Ein Musterprojekt

unangekränkelt
von blassen Gedanken
gendergemainstreamt
fortschrittsbeflissen
und mit dem Segen
der Frau Minister
erforschen sie fleißig
was wir längst wissen

 

projekt

Ministerin Dr. Hildegard Müller-Schluckenauf (Mitte) am 6.12.2014 im Kreise der Projektmitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Schüchterne Frage an eine Sexismus-Expertin

„Feindliche Sexisten gehen auch davon aus, dass Frauen das Ziel haben, Macht und Kontrolle über Männer zu bekommen.“ (die Osnabrücker Sozialpsychologin Prof. Dr. Julia Becker in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 14.2.2015)


klar! es ist Unfug
sämtlichen Frauen
Machtgier und Herrschsucht
zu unterstellen!
darf man denn manchmal
trotzdem was merken?
sozusagen in
Ausnahmefällen?

In der Stadt

die jungen Damen
hübsch und unnahbar
mit Blumen im Haar
in roter Seide
von Düften umwölkt
Rouge auf den Wangen

die Männer gaffen
sehen nichts andres
lecken die Lippen
gierige Köter
schnappen ins Leere
dumm vor Verlangen

bald sind die Schönen
graue Gespenster
wir Männer aber
sind in unseren
Hundeherzen auf
ewig gefangen

hundeherz

儂家暫下山
入到城隍裏
逢見一羣女
端正容貌美
頭戴蜀樣花
燕脂塗粉膩
金釧鏤銀朵
羅衣緋紅紫
朱顏類神仙
香帶氛氳氣
時人皆顧盼
癡愛染心意
謂言世無雙
魂影隨他去
狗齩枯骨頭
虛自舐脣齒
不解返思量
與畜何曾異
今成白髮婆
老陋若精魅
無始由狗心
不超解脫地

One day I left the Mountains
and entered the city gate
and saw a group of girls
their noble an lovely faces
with flowered hairdos of Shu
rouge from Yen powder and oil
golden bracelets chased with silver
sheerest silks of red and purple
their rose-colored cheeks were like an immortal’s
their perfume trailed in clouds
the men all turned to look
infatuation darkened their minds
thinking the world had no equals
their hearts and shadows followed behind
dogs gnawing on dry bones
licking their teeth and lips in vain
not knowing how to reflect
how were they different from beasts
and now the girls are white-haired crones
old mean and ghostly
it’s always due to their dog hearts
men don’t ever get free

(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 151f., 168)

Beim Wein

im Herzen der Stadt
und doch gar nicht hier
ich denke träume
und höre weder
Menschen noch Wagen

ich schreibe Verse
seh Vögel im Wind
und helle Wolken
worin der Sinn liegt
wer kann das sagen

陶淵明: 飲酒

結廬在人境
而無車馬喧
問君何能爾
心遠地自偏
採菊東籬下
悠然見南山
山氣日夕佳
飛鳥相與還
此還有真意
欲辨已忘言

Tao Yuanming (365/772?-425): Drinking Wine

I built my hut on the realm of men
yet I hear no rumble of horse and carriage.
Pray, sir, how can this be true?
When the mind’s far away, your land too is remote.
I pick chrysanthemums by my eastern hedge;
far off I see the southern hills.
How fine the sunset through mountain mists,

and the soaring birds come home together.
There is some real meaning in all of this,

though when I try to grasp it I forget the words.

(Paul Rouzer: http://afe.easia.columbia.edu/at/song/song28.html)

Laozi und ich

Laozi lehrt uns
der Dumme redet
während der Weise
verschwiegen bleibt
was aber ist dann
Laozi selber
wenn er fünftausend
Verszeilen schreibt?

白居易: 讀老子

言者不如知者默
此語吾聞於老君
若道老君是知者
緣何自著五千文

Bai Juyi (772-846): Laozi lesen

die Redenden wissen nichts, die Wissenden bleiben stumm
das habe ich von dem alten Gentleman gehört
wenn der alte Gentleman ein Wissender war
warum hat er dann fünftausend Verse geschrieben?

Am Schreibtisch

Scharen von Vögeln
südwärts gezogen
ein Wölkchen müßig
vorbeigeflogen
mein Birnbaum rührt sich
nicht von der Stelle
der bleibt mir weiter
herzlich gewogen

李白 獨坐敬亭山

眾鳥高飛盡
孤雲獨去閑
相看兩不厭
只有敬亭山

Li Bai (701—762): Allein im Angesicht des Jingtingbergs

Scharen von Vögeln sind in große Höhen geflogen
eine einsame Wolke ist müßig fortgetrieben
wir beide werden nicht müde einander anzusehen
nur der Jingtingberg und ich

Text nach: Lu Shuxiang/ Xu Yuanzhong: Gems of Classical Chinese Poetry in Various Translations. Hongkong: Joint Publishing 1988. 139.

 

Ahnungslos

jetzt tragen deutsche
Schildbürger Schilder
sie seien Charlie
ich kann nur lachen
hätten die Charlie
jemals gelesen
würden sie sich aus
dem Staube machen

 

Das Leben beginnt mit 60. (2013) Heftig umstrittener Cartoon des am 7. 1. 2015 getöteten Charlie Hebdo-Zeichners Georges Wolinski für eine Postkartenaktion der Kommunistischen Partei Frankreichs gegen die Erhöhung des Rentenalters.

Das Leben beginnt mit 60 (2013). Heftig umstrittener Cartoon des am 7. 1. 2015 getöteten Charlie Hebdo-Zeichners Georges Wolinski für eine Postkartenaktion der Kommunistischen Partei Frankreichs gegen die Erhöhung des Rentenalters.

Das Kloster am Zerbrochenen Berg

die höchsten Wipfel
beim alten Kloster
von Morgensonne
golden gefleckt
jenseits des Pfades
die bunte Halle
tief in Bambus und
Blüten versteckt

die Vögel tanzen
über den Bergen
mein Herz ist leer ein
spiegelnder Teich
friedliche Stille
nur aus der Ferne
der Ton der Glocke
schwebend und weich


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常建 題破山寺後禪院

清晨入古寺
初日照高林
竹徑通幽處
禪房花木深
山光悅鳥性
潭影空人心
萬籟此都寂
但餘鐘磬音

 

Chang Jian (8. Jhdt.): The Meditation Hall of Po Mountain Temple

In the clear morning one enters this old temple;
the rising sun shines on the tops of the trees.
A bamboo footpath takes one through to a secluded spot;
the meditation room is deep in the flowers and trees.
The mountain light makes the birds joyous;
the reflection in the pool empties a human mind.
Ten thousand sounds here are all silent;
only the sounds of the bells remain.

(eastasiastudent.net/china/classical/chang-jian-tipo-shan-si)

Alte Münzen

wir glauben wunders
was wir da reden
und sind uns meistens
gar nicht im klaren
in wieviel Mündern
dieselben Wörter
dieselben Sätze
schon einmal waren


Die Bestandteile unseres Denkens sind selbst in den individuellsten, intimsten Handlungen und Augenblicken unserer Existenz … Klischees, endlose Wiederholungen. Sie mobilisieren, am hervorstechendsten in einem Zeitalter der Massenmedien und beschränkter Schreib- und Lesekenntnis, identische Wörter und Bilder. … Die Wörter, die Sätze, die wir benutzen, um unser Denken nach innen oder außen zu übermitteln, gehören einer gemeinsamen Währung an. Sie demokratisieren die Intimität. (George Steiner: Warum Denken traurig macht. Zehn (mögliche) Gründe. Frankfurt: Suhrkamp 2006. 26f.)

Wasser und Holz

täglich dasselbe
ich bins zufrieden
kein Für kein Wider
kein Gram und kein Stolz
mein Ehrenzeichen
die klaren Berge
mein Zauber ich schleppe
Wasser und Holz

日日事無別
惟吾自偶諧
頭頭非取捨
處處沒張乖
朱紫誰爲號
邱山絶塵埃
神通並妙用
運水及搬柴

龐蘊居士 Pang Yun jushi / 龐居士 Hõ Koji (740-808)

In my daily life there are no other chores than
Those that happen to fall into my hands.
Nothing I choose, nothing reject.
Nowhere is there ado, nowhere a slip.
I have no other emblems of my glory than
The mountains and hills without a spot of dust.
My magical power and spiritual exercise consists in
Carrying water and gathering firewood.
(anonym)

Schönfärberei

„Sie sind perfekt! … Sie müssen nichts ändern, Sie sind das Perfekteste, was eben gerade möglich ist. Es soll alles gut werden. Für uns alle. … ich umarme Sie … .“ (Sibylle Berg in Spiegel Online am 27.12.2014)

die Zeitungstante
schmeichelt uns Lesern
wir seien perfekt
sie sollte wissen
dass wir halb gut sind
halb aber grausam
gefräßig gierig
geil und gerissen


Zeichnung von George Grosz. aus “Der Spiesser-Spiegel.” [1930] Frankfurt 1973.

Zeichnung von George Grosz. aus “Der Spiesser-Spiegel.” [1930] Frankfurt 1973.

Schwalbenliedchen

(Ronsard für die Westentasche)

vorlaute Schwalbe
halt deinen Schnabel
oder ich rupf dir
die kleinen Schwingen
stutz dir die Zunge
mit scharfem Messer
dann ist es aus mit
Zwitschern und Singen

pfeif meinetwegen
den ganzen Tag lang
in meinem Schornstein
über der Stiege
nur weck mich bitte
ja nicht am Morgen
wenn ich im Traum noch
bei Trude liege

 

Pierre de Ronsard (1524-1585): Odes retranchées 74

Tay-toy, babillarde arondelle,
Ou bien je plumeray ton aile,
Si je t’empoigne, et d’un cousteau
Je te couperay ta languette,
Qui matin san repos caquette,
Et m’estourdit tout le cerveau.

Je te preste ma cheminée
Pour chanter, toute la journée,
De soir, de nuict, quand tu voudras ;
Mais au matin ne me resveille
Et ne m’oste, quand je sommeille,
Ma Cassandre d’entre les bras.

An Marie

(Ronsard für die Westentasche)

Küss mich, nein, saug mir
das Herz aus, die Luft,
saug mir die Seele
aus allen Adern!

Tu’s lieber doch nicht!
Du machtest mich zum
Gespenst und würdest
ewiglich hadern.

Lass uns uns lieben!
Wir sind noch nicht tot,
noch sind wir munter!

Die Liebe blüht nur
über der Erde
und nicht darunter.

 

marie

 

Pierre de Ronsard (1524-1585): Les Amours de Marie, XLIV

Marie, baisez-moy : non, ne me baisez pas,
Mais tirez moy le cœur de vostre douce haleine :
Non, ne le tirez pas, mais hors de chaque veine
Succez-moy toute l’ame esparse entre vos bras :

Non, ne la succez pas : car apres le trespas
Que serois-je sinon une semblance vaine,
Sans corps desur la rive, où l’amour ne demeine
(Pardonne moy Pluton) qu’en feintes ses esbas ?

Pendant que nous vivons, entr’aimons nous, Marie,
Amour ne regne point sur la troupe blesmie
Des morts, qui sont sillez d’un long somme de fer.

C’est abus que Pluton ait aimé Proserpine,
Si doux soing n’entre point en si dure poitrine :
Amour regne en la terre et non point en enfer.

wörtlich: Marie, küss mich; nein, küss mich nicht; aber saug mein Herz aus mit deinem süßen Atem; nein, saug es nicht aus; aber saug mir in deinen Armen meine ganze Seele aus jeder Ader. – Nein, saug es nicht aus; denn was wäre ich nach meinem Tod als ein leerer Schatten ohne Körper auf jenem Fluss,  auf dem die Liebe (verzeih mir Pluto) nicht einmal eine schwache Phantasie ist. – Solange wir leben, lass uns einander lieben, Marie.Die Liebe regiert nicht die blasse Gesellschaft der Toten in ihrem langen, eisernen Schlaf. – Es ist eine Lüge, dass Pluto Proserpina geliebt habe: Ein so süßes Gefühl gelangt nicht in eine derart gefühllose Brust. Die Liebe regiert auf der Erde und nicht in der Unterwelt.
(Proserpina, Tochter des Jupiter und der Ceres, von Jupiter in die Unterwelt entführt und zu seiner Ehefrau gemacht, ist die Königin der Unterwelt.)

Weiße Hütte

wachsbleicher Himmel
Eiszapfen hängen
von meiner Traufe
in frostige Luft
nachts fällt kein Schnee mehr
durchs Fenster von fern
der Pflaumenblüten
noch zaghafter Duft


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白庵
一色虛明含法界
四檐皎潔若冰霜
小窗幾度雪晴夜
不見梅花只覺香

White Hut
The world is surrounded by a one-color sky

my eaves are white as ice
at night through my windows when the snow stops
no sign of plum blossoms only their scent

(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 116f.)

An Lyce

Dank sei den Göttern!
nun bist auch du alt
hast trotz all der Cremes
zehntausend Falten
du willst noch schäkern?
Amor umflattert
jüngerer Frauen
holde Gestalten

einst warst du mein Schwarm
doch nun bist du grau
kein Jüngling wünscht sich
in deine Nähe
einst warst du Feuer
nun bist du Asche
du lebst noch aber
als alte Krähe

Horaz: Carmina IV, 13. ►Text und wörtliche Übersetzung

„Der Dichter spottet mit dem größten Muthwillen über eine Spröde, die nun alt wird. […] Allerdings geschieht dies mit einer Laune, die unser Zeitalter nicht ertragen würde, die aber die Denkungsart der Alten so unschicklich nicht fand.“ (Paul Friedrich Achat. Nitsch, Pfarrers zu Ober- und Niederwuntsch Vorlesungen über die klassischen Dichter der Römer. Leipzig 1793. S. 108.)

 

Tigerlily – nach 50 Jahren?

Frage an einen Besucher aus der alten Heimat

hast du dort kürzlich
die kleine Rote
durch meine Straße
spazieren sehen?
die pflegte damals
frühmorgens immer
im Wildkatzenjäckchen
zur Schule zu gehen

 

tigerlily

君自故鄉來
應知故鄉事
來日綺窗前
寒梅著花未
(王維)

Du kommst gerade aus meinem alten Dorf und weißt sicher, wie die Dinge dort stehen: Blühte, als du aufbrachst, die Winterpflaume vor meinem Fenster? Wang Wei (701-761)

Mal was anderes

Brautmoden in Shanghai

strahlende Bräute
mit blauschwarzem Haar
rauschende Kleider
für süße Frätzchen
beim Kassentisch schnurrt
zusammengerollt
zur Abwechslung mal
ein blondes Kätzchen


brautmoden3

Wirklichkeit

in meiner leeren
Hand liegt der Spaten
im Gehen kann ich
den Büffel reiten
ich überquere
den Fluss und sehe
das Wasser ruhen
die Brücke gleiten

 

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空手把鉏頭
步行騎水牛
人在橋上過
橋流水不流

Fu Dashi (傅大士) (497-569?)

 

Fritz Graßhoff (1913-1997): Auf der Brücke

Auf der Brücke stehn
und ins Wasser sehn,
und der Fluß fließt lautlos seine Bahn.
Lautlos umgekehrt
deine Brücke fährt
auf dem Wasser wie ein Kahn.

Heimlich losgetäut
gleiten Dorf und Leut,
Baum und Kirchturm, Ufersaum und Steg.
Was gebunden war,
macht sich wunderbar
mit dem Träumer auf den Weg.

Mond und Stern am End
und das Firmament,
alles wandert. Nur der Fluß erstarrt.
Stille steht die Zeit,
und die Ewigkeit
mündet in die Gegenwart.

(Aus: Fritz Graßhoff: “Graßhoffs neue große Halunkenpostille”. München: Limes 1980. S. 290.)

Den Kopf freihalten!

Sommerwind Krokus
Schneetreiben Herbstmond
Jahreszeiten
sind nicht so wichtig
denk nicht an tausend
nutzlose Sachen
dadurch lebst du in
jeder Zeit richtig

 

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春有百花秋有月
夏有涼風冬有雪
若無閑事挂心頭
更是人間好時節

Mindfulness

Spring comes with its flowers, autumn with the moon,
summer with breezes, winter with snow;
when useless things don’t stick in the mind,
that is your best season.

(無門關 Wumenguan)

Offener Brief

(Kioto)

liebe Japaner
wie seid ihr denn bloß
von Tempeln Gärten
und stillen frommen
Buddhistenmönchen
auf Hello Kitty
und ähnlich kindischen
Unsinn gekommen?

 

hellokitty

Kalligraphie mit Vogel

高桐院, 京都 – Koto-in, Kioto

ein Vogelschrei macht
den Wald noch stiller?

wie recht er hat der
weise Verfasser!
macht nicht auch häufig
das Mitsibushi
ein blasses Bäuchlein
noch sehr viel blasser?

 

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Das chinesische Gedicht, dem die kalligraphierte Zeile entnommen ist, scheint bei der Entstehung der Wendung „點金成鐵“ (aus Gold Eisen machen, einen Text verschlimmbessern) eine Rolle gespielt zu haben: Die ursprüngliche Formulierung „烏啼(嗚)山更幽“ (ein einzelner Vogelschrei macht den Wald noch stiller) soll ein späterer Autor in abgewandelter Form in ein eigenes, ähnliches Gedicht übernommen haben: „一烏不嗚山更幽“ (dass nicht ein Vogel schreit macht den Wald noch stiller). Diese Abwandlung soll ein Kritiker mit „點金成鐵“ kommentiert haben: „Du hast aus Gold Eisen gemacht, den Text verschlimmbessert.“ (Vgl. 嚴北溟,嚴捷 編著: 中國哲學寓言故事 4. 臺北 1990. 90-91.) – Für den Rest des Textes vgl. auch Schoßtiere und Tattoos und Piercings: Das Ende der Nacktheit.

Saisho-in, Kioto

景勝院, 京都

das langsame Herz
des Bergs der starke
Pulsschlag der Föhren
die ernste Glocke
des Tempels im Tal
hier kaum zu hören

alles ist eines
der Berg die Glocke
Bäume Zikaden
ein weißes Hündchen
der kunstreiche Mönch
auf grünen Pfaden

alles ist kühl unter
turmhohen Wipfeln
hier suchen alle
hier findet jeder
der Ort ist versteckt
und offen zugleich
sein freundlicher Geist
wohnt in der Zeder

 

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Summer, Saisho-in (anonym)

The evening bell, solemn and bronze,
in the grandfather temple down the hill,
sounds dimly here.

Slow beat of the mountain’s heart, perhaps,
or determined pulse of pine tree (gift of the birds)
growing out of a crotch of the slippery monkey tree.

All one, perhaps –
bell, mountain, tree,
and steady cicada vibrato
and little white dog
and quiet artist-priest, carver of Noh masks,
fashioning a bamboo crutch for the ancient peach tree –
symbol of strength, symbol of concern.

All cool under nodding crowns of the vertical forest,
all seeking in this place,
all finding in this place –
hidden yet open to all –
the spirit in the cedar’s heart.*

Saisho-in: a small, Eighth Century Buddhist temple in a mountain gorge near Kyoto, Japan.

* Japanische Tempel werden zu einem großen Teil aus Zedernholz gebaut.

Yosakoi Parade

Tokio Omote-sando August 2014

Kimono-Trippeln?
Hand-vorm-Mund-Lächeln?
sie wirbelt kampfschreit
lacht wie besessen
purzelbaumt kniebeugt
schüttelt die Fäuste
und fletscht die Zähne
will sie mich fressen?


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Tokio Metro

Nihombashi
Kyobashi
tausend Menschen
steigen ein
Toranomon
Kamiyacho
schon bin ich
am Meiji-Schrein

 

(Die Stationen Ginza, Shimbashi, Tameike-sanno, Asakasa-mitsuke, Aoyama-mitchome, Gaiemmae, Omote-sando, Meiji-jingumae und viele andere sind in meinem Herzen aufbewahrt, müssen aber aus Gründen der lyrischen Form unerwähnt bleiben. Mehr … )

metro map

Leute

sie könnten reden
sie könnten lesen
sie könnten denken
oder mal lachen
sie könnten schlendern
sie könnten träumen
doch nein sie müssen
sich wichtig machen

 

leute

Einer wie der andere

was braucht jeder Mensch
ein eignes Gesicht?
wozu der Aufwand?
darf ich das fragen?
sind nicht die meisten
Nörgler die statt sich
selber zu ändern
nach andern schlagen?

世問億萬人
面孔不相似
借問何因緣
致令遣如此
各執一般見
互說非兼是
但自修己身
不要官他己

The world has billions of people
and no two faces alike
I wonder about the reason
behind such variation
and all with similar views
debating who is right and wrong
just correct yourself
and stop maligning others

(The Poems of Pickup (Shih-te). 拾得詩. In: The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 276f., 18.)

Heiteres Alter

ich durchschaue die
Leere der Dinge
und habe Berge
von Hass und Sorgen
aus meiner Seele
endlich verbannt
nicht zu betören
durch Blumen und Wein
bleib ich gelassen
esse und schlafe
und bin ansonsten
ein Komödiant

mein Herz kennt weder
gestern noch morgen
unsterblich werden
Buddha verehren
Kongzi studieren
möchte ich nicht
will nicht mehr kämpfen
sollen sie lachen
mein Spiel ist gespielt
und meine Maske
tragen bald andre
vor dem Gesicht

 

朱敦儒

老來可喜
是歷遍人間
諳知物外
看透虛空
將恨海愁山
一齊接碎
免被花迷
不為酒困
到處惺惺地
飽來覓睡
睡起逢場作戲

休說古往今來
乃翁心裹
沒許多般事
也不載仙
也不佞佛
不學栖栖孔子
懶共賢爭
悅教他笑
如此只如此
雜劇打了
戲衫脫與凱底

„Zhu Dunru: Old Age

I am happy with my old age:
For I have seen life thoroughly,
Become familiar with all truths,
Penetrated the hidden things oft he world;
Obliterated altogether the seas of regret and
mountains of distress;
Free from the charms of flowers,
And the spell of wine,
Always sober.
When I have eaten, I go to bed;
When I awake, I play my part when my turn comes.

Do not talk of the days gone by and time to come;
In my breast
There are no such things.
I have no mind to become an Immortal,
to worship Buddha,
Nor to imitate the restless Confucius.
I am unwilling to argue with you,
Laugh as they will –
So, be it so.
My part performed,
I leave my costume to the silly players.“

(Zhu Dunru 朱敦儒 1081-1159; aus: 101 Chinese Lyrics. 中華雋詞一0一首. Compiled and Translated by Chu Dagao. Beijing 1987. 146f.)

Mondnacht

schier endlos die Nacht
ich liege noch wach
der helle Vollmond
glänzt über dem Dach
mir scheint da ruft wer
doch niemand ist da
und ich alter Narr
ich antworte:  ja?

夜長不得眠
明月何灼灼
想聞散喚聲
虛應空中諾

Long night: unable to sleep.
The moon, how breakingly bright.
Calling, someone seems calling.
Into the empty air, I answer “Yes?”

Aus: Chinese Poetry. An Anthology of Major Modes and Genres. Translated and edited by Wai-lim Yip. Berkeley: University of California Press 1976. 161.

Einsiedler

unter der Felswand
jenseits der Zeit
die Welt nur im Kopf
ganz still und allein
Halbmond im Fenster
im Herd blasse Glut
im Traum wird er jetzt
ein Schmetterling sein

 

zhuangzi1

 

重巖之下
靜默自居
三際不來
心如境如
斜月半窗
殘火一爐
嗟彼睡夫
蝶夢蓬蓬

„Below high cliffs
serene in solitude
not visited by time
the mind creates the world
the window holds a setting moon
the stove contains a dying fire
pity the sleeping man
startled from his butterfly dream

The last line refers to Chuang-tzu’s story in which he dreams he is a butterfly. On waking, he wonders if he isn‘ a butterfly dreaming he is a man (Chuangtzu 2.11).“

(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 90f., II, 7.6. – Bei der Abbildung handelt sich um das Umschlagbild zu: Allinson, Robert E.: Chuang-Tzu for Spiritual Transformation. An Analysis of the Inner Chapters. State University of New York Press 1989.)

Unter der Felswand

unter der Felswand
verbrenne ich Laub
hacke und ernte
Korn und Gemüse
mein eigener Koch
ich lebe heiter
heute und für den
Rest meiner Tage
mein Baum welkt und grünt
wie lange wohl noch?

重嚴之下
火種刀耕
有粟有蔬
可煮可烹
了我目前
樂我餘生
坐眄庭柯
幾度衰榮

„Below high cliffs
I slash and burn
there’s vegetables and grain
to boil and steam
to satisfy the present
to brighten old age
looking at a tree in the yard
I count its falls and springs“

(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 88f., II, 7.1)

Dem Diener Ling

bei seiner Rückkehr zum Jingci Tempel in Hangzhou

meilenweit Seeglanz
um die sechs Brücken
schau wenn du dort bist
hinauf in die Luft
lauwarmer Wind trägt
Weidensamen und
Vogelnestflusen
im leuchtenden Duft

 

weide

Tanaka Gochikubō (1700-1780): Weide am Ufer (Ausschnitt). Aus: Stiftung Museum Schloss Moyland: Haiku & Haiga. Bedburg-Hau 2006. Seite 49.

 

送凌侍者回淨慈

十里湖光浸六橋
到時須著眼頭高
斷是霧捲楊花落
不是鳥窠吹布毛

„Three miles of lakelight flood the six bridges
when you arrive lift up your eyes
willow fuzz swirls in the dike’s warm breeze
or is it down or silk from the bird nests“

(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 110f., 46)

Im Gebirge

kaum Platz zum Schlafen
in meiner Hütte
rings tausend Gipfel
ein Bergdohlennest
der klare Himmel
über den Wolken
mein Blick schweift ins Land
nach Nord Süd Ost West
die Welt ist eine
Blume im Nirgends
Blühen und Welken
nur Täuschung und Schein
die Sonne versinkt
der Wind wird frostig
ich schließe die Tür
und heize mir ein


IF

 

破屋三兩橡
住在天峰上
雲散天宇清
放目聊四望
世界空裡花
起滅皆虛妄
日落山風寒
閉門燒火向

„My broken-down hut isn’t three rafters wide
perched above a thousand peaks
clouds unveil an empty sky
the horizon extends in all directions
the world is a flower in space
its bloom and decay are illusions
after sunset the wind turns cold
I close my door and face the fire“

(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 80f., 182)

Gehirn und Geist

dass die nach all dem
immer noch wagen
beim Menschengehirn
von Geist zu sprechen!
Geist ist ein ziemlich
bombastisches Wort
für einen Haufen
peinlicher Schwächen


[…] Ehe man noch die gemeinen Erscheinungen in der Körperwelt erklären konnte, fing man weit früher an, Geister zur Erklärung zu gebrauchen. Jetzt da man ihren Zusammenhang besser kennt, erklärt man eines aus dem andern, und die Geister, bei denen wir stille stehen, sind endlich doch ein Gott und eine Seele. Die Seele ist also noch jetzt gleichsam das Gespenst das in der zerbrechlichen Hülle unseres Körpers spükt. […] [Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), „Sudelbücher“ F 324]

Rom 2014

ein großer Jahrmarkt
mit Buden aus Stein
mit Marmorhelden
Spaghetti und Wein
besonders beliebt
ist die Geisterbahn
da spuken der Papst
und der Menschheitswahn


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Nette Leute

sie geben sich nicht
die kleinste Blöße
machen rein gar nichts
gegen den Strich
reden als wäre
Denken verboten
in lauter Klischees
sie langweilen mich

 

Nette Leute

Lieber Herr Supermarkt!

warum nur plärren
in Ihrem Laden
von früh bis abends
Popmusikfrauen
halb wie verzweifelt
rollige Katzen
halb wie nach Futter
quiekende Sauen?


love

The music – and if possible it should be the same music for everybody – is the most important ingredient. Its function is to prevent thought […]. (George Orwell: Pleasure Spots. 1946.)

Schnullerbaum

(Herrenhäuser Gärten)

ein Baum soll bei der
Entwöhnung helfen
von Lust und Sucht und
quälenden Zwängen?
das wär was für mich
um wenn auch nicht sie
so doch ihr Bildnis
dran aufzuhängen
schnullerbaum2

Ein Schnullerbaum dient der Schnuller-Entwöhnung eines Kleinkindes: Das Kleinkind kann an diesem Baum, oft einem Parkbaum, seinen Schnuller (Lutscher, Schlotzer, Nuckel, Luller) aufhängen, um sich so von diesem zu lösen.

Der Fischer

vor lauter Büchern
den Weg verfehlen –
das Lied des Fischers
ist Gold dagegen
Abend für Abend
am dämmrigen Fluss
bei Mond und Wolken
oder im Regen

漁父

學道參禪失本心
漁歌一曲價千金
湘江暮雨楚雲月
無限風流夜夜呤

Fisherman – Learning the way, studying Zen, they run afoul of the Buddha’s original mind. One tune from the fisherman is worth a thousand pieces of gold. Rain at dusk on the Hsiang River, the moon among the clouds of Ch’u. Furyu [ländlich schlicht, „romantisch“, schön] without end, night after night singing.
(Ikkyū Sōjun 一休宗純, fl.1394-1481; Text und Übersetzung aus: Arntzen, Sonja Elaine: The Poetry of the Kyōunshū „Crazy Cloud Anthology“ of Ikkyū Sōjun. Diss. University of British Columbia 1979. 208)

Wanderers Nachtlied

Ein überfälliger Beitrag zur Literaturkritik

Goethe besang der
Vögelein Schweigen
Gipfel und Wipfel
und baldige Ruh
durchaus beachtlich
aber mir fehlen
irgendwie noch ein
paar Strapse dazu

wanderer4

Über allen Gipfeln
Ist Ruh‘,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

J. W. Goethe

Am Gartentor

fürchten die dass ich
das Moos zertrete?
ich klopfe aber man
öffnet mir nicht

sieh da! der Frühling
wedelt mir einen
Zweig roter Blüten
über die Mauer
sanft ins Gesicht

 

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游园不值 叶绍翁

應憐屐齒印蒼苔
小扣柴扉久不開
春色滿園關不住
一枝紅杏出牆來

Ich bedauere, dass meine Schuhe auf dem grünen Moos Spuren hinterlassen. Lange klopfe ich leise an das Tor, aber es öffnet sich nicht. [Bedeutung und Zusammenhang der beiden ersten Zeilen sind nicht ganz klar: Ein Teil der Übersetzungen nimmt an, dass der Gartenbesitzer abwesend ist und deshalb das Tor nicht öffnet; zugleich bedauere der Besucher, dass er auf dem Moos vor dem Garten Spuren hinterlassen hat. Andere Übersetzungen nehmen an, dass der anwesende Gartenbesitzer nicht öffnet, weil er fürchtet, dass der Besucher im Garten Spuren auf dem Moos hinterlassen könnte. Der folgende Text ist dagegen unproblematisch:] Die Schönheit des Frühlings lässt sich nicht einsperren: Ein Zweig mit roten Aprikosenblüten hängt über die Mauer nach außen.
(Ye Shaoweng [Song-Dynastie 960-1279])

Vorschlag zur Güte

(Suzhou)

selbst noch im Bus im
schlimmsten Gedränge
lautsprechert man hier
Liebesgesänge
sind nicht genügend
Menschen auf Erden?
singt doch mal man soll
Einsiedler werden!

 

» […] ’s gibt doch vielzuviel Menschn uff der Welt Den möcht’ich seh’n der mir das widerlegt und wenn’s X selber iss hab’ich Recht – ?«; (ihm entfuhr hier ein hoher Name, den ich unterdrücke. Aber ‹Recht› natürlich; das könnt’ihm ja nur ein überzeugter Idiot bestreiten. Wir saßen eine zeitlang recht sinnend in der unfruchtbaren Beleuchtung: jaja, die Menschheitsfrage.)
(Arno Schmidt: Caliban über Setebos. 1964.)

Vorfrühling

in einer Ecke
ganz unvermittelt
die Pflaumenzweige
in frostiger Luft
von weitem weiß ich
das ist kein Schnee mehr
von dorther weht schon
ein zaghafter Duft
 

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梅花 王安石

牆角數枝梅
凌寒獨自開
遙知不是雪
為有暗香來

in der Mauerecke blühen einige Pflaumenzweige
ganz allein in der frostigen Kälte
dass das kein Schnee ist weiß ich von weitem
weil ein zarter Duft herüberweht
(Wang Anshi 1021-1086)

Herbst am Westsee

(Hangzhou)

im blühenden Schilf
singt eine Flöte
rings Deiche und Inseln
mit Booten dazwischen
ein Pavillon tanzt
zwei Reiher segeln
ich stake durch Nebel
und Kälte zum Fischen

 

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長憶西湖
盡日憑欄樓上望
三三兩兩釣魚舟
島嶼正清秋

笛聲依約蘆花裹
白鳥成行忽驚起
別來閒整釣魚竿
思入水雲寒

(Pan Lang 潘閬, fl. ~1000; aus: 101 Chinese Lyrics. 中華雋詞一0一首. Compiled and Translated by Chu Dagao. Beijing 1987. 86f.)

ich erinnere mich an den Westsee:
den ganzen Tag schaue ich über ein Geländer gebeugt auf den Pavillon
Anglerboote in Zweier- und Dreiergruppen
schweben in der kühlen Herbstluft um die kleinen Inseln

eine Flöte erklingt im blühenden Ried
weiße Vögel fliegen erschreckt auf
ich mache meine Angelrute fertig
und breche auf in Wasser Wolken und Kälte

Cheshire Cat

sie schreitet vorbei
hebt kurz die Pfote
um mir ein schnelles
Grüßchen zu fächeln
und schon ist sie fort
nur auf den Fluren
glänzt noch für eine
Weile ihr Lächeln

cheshire

‘All right,’ said the Cat; and this time it vanished quite slowly, beginning with the end of the tail, and ending with the grin, which remained some time after the rest of it had gone.
(Lewis Caroll: Alice’s Adventures in Wonderland.)

Nur im Traum

sie schwenkt die Hüften
und alle schmachten
ich aber pfeife
auf ihr Getue
sie darf im Traum bei
mir übernachten
am Tag genieße
ich meine Ruhe

sthenelais

Im Traum
Städte verbrennt Sthenelaïs, die sündhaft teure Hetäre;
jeden der sie besucht, rupft sie um sämtliches Geld.
Nun aber hat sie ein Traum heut nacht bis zum strahlenden Morgen
hüllenlos zu mir gelegt und sie umsonst mir geschenkt.
Wahrlich, jetzt knie ich nicht mehr vor dem harten Geschöpfe und weine
nicht mehr im stillen: mein Schlaf schenkt mir das alles umsonst.
(Anonym)

(Anthologia Graeca. Griechisch-Deutsch ed. Hermann Beckby. Bd. I. München: Ernst Heimeran 1. Aufl. 1957. 240f.)

Geschäftige Menschen

sie kennen vieles
nur nicht sich selber
sie plappern Phrasen
die zu nichts taugen
ihr Weg bleibt dunkel
wenn sie nur dächten
sähen sie alles
mit Buddhas Augen

 

IF

 

世有多事人
廣學諸知見
不識本真性
與道轉懸遠
若能明實相
豈用陳虛願
一念了自心
開佛之知見

(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 124f., 132. In der ersten Zeile habe ich in Übereinstimmung mit anderen Quellen das zweite Zeichen “身” (Druckfehler bei Red Pine?) durch das plausiblere “有” ersetzt.)

auf der Erde gibt es viele umtriebige Menschen
die alle Gesichtspunkte und Theorien ausführlich studiert haben
aber ihre ureigene Natur nicht kennen
und weit vom Weg abkommen
wüßten sie was wirklich ist
hingen sie nicht leeren Träumen nach
ein einziger Gedanke kann dir das Herz öffnen
und dich mit Buddhas Blick sehen lassen

Andere Pfeifen

früher waren es
Eltern und Lehrer
die uns bestimmte
Wörter verboten
jetzt tanzen wir nach
anderen Pfeifen
und schweigen folgsam
nach deren Noten


Mir ist die jährliche Verkündung eines „Unwortes des Jahres“ ein Ärgernis – anders als anscheinend den Journalisten, die sich begeistert auf diesen Köder stürzen. Auch wenn sich meine politische Position im einen oder anderen Fall mit der politischen Position der „Unwortexperten“ deckt, sehe ich nicht ein, warum hier pseudoamtlich und pseudowissenschaftlich jeweils ein bestimmtes Wort geächtet werden muss. Ich habe den Eindruck, dass vielen vermeintlichen Demokraten die im Rechtsstaat bislang nun einmal garantierten Spielräume der Meinungsfreiheit viel zu weit erscheinen und dass sie über mancherlei Korrektheitszwänge und Propagandatricks mit Macht Konformität im Rahmen der ihnen genehmen Grenzen erzeugen wollen. Ich komme mir da vor wie in einem ehemals relativ großen und luftigen Raum, dessen Wände durch einen verborgenen Teufelsmechanismus immer weiter aufeinander zu geschoben werden.

Die schöne Frau Sorgenfrei

sie ritt durch Gärten
und zupfte Blumen
sie pflückte Lotos
aus schwankendem Boot
kniete auf grünen
Bärenfellkissen
und fürchtete doch
das Grab und den Tod

璨璨盧家女
舊來名莫愁
貪乘摘花馬
樂搒採蓮舟
膝坐綠熊席
身披青鳳裘
哀傷百年內
不免歸山丘

(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 66f., 46)

die strahlende Madame Lu
die man einst Frau Sorgenfrei nannte
liebte es vom Pferd aus Blumen
und vom Boot aus Lotus zu pflücken
sie kniete auf einem grünen Bärenfell
trug ein blaues Phönixkleid
und grämte sich dass sie binnen hundert Jahren
unweigerlich in einem Grab in den Hügeln enden würde