§1 die Kellnerinnen
haben als Werbung
Latzlederhöschen
überzuziehen
§2 die Hose der Wirtin
die reicht aus Gründen
des Jugendschutzes
bis zu den Knien
Kulturwandel im Gebirge
(Innsbruck)
im Stadtgewühl das
Seil auf dem Rucksack?
die Zeitgenossen
von Hermann Buhl
hielten dergleichen
für Angeberei
heute dagegen
gilt das als cool
Hermann Buhl (1924 – 1957): österreichischer Bergsteiger; Erstbesteiger des Nanga Parbat und des Broad Peak; Pionier des Alpinstils.
Mukai Kyorai (1651-1704)
Was soll denn das?
… mit dem Langschwert gegürtet
zur Kirschblütenschau?
aus: Haiku. Gedichte aus fünf Jahrhunderten. Japanisch / Deutsch. Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller. Unter Mitwirkung von Kaneko Tõta und Kuroda Momoko. Stuttgart: Reclam 2017. S. 86.
München Hauptbahnhof
Radiogottesdienst
die armen Götter
was haben deren
Ohren und Hirne
da auszuhalten
die müssen sowas
beruflich hören
ich kann mir leisten
es abzuschalten
Metamorphose
Grünes Xuzhou
Zikaden zirpen
sanftes Geplätscher
in grünen Teichen
wohin ich schaue
in grünen Feldern
hellgrüne Weiden
warte bald grünen
mir Bart und Braue
沈德潜(1673-1769): 过许州
到处陂塘决决流
垂杨百里罨平畴
行人便觉须眉绿
一路蝉声过许州
Shen Deqian (1673-1769): An Xuzhou vorbei
Überall plätschern „Jue-jue“ die Teiche.
Und überall hängen Trauerweiden in die Felder.
Ich Reisender habe das Gefühl, Bart und Brauen werden mir grün,
wenn ich von Grillen umzirpt an Xuzhou vorbeikomme.
(Das Gedicht bezieht sich auf das heutige Xuchang in der chinesischen Provinz Henan.)
Herbststrom
vom Gipfel seh ich
die Sonne sinken
die Stadt inmitten
der Berge liegen
und über dem
meerwärts eilenden Strom
den blauen Himmel
nach Westen fliegen
孔尚任(Kong Shangren, 1648-1718): 北固山看大江
孤城铁瓮四山围
绝顶高秋坐落晖
眼见长江趋大海
青天却似向西飞
Bildinschrift
Berge malt man am
besten im Regen
Wälder und Gipfel
dunstig verschwommen
wie Frauenlocken
im trüben Spiegel
und Geister die aus
den Wolken kommen
Ausschnitt aus einer Gebirgslandschaft von Mi Youren (1074–1151)
蔣士銓 (1725-1785): 題畫
不寫晴山寫雨山
似呵明鏡照煙鬟
人間萬象模煳好
風馬雲車便往還
Jiang Shiquan (1725-1785): Auf ein Bild geschrieben
Malt nicht die sonnigen Berge, malt die Berge im Regen – wie Frauenhaar im behauchten Spiegel. Die Dinge dieser Welt sind unscharf am schönsten; die guten Geister
kommen und gehen durch Wolken.
Die Hauptsache
Seniorentreff
Peter besticht mit
pechschwarzer Mähne
Sabines Haarpracht
glänzt silberfuchsblau
Eva soll hört man
überall blond sein
nur ich Versager
bin immer noch grau
Nur ein Viertelstündchen
Nora gehorcht dem
Terminkalender
denn ihre Zeit ist
spärlich bemessen
für fünf Uhr steht da
Sünde begehen!
für fünf Uhr fünfzehn
Sünde vergessen!
et jov Zickde
do hant
die net iesch
jedesmol
op de Uhr
jesenn
(Ludwig Soumagne: Usjesproche nävebee bemerk. Gedichte im niederrheinischen Dialekt. Krefeld: van Acken, 3. Aufl. 1986. 9.)
Ohne Anker
einst unter Kiefern
auf steilen Pfaden
nun alt und kraftlos
mir selbst zum Lachen
heute wie damals
bin ich gelassen
im Strom der Zeit ein
treibender Nachen
拾得: 自笑詩
自笑老夫筯力敗
偏戀鬆岩愛獨游
可嘆往年至今日
任運還同不系舟
Partial to pine cliffs and lonely paths
an old man laughs at himself when he falters
even now after all these years
trusting the current like an unmoored boat
Shide / Shih-te (9. Jhdt.)
(The Poems of Pickup (Shih-te). 拾得詩. In: The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 282f., 27.)
Rheinische Mutter
isch kann et nit jlöve
de Tied verjeht flück
nu is dä Jung all
rischtisch Professer
dat deid äwwer nix
de Mamma bliev isch
wenn et drup aankütt
weiß isch et besser
Herr Keuner und Irma
Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte,
begrüßte ihn mit den Worten:
,Sie haben sich gar nicht verändert.‘
,Oh!‘ sagte Herr K. und erbleichte.
(Bertolt Brecht)
sagt man Herrn Keuner
er sei seit Jahren
ganz unverändert
trifft ihn der Schock
Irma dagegen
wird sie mit ihren
Töchtern verwechselt
kürzt ihren Rock
Im Bistro
Kühler Mai
Korrekte Sprache
wir Heutigen sind
kein bisschen besser
wohl aber mehr von
uns selbst durchdrungen
listig bedecken
wir unsre Blöße
mit einem Schurz aus
Beschönigungen
Vogel am Bach
sitzen und träumen
allein im Bergwald
Duftblüten fallen
die Frühlingsnacht still
aufgeht der Goldmond
am Bach im Talgrund
erschrickt ein Vogel
und pfeift einmal schrill
王維 (701-761): 鳥鳴澗
人閒桂花落
夜靜春山空
月出驚山鳥
時鳴春澗中
Wang Wei (701-761): Bird-singing Stream
Man at leisure. Cassia flowers fall.
Quiet night. Spring mountain is empty.
Moon rises. Startles a mountain bird.
It sings at times in the spring stream.
(Yip Wailim: Chinese Poetry. Major Modes and Genres. Berkeley and Los Angeles: University of California Press. 1976. 306.)
Vatertag
Himmelfahrtstag
tiefe Stille wie im Keller
kein rotierender Propeller
keine heulenden Turbinen
keine donnernden Maschinen
kein James Bond der unerwartet
mit dem Düsenrucksack startet
nur ein Lupfen ein Sichheben
ein verzücktes sanftes Schweben
so ein Armeseitwärtsbreiten-
unddanndurchdiewolkengleiten
und dabei noch Sprit gespart
wundersame Himmelfahrt
Im Orchideenpavillon
die Büsche am Bach
in voller Blüte
Fischschuppen blitzen
unten im Licht
frohgemut werfe
ich meine Angel
ob einer anbeißt
kümmert mich nicht
王彬之 (ca. 400): 蘭亭
鮮葩映林蒲
游鳞戲清渠
臨川欣投釣
得意豈在魚
Wang Binzhi (ca. 400): Orchid Pavilion
Beaming flowers in the thicket
Sporting fishes [sic] in clear stream.
At the Bank, cast a line
Fully content – fish or no fish.
(Yip Wailim: Chinese Poetry. Major Modes and Genres. Berkeley and Los Angeles: University of California Press. 1976. 178f.)
Die Lösung
künftig verstopfe
ich mir die Ohren
ganz ohne Musik
und einfach nur dicht
drinnen herrscht Ruhe
draußen können die
Leute dann lärmen
ich höre sie nicht
Used Look
sie trägt moderne
zerrissene Jeans
in denen große
Luftlöcher klaffen
ich denk mir den Stoff
um die Löcher weg
weil ich bemüht bin
Ordnung zu schaffen
Kirchturmspitze
Brandbekämpfung
Offenherzig
der blanke Busen
Blendwerk des Teufels?
Bonifaz lehrt uns
so ist es nicht
die Blöße unten
ist eher ein Zeichen
dass oben der Mund
die Wahrheit spricht
Donmenico Tintoretto (1560-1630): Lady revealing her Breast.
According to Bonifacio, revealing a bare breast signifies sincerity, „as the breast is the location of the heart and when referring to speaking truly and sincerely we say it is done from the heart.“ In contrast, covering the breast means „concealing the breast, hiding one’s thoughts and concealing one’s intentions.“ (Bildbeschriftung im Prado)
Venus, Amor und Organist
Im Prado
hier kannst du blindlings
darauf vertrauen
dass du vor einem
Meisterwerk stehst
du brauchst nicht einmal
mehr hinzuschauen
damit dich der Atem
der Musen umweht
Grüne Wüste
Malaga 1980
eine spanische Erinnerung
das kleine Hotel
das quietschige Bett
die scharfe Marie
die lauwarme Nacht
als wir am Morgen
zum Frühstück schlichen
haben die Leute
verstohlen gelacht
Flughafenrestaurant
das Rollfeld verwaist
niemand will reisen
kein Flugzeug landet
und keines startet
im Frühlingsdunst kreist
ein einzelner Storch
ob den wohl eine
Störchin erwartet?
Auf dem Gipfel
ringsum Pagoden
bei Sonnenaufgang
krähen die Hähne
wird es auch trüber
vor meinen Augen
treibende Wolken
kümmern mich nicht
ich stehe drüber
王安石 (1021-1086): 登飛來峰
飛來山上千尋塔
聞說雞鳴見日升
不畏浮雲遮望眼
自緣身在最高層
Wang Anshi (1021-1086): Besteigung des Feilai-Berges
tausend Pagoden auf dem Feilai-Berg
bei Sonnenaufgang krähen dort die Hähne
es macht nichts aus wenn treibende Wolken die Sicht behindern
wenn man auf dem Gipfel steht
Wolkenherz
die Wolken kommen
ohne zu grübeln
und ohne Sorgen
ziehen sie fort
dein Wolkenherz
kannst du nicht finden
wie einen Schlüssel
das hat keinen Ort
王安石 (1021-1086): 即事二首
雲從無心來
還向無心去
無心無處尋
莫覓無心處
Wang Anshi (1021-1086)
die Wolken kommen aus dem Nicht-Herzen
sie kehren zum Nicht-Herzen zurück
das Nichtherz kannst du nicht an irgendeinem Ort suchen
suche nicht irgendeinen Nicht-Herz-Ort
Da ist Musik drin
Fachärzte warnen
nun sind schon Kinder
häufig so süchtig
nach Tzz Tzz Bum Bum
zöge man denen
nur fünf Sekunden
die Ohrstöpsel raus
dann fielen sie um
Eigenmächtig
völlig entgeistert
höre ich wie ich
reichlich gewagte
Pläne verkünde
da bringt mich mein Hirn
in Teufels Küche
ich kann nur hoffen
es hat seine Gründe
Ins Gebetbuch einer Unbarmherzigen
wirf dieses Buch fort
dein Beten nützt nichts
liege dem Himmel
nicht in den Ohren
der hilft nur einem
fühlenden Herzen
kalte und stolze
gibt er verloren
John Wilmot, Earl of Rochester (1647-1680):
Written in a Lady’s Prayer Book
Fling this useless book away,
And presume no more to pray.
Heaven is just , and can bestow
Mercy on none but those that mercy show.
With a proud heart maliciously inclined
Not to increase, but to subdue mankind,
In vain you vex the gods with your petition;
Without repentance and sincere contrition,
You’re in a reprobate condition.
François de Malherbe (1555-1628):
Pour mettre au-devant des Heures de Caliste
Tant que vous serez sans amour,
Caliste, priez nuit et jour,
Vous n’aurez point miséricorde.
Ce n’est pas que Dieu ne soit doux:
Mais pensez-vous qu’il vous accorde
Ce qu’on ne peut avoir de vous ?
Aprilmorgen
Sinneswandel
Ein Gastgeschenk
auf der klingenden
glänzenden Zither
Abschiedsliedsaiten
Sehnsuchtsschriftzeichen
und Bildschnitzerei
so klingt mein Leben
Sommer und Winter
mein Herz bleibt traurig
wie gerne säng ich
von Sonne und Mai
鲍令晖: 拟客从远方来
客从远方来
赠我漆鸣琴
木有相思文
弦有别离音
终身执此调
岁寒不改心
愿作阳春曲
宫商长相寻
Bao Linghui (chin. Dichterin, 5. Jahrhundert n. Chr.): Ein Gast von weither
ein Gast kommt von weither
er schenkt mir eine lackierte tönende Zither
auf dem hölzernen Korpus Sehnsuchtsschriftzeichen / Sehnsuchtsmaserung
die Saiten klingen nach Abschied
mein ganzes Leben bleibe ich bei dieser Tonart
auch im Winter ändere ich meine Stimmung nicht (?)
ich möchte ein Lied von Sonne und Frühling singen
in dem die Töne Gong und Shang einander lange suchen (?)
Der Einsiedler und die Klostermönche
während sie betend
in Weihrauchwolken
Jahre auf ihre
Erleuchtung warten
lebe ich jetzt als
heiterer Buddha
unter dem Strohdach
in meinem Garten
盡道凡心非佛性
我言佛性即凡心
工夫只怕無人做
鐵杵磨教作線針
Others say everyday-mind isn’t our buddha nature*
I say our buddha nature is simply everyday-mind
afraid that no one will do any work
they tell us to grind iron rods into needles**
* Buddhists agree that we all possess the potential to become buddhas but differ as to how the realization of buddhahood takes place. While most sects say it is realized in stages and through moral discipline and meditation, the Zen sect prefers the radical approach of Bodhidharma: „If you can find your buddha nature apart from your mortal nature, where is it? Beyond this nature, there is no buddha“ (The Zen Teaching of Bodhidharma: 16-17). Thus, when pointing to the buddha, Zen masters point to the everyday mind.
(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 60f.)
** Die chinesische Wendung „磨杵成針 einen Eisenstab zur einer Nadel reiben“ bedeutet allgemein ’sich beharrlich mühen, Schwierigkeiten überwinden, sorgfältig studieren‘; hier insbesondere ‚durch religiöses Streben die Buddhanatur erlangen‘.
Pavillon am See
zwei Reiher schweben
in weitem Bogen
an mir vorüber
zu ihren Fischen
grün sind die Berge
jetzt nach dem Regen
und weiß die weichen
Wolken dazwischen
Mi Fei / Mi Fu (1051-1107): Pavillon, Kiefern und Berge.
楊載 (1271-1323): 宿浚儀公湖亭
兩兩三三白鳥飛
背人斜去落漁磯
雨餘不遣濃雲散
猶向山前擁翠微
Yang Zai(1271-1323): Pavillon am See
weiße Vögel segeln zu zweit und zu dritt
sie drehen ab und lassen sich auf der Mole nieder
auch nach dem Regen zerstreuen sich die dichten Wolken nicht
sie legen sich vor das Blaugrün der Berge
Der Frosch
laut quakt der Frosch
nach Herzenslust
im grünen Gras
am Teich verborgen
ihn sieht man nicht
mich aber sieht
die Obrigkeit
das macht mir Sorgen
Sengai Gibon (仙厓 義梵 1750-1837)
倪瑞璿 (1702-1732): 聞蛙
草綠清池水面寬
終朝閣閣叫平安
無人能脫征徭累
只有青蛙不屬官
Ni Ruixuan (chin. Dichterin, 1702-1732): Den Frosch hören
im grünen Gras und im klaren Wasser des glatten Teichs
quakt „Ge-ge“ ungestört und in Frieden der Frosch
der Mensch kann sich der Last politischer Zwänge nicht entziehen
den Frosch aber sieht die Obrigkeit nicht
Moderner Unterricht
die Kinder sollen
jonglieren lernen
kein Zweifel das ist
ihnen zu gönnen
doch warum immer
gleich mit fünf Bällen
bevor sie’s auch nur
mit einem können?
Märzmorgen am Schreibtisch
blassroter Himmel
und Pflaumenblüten
lauwarme Lüfte
und flirrendes Licht
Bücher und Schnaps und
heitere Reime
ich setze mich hin
und schreib ein Gedicht
祝允明 (1469-1526): 新春日
拂旦梅花發一枝
融融春氣到茅茨
有花有酒有吟咏
便是書生富貴時
Zhu Yunming (1460-1526): Ein Frühlingstag
am Morgen ein Zweig Pflaumenblüten
ein milder Frühlingswind weht in meine Hütte
es gibt Blumen es gibt Wein es gibt etwas zu singen und zu rezitieren
ein glücklicher Augenblick für einen Literaten
Abendliche Rast auf einem Felsblock
mein Geist ein Bergbach
mein Leib ein Wölkchen
welch eine Freude
müßig zu hocken
Dämmerung senkt sich
auf stille Hügel
von ferne läuten
die Tempelglocken
高攀龍(1562-1626): 枕石
心同流水淨
身與白雲輕
寂寂深山暮
微聞鐘磬聲
Gao Panlong(1562-1626): Rast auf einem Stein
mein Herz ist rein wie fließendes Wasser
mein Körper ist leicht wie eine weiße Wolke
still ist die Abenddämmerung tief in den Bergen
ich höre den leisen Klang der Glocken
Dichter und Damen
Dichten ist mühsam
man muss die Verse
tausendmal ändern
bevor sie klingen
wie reife Damen
bevor sie ausgehn
stundenlang Pinsel
und Bürste schwingen
袁枚 (1716-1797): 遣興
愛好由來下筆難
一詩千改始心安
阿婆還似初笄女
頭未梳成不許看
Yuan Mei (1716-1797): Über das Dichten
Etwas Schönes zu schreiben ist immer schwer.
Mit einem Gedicht ist man erst nach tausend Änderungen zufrieden.
Eine alte Frau, selbst wenn sie noch aussieht wie eine Fünfzehnjährige,
mag sich nicht zeigen, solange sie ihr Haar nicht tadellos gekämmt hat.
homo oeconomicus
man soll ein Fuchs sein
soll Steuern sparen
sein Geld anlegen
nach Reichtum streben
Preise vergleichen
Warentests lesen
und Schnäppchen kaufen –
darf man auch leben?
Ballettbanause
“Water Stains on the Wall”Cloud Gate Dance Theatre Taibei
Hannover, 4. April 2015
todernster Kampfsport
Tüllpluderhosen
schwarzweißer Marmor
und Tempelglöckchen
ich lobe mir da
ein wenig Humor
beschwingte Musik
und kurze Röckchen

[…] I start by saying that it left me cold throughout its almost 75 minutes. […] Differences of gender are played down: there is no partnering, no touch (though there are male-female duets), and any distinctions between male and female dance style are subtle. […] “Water Stains on the Wall,” devoid of lightness or humor, keeps celebrating the skill of its own style, like a film actor whose performance tells you he is determined to win the Oscar this time. (Alastair Macaulay, The New York Times, 13.10.2011)
Auf der Suche nach dem Gleichgewicht
Bistro
gefärbtes Blondhaar
Lippenstiftschnute
ein blanker Goldzahn
kurze Klamotten
mit dieser Alten
würde ich gern mal
beim Frühstück über
Jugendwahn spotten
you boys can keep your virgins
give me hot old women in high heels
(Charles Bukowski: One of the Hottest.
Aus: Love is a Dog from Hell. Poems 1974-1977.
Santa Rosa: Black Sparrow Press 1977.)
Zuhälter
was ist das? hab ich
mich früher gefragt
wer der nicht aufmacht
wenn man bei ihm klopft?
oder am Ende
eine Art Klempner
der etwas zuhält
damit es nicht tropft?
Marie am Meer
Hühnergötter
die Löcher leuchten
die groben Steine
wirken dagegen
dunkel und krumm
trotzdem sollte man
sie nicht verachten
was ist ein Loch schon
ohne was drum?
Hui Dsï sprach zu Dschuang Dsï: „Ihr redet von Unnötigem.“ Dschuang Dsï sagte: „Erst muss einer das Unnötige erkennen, ehe man mit ihm vom Nötigen reden kann. Die Erde ist ja weit und groß, und doch braucht der Mensch, um zu stehen, nur soviel Platz, dass er seinen Fuß darauf setzen kann. Wenn aber unmittelbar neben dem Fuß ein Riß entstünde bis hinab zu der Unterwelt, wäre ihm dann der Platz, worauf er steht, noch zu etwas nütze?“ Hui Dsï sagte: „Er wäre ihm nichts mehr nütze.“ Dschuang Dsï sagte: „Daraus ergibt sich klar die Notwendigkeit des Unnötigen.“
(Dschuang Dsi: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland. Aus dem Chinesischen übertragen und erläutert von Richard Wilhelm. München: Diederichs 1991. 281)
惠子謂莊子曰:「子言無用。」莊子曰:「知無用而始可與言用矣。天地非不廣且大也,人之所用容足耳,然則廁足而墊之致黃泉,人尚有用乎?」惠子曰:「無用。」莊子曰:「然則無用之為用也亦明矣。」
Von der Reise zurück
Refugium
hier ist man immer
ruhig und geborgen
die Kiefern murmeln
ein sanftes Gedicht
mein Haar ist grau ich
lese und sinne
der Pfad vergessen
zurück will ich nicht
Ausschnitt aus einem Bild von Qi Baishi (1864-1957)
欲得安身處
寒山可長保
微風吹幽松
近聽聲愈好
下有斑白人
喃喃讀黃老
十年歸不得
忘卻來時道
Looking for a refuge
Cold Mountain will keep you safe
a faint wind stirs dark pines
come closer the sound gets better
below them sits a gray-haired man
chanting Taoist texts
ten years unable to return
he forgot the way he came
(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 38f., 4)
Nicolai Café Stralsund
draußen glänzt Backstein
mit Grünspantürmchen
ich sitze drinnen
lese Benns Worte
allein und schweigend
tröste mich aber
mit grünem Tee und
Preiselbeertorte
Gottfried Benn: Worte
Allein: du mit den Worten
und das ist wirklich allein,
Clairons und Ehrenpforten
sind nicht in diesem Sein.
Du siehst ihnen in die Seele
nach Vor- und Urgesicht,
Jahre um Jahre – quäle
dich ab, du findest nicht.
Und drüben brennen die Leuchten
in sanftem Menschenhort,
von Lippen, rosigen, feuchten
perlt unbedenklich das Wort.
Nur deine Jahre vergilben
in einem anderen Sinn,
bis in die Träume: Silben −
doch schweigend gehst du hin.
Märzmorgen am Prerower Strand
Einsiedelei
mein Abendbrot sind
die roten Wolken
ich wohne wo die
Menschen nicht sind
geheime Bäche
flüstern und murmeln
die hohen Kiefern
stöhnen im Wind
hier ist es kühl
das Wetter ist rauh
du musst zu Fuß gehn
du kannst nicht fahren
und doch vergisst du
in ein paar Stunden
die Sorgenlast von
einhundert Jahren
有一餐霞子
其居諱俗遊
論時實蕭爽
在夏亦如秋
幽澗常瀝瀝
高松風颼颼
其中半日坐
忘卻百年愁
A man who lives on rose-coloured clouds
shunned the usual haunts for a home
every season is equally dead
summer is just like fall
a dark stream always babbles
a towering pine wind sighs
sitting here less than one day
he forgets a whole lifetime of sorrow
(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 54f., 27)
Selbstgewählte Einsamkeit
am Ostseeufer
hinter den Dünen
krumme Kiefern und
Krähengeschrei
fernab von allem
ziehen die Stunden
die mir noch bleiben
an mir vorbei
蔔擇幽居地
天臺更莫言
猿啼溪霧冷
嶽色草門連
折葉覆松室
開池引澗泉
已甘休萬事
采蕨度殘年
I chose a secluded place to live
Tientai says it all
gibbons howl and the stream fog is cold
a view of the peak adjoins my rush door
I cut some thatch to roof a pine hut
I made a pool and channeled the spring
glad at last to put everything down
picking ferns I pass the years left
(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 88f., 79)
Zeitzeugen
Teeschale mit sogenannten Windflüchtern
die krummen Kiefern
sind mir die liebsten
flüchten habe ich
keine gesehen
die sind zwar manchmal
zerzaust und verweht
aber sie bleiben
unverzagt stehen
Windflüchter sind Bäume und Sträucher, die ihre Form durch den meist aus nur einer Richtung wehenden Wind erhalten. Die Schale stammt aus der Werkstatt von Friedemann Löber im Dornenhaus in Ahrenshoop.
Marienkirche Stralsund
Haute cuisine in Ahrenshoop
kein Koch zu sehen
die Kellnerin murkst
mit Plastikeimern
und einer Kelle
dann schiebt sie das Zeug
nach Feinschmeckerart
zum Aufwärmen in
die Mikrowelle
Ahrenshoop
Im Wald
Vor Sonnenaufgang
Nacht über Prerow
Rotes Sofa
Februar in Prerow
Autodesign
Ein Musterprojekt
Der Karnevalsumzug in Hannover aus der Sicht eines staunenden Rheinländers
Schüchterne Frage an eine Sexismus-Expertin
„Feindliche Sexisten gehen auch davon aus, dass Frauen das Ziel haben, Macht und Kontrolle über Männer zu bekommen.“ (die Osnabrücker Sozialpsychologin Prof. Dr. Julia Becker in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 14.2.2015)
klar! es ist Unfug
sämtlichen Frauen
Machtgier und Herrschsucht
zu unterstellen!
darf man denn manchmal
trotzdem was merken?
sozusagen in
Ausnahmefällen?
Toleranter Lehrer
er war verbindlich
duldsam und friedlich
und immer bemüht
uns einzuschärfen
man müsse alle
Ideologen
die Kellertreppe
hinunterwerfen
Putiphars Weib
Überseemuseum
Hütten und Wigwams
sind längst verlassen
die Eingebornen
sind ausgeflogen
die meisten haben
gleich vor der Türe
am Bahnhofsvorplatz
Quartier bezogen
Modenschau
Verdacht
will ich in diesem
Haufen von Reimen
der mir im Schädel
brodelt und gärt
schließlich eine Art
Weltformel finden
die all den Irrsin
triftig erklärt?
In der Stadt
die jungen Damen
hübsch und unnahbar
mit Blumen im Haar
in roter Seide
von Düften umwölkt
Rouge auf den Wangen
die Männer gaffen
sehen nichts andres
lecken die Lippen
gierige Köter
schnappen ins Leere
dumm vor Verlangen
bald sind die Schönen
graue Gespenster
wir Männer aber
sind in unseren
Hundeherzen auf
ewig gefangen
儂家暫下山
入到城隍裏
逢見一羣女
端正容貌美
頭戴蜀樣花
燕脂塗粉膩
金釧鏤銀朵
羅衣緋紅紫
朱顏類神仙
香帶氛氳氣
時人皆顧盼
癡愛染心意
謂言世無雙
魂影隨他去
狗齩枯骨頭
虛自舐脣齒
不解返思量
與畜何曾異
今成白髮婆
老陋若精魅
無始由狗心
不超解脫地
One day I left the Mountains
and entered the city gate
and saw a group of girls
their noble an lovely faces
with flowered hairdos of Shu
rouge from Yen powder and oil
golden bracelets chased with silver
sheerest silks of red and purple
their rose-colored cheeks were like an immortal’s
their perfume trailed in clouds
the men all turned to look
infatuation darkened their minds
thinking the world had no equals
their hearts and shadows followed behind
dogs gnawing on dry bones
licking their teeth and lips in vain
not knowing how to reflect
how were they different from beasts
and now the girls are white-haired crones
old mean and ghostly
it’s always due to their dog hearts
men don’t ever get free
(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 151f., 168)
„Sagen Sie doch was!“
tritt dir mal wieder
wer auf die Füße
dann bist du selbst schuld
mach keinen Wind
du hättest vorher
halt sagen müssen
dass deine Zehen
empfindlich sind
Beim Wein
im Herzen der Stadt
und doch gar nicht hier
ich denke träume
und höre weder
Menschen noch Wagen
ich schreibe Verse
seh Vögel im Wind
und helle Wolken
worin der Sinn liegt
wer kann das sagen
陶淵明: 飲酒
結廬在人境
而無車馬喧
問君何能爾
心遠地自偏
採菊東籬下
悠然見南山
山氣日夕佳
飛鳥相與還
此還有真意
欲辨已忘言
Tao Yuanming (365/772?-425): Drinking Wine
I built my hut on the realm of men
yet I hear no rumble of horse and carriage.
Pray, sir, how can this be true?
When the mind’s far away, your land too is remote.
I pick chrysanthemums by my eastern hedge;
far off I see the southern hills.
How fine the sunset through mountain mists,
and the soaring birds come home together.
There is some real meaning in all of this,
though when I try to grasp it I forget the words.
(Paul Rouzer: http://afe.easia.columbia.edu/at/song/song28.html)
Werbeclip
Laozi und ich
Laozi lehrt uns
der Dumme redet
während der Weise
verschwiegen bleibt
was aber ist dann
Laozi selber
wenn er fünftausend
Verszeilen schreibt?
白居易: 讀老子
言者不如知者默
此語吾聞於老君
若道老君是知者
緣何自著五千文
Bai Juyi (772-846): Laozi lesen
die Redenden wissen nichts, die Wissenden bleiben stumm
das habe ich von dem alten Gentleman gehört
wenn der alte Gentleman ein Wissender war
warum hat er dann fünftausend Verse geschrieben?
Buche im Schnee
Casting
Dame mit Hund
Am Schreibtisch
Scharen von Vögeln
südwärts gezogen
ein Wölkchen müßig
vorbeigeflogen
mein Birnbaum rührt sich
nicht von der Stelle
der bleibt mir weiter
herzlich gewogen
李白 獨坐敬亭山
眾鳥高飛盡
孤雲獨去閑
相看兩不厭
只有敬亭山
Li Bai (701—762): Allein im Angesicht des Jingtingbergs
Scharen von Vögeln sind in große Höhen geflogen
eine einsame Wolke ist müßig fortgetrieben
wir beide werden nicht müde einander anzusehen
nur der Jingtingberg und ich
Text nach: Lu Shuxiang/ Xu Yuanzhong: Gems of Classical Chinese Poetry in Various Translations. Hongkong: Joint Publishing 1988. 139.
Breaking News
früher las man nur
ab und zu Zeitung
heute dagegen
ist man bestrebt
jede Minute
online zu sein um
sicherzugehen
dass man noch lebt
Teestunde
Ahnungslos
jetzt tragen deutsche
Schildbürger Schilder
sie seien Charlie
ich kann nur lachen
hätten die Charlie
jemals gelesen
würden sie sich aus
dem Staube machen
Perspektiven
Das Kloster am Zerbrochenen Berg
die höchsten Wipfel
beim alten Kloster
von Morgensonne
golden gefleckt
jenseits des Pfades
die bunte Halle
tief in Bambus und
Blüten versteckt
die Vögel tanzen
über den Bergen
mein Herz ist leer ein
spiegelnder Teich
friedliche Stille
nur aus der Ferne
der Ton der Glocke
schwebend und weich
常建 題破山寺後禪院
清晨入古寺
初日照高林
竹徑通幽處
禪房花木深
山光悅鳥性
潭影空人心
萬籟此都寂
但餘鐘磬音
Chang Jian (8. Jhdt.): The Meditation Hall of Po Mountain Temple
In the clear morning one enters this old temple;
the rising sun shines on the tops of the trees.
A bamboo footpath takes one through to a secluded spot;
the meditation room is deep in the flowers and trees.
The mountain light makes the birds joyous;
the reflection in the pool empties a human mind.
Ten thousand sounds here are all silent;
only the sounds of the bells remain.
(eastasiastudent.net/china/classical/chang-jian-tipo-shan-si)
Diplom
er hat die Sache
von Grund auf studiert
kann alles klären
alles verstehen
er kann die Käfer
am Boden zählen
doch ach den blauen
Himmel nicht sehen
Neujahrsmorgen
vor meinem Fenster
der treue Birnbaum
in meinem Spiegel
vertraute Falten
auf meinem Schreibtisch
duftender Grüntee
melde gehorsamst
alles beim alten
Alte Münzen
wir glauben wunders
was wir da reden
und sind uns meistens
gar nicht im klaren
in wieviel Mündern
dieselben Wörter
dieselben Sätze
schon einmal waren
Die Bestandteile unseres Denkens sind selbst in den individuellsten, intimsten Handlungen und Augenblicken unserer Existenz … Klischees, endlose Wiederholungen. Sie mobilisieren, am hervorstechendsten in einem Zeitalter der Massenmedien und beschränkter Schreib- und Lesekenntnis, identische Wörter und Bilder. … Die Wörter, die Sätze, die wir benutzen, um unser Denken nach innen oder außen zu übermitteln, gehören einer gemeinsamen Währung an. Sie demokratisieren die Intimität. (George Steiner: Warum Denken traurig macht. Zehn (mögliche) Gründe. Frankfurt: Suhrkamp 2006. 26f.)
Wasser und Holz
täglich dasselbe
ich bins zufrieden
kein Für kein Wider
kein Gram und kein Stolz
mein Ehrenzeichen
die klaren Berge
mein Zauber ich schleppe
Wasser und Holz
日日事無別
惟吾自偶諧
頭頭非取捨
處處沒張乖
朱紫誰爲號
邱山絶塵埃
神通並妙用
運水及搬柴
龐蘊居士 Pang Yun jushi / 龐居士 Hõ Koji (740-808)
In my daily life there are no other chores than
Those that happen to fall into my hands.
Nothing I choose, nothing reject.
Nowhere is there ado, nowhere a slip.
I have no other emblems of my glory than
The mountains and hills without a spot of dust.
My magical power and spiritual exercise consists in
Carrying water and gathering firewood.
(anonym)
Schönfärberei
„Sie sind perfekt! … Sie müssen nichts ändern, Sie sind das Perfekteste, was eben gerade möglich ist. Es soll alles gut werden. Für uns alle. … ich umarme Sie … .“ (Sibylle Berg in Spiegel Online am 27.12.2014)
die Zeitungstante
schmeichelt uns Lesern
wir seien perfekt
sie sollte wissen
dass wir halb gut sind
halb aber grausam
gefräßig gierig
geil und gerissen
Spaziergang am Weihnachtsabend
Advent
ich schwebe ins Bad
auf Jünglingsfüßen
blicke mein Bildnis
im Spiegel an
und pralle zurück
mit diesem Graukopf
tauge ich grad noch
als Weihnachtsmann
Am Fenster
Steckbrief
zierliche Schühchen
seidige Strümpfchen
wippendes Kleidchen
lockige Mähne
niedliche Grübchen
lachende Äuglein
im süßen Köpfchen
eiskalte Pläne
Schwalbenliedchen
(Ronsard für die Westentasche)
vorlaute Schwalbe
halt deinen Schnabel
oder ich rupf dir
die kleinen Schwingen
stutz dir die Zunge
mit scharfem Messer
dann ist es aus mit
Zwitschern und Singen
pfeif meinetwegen
den ganzen Tag lang
in meinem Schornstein
über der Stiege
nur weck mich bitte
ja nicht am Morgen
wenn ich im Traum noch
bei Trude liege
Pierre de Ronsard (1524-1585): Odes retranchées 74
Tay-toy, babillarde arondelle,
Ou bien je plumeray ton aile,
Si je t’empoigne, et d’un cousteau
Je te couperay ta languette,
Qui matin san repos caquette,
Et m’estourdit tout le cerveau.
Je te preste ma cheminée
Pour chanter, toute la journée,
De soir, de nuict, quand tu voudras ;
Mais au matin ne me resveille
Et ne m’oste, quand je sommeille,
Ma Cassandre d’entre les bras.
An Marie
(Ronsard für die Westentasche)
Küss mich, nein, saug mir
das Herz aus, die Luft,
saug mir die Seele
aus allen Adern!
Tu’s lieber doch nicht!
Du machtest mich zum
Gespenst und würdest
ewiglich hadern.
Lass uns uns lieben!
Wir sind noch nicht tot,
noch sind wir munter!
Die Liebe blüht nur
über der Erde
und nicht darunter.
Pierre de Ronsard (1524-1585): Les Amours de Marie, XLIV
Marie, baisez-moy : non, ne me baisez pas,
Mais tirez moy le cœur de vostre douce haleine :
Non, ne le tirez pas, mais hors de chaque veine
Succez-moy toute l’ame esparse entre vos bras :
Non, ne la succez pas : car apres le trespas
Que serois-je sinon une semblance vaine,
Sans corps desur la rive, où l’amour ne demeine
(Pardonne moy Pluton) qu’en feintes ses esbas ?
Pendant que nous vivons, entr’aimons nous, Marie,
Amour ne regne point sur la troupe blesmie
Des morts, qui sont sillez d’un long somme de fer.
C’est abus que Pluton ait aimé Proserpine,
Si doux soing n’entre point en si dure poitrine :
Amour regne en la terre et non point en enfer.
wörtlich: Marie, küss mich; nein, küss mich nicht; aber saug mein Herz aus mit deinem süßen Atem; nein, saug es nicht aus; aber saug mir in deinen Armen meine ganze Seele aus jeder Ader. – Nein, saug es nicht aus; denn was wäre ich nach meinem Tod als ein leerer Schatten ohne Körper auf jenem Fluss, auf dem die Liebe (verzeih mir Pluto) nicht einmal eine schwache Phantasie ist. – Solange wir leben, lass uns einander lieben, Marie.Die Liebe regiert nicht die blasse Gesellschaft der Toten in ihrem langen, eisernen Schlaf. – Es ist eine Lüge, dass Pluto Proserpina geliebt habe: Ein so süßes Gefühl gelangt nicht in eine derart gefühllose Brust. Die Liebe regiert auf der Erde und nicht in der Unterwelt.
(Proserpina, Tochter des Jupiter und der Ceres, von Jupiter in die Unterwelt entführt und zu seiner Ehefrau gemacht, ist die Königin der Unterwelt.)
Weiße Hütte
wachsbleicher Himmel
Eiszapfen hängen
von meiner Traufe
in frostige Luft
nachts fällt kein Schnee mehr
durchs Fenster von fern
der Pflaumenblüten
noch zaghafter Duft
白庵
一色虛明含法界
四檐皎潔若冰霜
小窗幾度雪晴夜
不見梅花只覺香
White Hut
The world is surrounded by a one-color sky
my eaves are white as ice
at night through my windows when the snow stops
no sign of plum blossoms only their scent
(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 116f.)
An Lyce
Dank sei den Göttern!
nun bist auch du alt
hast trotz all der Cremes
zehntausend Falten
du willst noch schäkern?
Amor umflattert
jüngerer Frauen
holde Gestalten
einst warst du mein Schwarm
doch nun bist du grau
kein Jüngling wünscht sich
in deine Nähe
einst warst du Feuer
nun bist du Asche
du lebst noch aber
als alte Krähe
Horaz: Carmina IV, 13. ►Text und wörtliche Übersetzung
„Der Dichter spottet mit dem größten Muthwillen über eine Spröde, die nun alt wird. […] Allerdings geschieht dies mit einer Laune, die unser Zeitalter nicht ertragen würde, die aber die Denkungsart der Alten so unschicklich nicht fand.“ (Paul Friedrich Achat. Nitsch, Pfarrers zu Ober- und Niederwuntsch Vorlesungen über die klassischen Dichter der Römer. Leipzig 1793. S. 108.)
Kuchenvitrine im Stadtcafé
Weihnachtsfrieden
zum Christfest wollen
die braven Deutschen
sich innig lieben
statt sich zu streiten
sie töten einander
dann nicht mit Knüppeln
sondern mit Fusel
und Süßigkeiten
A Portrait of the Artist as a Young Man (1974)
Selbstbildnis in der neuen Dusche
rings Glas und Spiegel
ich sehe unscharf
weil ohne Brille
doch so viel ist klar
da steht im warmen
rieselnden Regen
ein nackter Affe
mit silbernem Haar
Tigerlily – nach 50 Jahren?
Frage an einen Besucher aus der alten Heimat
hast du dort kürzlich
die kleine Rote
durch meine Straße
spazieren sehen?
die pflegte damals
frühmorgens immer
im Wildkatzenjäckchen
zur Schule zu gehen
君自故鄉來
應知故鄉事
來日綺窗前
寒梅著花未
(王維)
Du kommst gerade aus meinem alten Dorf und weißt sicher, wie die Dinge dort stehen: Blühte, als du aufbrachst, die Winterpflaume vor meinem Fenster? Wang Wei (701-761)
Die Prinzessin auf der Erbse
Lieber Himmel,
Collage
Römischer Brunnen
Novemberspaziergang
Nachtflug nach Shanghai
(Februar 2014)
ein hässliches Kind
kein bisschen charmant
pausenlos schreit es
verbissen und grell
die Stewardessen
finden es niedlich
bravo! das nenne
ich professionell
Mal was anderes
lg
sie langweilen mich
die Leute schreiben
keine Gedanken
nur Kurznachrichten
nur leeres Blabla
mit lieben Grüßen
auf solchen Unfug
kann ich verzichten
Beim Betrachten eines alten Schwarzweißfilms
Wirklichkeit
in meiner leeren
Hand liegt der Spaten
im Gehen kann ich
den Büffel reiten
ich überquere
den Fluss und sehe
das Wasser ruhen
die Brücke gleiten
空手把鉏頭
步行騎水牛
人在橋上過
橋流水不流
Fu Dashi (傅大士) (497-569?)
Fritz Graßhoff (1913-1997): Auf der Brücke
Auf der Brücke stehn
und ins Wasser sehn,
und der Fluß fließt lautlos seine Bahn.
Lautlos umgekehrt
deine Brücke fährt
auf dem Wasser wie ein Kahn.
Heimlich losgetäut
gleiten Dorf und Leut,
Baum und Kirchturm, Ufersaum und Steg.
Was gebunden war,
macht sich wunderbar
mit dem Träumer auf den Weg.
Mond und Stern am End
und das Firmament,
alles wandert. Nur der Fluß erstarrt.
Stille steht die Zeit,
und die Ewigkeit
mündet in die Gegenwart.
(Aus: Fritz Graßhoff: “Graßhoffs neue große Halunkenpostille”. München: Limes 1980. S. 290.)
Den Kopf freihalten!
Sommerwind Krokus
Schneetreiben Herbstmond
Jahreszeiten
sind nicht so wichtig
denk nicht an tausend
nutzlose Sachen
dadurch lebst du in
jeder Zeit richtig
春有百花秋有月
夏有涼風冬有雪
若無閑事挂心頭
更是人間好時節
Mindfulness
Spring comes with its flowers, autumn with the moon,
summer with breezes, winter with snow;
when useless things don’t stick in the mind,
that is your best season.
(無門關 Wumenguan)
In der Stadtbahn
Human Interest News
die Zeitung meldet
jetzt komme der Herbst
der Wind sei kühler
der Laubwald gelber
warum nur wollen
Menschen das lesen?
wer nicht bekloppt ist
merkt das doch selber
Drei zu zwei
Japanisches Souvenir
Kaufhaus 109
Offener Brief
Chinesische Touristin in Kioto
Japanischer Mittag
Japanischer Feuerschutz
Japanische Nasszelle
Kalligraphie mit Vogel
高桐院, 京都 – Koto-in, Kioto
ein Vogelschrei macht
den Wald noch stiller?
wie recht er hat der
weise Verfasser!
macht nicht auch häufig
das Mitsibushi
ein blasses Bäuchlein
noch sehr viel blasser?
Das chinesische Gedicht, dem die kalligraphierte Zeile entnommen ist, scheint bei der Entstehung der Wendung „點金成鐵“ (aus Gold Eisen machen, einen Text verschlimmbessern) eine Rolle gespielt zu haben: Die ursprüngliche Formulierung „烏啼(嗚)山更幽“ (ein einzelner Vogelschrei macht den Wald noch stiller) soll ein späterer Autor in abgewandelter Form in ein eigenes, ähnliches Gedicht übernommen haben: „一烏不嗚山更幽“ (dass nicht ein Vogel schreit macht den Wald noch stiller). Diese Abwandlung soll ein Kritiker mit „點金成鐵“ kommentiert haben: „Du hast aus Gold Eisen gemacht, den Text verschlimmbessert.“ (Vgl. 嚴北溟,嚴捷 編著: 中國哲學寓言故事 4. 臺北 1990. 90-91.) – Für den Rest des Textes vgl. auch Schoßtiere und Tattoos und Piercings: Das Ende der Nacktheit.
Saisho-in, Kioto
景勝院, 京都
das langsame Herz
des Bergs der starke
Pulsschlag der Föhren
die ernste Glocke
des Tempels im Tal
hier kaum zu hören
alles ist eines
der Berg die Glocke
Bäume Zikaden
ein weißes Hündchen
der kunstreiche Mönch
auf grünen Pfaden
alles ist kühl unter
turmhohen Wipfeln
hier suchen alle
hier findet jeder
der Ort ist versteckt
und offen zugleich
sein freundlicher Geist
wohnt in der Zeder
Summer, Saisho-in (anonym)
The evening bell, solemn and bronze,
in the grandfather temple down the hill,
sounds dimly here.
Slow beat of the mountain’s heart, perhaps,
or determined pulse of pine tree (gift of the birds)
growing out of a crotch of the slippery monkey tree.
All one, perhaps –
bell, mountain, tree,
and steady cicada vibrato
and little white dog
and quiet artist-priest, carver of Noh masks,
fashioning a bamboo crutch for the ancient peach tree –
symbol of strength, symbol of concern.
All cool under nodding crowns of the vertical forest,
all seeking in this place,
all finding in this place –
hidden yet open to all –
the spirit in the cedar’s heart.*
Saisho-in: a small, Eighth Century Buddhist temple in a mountain gorge near Kyoto, Japan.
* Japanische Tempel werden zu einem großen Teil aus Zedernholz gebaut.
Zenrin-Ji, Kioto
Grau in Grau
Shinkansen Tokio – Kioto
der Fuji verhüllt
von grauen Wolken
gegen das Wetter
gibt es kein Mittel
und nirgends ein Trost
die Imbissgeisha
serviert den Kaffee
im grauen Kittel
Chinesisches Abendessen in Tokio
Yosakoi Parade
Brief einer Prinzessin
Tokio Metro
Nihombashi
Kyobashi
tausend Menschen
steigen ein
Toranomon
Kamiyacho
schon bin ich
am Meiji-Schrein
(Die Stationen Ginza, Shimbashi, Tameike-sanno, Asakasa-mitsuke, Aoyama-mitchome, Gaiemmae, Omote-sando, Meiji-jingumae und viele andere sind in meinem Herzen aufbewahrt, müssen aber aus Gründen der lyrischen Form unerwähnt bleiben. Mehr … )
Anflug auf Tokio
Technischer Defekt
auf dem Flug von Dubai nach Tokio
die Bildschirme schwarz
die Kopfhörer stumm
dreihundert Leute
schwatzen und klingen
als wären sie auf
einmal lebendig
die Crew will das rasch
in Ordnung bringen
Leute
Grundsatzfrage
er kann sie immer
noch nicht vergessen
obwohl sie ihm schon
seit langem schnurz ist
es will ihm einfach
nicht in den Kopf dass
ewige Liebe
so schrecklich kurz ist
Gas und Bremse
Einer wie der andere
was braucht jeder Mensch
ein eignes Gesicht?
wozu der Aufwand?
darf ich das fragen?
sind nicht die meisten
Nörgler die statt sich
selber zu ändern
nach andern schlagen?
世問億萬人
面孔不相似
借問何因緣
致令遣如此
各執一般見
互說非兼是
但自修己身
不要官他己
The world has billions of people
and no two faces alike
I wonder about the reason
behind such variation
and all with similar views
debating who is right and wrong
just correct yourself
and stop maligning others
(The Poems of Pickup (Shih-te). 拾得詩. In: The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 276f., 18.)
Heiteres Alter
ich durchschaue die
Leere der Dinge
und habe Berge
von Hass und Sorgen
aus meiner Seele
endlich verbannt
nicht zu betören
durch Blumen und Wein
bleib ich gelassen
esse und schlafe
und bin ansonsten
ein Komödiant
mein Herz kennt weder
gestern noch morgen
unsterblich werden
Buddha verehren
Kongzi studieren
möchte ich nicht
will nicht mehr kämpfen
sollen sie lachen
mein Spiel ist gespielt
und meine Maske
tragen bald andre
vor dem Gesicht
朱敦儒
老來可喜
是歷遍人間
諳知物外
看透虛空
將恨海愁山
一齊接碎
免被花迷
不為酒困
到處惺惺地
飽來覓睡
睡起逢場作戲
休說古往今來
乃翁心裹
沒許多般事
也不載仙
也不佞佛
不學栖栖孔子
懶共賢爭
悅教他笑
如此只如此
雜劇打了
戲衫脫與凱底
„Zhu Dunru: Old Age
I am happy with my old age:
For I have seen life thoroughly,
Become familiar with all truths,
Penetrated the hidden things oft he world;
Obliterated altogether the seas of regret and
mountains of distress;
Free from the charms of flowers,
And the spell of wine,
Always sober.
When I have eaten, I go to bed;
When I awake, I play my part when my turn comes.
Do not talk of the days gone by and time to come;
In my breast
There are no such things.
I have no mind to become an Immortal,
to worship Buddha,
Nor to imitate the restless Confucius.
I am unwilling to argue with you,
Laugh as they will –
So, be it so.
My part performed,
I leave my costume to the silly players.“
(Zhu Dunru 朱敦儒 1081-1159; aus: 101 Chinese Lyrics. 中華雋詞一0一首. Compiled and Translated by Chu Dagao. Beijing 1987. 146f.)
Mondnacht
schier endlos die Nacht
ich liege noch wach
der helle Vollmond
glänzt über dem Dach
mir scheint da ruft wer
doch niemand ist da
und ich alter Narr
ich antworte: ja?
夜長不得眠
明月何灼灼
想聞散喚聲
虛應空中諾
Long night: unable to sleep.
The moon, how breakingly bright.
Calling, someone seems calling.
Into the empty air, I answer “Yes?”
Aus: Chinese Poetry. An Anthology of Major Modes and Genres. Translated and edited by Wai-lim Yip. Berkeley: University of California Press 1976. 161.
Einsiedler
unter der Felswand
jenseits der Zeit
die Welt nur im Kopf
ganz still und allein
Halbmond im Fenster
im Herd blasse Glut
im Traum wird er jetzt
ein Schmetterling sein
重巖之下
靜默自居
三際不來
心如境如
斜月半窗
殘火一爐
嗟彼睡夫
蝶夢蓬蓬
„Below high cliffs
serene in solitude
not visited by time
the mind creates the world
the window holds a setting moon
the stove contains a dying fire
pity the sleeping man
startled from his butterfly dream
The last line refers to Chuang-tzu’s story in which he dreams he is a butterfly. On waking, he wonders if he isn‘ a butterfly dreaming he is a man (Chuangtzu 2.11).“
(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 90f., II, 7.6. – Bei der Abbildung handelt sich um das Umschlagbild zu: Allinson, Robert E.: Chuang-Tzu for Spiritual Transformation. An Analysis of the Inner Chapters. State University of New York Press 1989.)
Strandspaziergang in Travemünde
Unter der Felswand
unter der Felswand
verbrenne ich Laub
hacke und ernte
Korn und Gemüse
mein eigener Koch
ich lebe heiter
heute und für den
Rest meiner Tage
mein Baum welkt und grünt
wie lange wohl noch?
重嚴之下
火種刀耕
有粟有蔬
可煮可烹
了我目前
樂我餘生
坐眄庭柯
幾度衰榮
„Below high cliffs
I slash and burn
there’s vegetables and grain
to boil and steam
to satisfy the present
to brighten old age
looking at a tree in the yard
I count its falls and springs“
(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 88f., II, 7.1)
















































![Zeichnung von George Grosz. aus “Der Spiesser-Spiegel.” [1930] Frankfurt 1973.](https://kleinereime.com/wp-content/uploads/2014/12/grosz1.jpg?w=450&h=530)





































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