Vor fünfzig Jahren

vor fünfzig Jahren
fand man den Globus
für drei Milliarden
entschieden zu klein
jetzt sind es nur noch
knapp acht Milliarden
da fühlt man sich fast
schon wieder allein

 

weltaus: Teuflische Jahre. Das Beste aus PARDONs Gründerjahren. Frankfurt 1966. S. 61. [keine Autorenangabe]

Osterseufzer

die Welt ist voller
garstiger Menschen
die mir schon heute
den Magen umdrehen
nicht auszudenken
dass die einst alle
den Staub abschütteln
um aufzuerstehen

 

auferstehungAuferstehung der Toten (spätgotisch, ca. 1300)

Der Tempelreiher

Kenninji, Kioto

der Teich im Garten
unter den Kiefern
ist ihm der liebste
von allen Plätzen
er starrt ins Wasser
mit Pfandleiherblick
als hätte er ein
Goldstück zu schätzen

Buddhistischer Mönch

Skulptur im Ishiyama-Tempel, Otsu

so ruhig müsste
man sitzen können
und so erleuchtet
von innerem Licht
der hat die Welt schon
längst überwunden
die Farbe blättert
ihn kümmert das nicht


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Im Bergtempel

Jingo Ji, Takao, Kioto

hölzerne Hallen
rostrote Tore
knorrige Kiefern
leuchtender Morgen
hier wär man käme
der Weltuntergang
noch eine Weile
sicher geborgen


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Der Fuji III

ein bislang ungelöstes Problem
der japanischen Kunstpsychologie

zwar ist der Fuji
ein stumpfer Kegel
doch die Japaner
seine Besitzer
malen ihn wenn ich
nur wüsste warum
meistens ganz oben
ein bisschen spitzer

 
fuji_km

Hypothesen zur Diskussion: Ist hier einfach das Prägnanzstreben des Menschen am Werk? – Liegt eine unbewusste Abbildung vor? Meint also der Künstler, er male den Fuji, während ihm seine Seele eine landesübliche weibliche Brust in den Pinsel schmuggelt? – Spielen kompositorische Gründe eine Rolle – gerade auch bei den hochformatigen Rollbildern? – Oder sieht man den Fuji als steile Startrampe für den dort wohnenden mythischen Drachen?

Der Fuji II

wenn er verstimmt ist
hüllt er sich häufig
für viele Tage
völlig in Dunst
ihn mit den schwachen
Augen der Seele
trotzdem zu sehen
das ist die Kunst

Der Fuji I

(ich lese im Zug bei Yokohama ein Haiku von Basho)

er sei so heißt es
im Dunst am schönsten
dann träume man ihn
und sehe ihn nicht
als ich das lese
erscheint er selber
vor meinem Fenster
ein Pickel aus Licht


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misty showers
the day one cannot see Mount Fuji
it is more attractive

Matsuo Basho (1644-1695); In: Basho. The Complete Haiku. Translated, annotated and with an introduction by Jane Reichhold. New York: Kodansha 2008. 76)

Abend

drinnen streiten zwei
Uhren verbissen
ist es erst sieben?
oder schon acht?
am Himmel funkeln
zwischen den Wolken
die ersten Sterne
bald wird es Nacht


Abend. Die beiden Uhren zanken sich um die richtige Zeit. Plötzlich dämmerte es. Der düstere und trübe Himmel zeigte seine ersten Sterne. (Monika S, 13 Jahre; in: Und sie fliegen über die Berge, weit durch die Welt. Aufsätze von Volksschülern herausgegeben von ihrem Lehrer Ludwig Harig. München: Hanser 1972. 25.)

Tuschebild

Felswände Kiefern
Bambus die Hütte
am Abhang allein
hier übernachten
nur ein paar Wolken
kein Mensch kehrt hier ein

 

inoue_yuichi_bergInoue Yuichi (1916-1985): Berg (山)

敬安 (1852-1912): 題畫

一株二株松
三箇五箇竹
巖扉長寂寥
祇有雲來宿

Jingan (1852-1912): ON A PAINTING

A pine or two,
three or four bamboo,
cliffside cottage, long, solitary, silence.
Only floating clouds come to visit.

(Red Pine / O’Connor, Mike (eds.): The clouds should know me by now: Buddhist poet monks of China. Somerville: Wisdom Publications 2006. 190. englische Übersetzung: J. P. Seaton.)

Bärenfang

um uns die Liebe
schmackhaft zu machen
greift die Natur zu
Finten und Schlichen
denkt nur sie hat uns
Schnecke und Schniedel
sozusagen mit
Honig bestrichen


[…] Durch diese mühselige Erfahrung klüger gemacht, fing ichs nachher besser an, der Bären, die so gern nach meinen Bienen und den Honigstöcken stiegen, loszuwerden. Ich bestrich die Deichsel eines Ackerwagens mit Honig und legte mich nicht weit davon des Nachts in einen Hinterhalt. Was ich vermutete, das geschah. Ein ungeheurer Bär, herbeigelockt durch den Duft des Honigs, kam an und fing vorn an der Spitze der Stange so begierig an zu lecken, daß er sich die ganze Stange durch Schlund, Magen und Bauch bis hinten wieder hinausleckte. Als er sich nun so artig auf die Stange hinaufgeleckt hatte, lief ich hinzu, steckte vorn durch das Loch der Deichsel einen langen Pflock, verwehrte dadurch dem Nascher den Rückzug und ließ ihn sitzen bis an den andern Morgen. Über dies Stückchen wollte sich der Großsultan, der von ungefähr vorbeispazierte, fast totlachen. (Rudolf Erich Raspe / Gottfried August Bürger: Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande. Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen, wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt. 1785/1786 ff.)

Kein Wort

allmählich erwacht
der Frühlingsmorgen
ein Wagen poltert
durch die Allee
am fernen Dorfrand
lockt Pfirsichblüte
die Uferweiden
streicheln den See

Goldfische funkeln
Prachtenten paddeln
Flügel an Flügel
einträchtig fort
der Dichter sieht die
friedliche Szene
heiteren Herzens
ohne ein Wort



fische
 

春日正遲遲
遊車驕自許
挑花迎遠村
楊柳拂清渚
魴鯉躍金鱗
鴛鴦交錦羽
詩人縱曠觀
安得竟無語

 

against the gently flowing spring morning
the arrogant rattle of a coach
peach blossoms beckon from the distant village
willow branches caress the shoulder of my pond

as bream and carp flash their golden scales
and mated ducks link embroidered wings
the poet stares about; this way then that –
caught in a web beyond all speaking

Shih-shu could have followed the bustling coach across the plain into town and perhaps encountered a sweet thing or two there. But he would prefer, it seems, to remain faithful to his own hills, his own pond. A light, but perfectly apparent, tincture of eroticism suffuses this poem.

Shi[h]shu / 石樹 (Red Pine / O’Connor, Mike (eds.): The clouds should know me by now: Buddhist poet monks of China. Somerville: Wisdom Publications 2006. 147. englische Übersetzung und Anmerkung: James H. Sanford.)

Was tun?

nirgends ist Frieden
nicht in den Bergen
auch nicht in fernen
südlichen Ländern
mir bleibt nichts übrig
als mich zu Hause
beim Tee im Schlafrock
selber zu ändern


Es kann nicht schaden, daran zu erinnern,
dass schon die Revolutionäre Nikolai
Gawrilowitsch Tschernyschewski (1863)
und Wladimir Iljitsch Lenin (1902) sich
dieser Frage zugewandt haben.

Was Derbes

nach Tannenbäumen
flackernden Kerzen
schmelzenden Liedern
und Festschalmeien
brauch ich was Derbes
mich kommt die Lust an
einfach mal lauthals
Fotze zu schreien

fotze, f. cunnus, vulva, ein
unhübsches, gemiedenes wort,
bei dem die sprachforschung
doch manches zu erwägen hat.
(Deutsches Wörterbuch von
Jacob und Wilhelm Grimm)

Versenkung

ich sitze reglos
in weißen Wolken
all meine Sorgen
vergessen verraucht
dann schrecke ich auf
es ist schon Abend
längst ist mein Kissen
in Mondlicht getaucht

敬安 (1852-1912): 出定吟

禪宮寂寂白雲封
枯坐蒲團萬慮空
定起不知天已暮
忽驚身在月明中

Jing’an (1852-1912): Coming out of Samadhi

The heavenly realm of meditation is quiet, sealed by clouds;
I sat long on my rush mat, all worries vanished.
Arising from Samadhi, I didn’t realize that evening has come –
astonished to find myself in bright moonlight.

(A Full Load of Moonlight. Chinese Chan Buddhist Poems. Translated by Mary M. J. Fung and David Lunde. Hongkong: Musical Stone Culture 2014. 115.)

Der faule Ochse

er meidet alle
Wege zum Reisfeld
er fürchtet das Joch
zieht keinen Pflug
und frisst kein süßes
Gras von der Koppel
Seewind und Nebel
sind ihm genug

 

DSC03183Nationalmuseum Tokio

 

無門慧開 (1183–1260): 懶牛

不經南陌與西阡
犁杷年來怕上肩
棄卻欄中肥嫩艸
綠楊堤畔飽風煙

Wumen Huikai (1183–1260): Lazy Ox

Shunning the south and west paths between the rice paddies,
for over a year refusing to drag the plough with his shoulders,
and giving up the thick and tender fodder in the pen,
it feeds on wind and mist along the willow-shaded embankment.

(A Full Load of Moonlight. Chinese Chan Buddhist Poems. Translated by Mary M. J. Fung and David Lunde. Hongkong: Musical Stone Culture 2014. 83.)

Vergebliches Streben

damals als Junge
beim Spielen am Strand
heute als Graukopf
in Amt und Würden
immer war mir das
Tätigsein wichtig

doch wenn die Hand eilt
kümmert die Seele
Sandburg und Ämter
nichts als Theater
vielleicht schon morgen
ganz und gar nichtig

selbst wenn du eifrig
nach einem Weg suchst
sinkst du nur tiefer
in Dunst und Dunkel
auch nach den Büchern
lebst du nicht richtig

白居易 (772-846):
感悟妄緣,題如上人壁

自從為騃童
直至作衰翁
所好隨年異
為忙終日同
弄沙成佛塔
鏘玉謁王宮
彼此皆兒戲
須臾即色空
有營非了義
無著是真宗
兼恐勤修道
猶應在妄中

Bai Juyi (772-846): Realizing the Futility of Life
[Written on the walls of a priest’s cell, circa 828]

Ever since the time when I was a lusty boy
Down till now when I am ill and old,
The things I have cared for have been different at different times,
But my being busy, that was never changed.
Then on the shore, – building sand-pagodas;
Now, at Court, covered with tinkling jade.
This and that, – equally childish games,
Things whose substance passes in a moment of time!
While the hands are busy, the heart cannot understand;
When there are no Scriptures, then Doctrine is sound.
Even should one zealously strive to learn the Way,
That very striving will make one’s error more.

(Zen Poems. Selected and edited by Peter Harris. New York: Alfred A. Knopf 1999. 81. Übersetzung Arthur Waley)

Menschen

denken sie nicht ich
meide die Menschen
bisweilen müssen
Menschen schon sein
doch ich genieße
die meisten Freuden
am allerliebsten
für mich allein

You mustn’t suppose
I never mingle in the world
Of humankind –
It’s simply that I prefer
To enjoy myself alone.
(Ryokan 1758-1831)

(Zen Poems. Selected and edited by Peter Harris. New York: Alfred A. Knopf 1999. 225. Übersetzung Donald Keene)

Lies keine Bücher!

lies keine Bücher
sprich keine Verse
murmle dir nicht das
Blut aus dem Herzen
guck dir die Augen
nicht aus dem Kopf

zirp nicht beim Lesen
wie eine Grille
sonst wirst du kränklich
ältlich und hager
allen nur lästig
ein fader Tropf

besser ist es du
fegst deine Stube
schließt deine Augen
duselst in süßem
Weihrauch am Schreibtisch
machst es dir nett

du hörst dem Wind zu
lauschst leisem Regen
fühlst du dich munter
gehst du spazieren
und bist du müde
gehst du ins Bett

楊萬裡 (1127-1206): 書詩莫吟

書詩莫吟
讀書兩眼枯見骨 吟詩個字嘔出心
人言讀書樂 人言吟詩好
口吻長作秋虫聲 隻令君瘦令君老
君瘦君老且勿論 傍人聽之亦煩惱
何如閉目坐齋房 下帘掃地自焚香
聽風聽雨都有味 健來即行倦來睡

Yang Wanli (1127-1206): Don’t read books!


Don’t read books!
Don’t chant poems!
When you read books your eyeballs wither away
,
leaving the bare sockets.


When you chant poems your heart leaks out slowly
with each word.

People say reading books is enjoyable.

People say chanting poems is fun.
But if your lips constantly make a sound
like an insect chirping in autumn,

you will only turn into a haggard old man.

And even if you don’t turn into a haggard old man,

it’s annoying for others to have to hear you.
It’s so much better

to close your eyes, sit in your study,
lower the curtains, sweep the floor,

burn incense.
It’s beautiful to listen to the wind,

listen to the rain,

take a walk when you feel energetic,

and when you’re tired go to sleep.

(Zen Poems. Selected and edited by Peter Harris. New York: Alfred A. Knopf 1999. 140. Übersetzung Jonathan Chaves)

Unnütze Verse

ich habe alle
Teufel bezwungen
nur ach den Dämon
der Verse noch nicht
sehe ich Berge
oder ein Strumpfband
dann überfällt mich
sogleich ein Gedicht

白居易 (772-846): 閒吟

自從苦學空門法
銷盡平生種種心
唯有詩魔降未得
每逢風月一閒吟

Bai Juyi (772-846): Idle Chant

Ever since I painstakingly studied Buddhist dharma,
all of my mental attachments have been destroyed.
Only the Mara of Poetry cannot yet be subdued:
exquisite scenery always invokes an idle chant.

(A Full Load of Moonlight. Chinese Chan Buddhist Poems. Translated by Mary M. J. Fung and David Lunde. Hongkong: Musical Stone Culture 2014. 148.)

Berge im Nebel

von weitem wirken
neblige Berge
Meer und Gezeiten
zweifellos gut
doch wenn du hinkommst
findest du nichts als
Berge im Nebel
Ebbe und Flut


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蘇軾 (1037-1101): 廬山煙雨

廬山煙雨浙江潮
未到千般恨不消
到得還來別無事
廬山煙雨浙江潮

Su Shi (1037-1101): Misty Rain at Mount Lu

Misty Rain at Mount Lu and Zhejiang’s tide –
before reaching there, you yearned for them endlessly.
But having arrived, you find there’s nothing else
but misty Rain at Mount Lu and Zhejiang’s tide.

(A Full Load of Moonlight. Chinese Chan Buddhist Poems. Translated by Mary M. J. Fung and David Lunde. Hongkong: Musical Stone Culture 2014. 168.)

Schreibsüchtig

noch als felsgrauer
knorriger Alter
kann ich’s nicht lassen
Reime zu machen
in längst verwelkten
Wörtern zu wühlen
und lauthals über
mich selbst zu lachen

敬安 (1852-1912): 自笑

寒巖枯木一頭陀
結習無如文字何
自笑強書塵世字
卻嗔倉頡誤人多

Jingan (1852-1912):  Laughing at Myself

Cold cliffs, dead trees, and a monk
who, trapped by habit, can’t get rid of written language.
Laughing at himself, he writes the words of the mundane world,
while venting his anger at Cang Jie* for misleading mortals.

*Cang Jie, said to be the Official Historian of the Yellow Emperor an creator of the Chinese Characters.

(A Full Load of Moonlight. Chinese Chan Buddhist Poems. Translated by Mary M. J. Fung and David Lunde. Hongkong: Musical Stone Culture 2014. 117.)

Graues Haar

dagegen helfen
keine Tinkturen
der Herbst kommt trotzdem
am Ende ist Schluss
freu dich dein Haar ist
ein weiches Kissen
hör die Zikaden
und schau auf den Fluss

齊己 (863?-937): 白髮

莫染亦莫鑷
任從伊滿頭
白雖無耐藥
黑也不禁秋
靜枕聽蟬臥
閒垂看水流
浮生未達此
多爲爾爲愁

Qiji (863?-937): White Hair

Do not dye or pluck it –
let it cover your head.
Although there’s no remedy for it’s turning white,
black can withstand autumn no better.
Pillowed on it, one quietly listens to cicadas;
letting it down, idly one watches the flowing stream.
Growing old is unavoidable in this floating life,
but most people grieve because of you, white hair.

(A Full Load of Moonlight. Chinese Chan Buddhist Poems. Translated by Mary M. J. Fung and David Lunde. Hongkong: Musical Stone Culture 2014. 50.)

Gipfelrast

in weiter Runde
Berge und Wolken
tiefblauer Himmel
mit weißen Streifen
die Welt zu Füßen
welches Vergnügen
jetzt von hier oben
auf sie zu pfeifen

通玄峯頂  不是人間  心外無物  満目青山
am Gipfel des Berges Tungxuan
endet die Menschenwelt

es gibt keine Dinge außer im Herzen
und das Auge ist voll grüner Berge
天台德昭 Tiantai Deshao (891-972)
 

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Das Studium der Klassiker

was ist die Wahrheit?
und was soll ich tun?
ich wollte anfangs
die Alten befragen
klappte dann aber
die Lehrbücher zu
lachte und lachte
und rieb mir den Magen

辛弃疾 (1140–1207)

是非得失兩茫茫
閒把遺書細較量
掩卷古人堪笑處
起來摩腹步長廊

Xin Qiji (1140–1207)

right and wrong gain and loss each hard to picture clearly
so I began to study wisdom of the ancients willy-nilly
but closed the books I’d double up with laughter
and have to get up pace the floor and rub my belly

(Michael Farman; https://www.atanet.org/publications/beacons_10_pages/page_48.pdf)

Esel

das Leben ein Dunst
der leise verweht
der Tod ein Mondstrahl
ein flüchtiger Blick
wenn du darüber
zu lange nachdenkst
dann trottest du wie
ein Esel am Strick

Mumon Gensen (japanischer Zen-Mönch, + 1390)

Life is a cloud of mist
Emerging from a mountain cave
And death
A floating moon
In its celestial course.
If you think too much
About the meaning they may have
You’ll be bound forever
Like an ass to a stake.

(Hoffmann, Yoel: Japanese Death Poems. Written by Zen Monks and Haiku Poets on the Verge of Death. Tokyo: Tuttle 1986. 109.)

Im Tempel

(Nara)

die frommen Mönche
murmeln ihr Mantra
und selbst die Fische
im nahen Teich
öffnen die Mäuler
und blubbern Om Om
auch Fische wollen
ins Himmelreich


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Von unten

das Sommerwetter
nicht Fisch und nicht Fleisch
bald Sturm und Regen
bald graue Schwüle
und selbst bei Sonne
spürt man von unten
die feuchten Küsse
der Gartenstühle

 

stuhl4

Von Affen und Menschen

verspricht man Affen
morgens drei Nüsse
und vier am Abend
packt sie die Wut
vier Nüsse morgens
und drei am Abend
finden die Affen
dagegen gut

 

狙公賦芧。曰。「朝三而暮四。」眾狙皆怒。
曰。「然則朝四而暮三。」眾狙皆悅。《莊子》

Ein Affenhüter fütterte seine Tiere mit Nüssen. Er sagte ihnen: „Ich gebe euch morgens drei und abends vier.“ Die Affen waren verärgert. Daraufhin sagte er ihnen: „Ich gebe euch morgens vier und abends drei.“ Die Affen waren äußerst erfreut. (Zhuangzi)

Im Zhuangzi steht die Weisheit des Affenhüters im Vordergrund. Hier geht es mir dagegen um bisweilen erstaunliche Denk- und Entscheidungsprozesse, wie sie etwa in Daniel Kahnemanns Thinking, Fast and Slow (2011) beschrieben sind.

Das Paradies

ein kleines Gärtchen
nicht lang und nicht breit
mit Blumen Bambus
Hütten und Hecken
ein Ort für Götter
ich zeche am See
und kann mich berauscht
im Wald verstecken

mein Herz ist heiter
ich lebe sorglos
was mir noch bleibt an
Tagen und Stunden
die Dummen suchen
ihr Glück im Himmel
das Paradies? ich
hab es gefunden

朱敦儒 (1081-1159)

一小圈兒
兩三畝地
花竹隨意放裝綴
槿籬茅舍
便有仙家風味
等閑池上飲
林間醉

都為自家
胸中無事
風景爭來趁遊戲
稱心如意
勝活人間幾歲
洞天誰道在塵寰外?

Zhu Dunru (1081-1159): Leisure

A small garden
Of a few acres,
Where I plant flowers and bamboos to make ornaments at will.
The mallowy hedges and thatched cottages
Suit even a villager’s [? „仙“ bedeutet ‚Unsterblicher‘] taste.
Whenever I like, I drink by the lake,
Get drunk in the woods.

Simply because I have no cares in my breast,
I enjoy all the pleasant things that come my way.
Content and happy,
I live to the best my few years on earth.
Who says that Fairyland is
Outside this world?

(aus: 101 Chinese Lyrics. 中華雋詞一0一首. Compiled and Translated by Chu Dagao. Beijing 1987. 150f.)

Verborgener Pfad

erst Frühlingsregen
dann bunte Blumen
tausende Blüten
auf allen Hügeln
ich steige aufwärts
im Bachgemurmel
und lausche Vögeln
mit bunten Flügeln

Wolken wirbeln als
Drachen und Schlangen
am blauen Himmel
verspielt her und hin
ich liege trunken
im Weinlaubschatten
und weiß am Ende
nicht mehr wo ich bin

 

dracheNeundrachenwand in Datong, China (Ausschnitt)

 

秦觀 (1049-?1100): 夢中作

春路雨添花
花動一山春色
行到小溪溪處
有黃鸝千百

飛雲當面化龍蛇
夭矯轉空碧
醉臥古藤陰下
了不知南北

Qin Guan (1049-?1100): A Vision

Along the spring paths rain gave rise to flowers,
And in turn flowers excited the vernal hues on every hill.
In the remote part of a stream I heard hundreds of orioles sing.

The flying clouds were changing themselvers into dragons and snakes,
Moving sprightly in the blue sky.
Intoxicated under the shade of old vines I lay,
Having lost all my bearings.

(aus: 101 Chinese Lyrics. 中華雋詞一0一首. Compiled and Translated by Chu Dagao. Beijing 1987. 134f.)

Ein Vers

grüne Gefilde
Tage und Nächte
Himmel und Erde
kaum zu ermessen
urplötzlich kommt mir
ein Vers in den Sinn
und schon ist alles
andre vergessen

隨绿

山水隨绿好
乾坤日夕寬
偶然成一偈
萬事不相干

(禪詩六百首. 台北: 國家出版社 83/1994. 七七.)

der Landschaft (Bergen und Gewässern) steht das Grün gut
Himmel und Erde und Tag und Nacht sind unermesslich
plötzlich entsteht ein (buddhistischer) Vers
und alles (andere) wird unbedeutend

(Unbekannter Autor. Aus: Sechshundert Zen-Gedichte. Taibei: Guojia Chubanshe 83/1994. 77.)

Einsiedler und Kaufmann

ich wohne ärmlich
in schrägem Bambus
sein Tor liegt zwischen
turmhohen Mauern
ich finde Frieden
in meiner Hütte
er muss auf seine
Geschäfte lauern

道人屋冷四簷竹
長者門高百尺墻
屋冷道人心愈靜
門高長者日多忙

A hermit’s hut is empty encircled by bamboo
a merchant’s gate is high with hundred-foot-long walls
in his empty hut a hermit finds peace
behind his high gate a merchant finds none

(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 60f.)

Wind und Wolken

das sogenannte
Interessante
kann mir inzwischen
gestohlen bleiben
weg mit der Zeitung
ich will mir lieber
von Wind und Wolken
selber was schreiben


Cela ne m’intéresse pas tellement de vivre en faisant des choses intéressantes. Je rêve de m’arrêter, de zigzaguer, de faire de chaque journée une petite vie. Je rêve de contempler mon nombril. J’aimerais prendre des trains pour n’importe où … (Georges Wolinski: Lettre ouverte. In: J’étais un sale phallocrate. Paris: Albin Michel 1979. 55)

Abend im Gebirge

ich schließe meine
windschiefe Pforte
längst hat die Sonne
den Berg verschlungen
die Matte aus Gras
ist grün und weich
mein hölzernes Kissen
ist sanft geschwungen

in dunklen Kiefern
leuchtet der Mond
noch nicht die kleinste
Wolke am Himmel
ich schweife träumend
lang durch die Nacht
meilenweit über
dem Weltgewimmel

紅日半銜山
柴門便掩關
綠蒲眠褥軟
白木枕頭彎
松月來先照
溪雲出未還
迢迢清夜夢
不肯到人間

When the red sun swallows the mountain
I shut my makeshift door
my new grass mattress gives
my lacquered wooden pillow* curves
and when the pine moon shines
before mountain clouds return
clear night dreams go far
but not to the world below

* […] until recently the Chinese preferred to sleep on hard pillows designed to cool the brain. In addition to wood, porcelain was also used.

(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 36f.)

Außen und innen

von außen nichts als
ein Spitzdach aus Gras
doch meine Hütte
ist voll von Räumen
für Milliarden
funkelnder Welten
und für ein Kissen
sie zu erträumen

團團一箇尖頭屋
外面誰知裏面寬
世界大千都著了
尚餘閒地放蒲團

Standing outside my pointed-roof hut
how much space do you think is inside
all the worlds of the universe are there
with room to spare for a zazen cushion

(The Zen Works of Stonehouse. Poems and Talks of a 14th-Century Chinese Hermit. Translated by Red Pine. Berkeley 1999. 62f.)

eine runde Hütte mit spitzem Dach
wer weiß von außen schon wie geräumig sie innen ist
sie enthält eine riesige Zahl von Welten
und zusätzlich noch Platz für eine Gebetsmatte / ein Meditationskissen