tritt dir mal wieder
wer auf die Füße
dann bist du selbst schuld
mach keinen Wind
du hättest vorher
halt sagen müssen
dass deine Zehen
empfindlich sind
Beim Wein
im Herzen der Stadt
und doch gar nicht hier
ich denke träume
und höre weder
Menschen noch Wagen
ich schreibe Verse
seh Vögel im Wind
und helle Wolken
worin der Sinn liegt
wer kann das sagen
陶淵明: 飲酒
結廬在人境
而無車馬喧
問君何能爾
心遠地自偏
採菊東籬下
悠然見南山
山氣日夕佳
飛鳥相與還
此還有真意
欲辨已忘言
Tao Yuanming (365/772?-425): Drinking Wine
I built my hut on the realm of men
yet I hear no rumble of horse and carriage.
Pray, sir, how can this be true?
When the mind’s far away, your land too is remote.
I pick chrysanthemums by my eastern hedge;
far off I see the southern hills.
How fine the sunset through mountain mists,
and the soaring birds come home together.
There is some real meaning in all of this,
though when I try to grasp it I forget the words.
(Paul Rouzer: http://afe.easia.columbia.edu/at/song/song28.html)
Werbeclip
Laozi und ich
Laozi lehrt uns
der Dumme redet
während der Weise
verschwiegen bleibt
was aber ist dann
Laozi selber
wenn er fünftausend
Verszeilen schreibt?
白居易: 讀老子
言者不如知者默
此語吾聞於老君
若道老君是知者
緣何自著五千文
Bai Juyi (772-846): Laozi lesen
die Redenden wissen nichts, die Wissenden bleiben stumm
das habe ich von dem alten Gentleman gehört
wenn der alte Gentleman ein Wissender war
warum hat er dann fünftausend Verse geschrieben?
Buche im Schnee
Casting
Dame mit Hund
Am Schreibtisch
Scharen von Vögeln
südwärts gezogen
ein Wölkchen müßig
vorbeigeflogen
mein Birnbaum rührt sich
nicht von der Stelle
der bleibt mir weiter
herzlich gewogen
李白 獨坐敬亭山
眾鳥高飛盡
孤雲獨去閑
相看兩不厭
只有敬亭山
Li Bai (701—762): Allein im Angesicht des Jingtingbergs
Scharen von Vögeln sind in große Höhen geflogen
eine einsame Wolke ist müßig fortgetrieben
wir beide werden nicht müde einander anzusehen
nur der Jingtingberg und ich
Text nach: Lu Shuxiang/ Xu Yuanzhong: Gems of Classical Chinese Poetry in Various Translations. Hongkong: Joint Publishing 1988. 139.
Breaking News
früher las man nur
ab und zu Zeitung
heute dagegen
ist man bestrebt
jede Minute
online zu sein um
sicherzugehen
dass man noch lebt
Teestunde
Ahnungslos
jetzt tragen deutsche
Schildbürger Schilder
sie seien Charlie
ich kann nur lachen
hätten die Charlie
jemals gelesen
würden sie sich aus
dem Staube machen
Perspektiven
Das Kloster am Zerbrochenen Berg
die höchsten Wipfel
beim alten Kloster
von Morgensonne
golden gefleckt
jenseits des Pfades
die bunte Halle
tief in Bambus und
Blüten versteckt
die Vögel tanzen
über den Bergen
mein Herz ist leer ein
spiegelnder Teich
friedliche Stille
nur aus der Ferne
der Ton der Glocke
schwebend und weich
常建 題破山寺後禪院
清晨入古寺
初日照高林
竹徑通幽處
禪房花木深
山光悅鳥性
潭影空人心
萬籟此都寂
但餘鐘磬音
Chang Jian (8. Jhdt.): The Meditation Hall of Po Mountain Temple
In the clear morning one enters this old temple;
the rising sun shines on the tops of the trees.
A bamboo footpath takes one through to a secluded spot;
the meditation room is deep in the flowers and trees.
The mountain light makes the birds joyous;
the reflection in the pool empties a human mind.
Ten thousand sounds here are all silent;
only the sounds of the bells remain.
(eastasiastudent.net/china/classical/chang-jian-tipo-shan-si)
Diplom
er hat die Sache
von Grund auf studiert
kann alles klären
alles verstehen
er kann die Käfer
am Boden zählen
doch ach den blauen
Himmel nicht sehen
Neujahrsmorgen
vor meinem Fenster
der treue Birnbaum
in meinem Spiegel
vertraute Falten
auf meinem Schreibtisch
duftender Grüntee
melde gehorsamst
alles beim alten
Alte Münzen
wir glauben wunders
was wir da reden
und sind uns meistens
gar nicht im klaren
in wieviel Mündern
dieselben Wörter
dieselben Sätze
schon einmal waren
Die Bestandteile unseres Denkens sind selbst in den individuellsten, intimsten Handlungen und Augenblicken unserer Existenz … Klischees, endlose Wiederholungen. Sie mobilisieren, am hervorstechendsten in einem Zeitalter der Massenmedien und beschränkter Schreib- und Lesekenntnis, identische Wörter und Bilder. … Die Wörter, die Sätze, die wir benutzen, um unser Denken nach innen oder außen zu übermitteln, gehören einer gemeinsamen Währung an. Sie demokratisieren die Intimität. (George Steiner: Warum Denken traurig macht. Zehn (mögliche) Gründe. Frankfurt: Suhrkamp 2006. 26f.)
Wasser und Holz
täglich dasselbe
ich bins zufrieden
kein Für kein Wider
kein Gram und kein Stolz
mein Ehrenzeichen
die klaren Berge
mein Zauber ich schleppe
Wasser und Holz
日日事無別
惟吾自偶諧
頭頭非取捨
處處沒張乖
朱紫誰爲號
邱山絶塵埃
神通並妙用
運水及搬柴
龐蘊居士 Pang Yun jushi / 龐居士 Hõ Koji (740-808)
In my daily life there are no other chores than
Those that happen to fall into my hands.
Nothing I choose, nothing reject.
Nowhere is there ado, nowhere a slip.
I have no other emblems of my glory than
The mountains and hills without a spot of dust.
My magical power and spiritual exercise consists in
Carrying water and gathering firewood.
(anonym)
Schönfärberei
„Sie sind perfekt! … Sie müssen nichts ändern, Sie sind das Perfekteste, was eben gerade möglich ist. Es soll alles gut werden. Für uns alle. … ich umarme Sie … .“ (Sibylle Berg in Spiegel Online am 27.12.2014)
die Zeitungstante
schmeichelt uns Lesern
wir seien perfekt
sie sollte wissen
dass wir halb gut sind
halb aber grausam
gefräßig gierig
geil und gerissen
Spaziergang am Weihnachtsabend
Advent
ich schwebe ins Bad
auf Jünglingsfüßen
blicke mein Bildnis
im Spiegel an
und pralle zurück
mit diesem Graukopf
tauge ich grad noch
als Weihnachtsmann
Am Fenster
Steckbrief
zierliche Schühchen
seidige Strümpfchen
wippendes Kleidchen
lockige Mähne
niedliche Grübchen
lachende Äuglein
im süßen Köpfchen
eiskalte Pläne
Schwalbenliedchen
(Ronsard für die Westentasche)
vorlaute Schwalbe
halt deinen Schnabel
oder ich rupf dir
die kleinen Schwingen
stutz dir die Zunge
mit scharfem Messer
dann ist es aus mit
Zwitschern und Singen
pfeif meinetwegen
den ganzen Tag lang
in meinem Schornstein
über der Stiege
nur weck mich bitte
ja nicht am Morgen
wenn ich im Traum noch
bei Trude liege
Pierre de Ronsard (1524-1585): Odes retranchées 74
Tay-toy, babillarde arondelle,
Ou bien je plumeray ton aile,
Si je t’empoigne, et d’un cousteau
Je te couperay ta languette,
Qui matin san repos caquette,
Et m’estourdit tout le cerveau.
Je te preste ma cheminée
Pour chanter, toute la journée,
De soir, de nuict, quand tu voudras ;
Mais au matin ne me resveille
Et ne m’oste, quand je sommeille,
Ma Cassandre d’entre les bras.
An Marie
(Ronsard für die Westentasche)
Küss mich, nein, saug mir
das Herz aus, die Luft,
saug mir die Seele
aus allen Adern!
Tu’s lieber doch nicht!
Du machtest mich zum
Gespenst und würdest
ewiglich hadern.
Lass uns uns lieben!
Wir sind noch nicht tot,
noch sind wir munter!
Die Liebe blüht nur
über der Erde
und nicht darunter.
Pierre de Ronsard (1524-1585): Les Amours de Marie, XLIV
Marie, baisez-moy : non, ne me baisez pas,
Mais tirez moy le cœur de vostre douce haleine :
Non, ne le tirez pas, mais hors de chaque veine
Succez-moy toute l’ame esparse entre vos bras :
Non, ne la succez pas : car apres le trespas
Que serois-je sinon une semblance vaine,
Sans corps desur la rive, où l’amour ne demeine
(Pardonne moy Pluton) qu’en feintes ses esbas ?
Pendant que nous vivons, entr’aimons nous, Marie,
Amour ne regne point sur la troupe blesmie
Des morts, qui sont sillez d’un long somme de fer.
C’est abus que Pluton ait aimé Proserpine,
Si doux soing n’entre point en si dure poitrine :
Amour regne en la terre et non point en enfer.
wörtlich: Marie, küss mich; nein, küss mich nicht; aber saug mein Herz aus mit deinem süßen Atem; nein, saug es nicht aus; aber saug mir in deinen Armen meine ganze Seele aus jeder Ader. – Nein, saug es nicht aus; denn was wäre ich nach meinem Tod als ein leerer Schatten ohne Körper auf jenem Fluss, auf dem die Liebe (verzeih mir Pluto) nicht einmal eine schwache Phantasie ist. – Solange wir leben, lass uns einander lieben, Marie.Die Liebe regiert nicht die blasse Gesellschaft der Toten in ihrem langen, eisernen Schlaf. – Es ist eine Lüge, dass Pluto Proserpina geliebt habe: Ein so süßes Gefühl gelangt nicht in eine derart gefühllose Brust. Die Liebe regiert auf der Erde und nicht in der Unterwelt.
(Proserpina, Tochter des Jupiter und der Ceres, von Jupiter in die Unterwelt entführt und zu seiner Ehefrau gemacht, ist die Königin der Unterwelt.)
Weiße Hütte
wachsbleicher Himmel
Eiszapfen hängen
von meiner Traufe
in frostige Luft
nachts fällt kein Schnee mehr
durchs Fenster von fern
der Pflaumenblüten
noch zaghafter Duft
白庵
一色虛明含法界
四檐皎潔若冰霜
小窗幾度雪晴夜
不見梅花只覺香
White Hut
The world is surrounded by a one-color sky
my eaves are white as ice
at night through my windows when the snow stops
no sign of plum blossoms only their scent
(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 116f.)
An Lyce
Dank sei den Göttern!
nun bist auch du alt
hast trotz all der Cremes
zehntausend Falten
du willst noch schäkern?
Amor umflattert
jüngerer Frauen
holde Gestalten
einst warst du mein Schwarm
doch nun bist du grau
kein Jüngling wünscht sich
in deine Nähe
einst warst du Feuer
nun bist du Asche
du lebst noch aber
als alte Krähe
Horaz: Carmina IV, 13. ►Text und wörtliche Übersetzung
„Der Dichter spottet mit dem größten Muthwillen über eine Spröde, die nun alt wird. […] Allerdings geschieht dies mit einer Laune, die unser Zeitalter nicht ertragen würde, die aber die Denkungsart der Alten so unschicklich nicht fand.“ (Paul Friedrich Achat. Nitsch, Pfarrers zu Ober- und Niederwuntsch Vorlesungen über die klassischen Dichter der Römer. Leipzig 1793. S. 108.)
Kuchenvitrine im Stadtcafé
Weihnachtsfrieden
zum Christfest wollen
die braven Deutschen
sich innig lieben
statt sich zu streiten
sie töten einander
dann nicht mit Knüppeln
sondern mit Fusel
und Süßigkeiten
A Portrait of the Artist as a Young Man (1974)
Selbstbildnis in der neuen Dusche
rings Glas und Spiegel
ich sehe unscharf
weil ohne Brille
doch so viel ist klar
da steht im warmen
rieselnden Regen
ein nackter Affe
mit silbernem Haar
Tigerlily – nach 50 Jahren?
Frage an einen Besucher aus der alten Heimat
hast du dort kürzlich
die kleine Rote
durch meine Straße
spazieren sehen?
die pflegte damals
frühmorgens immer
im Wildkatzenjäckchen
zur Schule zu gehen
君自故鄉來
應知故鄉事
來日綺窗前
寒梅著花未
(王維)
Du kommst gerade aus meinem alten Dorf und weißt sicher, wie die Dinge dort stehen: Blühte, als du aufbrachst, die Winterpflaume vor meinem Fenster? Wang Wei (701-761)
Die Prinzessin auf der Erbse
Lieber Himmel,
Collage
Römischer Brunnen
Novemberspaziergang
Nachtflug nach Shanghai
(Februar 2014)
ein hässliches Kind
kein bisschen charmant
pausenlos schreit es
verbissen und grell
die Stewardessen
finden es niedlich
bravo! das nenne
ich professionell
Mal was anderes
lg
sie langweilen mich
die Leute schreiben
keine Gedanken
nur Kurznachrichten
nur leeres Blabla
mit lieben Grüßen
auf solchen Unfug
kann ich verzichten
Beim Betrachten eines alten Schwarzweißfilms
Wirklichkeit
in meiner leeren
Hand liegt der Spaten
im Gehen kann ich
den Büffel reiten
ich überquere
den Fluss und sehe
das Wasser ruhen
die Brücke gleiten
空手把鉏頭
步行騎水牛
人在橋上過
橋流水不流
Fu Dashi (傅大士) (497-569?)
Fritz Graßhoff (1913-1997): Auf der Brücke
Auf der Brücke stehn
und ins Wasser sehn,
und der Fluß fließt lautlos seine Bahn.
Lautlos umgekehrt
deine Brücke fährt
auf dem Wasser wie ein Kahn.
Heimlich losgetäut
gleiten Dorf und Leut,
Baum und Kirchturm, Ufersaum und Steg.
Was gebunden war,
macht sich wunderbar
mit dem Träumer auf den Weg.
Mond und Stern am End
und das Firmament,
alles wandert. Nur der Fluß erstarrt.
Stille steht die Zeit,
und die Ewigkeit
mündet in die Gegenwart.
(Aus: Fritz Graßhoff: “Graßhoffs neue große Halunkenpostille”. München: Limes 1980. S. 290.)
Den Kopf freihalten!
Sommerwind Krokus
Schneetreiben Herbstmond
Jahreszeiten
sind nicht so wichtig
denk nicht an tausend
nutzlose Sachen
dadurch lebst du in
jeder Zeit richtig
春有百花秋有月
夏有涼風冬有雪
若無閑事挂心頭
更是人間好時節
Mindfulness
Spring comes with its flowers, autumn with the moon,
summer with breezes, winter with snow;
when useless things don’t stick in the mind,
that is your best season.
(無門關 Wumenguan)
In der Stadtbahn
Human Interest News
die Zeitung meldet
jetzt komme der Herbst
der Wind sei kühler
der Laubwald gelber
warum nur wollen
Menschen das lesen?
wer nicht bekloppt ist
merkt das doch selber
Drei zu zwei
Japanisches Souvenir
Kaufhaus 109
Offener Brief
Chinesische Touristin in Kioto
Japanischer Mittag
Japanischer Feuerschutz
Japanische Nasszelle
Kalligraphie mit Vogel
高桐院, 京都 – Koto-in, Kioto
ein Vogelschrei macht
den Wald noch stiller?
wie recht er hat der
weise Verfasser!
macht nicht auch häufig
das Mitsibushi
ein blasses Bäuchlein
noch sehr viel blasser?
Das chinesische Gedicht, dem die kalligraphierte Zeile entnommen ist, scheint bei der Entstehung der Wendung „點金成鐵“ (aus Gold Eisen machen, einen Text verschlimmbessern) eine Rolle gespielt zu haben: Die ursprüngliche Formulierung „烏啼(嗚)山更幽“ (ein einzelner Vogelschrei macht den Wald noch stiller) soll ein späterer Autor in abgewandelter Form in ein eigenes, ähnliches Gedicht übernommen haben: „一烏不嗚山更幽“ (dass nicht ein Vogel schreit macht den Wald noch stiller). Diese Abwandlung soll ein Kritiker mit „點金成鐵“ kommentiert haben: „Du hast aus Gold Eisen gemacht, den Text verschlimmbessert.“ (Vgl. 嚴北溟,嚴捷 編著: 中國哲學寓言故事 4. 臺北 1990. 90-91.) – Für den Rest des Textes vgl. auch Schoßtiere und Tattoos und Piercings: Das Ende der Nacktheit.
Saisho-in, Kioto
景勝院, 京都
das langsame Herz
des Bergs der starke
Pulsschlag der Föhren
die ernste Glocke
des Tempels im Tal
hier kaum zu hören
alles ist eines
der Berg die Glocke
Bäume Zikaden
ein weißes Hündchen
der kunstreiche Mönch
auf grünen Pfaden
alles ist kühl unter
turmhohen Wipfeln
hier suchen alle
hier findet jeder
der Ort ist versteckt
und offen zugleich
sein freundlicher Geist
wohnt in der Zeder
Summer, Saisho-in (anonym)
The evening bell, solemn and bronze,
in the grandfather temple down the hill,
sounds dimly here.
Slow beat of the mountain’s heart, perhaps,
or determined pulse of pine tree (gift of the birds)
growing out of a crotch of the slippery monkey tree.
All one, perhaps –
bell, mountain, tree,
and steady cicada vibrato
and little white dog
and quiet artist-priest, carver of Noh masks,
fashioning a bamboo crutch for the ancient peach tree –
symbol of strength, symbol of concern.
All cool under nodding crowns of the vertical forest,
all seeking in this place,
all finding in this place –
hidden yet open to all –
the spirit in the cedar’s heart.*
Saisho-in: a small, Eighth Century Buddhist temple in a mountain gorge near Kyoto, Japan.
* Japanische Tempel werden zu einem großen Teil aus Zedernholz gebaut.
Zenrin-Ji, Kioto
Grau in Grau
Shinkansen Tokio – Kioto
der Fuji verhüllt
von grauen Wolken
gegen das Wetter
gibt es kein Mittel
und nirgends ein Trost
die Imbissgeisha
serviert den Kaffee
im grauen Kittel
Chinesisches Abendessen in Tokio
Yosakoi Parade
Brief einer Prinzessin
Tokio Metro
Nihombashi
Kyobashi
tausend Menschen
steigen ein
Toranomon
Kamiyacho
schon bin ich
am Meiji-Schrein
(Die Stationen Ginza, Shimbashi, Tameike-sanno, Asakasa-mitsuke, Aoyama-mitchome, Gaiemmae, Omote-sando, Meiji-jingumae und viele andere sind in meinem Herzen aufbewahrt, müssen aber aus Gründen der lyrischen Form unerwähnt bleiben. Mehr … )
Anflug auf Tokio
Technischer Defekt
auf dem Flug von Dubai nach Tokio
die Bildschirme schwarz
die Kopfhörer stumm
dreihundert Leute
schwatzen und klingen
als wären sie auf
einmal lebendig
die Crew will das rasch
in Ordnung bringen
Leute
Grundsatzfrage
er kann sie immer
noch nicht vergessen
obwohl sie ihm schon
seit langem schnurz ist
es will ihm einfach
nicht in den Kopf dass
ewige Liebe
so schrecklich kurz ist
Gas und Bremse
Einer wie der andere
was braucht jeder Mensch
ein eignes Gesicht?
wozu der Aufwand?
darf ich das fragen?
sind nicht die meisten
Nörgler die statt sich
selber zu ändern
nach andern schlagen?
世問億萬人
面孔不相似
借問何因緣
致令遣如此
各執一般見
互說非兼是
但自修己身
不要官他己
The world has billions of people
and no two faces alike
I wonder about the reason
behind such variation
and all with similar views
debating who is right and wrong
just correct yourself
and stop maligning others
(The Poems of Pickup (Shih-te). 拾得詩. In: The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 276f., 18.)
Heiteres Alter
ich durchschaue die
Leere der Dinge
und habe Berge
von Hass und Sorgen
aus meiner Seele
endlich verbannt
nicht zu betören
durch Blumen und Wein
bleib ich gelassen
esse und schlafe
und bin ansonsten
ein Komödiant
mein Herz kennt weder
gestern noch morgen
unsterblich werden
Buddha verehren
Kongzi studieren
möchte ich nicht
will nicht mehr kämpfen
sollen sie lachen
mein Spiel ist gespielt
und meine Maske
tragen bald andre
vor dem Gesicht
朱敦儒
老來可喜
是歷遍人間
諳知物外
看透虛空
將恨海愁山
一齊接碎
免被花迷
不為酒困
到處惺惺地
飽來覓睡
睡起逢場作戲
休說古往今來
乃翁心裹
沒許多般事
也不載仙
也不佞佛
不學栖栖孔子
懶共賢爭
悅教他笑
如此只如此
雜劇打了
戲衫脫與凱底
„Zhu Dunru: Old Age
I am happy with my old age:
For I have seen life thoroughly,
Become familiar with all truths,
Penetrated the hidden things oft he world;
Obliterated altogether the seas of regret and
mountains of distress;
Free from the charms of flowers,
And the spell of wine,
Always sober.
When I have eaten, I go to bed;
When I awake, I play my part when my turn comes.
Do not talk of the days gone by and time to come;
In my breast
There are no such things.
I have no mind to become an Immortal,
to worship Buddha,
Nor to imitate the restless Confucius.
I am unwilling to argue with you,
Laugh as they will –
So, be it so.
My part performed,
I leave my costume to the silly players.“
(Zhu Dunru 朱敦儒 1081-1159; aus: 101 Chinese Lyrics. 中華雋詞一0一首. Compiled and Translated by Chu Dagao. Beijing 1987. 146f.)
Mondnacht
schier endlos die Nacht
ich liege noch wach
der helle Vollmond
glänzt über dem Dach
mir scheint da ruft wer
doch niemand ist da
und ich alter Narr
ich antworte: ja?
夜長不得眠
明月何灼灼
想聞散喚聲
虛應空中諾
Long night: unable to sleep.
The moon, how breakingly bright.
Calling, someone seems calling.
Into the empty air, I answer “Yes?”
Aus: Chinese Poetry. An Anthology of Major Modes and Genres. Translated and edited by Wai-lim Yip. Berkeley: University of California Press 1976. 161.
Einsiedler
unter der Felswand
jenseits der Zeit
die Welt nur im Kopf
ganz still und allein
Halbmond im Fenster
im Herd blasse Glut
im Traum wird er jetzt
ein Schmetterling sein
重巖之下
靜默自居
三際不來
心如境如
斜月半窗
殘火一爐
嗟彼睡夫
蝶夢蓬蓬
„Below high cliffs
serene in solitude
not visited by time
the mind creates the world
the window holds a setting moon
the stove contains a dying fire
pity the sleeping man
startled from his butterfly dream
The last line refers to Chuang-tzu’s story in which he dreams he is a butterfly. On waking, he wonders if he isn‘ a butterfly dreaming he is a man (Chuangtzu 2.11).“
(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 90f., II, 7.6. – Bei der Abbildung handelt sich um das Umschlagbild zu: Allinson, Robert E.: Chuang-Tzu for Spiritual Transformation. An Analysis of the Inner Chapters. State University of New York Press 1989.)
Strandspaziergang in Travemünde
Unter der Felswand
unter der Felswand
verbrenne ich Laub
hacke und ernte
Korn und Gemüse
mein eigener Koch
ich lebe heiter
heute und für den
Rest meiner Tage
mein Baum welkt und grünt
wie lange wohl noch?
重嚴之下
火種刀耕
有粟有蔬
可煮可烹
了我目前
樂我餘生
坐眄庭柯
幾度衰榮
„Below high cliffs
I slash and burn
there’s vegetables and grain
to boil and steam
to satisfy the present
to brighten old age
looking at a tree in the yard
I count its falls and springs“
(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 88f., II, 7.1)
Dem Diener Ling
bei seiner Rückkehr zum Jingci Tempel in Hangzhou
meilenweit Seeglanz
um die sechs Brücken
schau wenn du dort bist
hinauf in die Luft
lauwarmer Wind trägt
Weidensamen und
Vogelnestflusen
im leuchtenden Duft
Tanaka Gochikubō (1700-1780): Weide am Ufer (Ausschnitt). Aus: Stiftung Museum Schloss Moyland: Haiku & Haiga. Bedburg-Hau 2006. Seite 49.
送凌侍者回淨慈
十里湖光浸六橋
到時須著眼頭高
斷是霧捲楊花落
不是鳥窠吹布毛
„Three miles of lakelight flood the six bridges
when you arrive lift up your eyes
willow fuzz swirls in the dike’s warm breeze
or is it down or silk from the bird nests“
(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 110f., 46)
Im Gebirge
kaum Platz zum Schlafen
in meiner Hütte
rings tausend Gipfel
ein Bergdohlennest
der klare Himmel
über den Wolken
mein Blick schweift ins Land
nach Nord Süd Ost West
die Welt ist eine
Blume im Nirgends
Blühen und Welken
nur Täuschung und Schein
die Sonne versinkt
der Wind wird frostig
ich schließe die Tür
und heize mir ein
破屋三兩橡
住在天峰上
雲散天宇清
放目聊四望
世界空裡花
起滅皆虛妄
日落山風寒
閉門燒火向
„My broken-down hut isn’t three rafters wide
perched above a thousand peaks
clouds unveil an empty sky
the horizon extends in all directions
the world is a flower in space
its bloom and decay are illusions
after sunset the wind turns cold
I close my door and face the fire“
(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 80f., 182)
Silber oder Gold?
die Götter gaben
dem Menschen Sprache
ob das wohl gut war?
ich bin gespalten
hätten sie uns nicht
besser verdonnert
stille zu sein und
den Mund zu halten?
Erleuchtung
zuerst sich sputen
glühen und brennen
dann das banale
Prinzip erkennen
schließlich das Leben
brühwürfelartig
im Kopf verdichten
und lachend verzichten
Siamesisches Ehepaar
Gehirn und Geist
dass die nach all dem
immer noch wagen
beim Menschengehirn
von Geist zu sprechen!
Geist ist ein ziemlich
bombastisches Wort
für einen Haufen
peinlicher Schwächen
[…] Ehe man noch die gemeinen Erscheinungen in der Körperwelt erklären konnte, fing man weit früher an, Geister zur Erklärung zu gebrauchen. Jetzt da man ihren Zusammenhang besser kennt, erklärt man eines aus dem andern, und die Geister, bei denen wir stille stehen, sind endlich doch ein Gott und eine Seele. Die Seele ist also noch jetzt gleichsam das Gespenst das in der zerbrechlichen Hülle unseres Körpers spükt. […] [Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), „Sudelbücher“ F 324]
Ein politischer Kopf
Hörspiel
Geständnis
Fußballweltmeisterschaft
Innsbruck
die Straßen haben
die Autokrätze
im Bergwald hängen
Seilbahnrotzfäden
und aus den alten
Fassaden bluten
die frischen Wunden
grellbunter Läden
Hotelzimmerkunst
Grenzen der Weisheit
Zenmeister raten
gar nichts zu denken
gar nichts zu wollen
gar nichts zu fühlen
kaum aber zeigt dir
eine ihr Strumpfband
schon sitzt du wieder
zwischen zwei Stühlen
Warum?
Galleria Borghese
Rentnerreisegruppe
(Piazza della Rotonda, Rom)
sie tragen alle
die gleiche Mütze
der Guide raunt ihnen
per Sprechfunk ins Ohr
als greise Kämpfer
der Kunstgeschichte
rücken sie tapfer
zum Pantheon vor
Franziskus und Claudia
Rom 2014
Mittagsschläfchen
Nostalgie im Bistro
Nette Leute
Was ich gern lese
Lieber Herr Supermarkt!
warum nur plärren
in Ihrem Laden
von früh bis abends
Popmusikfrauen
halb wie verzweifelt
rollige Katzen
halb wie nach Futter
quiekende Sauen?
The music – and if possible it should be the same music for everybody – is the most important ingredient. Its function is to prevent thought […]. (George Orwell: Pleasure Spots. 1946.)
Osterausflug zum Hohenstein
oben im Bergwald
tragen die Buchen
an ihren Ärmeln
quietschgrüne Biesen
unten dagegen
brettert ein Rapsfeld
als gelber Postbus
quer durch die Wiesen
Überraschung beim Ostereinkauf
European Credit Transfer System
Schnullerbaum
(Herrenhäuser Gärten)
ein Baum soll bei der
Entwöhnung helfen
von Lust und Sucht und
quälenden Zwängen?
das wär was für mich
um wenn auch nicht sie
so doch ihr Bildnis
dran aufzuhängen

Ein Schnullerbaum dient der Schnuller-Entwöhnung eines Kleinkindes: Das Kleinkind kann an diesem Baum, oft einem Parkbaum, seinen Schnuller (Lutscher, Schlotzer, Nuckel, Luller) aufhängen, um sich so von diesem zu lösen.
Der Fischer
vor lauter Büchern
den Weg verfehlen –
das Lied des Fischers
ist Gold dagegen
Abend für Abend
am dämmrigen Fluss
bei Mond und Wolken
oder im Regen
漁父
學道參禪失本心
漁歌一曲價千金
湘江暮雨楚雲月
無限風流夜夜呤
Fisherman – Learning the way, studying Zen, they run afoul of the Buddha’s original mind. One tune from the fisherman is worth a thousand pieces of gold. Rain at dusk on the Hsiang River, the moon among the clouds of Ch’u. Furyu [ländlich schlicht, „romantisch“, schön] without end, night after night singing.
(Ikkyū Sōjun 一休宗純, fl.1394-1481; Text und Übersetzung aus: Arntzen, Sonja Elaine: The Poetry of the Kyōunshū „Crazy Cloud Anthology“ of Ikkyū Sōjun. Diss. University of British Columbia 1979. 208)
Modejournal: Die Osterhosen 2014
die Röhren sind jetzt
so wurstpelleneng
die Damen wirken
gewölbt und gekerbt
als wären sie nackt
und hätten sich nur
mit Eierfarben
die Beine gefärbt
Umstandsmode
Tagespolitik
dass die sich noch am
Rande des Abgrunds
um Kleinigkeiten
so ernsthaft erregen
– als ob sie blindlings
kurz vor dem Eisberg
auf der Titanic
das Achterdeck fegen
Hannover, Steintorstraße:
Echt fett diese Braut!
kreischt Hanna erregt
tatsächlich schwebt am
Taxistand drüben
ein stumpfer Kegel
aus schneeweißem Tüll
als könne er kein
Wässerlein trüben
Das jugendsprachliche fett bedeutete hier wohl: cool, toll, fabelhaft.
Unaufhaltsam
in dem was sie tut
sind Sinn und Verstand
beim besten Willen
nicht zu erkennen
man kann sie trotzdem
kaum daran hindern
Hals über Kopf in
ihr Glück zu rennen
Stop-and-go in Shanghai
Wanderers Nachtlied
Ein überfälliger Beitrag zur Literaturkritik
Goethe besang der
Vögelein Schweigen
Gipfel und Wipfel
und baldige Ruh
durchaus beachtlich
aber mir fehlen
irgendwie noch ein
paar Strapse dazu
Über allen Gipfeln
Ist Ruh‘,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
J. W. Goethe
Frühling im Park
Hummeln brummen um
duftende Blüten
Blaumeisen zwitschern
in lauen Lüften
könnte das schön sein
drängten nicht allseits
lärmende Menschen
aus ihren Grüften
Stewardess
(Shanghai-Amsterdam)
eine Walküre
auf ächzenden Pumps
mühelos stemmt sie
Koffer und Taschen
die würde einen
Hänfling wie mich beim
Zeitunglesen zum
Frühstück vernaschen
Tröstlich
Drei Affen
Zen
Restaurant Gongdelin Shanghai
Am Gartentor
fürchten die dass ich
das Moos zertrete?
ich klopfe aber man
öffnet mir nicht
sieh da! der Frühling
wedelt mir einen
Zweig roter Blüten
über die Mauer
sanft ins Gesicht
游园不值 叶绍翁
應憐屐齒印蒼苔
小扣柴扉久不開
春色滿園關不住
一枝紅杏出牆來
Ich bedauere, dass meine Schuhe auf dem grünen Moos Spuren hinterlassen. Lange klopfe ich leise an das Tor, aber es öffnet sich nicht. [Bedeutung und Zusammenhang der beiden ersten Zeilen sind nicht ganz klar: Ein Teil der Übersetzungen nimmt an, dass der Gartenbesitzer abwesend ist und deshalb das Tor nicht öffnet; zugleich bedauere der Besucher, dass er auf dem Moos vor dem Garten Spuren hinterlassen hat. Andere Übersetzungen nehmen an, dass der anwesende Gartenbesitzer nicht öffnet, weil er fürchtet, dass der Besucher im Garten Spuren auf dem Moos hinterlassen könnte. Der folgende Text ist dagegen unproblematisch:] Die Schönheit des Frühlings lässt sich nicht einsperren: Ein Zweig mit roten Aprikosenblüten hängt über die Mauer nach außen.
(Ye Shaoweng [Song-Dynastie 960-1279])
Brautmoden
Vorschlag zur Güte
(Suzhou)
selbst noch im Bus im
schlimmsten Gedränge
lautsprechert man hier
Liebesgesänge
sind nicht genügend
Menschen auf Erden?
singt doch mal man soll
Einsiedler werden!
» […] ’s gibt doch vielzuviel Menschn uff der Welt Den möcht’ich seh’n der mir das widerlegt und wenn’s X selber iss hab’ich Recht – ?«; (ihm entfuhr hier ein hoher Name, den ich unterdrücke. Aber ‹Recht› natürlich; das könnt’ihm ja nur ein überzeugter Idiot bestreiten. Wir saßen eine zeitlang recht sinnend in der unfruchtbaren Beleuchtung: jaja, die Menschheitsfrage.)
(Arno Schmidt: Caliban über Setebos. 1964.)
Junxi Hotel
Frühstücksbuffett
(Shanghai)
sie lässt die Stiefel
wie Trommelschlegel
auf den polierten
Steinboden knallen
ich bin ihr dankbar
ihr nachzustarren
wäre mir sonst
nie eingefallen
Shanghaier Wintermode
unter klotzigen
klobigen Jacken
knorrige Beine
in allen Längen
ein schöner Anblick
wie Bonsaipflanzen
die aus den Töpfen
nach unten hängen
Vorfrühling
in einer Ecke
ganz unvermittelt
die Pflaumenzweige
in frostiger Luft
von weitem weiß ich
das ist kein Schnee mehr
von dorther weht schon
ein zaghafter Duft
梅花 王安石
牆角數枝梅
凌寒獨自開
遙知不是雪
為有暗香來
in der Mauerecke blühen einige Pflaumenzweige
ganz allein in der frostigen Kälte
dass das kein Schnee ist weiß ich von weitem
weil ein zarter Duft herüberweht
(Wang Anshi 1021-1086)
Hirnverbrannt
Internet 2014
die Fliegen haben
ein Netz fabriziert
und sind vor Stolz nun
beinah von Sinnen
noch größer aber
ist selbstverständlich
die Freude darüber
unter den Spinnen
Pah!
erst bittet sie mich
ihr Briefe zu schreiben
dann schreibe ich und
sie antwortet nicht
lass ich in Zukunft
das Schreiben halt bleiben
und schreibe sie ab
und dieses Gedicht
… mehr zum Thema hier
Herbst am Westsee
(Hangzhou)
im blühenden Schilf
singt eine Flöte
rings Deiche und Inseln
mit Booten dazwischen
ein Pavillon tanzt
zwei Reiher segeln
ich stake durch Nebel
und Kälte zum Fischen
長憶西湖
盡日憑欄樓上望
三三兩兩釣魚舟
島嶼正清秋
笛聲依約蘆花裹
白鳥成行忽驚起
別來閒整釣魚竿
思入水雲寒
(Pan Lang 潘閬, fl. ~1000; aus: 101 Chinese Lyrics. 中華雋詞一0一首. Compiled and Translated by Chu Dagao. Beijing 1987. 86f.)
ich erinnere mich an den Westsee:
den ganzen Tag schaue ich über ein Geländer gebeugt auf den Pavillon
Anglerboote in Zweier- und Dreiergruppen
schweben in der kühlen Herbstluft um die kleinen Inseln
eine Flöte erklingt im blühenden Ried
weiße Vögel fliegen erschreckt auf
ich mache meine Angelrute fertig
und breche auf in Wasser Wolken und Kälte
Cheshire Cat
sie schreitet vorbei
hebt kurz die Pfote
um mir ein schnelles
Grüßchen zu fächeln
und schon ist sie fort
nur auf den Fluren
glänzt noch für eine
Weile ihr Lächeln
‘All right,’ said the Cat; and this time it vanished quite slowly, beginning with the end of the tail, and ending with the grin, which remained some time after the rest of it had gone.
(Lewis Caroll: Alice’s Adventures in Wonderland.)
Reisepläne
Nur im Traum
sie schwenkt die Hüften
und alle schmachten
ich aber pfeife
auf ihr Getue
sie darf im Traum bei
mir übernachten
am Tag genieße
ich meine Ruhe
Im Traum
Städte verbrennt Sthenelaïs, die sündhaft teure Hetäre;
jeden der sie besucht, rupft sie um sämtliches Geld.
Nun aber hat sie ein Traum heut nacht bis zum strahlenden Morgen
hüllenlos zu mir gelegt und sie umsonst mir geschenkt.
Wahrlich, jetzt knie ich nicht mehr vor dem harten Geschöpfe und weine
nicht mehr im stillen: mein Schlaf schenkt mir das alles umsonst.
(Anonym)
(Anthologia Graeca. Griechisch-Deutsch ed. Hermann Beckby. Bd. I. München: Ernst Heimeran 1. Aufl. 1957. 240f.)
Autark I
Keine Chance
Geschäftige Menschen
sie kennen vieles
nur nicht sich selber
sie plappern Phrasen
die zu nichts taugen
ihr Weg bleibt dunkel
wenn sie nur dächten
sähen sie alles
mit Buddhas Augen
世有多事人
廣學諸知見
不識本真性
與道轉懸遠
若能明實相
豈用陳虛願
一念了自心
開佛之知見
(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 124f., 132. In der ersten Zeile habe ich in Übereinstimmung mit anderen Quellen das zweite Zeichen “身” (Druckfehler bei Red Pine?) durch das plausiblere “有” ersetzt.)
auf der Erde gibt es viele umtriebige Menschen
die alle Gesichtspunkte und Theorien ausführlich studiert haben
aber ihre ureigene Natur nicht kennen
und weit vom Weg abkommen
wüßten sie was wirklich ist
hingen sie nicht leeren Träumen nach
ein einziger Gedanke kann dir das Herz öffnen
und dich mit Buddhas Blick sehen lassen
Aus dunkler Zeit
man hat uns Kindern
feste Zeiten für
Schlafen Essen und
Trinken gegeben
und niemand hat uns
im Auto kutschiert
wie konnten wir das
bloß überleben?
Liebe im Sammelband
Gedankenfreiheit
liebe Gedanken
seid bitte so nett
und haltet den Mund
von drei bis um vier
ich lege mich für
ein Stündchen aufs Bett
und brauche Ruhe
vor euch und vor mir
Andere Pfeifen
früher waren es
Eltern und Lehrer
die uns bestimmte
Wörter verboten
jetzt tanzen wir nach
anderen Pfeifen
und schweigen folgsam
nach deren Noten
Mir ist die jährliche Verkündung eines „Unwortes des Jahres“ ein Ärgernis – anders als anscheinend den Journalisten, die sich begeistert auf diesen Köder stürzen. Auch wenn sich meine politische Position im einen oder anderen Fall mit der politischen Position der „Unwortexperten“ deckt, sehe ich nicht ein, warum hier pseudoamtlich und pseudowissenschaftlich jeweils ein bestimmtes Wort geächtet werden muss. Ich habe den Eindruck, dass vielen vermeintlichen Demokraten die im Rechtsstaat bislang nun einmal garantierten Spielräume der Meinungsfreiheit viel zu weit erscheinen und dass sie über mancherlei Korrektheitszwänge und Propagandatricks mit Macht Konformität im Rahmen der ihnen genehmen Grenzen erzeugen wollen. Ich komme mir da vor wie in einem ehemals relativ großen und luftigen Raum, dessen Wände durch einen verborgenen Teufelsmechanismus immer weiter aufeinander zu geschoben werden.
Vor dem Gesetz
Die schöne Frau Sorgenfrei
sie ritt durch Gärten
und zupfte Blumen
sie pflückte Lotos
aus schwankendem Boot
kniete auf grünen
Bärenfellkissen
und fürchtete doch
das Grab und den Tod
璨璨盧家女
舊來名莫愁
貪乘摘花馬
樂搒採蓮舟
膝坐綠熊席
身披青鳳裘
哀傷百年內
不免歸山丘
(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 66f., 46)
die strahlende Madame Lu
die man einst Frau Sorgenfrei nannte
liebte es vom Pferd aus Blumen
und vom Boot aus Lotus zu pflücken
sie kniete auf einem grünen Bärenfell
trug ein blaues Phönixkleid
und grämte sich dass sie binnen hundert Jahren
unweigerlich in einem Grab in den Hügeln enden würde
Fortschritt im Stadtpark
Daran nicht
Der Funke
dein Pfeil kann sieben
Bretter durcheilen
du liest mit einem
Blick gleich fünf Zeilen
du hast ein Sofa
aus Elfenbein
du schläfst auf einem
Tigerkopf ein
du bist beliebt und
umfassend gelehrt
fehlt dir der Funke
ist alles nichts wert

精神殊爽爽
形貌極堂堂
能射穿七札
讀書覽五行
經眠虎頭枕
昔坐象牙床
若無阿堵物
不啻冷如霜
(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 160f., 182)
dein Kopf ist einzigartig klar
deine Erscheinung ist großartig
du kannst durch sieben Bretter schießen
du liest fünf Zeilen auf einmal
du schläfst auf einem Tigerkopfkissen [aus Jade]
du sitzt auf einem Elfenbeinsofa
wenn du das Wie-soll-man-sagen nicht hast
bist du kalt wie Eis
Rastlos in Shanghai
sie liebt Gesellschaft
Jubel und Trubel
Ruhe dagegen
macht sie beklommen
dann verrammelt sie
rasch ihre Türen
weil sie befürchtet
zu sich zu kommen
Pädagogische Apotheose
Smartphonefolter
Der Geist der Täuschung
in Kleidern aus den
Blumen des Himmels
und feinen Schuhen
aus Schildkrötenhaar
schießen sie mit der
Hasenhornarmbrust
den Geist der Täuschung
von ihrem Altar
身着空花衣
足蹑龟毛履
手把兔角弓
拟射无明鬼
„Sky flowers, tortoise hair, and rabbit horns are Buddhist metaphors for the illusory nature of phenomena: people with cataracts see flowers in the sky; people with wild imaginations see hair on a tortoise; and people with dim vision mistake a rabbit’s ears for horns. Cold Mountain is poking fun at those who try to free themselves of delusion by turning their practice into another delusion.“ (Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 246f., 293)
die Körper sind in Himmelsblumenkleider gehüllt
die Füße trippeln in Schildkrötenhaarschuhen
Bögen aus Hasenhorn fest in den Händen
wollen sie allen Ernstes auf die Geister der Verblendung schießen
Zeitgenossen
Tag und Nacht sind sie
schrecklich geschäftig
bauen und ackern
wie angestochen
bis gar nichts mehr geht
übrig bleibt schließlich
auf einem Friedhof
ein Häufchen Knochen
我見時人日夜忙
廣營屋宅置田莊
到頭一事將不去
獨有骷髏葬北邙
(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 68f., 167)
ich sehe meine Zeitgenossen Tag und Nacht beschäftigt
ihre Häuser zu vergrößern und ihre Felder zu beackern
am Ende geht gar nichts mehr
und sie haben nur noch Knochen und ihren Schädel im Grab auf dem Friedhof Beimang
Das Bild zeigt einen Urnenfriedhof in der Nähe des Ma On Shan (馬鞍山) in Hongkong.
Samsara
die Menschen leben
in tausend Sorgen
wer selbst gesund ist
bangt um die Erben
zitternd hüten sie
Reisfeld und Bäume
die Angst verlässt sie
erst wenn sie sterben
人生不滿百
常懷千載憂
自身病始可
又為子孫愁
下視禾根土
上看桑樹頭
秤錘落東海
到底始知休
(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 128f., 138)
der Mensch lebt kaum hundert Jahre
hat aber Sorgen für tausend
wenn er selbst gesund ist
ist er um Kinder und Enkel bekümmert
unten blickt er unruhig auf die Reiswurzeln im Feld
oben auf die Kronen der Maulbeerbäume
erst wenn seine Waage ins Meer fällt und den Grund erreicht [ = wenn sein Leben beendet ist und vom Totenrichtergott gewogen wird]
findet er Ruhe
Samsara wird im Buddhismus der endlose leidvolle Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt genannt, in den alle unerleuchteten Wesen verstrickt sind.
Gesprächsfetzen
(Bremer Weserpromenade Schlachte)
… ihr Rock sei nicht zu
sehen gewesen
hör ich sie kichern
einfach verschwunden
dann aber habe
sie ihn zerknittert
oben um ihre
Taille gefunden …
Installation
(Kunsthalle Hamburg)
Neonröhren und
Steine in Eimern
rostige Drähte
in Zeitung verpackt
da sind mir Bambus
und Berge lieber
ich bin mir sicher
der Kaiser ist nackt
Herbst im Gebirge
tagsüber seh ich
Kälbern beim Spiel zu
die Nacht dagegen
verbring ich allein
glitzert der Tau am
Strohdach im Mondlicht
saufe ich selig
Gedichte und Wein
滿卷才子詩
溢壺聖人酒
行愛觀牛犢
坐不離左右
霜露入茅檐
月華明瓦牖
此時吸兩甌
吟詩三兩首
(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 108f., 107)
meine Bücher sind voll von Gedichten hervorragender Dichter
meine Kanne ist mit gutem Wein gefüllt
unterwegs sehe ich gern den Büffelkälbern zu
zu Hause beschränke ich mich
wenn [im Oktober] der kalte Tau von meinem Dach tropft
und der Mond auf meine Fensterbank scheint
trinke ich ein paar Schalen
und rezitiere zwei drei [andere Quelle: fünfhundert] Gedichte
Bad am Sonntagnachmittag
eigentlich will ich
beides auf einmal
mich in Wasser und
Dichtung versenken
lasse die Bücher
dann aber liegen
welch ein Vergnügen
selber zu denken
Junge Frau im Frühling
sie steckt sich Blumen
vom Wegrand ins Haar
aber sie lächelt
niemanden an
flüchtig träumt sie von
süßerer Liebe
und eilt nach Hause
zu ihrem Mann
洛陽多女兒
春日逞華麗
共折路邊花
各持插高髻
髻高花匼匝*
人見皆睥睨
別求掺掺憐
將歸見夫婿
(Han Shan, fl. 730-850. The collected songs of Cold Mountain / translated by Red Pine. Port Townsend, Washington 2000. 78f., 63)
in Luoyang zeigen viele junge Frauen
im Frühling ihre Schönheit
miteinander pflücken sie am Wegrand Blumen
und stecken sie in ihre Hochfrisuren
die Blumen winden sich um ihr hochgetürmtes Haar
spricht sie ein Mann an schlagen sie die Augen nieder
(A) sie suchen zärtlichere Liebe oder sie denken an ihre Gatten zu Hause (Red Pine: „looking elsewhere for a gentler love or thinking of husbands at home“) (B) sie suchen nicht Schmeicheleien sondern kehren zurück nach Hause zu ihren Gatten (hi.baidu.com/chiayewli/item/04390594f4b9d532326eeb7b: „这些妇女们,不要追求这些一点一滴片、赞美,为什么回家,好好的面对自己的夫婿呢? Die Frauen wollen nicht all diese anzüglichen Schmeicheleien und Komplimente; warum nicht nach Hause gehen und brav mit ihren Gatten zusammensein?“) (C) Sie träumen von zärtlicherer Liebe anderswo kehren aber dann nach Hause zu ihren Gatten zurück.
* Bei Red Pine finden sich hier zwei andere, wenig gebräuchliche Schriftzeichen [ge2za1] mit ähnlicher Bedeutung.
Welt im Kopf
nach Sommerregen
glänzende Steine
bemooste Stämme
uralter Bäume
außen sehen wir
alle dasselbe
innen träumt jeder
eigene Träume
一片無塵新雨地
半邊有蘚古時松
目前景物人皆見
取用誰知各不同
(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 46f., 99)
[Buddhistischer Konstruktivismus]
ein Stück Boden ohne Staub gleich nach dem Regen
eine alte Kiefer halb [auf der Wetterseite] bemoost
solche Szenen haben alle Menschen in gleicher Weise vor Augen
wer weiß wie jeder seinen eigenen Gebrauch davon macht








![Zeichnung von George Grosz. aus “Der Spiesser-Spiegel.” [1930] Frankfurt 1973.](https://kleinereime.com/wp-content/uploads/2014/12/grosz1.jpg?w=450&h=530)





















































































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