Portmonee!
Portmodoch!
Portmonee!
Portmodoch!
Portmonee!
Geizhals!
Verschwender!
Kategorie-Archiv für Der Mensch
Quo vadis?
Fritzchen ist hochbegabt.
Das kann man nicht bestreiten.
Sein Hirn – ein edles Ross;
doch wohin wird er reiten?
Der Traum von der Seefahrt
ich wäre so gern
ihr Badeentchen
dann schwebte ich sanft
auf kleinen Wellen
im knisternden Schaum
und dürfte zög sie
plötzlich den Stöpsel
an ihr zerschellen
Im Bad
lauwarmes Wasser
rinnt mir in Strömen
sanft über Schultern
Rücken und Bauch
süße Gewissheit
jenseits der fernen
Schneewittchenberge
duscht sie jetzt auch
Fortschritt in der Lokalpresse
Inzwischen, schreiben
Jungredakteure
viele Artikeln,
verfassen sie die.
Diese Artikel,
fördert beim Leser
Klarheit Grammatik,
mit Ortografie.
Die Morgenzeitung
In der Straßenbahn
sie hören nichts mehr
Stöpsel und Kabel
hängen verzwirbelt
aus ihren Ohren
was habe ich bloß
so ganz alleine
in einem Schwarm von
Tauben verloren?
Ein Weltverbesserer
er färbt ihr Haare
und Fingernägel
bügelt die Runzeln
aus ihrer Stirne
kauft ihr zehntausend
knallrote Fähnchen
und geilt sich dran auf
die Welt als Dirne
Gedichte – über Kurz oder Lang
die langen stehen
auf dem Papier
die kurzen gehen
mir durch den Kopf
Alter Casanova
Überbevölkerung
Selbstbewusst
sie brauche sagt sie
keinerlei Ratschlag
sie suche keine
Helfer und Tröster
sie ist sich sicher
sie habe auch nicht
den kleinsten Fehler
das ist ihr größter
Herbstregen
die Bäume im Park
eine Versammlung
von gut betuchten
uralten Tanten
grellbunte Blusen
Köpfe im Nebel
und an den Fingern
tausend Brillanten
Vom glücklichen Ende des Generationenkonflikts
früher waren die
Mütter oft Drachen
die Väter waren
Herrscher und Schinder
heute dagegen
herrscht nur noch Frieden
jetzt sind die Eltern
wie ihre Kinder
Ein Fortschrittsapostel
die alten Weine
sind ihm verdächtig
die jungen munden
ihm wesentlich süßer
mit fünfundsechzig
bekommt er sicher
ein Ehrenpöstchen
als Zukunftsbegrüßer
Tibetischer Eremit
Seufzer eines Unerleuchteten
er wohnt in fernen
einsamen Bergen
um mit nur einer
Göttin zu ringen
ich schließ die Augen
wo immer ich bin
gleich trachten zwanzig
mich zu verschlingen
Klassenbewusstsein
Hugo fährt nur in
der ersten Klasse
die zweite sei ihm
gar nicht gemäß
ach was! ob Klappsitz
ob Luxussessel
was Hugo polstert
ist sein Gesäß
Nirwana
mein Mittagsschläfchen
beweist mir schlüssig
dass dieses Leben
so wichtig nicht ist
zwei Stunden war ich
traumlos versunken
und habe die Welt
durchaus nicht vermisst
Kopfkissen
Zu fromm
Helene fühlt sich
nun da sie tot ist
von ihren Göttern
grausam betrogen
vor lauter Beten
ist sie im Sterben
blindlings am Himmel
vorbeigeflogen
´Tain´t wise to overdo your prayers, for you might die,
And waking, find you passed it, Paradise, right by.
(Jap. Kyôka, 1683. Übersetzung Gill, Robin D.: Kyôka.
Japan’s Comic Verse. A Mad in Translation Reader.
Paraverse Press 2009. 35.)
Draußen und Drinnen
wider einen verbreiteten Irrtum
im Tempel ist es
dunkler als draußen
was außen groß wirkt
ist drinnen meist klein
warum meinen die
Leute bloß immer
wenn etwas schön ist
sie müssten da rein?
Nur dies
ich fühle mich wohl
mit grauen Haaren
älter zu werden
ist gar nicht so schwer
nur dass die Frauen
in meinem Alter
genauso alt sind
das ärgert mich sehr
Kletterspielplatz
Hannover-Linden, 10. Mai 2016
das Mädchen oben
lüftet ihr Röckchen
der Junge unten
kriegt rote Ohren
die Kleine oben
trifft keinerlei Schuld
was hat der Kerl da
unten verloren?
(Nachzutragen bleibt, dass die etwa Sechsjährige oben auf der Leiter immer wieder in den höchsten Tönen „Pópo! Pópo!“ rief – wohl in der verständlichen, aber ganz und gar unbegründeten Sorge, die Aufmerksamkeit ihres gleichaltrigen Zuschauers könnte erlahmen.)
Pfingstverspätung
Nonsense
erst seit mir klar ist
wie rings die Menschen
im Namen des Sinns
die Messer wetzen
weiß ich auch wenn der
den Frommen missfällt
friedlichen Unsinn
wirklich zu schätzen
Schrottpresse
der Zeitgenosse
schreibt Kurznachrichten
da presst er dann flott
jeden Gedanken
der ihm zu lang ist
zu handlichem Schrott
Praktischer Ratschlag
für J. N.
weil Susi unter
Scheren Rasierern
Wachs und Pinzetten
so schrecklich leidet
empfehle ich ihr
ein kleines Schäfchen
das Haare frisst und
nachts auf ihr weidet
Kunstgeschichtliche Reminiszenz beim Einsteigen in die Straßenbahn
Bürokratin
Irma liebt Listen
und Formulare
Ordner und Akten
machen sie froh
denn ihre Seele
ist keine Seele
sondern im Grunde
nur ein Büro
Wussten Sie …
wussten Sie dass wir
auch wenn wir noch so
modisch perfekt und
edel verpackt sind
insgeheim unter
unseren Kleidern
ganz unvermeidlich
immerzu nackt sind?
Intellektuelle
Erstaunliches zur Kindermode
Eltern die ihre
Kinder wie Rockstars
Models Clowns oder
Rennfahrer kleiden
wundern sich wenn die
Herrschaften später
hartnäckig unter
Größenwahn leiden
Vor fünfzig Jahren
Matsuo Basho (1644 -1694)
er trug Sandalen
reiste durch Japan
und schrieb Gedichte
von Blüten und Mond
Finanzfachleute
haben errechnet
dass so zu leben
den Aufwand nicht lohnt
Osterseufzer
Klassentreffen nach fünfzig Jahren
Großväter sind sie
und beinah siebzig
mit grauen Haaren
und tausend Falten
eigentlich längst schon
in Rente und alt
aber oh Wunder
noch ganz die alten
suum cuique
frühmorgens turnen
im sonnigen Park
zehn dicke Mütter
mit Kinderwagen
die Mütter träumen
von straffen Bäuchen
die Kinder träumen
von Milchgelagen
Zen-Tourist
er reist nach Japan
zu stillen Klöstern
in denen Andacht
und Schweigen walten
zehntausend Meilen
rund um den Globus
bloß um mal endlich
den Mund zu halten
Trauerordnung
die die vergebens die
Welt retten wollen
werden seit jeher
mit Pomp begraben
weniger Ehre
bezeigt man Weisen
die auf den Laden
gepfiffen haben
Kopfhörer – politisch korrekt betrachtet
Mensch und Kuh
wir armen Menschen
grübeln und grübeln
die Kuh aber ist ein
glückliches Tier
sie denkt an nichts als
saftige Wiesen
und höchstens ganz selten
mal an den Stier
Eine Sängerin
sie tiriliert im
goldenen Käfig
für alle die ihr
zu Füßen liegen
sie ist der Vogel
du bist das Würmchen
mach dir nichts draus dich
kann sie nicht kriegen
Soll man?
soll man bei Mord und
schweren Verbrechen
in Zukunft stets von
Menschlichkeit sprechen
die aber die nicht
morden und brennen
von jetzt an besser
Unmenschen nennen?
Barmherzige Gewöhnung
tagtäglich strömen
Schreckensschlagzeilen
aus mehr als zwanzig
Nachrichtentickern
in meinen Schädel
um augenblicklich
in dessen Boden
sanft zu versickern
Terrornachrichten
ich Narr ich habe
Stunden um Stunden
zeitunglesend am
Schreibtisch gesessen
und in alberner
Angst um mein Leben
just dieses Leben
beinah vergessen
Nostalgischer Seufzer eines alten Mannes
einst schickten schöne
Frauen mir häufig
ihre Portraits in
duftenden Briefen
heute schicken sie
mir nur noch Fotos
von Gören deren
Rotznasen triefen
Mittagessen mit Egon
E-Mails
manche fragen und
wollen nichts wissen
andere schweigen
und antworten nicht
oder sie schreiben
nur von sich selber
ich lese lieber
den Wetterbericht
Graues Haar
dagegen helfen
keine Tinkturen
der Herbst kommt trotzdem
am Ende ist Schluss
freu dich dein Haar ist
ein weiches Kissen
hör die Zikaden
und schau auf den Fluss
齊己 (863?-937): 白髮
莫染亦莫鑷
任從伊滿頭
白雖無耐藥
黑也不禁秋
靜枕聽蟬臥
閒垂看水流
浮生未達此
多爲爾爲愁
Qiji (863?-937): White Hair
Do not dye or pluck it –
let it cover your head.
Although there’s no remedy for it’s turning white,
black can withstand autumn no better.
Pillowed on it, one quietly listens to cicadas;
letting it down, idly one watches the flowing stream.
Growing old is unavoidable in this floating life,
but most people grieve because of you, white hair.
(A Full Load of Moonlight. Chinese Chan Buddhist Poems. Translated by Mary M. J. Fung and David Lunde. Hongkong: Musical Stone Culture 2014. 50.)
Besorgte Cousine
Beleibter Rentner
Tirol
in Bergsportkleidung
mit Wanderstöcken
fährt er von einer
Seilbahn zur andern
per Luxusbus und
im Liegesessel
beim Bier erzählt er
er war hier wandern
Das Studium der Klassiker
was ist die Wahrheit?
und was soll ich tun?
ich wollte anfangs
die Alten befragen
klappte dann aber
die Lehrbücher zu
lachte und lachte
und rieb mir den Magen
辛弃疾 (1140–1207)
是非得失兩茫茫
閒把遺書細較量
掩卷古人堪笑處
起來摩腹步長廊
Xin Qiji (1140–1207)
right and wrong gain and loss each hard to picture clearly
so I began to study wisdom of the ancients willy-nilly
but closed the books I’d double up with laughter
and have to get up pace the floor and rub my belly
(Michael Farman; https://www.atanet.org/publications/beacons_10_pages/page_48.pdf)
Aberwitz
dass sie den größten
Unsinn verzapfen
ist an und für sich
kein Grund zu klagen
schändlich ist aber
dass sie drauf aus sind
mir zu verbieten
aber zu sagen
Frühstück
Erschöpfende Auskunft
er kauft sich täglich
allerhand Schnickschnack
glitzerndes Spielzeug
vom Schiff bis zum Schuh
und nennt uns wenn er
uns alles gezeigt hat
schließlich sogar noch
die Preise dazu
Der Fortschritt in den Medien
TV-Wetterfee
ein Beitrag zur Medienkritik
sie meldet freudig
Wärme und Sonne
ist elegant und
lächelt adrett
doch warum rät sie
uns wohl zu grillen?
geht sie mit einem
Metzger ins Bett?
Der chinesische Dichter und Einsiedler Stonehouse (1272–1352)
Selbstquälerisch
ich male mir aus
die Bergfee lachte
über den Gipfeln
ihr schönstes Lachen
doch leider sei das
von meinem Balkon
und ohne Brille
nicht auszumachen
Im Schlosspark
der Regen ist mir
herzlich willkommen
soll er nur reichlich
strömen und schütten
als Wasserwerfer
des Himmels treibt er
die lauten Menschen
in ihre Hütten
Klare Sache
ein alpinistisches Bekenntnis
läge sie lächelnd
in einer Wiese
und möchte sie mich
auch gerne leiden
wenn nahebei ein
richtiger Berg wär
würde ich mich für
den Berg entscheiden
Kniebundhosen und karierte Hemden an einer Tiroler Bushaltestelle
Ortskundig
Kulturwandel im Gebirge
(Innsbruck)
im Stadtgewühl das
Seil auf dem Rucksack?
die Zeitgenossen
von Hermann Buhl
hielten dergleichen
für Angeberei
heute dagegen
gilt das als cool
Hermann Buhl (1924 – 1957): österreichischer Bergsteiger; Erstbesteiger des Nanga Parbat und des Broad Peak; Pionier des Alpinstils.
Mukai Kyorai (1651-1704)
Was soll denn das?
… mit dem Langschwert gegürtet
zur Kirschblütenschau?
aus: Haiku. Gedichte aus fünf Jahrhunderten. Japanisch / Deutsch. Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller. Unter Mitwirkung von Kaneko Tõta und Kuroda Momoko. Stuttgart: Reclam 2017. S. 86.
Radiogottesdienst
die armen Götter
was haben deren
Ohren und Hirne
da auszuhalten
die müssen sowas
beruflich hören
ich kann mir leisten
es abzuschalten
Metamorphose
Seniorentreff
Peter besticht mit
pechschwarzer Mähne
Sabines Haarpracht
glänzt silberfuchsblau
Eva soll hört man
überall blond sein
nur ich Versager
bin immer noch grau
Nur ein Viertelstündchen
Nora gehorcht dem
Terminkalender
denn ihre Zeit ist
spärlich bemessen
für fünf Uhr steht da
Sünde begehen!
für fünf Uhr fünfzehn
Sünde vergessen!
et jov Zickde
do hant
die net iesch
jedesmol
op de Uhr
jesenn
(Ludwig Soumagne: Usjesproche nävebee bemerk. Gedichte im niederrheinischen Dialekt. Krefeld: van Acken, 3. Aufl. 1986. 9.)
Rheinische Mutter
isch kann et nit jlöve
de Tied verjeht flück
nu is dä Jung all
rischtisch Professer
dat deid äwwer nix
de Mamma bliev isch
wenn et drup aankütt
weiß isch et besser
Im Bistro
Korrekte Sprache
wir Heutigen sind
kein bisschen besser
wohl aber mehr von
uns selbst durchdrungen
listig bedecken
wir unsre Blöße
mit einem Schurz aus
Beschönigungen
Die Lösung
künftig verstopfe
ich mir die Ohren
ganz ohne Musik
und einfach nur dicht
drinnen herrscht Ruhe
draußen können die
Leute dann lärmen
ich höre sie nicht
Da ist Musik drin
Fachärzte warnen
nun sind schon Kinder
häufig so süchtig
nach Tzz Tzz Bum Bum
zöge man denen
nur fünf Sekunden
die Ohrstöpsel raus
dann fielen sie um
Eigenmächtig
völlig entgeistert
höre ich wie ich
reichlich gewagte
Pläne verkünde
da bringt mich mein Hirn
in Teufels Küche
ich kann nur hoffen
es hat seine Gründe
Ins Gebetbuch einer Unbarmherzigen
wirf dieses Buch fort
dein Beten nützt nichts
liege dem Himmel
nicht in den Ohren
der hilft nur einem
fühlenden Herzen
kalte und stolze
gibt er verloren
John Wilmot, Earl of Rochester (1647-1680):
Written in a Lady’s Prayer Book
Fling this useless book away,
And presume no more to pray.
Heaven is just , and can bestow
Mercy on none but those that mercy show.
With a proud heart maliciously inclined
Not to increase, but to subdue mankind,
In vain you vex the gods with your petition;
Without repentance and sincere contrition,
You’re in a reprobate condition.
François de Malherbe (1555-1628):
Pour mettre au-devant des Heures de Caliste
Tant que vous serez sans amour,
Caliste, priez nuit et jour,
Vous n’aurez point miséricorde.
Ce n’est pas que Dieu ne soit doux:
Mais pensez-vous qu’il vous accorde
Ce qu’on ne peut avoir de vous ?
Der Frosch
laut quakt der Frosch
nach Herzenslust
im grünen Gras
am Teich verborgen
ihn sieht man nicht
mich aber sieht
die Obrigkeit
das macht mir Sorgen
Sengai Gibon (仙厓 義梵 1750-1837)
倪瑞璿 (1702-1732): 聞蛙
草綠清池水面寬
終朝閣閣叫平安
無人能脫征徭累
只有青蛙不屬官
Ni Ruixuan (chin. Dichterin, 1702-1732): Den Frosch hören
im grünen Gras und im klaren Wasser des glatten Teichs
quakt „Ge-ge“ ungestört und in Frieden der Frosch
der Mensch kann sich der Last politischer Zwänge nicht entziehen
den Frosch aber sieht die Obrigkeit nicht
Moderner Unterricht
die Kinder sollen
jonglieren lernen
kein Zweifel das ist
ihnen zu gönnen
doch warum immer
gleich mit fünf Bällen
bevor sie’s auch nur
mit einem können?
homo oeconomicus
man soll ein Fuchs sein
soll Steuern sparen
sein Geld anlegen
nach Reichtum streben
Preise vergleichen
Warentests lesen
und Schnäppchen kaufen –
darf man auch leben?
Auf der Suche nach dem Gleichgewicht
Schüchterne Frage an eine Sexismus-Expertin
„Feindliche Sexisten gehen auch davon aus, dass Frauen das Ziel haben, Macht und Kontrolle über Männer zu bekommen.“ (die Osnabrücker Sozialpsychologin Prof. Dr. Julia Becker in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 14.2.2015)
klar! es ist Unfug
sämtlichen Frauen
Machtgier und Herrschsucht
zu unterstellen!
darf man denn manchmal
trotzdem was merken?
sozusagen in
Ausnahmefällen?
Toleranter Lehrer
er war verbindlich
duldsam und friedlich
und immer bemüht
uns einzuschärfen
man müsse alle
Ideologen
die Kellertreppe
hinunterwerfen
Verdacht
will ich in diesem
Haufen von Reimen
der mir im Schädel
brodelt und gärt
schließlich eine Art
Weltformel finden
die all den Irrsin
triftig erklärt?
„Sagen Sie doch was!“
tritt dir mal wieder
wer auf die Füße
dann bist du selbst schuld
mach keinen Wind
du hättest vorher
halt sagen müssen
dass deine Zehen
empfindlich sind
Werbeclip
Laozi und ich
Laozi lehrt uns
der Dumme redet
während der Weise
verschwiegen bleibt
was aber ist dann
Laozi selber
wenn er fünftausend
Verszeilen schreibt?
白居易: 讀老子
言者不如知者默
此語吾聞於老君
若道老君是知者
緣何自著五千文
Bai Juyi (772-846): Laozi lesen
die Redenden wissen nichts, die Wissenden bleiben stumm
das habe ich von dem alten Gentleman gehört
wenn der alte Gentleman ein Wissender war
warum hat er dann fünftausend Verse geschrieben?
Dame mit Hund
Breaking News
früher las man nur
ab und zu Zeitung
heute dagegen
ist man bestrebt
jede Minute
online zu sein um
sicherzugehen
dass man noch lebt
Ahnungslos
jetzt tragen deutsche
Schildbürger Schilder
sie seien Charlie
ich kann nur lachen
hätten die Charlie
jemals gelesen
würden sie sich aus
dem Staube machen
Perspektiven
Diplom
er hat die Sache
von Grund auf studiert
kann alles klären
alles verstehen
er kann die Käfer
am Boden zählen
doch ach den blauen
Himmel nicht sehen
Alte Münzen
wir glauben wunders
was wir da reden
und sind uns meistens
gar nicht im klaren
in wieviel Mündern
dieselben Wörter
dieselben Sätze
schon einmal waren
Die Bestandteile unseres Denkens sind selbst in den individuellsten, intimsten Handlungen und Augenblicken unserer Existenz … Klischees, endlose Wiederholungen. Sie mobilisieren, am hervorstechendsten in einem Zeitalter der Massenmedien und beschränkter Schreib- und Lesekenntnis, identische Wörter und Bilder. … Die Wörter, die Sätze, die wir benutzen, um unser Denken nach innen oder außen zu übermitteln, gehören einer gemeinsamen Währung an. Sie demokratisieren die Intimität. (George Steiner: Warum Denken traurig macht. Zehn (mögliche) Gründe. Frankfurt: Suhrkamp 2006. 26f.)
Schönfärberei
„Sie sind perfekt! … Sie müssen nichts ändern, Sie sind das Perfekteste, was eben gerade möglich ist. Es soll alles gut werden. Für uns alle. … ich umarme Sie … .“ (Sibylle Berg in Spiegel Online am 27.12.2014)
die Zeitungstante
schmeichelt uns Lesern
wir seien perfekt
sie sollte wissen
dass wir halb gut sind
halb aber grausam
gefräßig gierig
geil und gerissen
Spaziergang am Weihnachtsabend
Weihnachtsfrieden
zum Christfest wollen
die braven Deutschen
sich innig lieben
statt sich zu streiten
sie töten einander
dann nicht mit Knüppeln
sondern mit Fusel
und Süßigkeiten
A Portrait of the Artist as a Young Man (1974)
lg
sie langweilen mich
die Leute schreiben
keine Gedanken
nur Kurznachrichten
nur leeres Blabla
mit lieben Grüßen
auf solchen Unfug
kann ich verzichten
Technischer Defekt
auf dem Flug von Dubai nach Tokio
die Bildschirme schwarz
die Kopfhörer stumm
dreihundert Leute
schwatzen und klingen
als wären sie auf
einmal lebendig
die Crew will das rasch
in Ordnung bringen
Leute
Silber oder Gold?
die Götter gaben
dem Menschen Sprache
ob das wohl gut war?
ich bin gespalten
hätten sie uns nicht
besser verdonnert
stille zu sein und
den Mund zu halten?
Erleuchtung
zuerst sich sputen
glühen und brennen
dann das banale
Prinzip erkennen
schließlich das Leben
brühwürfelartig
im Kopf verdichten
und lachend verzichten
Gehirn und Geist
dass die nach all dem
immer noch wagen
beim Menschengehirn
von Geist zu sprechen!
Geist ist ein ziemlich
bombastisches Wort
für einen Haufen
peinlicher Schwächen
[…] Ehe man noch die gemeinen Erscheinungen in der Körperwelt erklären konnte, fing man weit früher an, Geister zur Erklärung zu gebrauchen. Jetzt da man ihren Zusammenhang besser kennt, erklärt man eines aus dem andern, und die Geister, bei denen wir stille stehen, sind endlich doch ein Gott und eine Seele. Die Seele ist also noch jetzt gleichsam das Gespenst das in der zerbrechlichen Hülle unseres Körpers spükt. […] [Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), „Sudelbücher“ F 324]
Ein politischer Kopf
Geständnis
Der Fischer
vor lauter Büchern
den Weg verfehlen –
das Lied des Fischers
ist Gold dagegen
Abend für Abend
am dämmrigen Fluss
bei Mond und Wolken
oder im Regen
漁父
學道參禪失本心
漁歌一曲價千金
湘江暮雨楚雲月
無限風流夜夜呤
Fisherman – Learning the way, studying Zen, they run afoul of the Buddha’s original mind. One tune from the fisherman is worth a thousand pieces of gold. Rain at dusk on the Hsiang River, the moon among the clouds of Ch’u. Furyu [ländlich schlicht, „romantisch“, schön] without end, night after night singing.
(Ikkyū Sōjun 一休宗純, fl.1394-1481; Text und Übersetzung aus: Arntzen, Sonja Elaine: The Poetry of the Kyōunshū „Crazy Cloud Anthology“ of Ikkyū Sōjun. Diss. University of British Columbia 1979. 208)
Tagespolitik
dass die sich noch am
Rande des Abgrunds
um Kleinigkeiten
so ernsthaft erregen
– als ob sie blindlings
kurz vor dem Eisberg
auf der Titanic
das Achterdeck fegen
Unaufhaltsam
in dem was sie tut
sind Sinn und Verstand
beim besten Willen
nicht zu erkennen
man kann sie trotzdem
kaum daran hindern
Hals über Kopf in
ihr Glück zu rennen
Stop-and-go in Shanghai
Frühling im Park
Hummeln brummen um
duftende Blüten
Blaumeisen zwitschern
in lauen Lüften
könnte das schön sein
drängten nicht allseits
lärmende Menschen
aus ihren Grüften
Restaurant Gongdelin Shanghai
Vorschlag zur Güte
(Suzhou)
selbst noch im Bus im
schlimmsten Gedränge
lautsprechert man hier
Liebesgesänge
sind nicht genügend
Menschen auf Erden?
singt doch mal man soll
Einsiedler werden!
» […] ’s gibt doch vielzuviel Menschn uff der Welt Den möcht’ich seh’n der mir das widerlegt und wenn’s X selber iss hab’ich Recht – ?«; (ihm entfuhr hier ein hoher Name, den ich unterdrücke. Aber ‹Recht› natürlich; das könnt’ihm ja nur ein überzeugter Idiot bestreiten. Wir saßen eine zeitlang recht sinnend in der unfruchtbaren Beleuchtung: jaja, die Menschheitsfrage.)
(Arno Schmidt: Caliban über Setebos. 1964.)
Internet 2014
die Fliegen haben
ein Netz fabriziert
und sind vor Stolz nun
beinah von Sinnen
noch größer aber
ist selbstverständlich
die Freude darüber
unter den Spinnen
Autark I
Keine Chance
Aus dunkler Zeit
man hat uns Kindern
feste Zeiten für
Schlafen Essen und
Trinken gegeben
und niemand hat uns
im Auto kutschiert
wie konnten wir das
bloß überleben?
Gedankenfreiheit
liebe Gedanken
seid bitte so nett
und haltet den Mund
von drei bis um vier
ich lege mich für
ein Stündchen aufs Bett
und brauche Ruhe
vor euch und vor mir
Andere Pfeifen
früher waren es
Eltern und Lehrer
die uns bestimmte
Wörter verboten
jetzt tanzen wir nach
anderen Pfeifen
und schweigen folgsam
nach deren Noten
Mir ist die jährliche Verkündung eines „Unwortes des Jahres“ ein Ärgernis – anders als anscheinend den Journalisten, die sich begeistert auf diesen Köder stürzen. Auch wenn sich meine politische Position im einen oder anderen Fall mit der politischen Position der „Unwortexperten“ deckt, sehe ich nicht ein, warum hier pseudoamtlich und pseudowissenschaftlich jeweils ein bestimmtes Wort geächtet werden muss. Ich habe den Eindruck, dass vielen vermeintlichen Demokraten die im Rechtsstaat bislang nun einmal garantierten Spielräume der Meinungsfreiheit viel zu weit erscheinen und dass sie über mancherlei Korrektheitszwänge und Propagandatricks mit Macht Konformität im Rahmen der ihnen genehmen Grenzen erzeugen wollen. Ich komme mir da vor wie in einem ehemals relativ großen und luftigen Raum, dessen Wände durch einen verborgenen Teufelsmechanismus immer weiter aufeinander zu geschoben werden.
Die schöne Frau Sorgenfrei
sie ritt durch Gärten
und zupfte Blumen
sie pflückte Lotos
aus schwankendem Boot
kniete auf grünen
Bärenfellkissen
und fürchtete doch
das Grab und den Tod
璨璨盧家女
舊來名莫愁
貪乘摘花馬
樂搒採蓮舟
膝坐綠熊席
身披青鳳裘
哀傷百年內
不免歸山丘
(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 66f., 46)
die strahlende Madame Lu
die man einst Frau Sorgenfrei nannte
liebte es vom Pferd aus Blumen
und vom Boot aus Lotus zu pflücken
sie kniete auf einem grünen Bärenfell
trug ein blaues Phönixkleid
und grämte sich dass sie binnen hundert Jahren
unweigerlich in einem Grab in den Hügeln enden würde
Fortschritt im Stadtpark
Daran nicht
Rastlos in Shanghai
sie liebt Gesellschaft
Jubel und Trubel
Ruhe dagegen
macht sie beklommen
dann verrammelt sie
rasch ihre Türen
weil sie befürchtet
zu sich zu kommen
Pädagogische Apotheose
Der Zenmeister spricht
die Makellosen
sind mir verdächtig
die sind wie Liebe
ohne Befeuchtung
Schlitzohren sind die
besseren Schüler
da ist mehr Spielraum
für die Erleuchtung
Beichte
Herr ich empfinde
nicht einfach Reue
bei mir liegt der Hund
noch tiefer begraben
ich muss bereuen
dass ich bereue
einst nicht beizeiten
gesündigt zu haben
Zwischen Himmel und Erde
Bestien die für
Fraß und Klamotten
gierig einander
den Hals umdrehen
ach sie begreifen
die Welt so wenig
wie Blinde das Weiß
der Milch verstehen
天高高不窮
地厚厚無極
動物在其中
憑兹造化力
争頭覓飽暖
作計相噉食
因果都未詳
盲兒問乳色
(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 98f., 92)
der Himmel ist unendlich hoch
die Erde ist unauslotbar tief
dazwischen existieren die Lebewesen
sie sind abhängig von den Kräften der Natur
sie schlagen sich die Köpfe ein im Kampf um Nahrung und Kleidung
sie planen sich gegenseitig aufzufressen
sie sind unfähig die Welt zu verstehen
wie Blinde die nach der Farbe der Milch fragen
Die Ungezeugten
Revolutionäre 2013
Zeitmangel adelt
Wissensgesellschaft
Chat am Nachmittag
ich antworte ihr
sie antwortet nicht
telefoniert sie?
was mag sie treiben?
ich schreibe nochmal
ist sie jetzt offline ?
ach was! sie kann mir
gestohlen bleiben
Setzt sich das […] System parallel mit mehreren verschiedenen sozialen und kommunikativen Umwelten auseinander, so ist anzunehmen, dass die Aufmerksamkeit auf diese verschiedenen Umwelten und die in [ihnen] gegebenen kommunikativen Situationen nach einer individuellen Prioritätenliste verteilt wird […]. (Beisswenger, Michael: Sprachhandlungskoordination in der Chat-Kommunikation. Berlin 2007. S. 147.)
Kinderfreundlich
Nebel und Tod
(Sylt 1999)
wo gestern noch der Leuchtturm stand,
heut morgen eine Nebelwand
ein graues fahles stilles Schweben
schluckt Form und Farbe Klang und Leben
nicht Wald noch Wiese nicht mal Kühe
kein Traktor tuckert durch die Frühe
kein Wind kein Möwenflugverkehr
die Wirklichkeit sie wirkt nicht mehr
so muß der Tod sein kein Objekt
das mich zum Subjekt macht und neckt
nicht mal ein Gott der grausam richtet
nur noch das Nichts das friedlich nichtet
Insel der Seligen
Stacheldraht Mauern
Knüppel und Prügel
ringsum regieren
böse Despoten
bei uns dagegen
walten die Guten
die herrschen heimlich
mit Denkverboten
Dreimal gegen den Strich
I
Mücken kann jeder ganz leicht
in Prachtelefanten verwandeln
umgekehrt wird es zur Kunst
bausche nicht auf bausche ab
II
Lernen hat vieles für sich
doch lernt auch beizeiten vergessen
wenn ihr nicht fleißig vergesst
sind bald eure Köpfe voll Müll
III
oh weh ihr vergöttert den Krach
und hüllt euch in Dauergedudel
ihr fürchtet die Stille zu Recht
dann hörtet ihr nur noch euch selbst
Der Dalai Lama am Steinhuder Meer
Seine Lichtregie
Altweibersommer
wie schön der Herbst ist
die Balz ist vorbei
sogar die Vögel
halten die Luft an
und aus den stillen
Wiesen und Wäldern
weht uns heimatlich
modriger Duft an
Löwenwaldgarten in Suzhou
einst von stillen und
vornehmen Menschen
als Ort des Denkens
und Dichtens gebaut
heute jagen dort
laute Touristen
nach Facebookfotos
mit viel nackter Haut
Gartentraum
Chinesische Trabantenstädte
Interkulturelle Pädagogik in der Shanghaier Metro
Wolkenkratzer in Shanghai
Ballett 2013
Kinderfoto
Tröstliches zur Globalisierung
Kleine Monster
die Kinder herrschen
im ganzen Hause
sie sprengen alle
Grenzen und Regeln
noch sind sie niedlich
warte nur balde
mausern sie sich zu
Zicken und Flegeln
JVA Kinderbett
seit man sie abends
nicht mehr alleinlässt
haben die Kinder
umfassende Macht
wenn sie nicht schlafen
sind ihre Eltern
ihre Gefangnen
na denn – gute Nacht!
Hartnäckiger Irrtum
man kennt sich selbst nicht
versteht die Welt nicht
wird bald gestreichelt
und bald geschunden –
das alte Märchen
dass Kindheit schön sei
haben gewiss die
Mütter erfunden
Bildbetrachtung
Der alte Herr Huang
(Shanghai)
pausenlos prahlt er
mit seinen Erfolgen
mit seinem Besitz
mit seinen Kniffen
im Garten lächelt
ein steinerner Buddha
den hat er gekauft
und nicht begriffen

























![Zeichnung von George Grosz. aus “Der Spiesser-Spiegel.” [1930] Frankfurt 1973.](https://kleinereime.com/wp-content/uploads/2014/12/grosz1.jpg)





























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