschiedenen sozialen und kommunikativen Umwelten auseinander, so ist anzunehmen, dass die Aufmerksamkeit auf diese verschiedenen Umwelten und die in [ihnen] gegebenen kommunikativen Situationen nach einer individuellen Prioritätenliste verteilt wird […]. (Beisswenger, Michael: Sprachhandlungskoordination in der Chat-Kommunikation. Berlin 2007. S. 147.)
Kinderfreundlich
Großer Basar
Herbstabend
Liebeserklärung an den Sommer
(Istanbul)
im Sommer dösen
die Leute am Strand
im Herbst dagegen
werden sie wach
reisen in Horden
in fremde Städte
fotografieren
und machen Krach
Nautischer Fortschritt
Das Geheimnis der Möwen
Einsiedlerlied
(anonyme Inschrift auf High West 西高山, Hongkong)
die grünen Berge
sind meine Heimat
ich döse unter
flüsternden Bäumen
zahl keine Miete
und kann getrost von
Pflaumenblüten und
Frühlingswind träumen
Und ist das nicht wirklich schön: (die Vorstellung), Du strolchst über ziemlich einsame direkte Gebirgspfade und auf einmal rechts neben Dir an die Felswand gemalt, liest Du ein Gedicht? (Ist doch viel besser und intensiver als ein Verkehrszeichen!) (Rolf Dieter Brinkmann: Briefe an Hartmut. 1975)
Konzentrationsübung
Wissenschaftliche Hausarbeit
Nebel und Tod
(Sylt 1999)
wo gestern noch der Leuchtturm stand,
heut morgen eine Nebelwand
ein graues fahles stilles Schweben
schluckt Form und Farbe Klang und Leben
nicht Wald noch Wiese nicht mal Kühe
kein Traktor tuckert durch die Frühe
kein Wind kein Möwenflugverkehr
die Wirklichkeit sie wirkt nicht mehr
so muß der Tod sein kein Objekt
das mich zum Subjekt macht und neckt
nicht mal ein Gott der grausam richtet
nur noch das Nichts das friedlich nichtet
Zweierlei Gold
Insel der Seligen
Stacheldraht Mauern
Knüppel und Prügel
ringsum regieren
böse Despoten
bei uns dagegen
walten die Guten
die herrschen heimlich
mit Denkverboten
Laufpass für Chloe
ich pfeife auf dein
Kinn deine Lippen
auf deine Schultern
und deine Rippen
ich mag nicht alles
einzeln beschreiben
du kannst mir komplett
gestohlen bleiben
Et vultu poteram tuo carere
et collo manibusque cruribusque
et mammis natibusque clunibusque,
et, ne singula persequi laborem,
tota te poteram, Chloe, carere.
(Martial: Epigramme III, 53)
Dreimal gegen den Strich
I
Mücken kann jeder ganz leicht
in Prachtelefanten verwandeln
umgekehrt wird es zur Kunst
bausche nicht auf bausche ab
II
Lernen hat vieles für sich
doch lernt auch beizeiten vergessen
wenn ihr nicht fleißig vergesst
sind bald eure Köpfe voll Müll
III
oh weh ihr vergöttert den Krach
und hüllt euch in Dauergedudel
ihr fürchtet die Stille zu Recht
dann hörtet ihr nur noch euch selbst
Einsamer Abend mit Schnäpsen
neun für Franziska
fünf für Maria
und vier für Elsa
das treulose Schaf
jede kriegt ihre
Nummer in Schnäpsen
weil keine auftaucht
bleibt mir nur der Schlaf
Laevia sex cyathis, septem Iustina bibatur,
quinque Lycis, Lyde quattuor, Ida tribus.
omnis ab infuso numeretur amica Falerno,
et quia nulla venit, tu mihi, Somne, veni.
(Martial: Epigramme I, 71)
Christine
Der Dalai Lama am Steinhuder Meer
Traditionsgaststätte
die alte Kneipe
hat neue Pächter
im Radio plärrt jetzt
Pop ohne Pause
mit wummerndem Bass
und Werbegeschwätz
ich spare mir das
und bleib zu Hause
Seine Lichtregie
Mein Morgentee
Altweibersommer
wie schön der Herbst ist
die Balz ist vorbei
sogar die Vögel
halten die Luft an
und aus den stillen
Wiesen und Wäldern
weht uns heimatlich
modriger Duft an
Tagescreme
Suleika
Notstand
Seilbahntouristin
(Blutige Alm, Innerkrems, Kärnten)
sie blickt verdrossen
ihr läuft die Nase
die fetten Schenkel
zittern verfroren
was hat ein Trampel
in kurzen Hosen
bei Regen auf dem
Gipfel verloren?
Hund und Mensch
(ein Minneliedchen)
ich reime für dich Reime
der Hund bellt nach dem Mond
der Mond erglänzt im Teich zwar
doch bleibt er unerreichbar
das ist der Hund gewohnt
verhüllt den Mond Gewölke
verstummt und döst das Tier
und ist dein Ohr verschlossen
so bin auch ich verdrossen
und trinke still mein Bier
grad warst du hinter Wolken
nun strahlst du mondlich hell
und ach dein Ohr ist offen
ich schreibe wie besoffen
mein Verslein mein Gebell
Tauchurlaub
Frau Schultze wählt die Malediven
als Herbsterholungsurlaubsort
sie läßt sich in die Lüfte hieven
und düst mit einem Flugzeug fort
sie schnappt sich ihre Taucherbrille
schnallt ihre Flosse an den Fuß
schwebt durch endiviengrüne Stille
erwidert feucht der Fische Gruß
und wird da unten nass und nasser
der Tang wogt rot ein Seeaal naht –
mir reicht mein Schreibtisch brauch kein Wasser
bin nur ein trockner Literat
Chinesische Gärten
Verkehrslärm Werbung
Baustellenwüsten
Aktienkurse
und Fortschritt in spe
dann plötzlich Stille
schwingende Dächer
Goldfische Bambus
und duftender Tee
Aus Erfahrung klug
Schuhsymbolik
Hochhaussiedlung bei Suzhou
von ganz weit oben
nach unten gucken
beim Fensterputzen
stets auf der Hut sein
zum Brötchenholen
ein halbes Leben
im Aufzug schweben
kann das denn gut sein?
Löwenwaldgarten in Suzhou
einst von stillen und
vornehmen Menschen
als Ort des Denkens
und Dichtens gebaut
heute jagen dort
laute Touristen
nach Facebookfotos
mit viel nackter Haut
Gartentraum
Pumps
Ruhetag II
Junge Frau in der Nanjing Lu
(Shanghai)
ihr Auge funkelt
sie zwinkert mir zu
mir eselsgrauem
zottigem Alten
statt feministisch
verhetzt und verschreckt
mich gleich für einen
Unhold zu halten
Am Shanghaier Bund
Lotus
Chinesische Trabantenstädte
Interkulturelle Pädagogik in der Shanghaier Metro
Wolkenkratzer in Shanghai
Sommernacht
Sommeruniform
Ballett 2013
Kinderfoto
Kühler Sommer
Tröstliches zur Globalisierung
Sommervorlesung
Der Mann
Ruhetag I
heute kein Kraxeln
auf steile Gipfel
kein Turnen über
Grate und Klüfte
sitze im Garten
bei einem Glas Wein
sanft schnurrt die Katze
an meiner Hüfte
Origami
Im Biergarten
Bergliedchen
Kleine Monster
die Kinder herrschen
im ganzen Hause
sie sprengen alle
Grenzen und Regeln
noch sind sie niedlich
warte nur balde
mausern sie sich zu
Zicken und Flegeln
JVA Kinderbett
seit man sie abends
nicht mehr alleinlässt
haben die Kinder
umfassende Macht
wenn sie nicht schlafen
sind ihre Eltern
ihre Gefangnen
na denn – gute Nacht!
Alte Flamme
Villa Borghese
„Rome wasn’t built in one day …“
Hartnäckiger Irrtum
man kennt sich selbst nicht
versteht die Welt nicht
wird bald gestreichelt
und bald geschunden –
das alte Märchen
dass Kindheit schön sei
haben gewiss die
Mütter erfunden
La Fornarina
(eine Erinnerung an Fritz Graßhoff
im Palazzo Barberini, Rom)
als Raffael die
Bäckerin malte
hat er nicht nur den
Pinsel geschwungen
sondern dabei auch
den raffinierten
Grundriss der Brötchen
geistig durchdrungen
Odysseus im Hotel
Bildbetrachtung
Stewardessen II
Stewardessen I
beim Einstieg tanzen
sie äußerst adrett
auf Zehenspitzen
Gepäckfachballett
oft schweben sie dicht
vor mir in der Luft
ich atme tief ein
und schwelge im Duft
Römische Klingelknöpfe
Der alte Herr Huang
(Shanghai)
pausenlos prahlt er
mit seinen Erfolgen
mit seinem Besitz
mit seinen Kniffen
im Garten lächelt
ein steinerner Buddha
den hat er gekauft
und nicht begriffen
Altes Spielzeug
Junkie
Bitterer Ruhm
Anfängerseminar
durch den vertrackten
Methodenreifen
den der Dozent hält
springen sie locker
ohne zu wissen
warum und wozu
zirkustierfromm von
Hocker zu Hocker
Nichts aber nutzt eine Beschäftigung, egal womit, wenn es dem nicht zuerst etwas gibt, der sich mit etwas beschäftigt – nur so öffnet sich mehr als eine Variante bestehender Begriffe!
(Rolf Dieter Brinkmann: Rom, Blicke 1979, 115)
Der Sinn des Lebens
Abend für Abend
beim Lichtausknipsen
die klare Einsicht
das Leben ist Stuss
morgens erscheint es
mir wieder sinnvoll
allein schon weil ich
ja frühstücken muss
Die Amsel
Revolutionärer Vorschlag zur Optimismusprophylaxe
Zukunftsforscher
und Pädagogen
sollten vielleicht doch
kinderlos bleiben
dass sie die Welt nicht
Kindern zuliebe
durch rosarote
Brillen beschreiben
Duckmäuser
es fehlen ein paar
knorrige Typen
die unverblümte
Meinungen sagen
wir sind inzwischen
so eingeschüchtert
dass wir schon kaum mehr
zu lachen wagen
Jakobsmuscheln
Moderner Sichtschutz
Ehrgeiziger Forscher
Langer Winter
Ruhm trübt den Blick
Großkopferte sind
fatalerweise
zum Optimismus
quasi gezwungen
die brauchen Zukunft
als Vorführleinwand
für all die Siege
die sie errungen





























































































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